Popper - © Foto: APA/Herbert Neubauer

Was in Krisen wirklich zählt

1945 1960 1980 2000 2020

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie wird unser Alltag durch Statistiken geprägt. Vermitteln die Zahlen Gewissheit in unsicheren Zeiten? Oder tragen sie eher noch zur Verunsicherung bei? Ein Rundruf bei Experten.

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Seit Ausbruch der Corona-Pandemie wird unser Alltag durch Statistiken geprägt. Vermitteln die Zahlen Gewissheit in unsicheren Zeiten? Oder tragen sie eher noch zur Verunsicherung bei? Ein Rundruf bei Experten.

„Alles ist Zahl“, soll der griechische Philosoph Pythagoras schon im fünften vorchristlichen Jahrhundert gesagt haben. Seit der Coronakrise, in der täglich mit frischen Infektionszahlen, Inzidenzen und Durchimpfungsraten aufgewartet wird, erscheint das antike Zitat aktueller denn je. Doch in einer Zeit, in der sich das Meer an Daten kontinuierlich ausdehnt, scheint auch die allgemeine Verunsicherung zuzunehmen, im Sinne von: Je mehr wir wissen, desto unsicherer sind wir.

Eine Studie der Berkeley-Universität in Kalifornien befasste sich heuer mit Langzeitfolgen von Epidemien. Dazu wurden Daten über einen Zeitraum von 50 Jahren ausgewertet. Aus ihnen ergab sich, dass Menschen in „Seuchenzeiten“ der Wissenschaft deutlich misstrauischer gegenüberstehen. Gerade in solchen Phasen vermehren sich die Fragezeichen: Stimmen die Zahlen überhaupt? Sind sie auch aussagekräftig?

Problem der Simplifizierung

Die aktuelle Pandemie stellt die Gesundheitskommunikation vor neue Herausforderungen. Zahlen scheinen dabei eine ambivalente Rolle zu spielen. Zum einen erfüllen sie den Anspruch evidenzbasierter Kommunikation, andererseits sind sie stark von Interpretation abhängig. Eines der Probleme auf diesem Weg: Der Druck, täglich neue Schlagzeilen und Ergebnisse zu liefern, führe vermehrt zu Simplifizierung, sagt der Simulationsforscher Niki Popper. Der Experte von der TU Wien ist als Regierungsberater tätig und seit dem Covid-Ausbruch verstärkt in der Öffentlichkeit präsent. Seine Computermodelle befassen sich mit Szenarien, wie sich Corona-Maßnahmen auf das Infektionsgeschehen auswirken. Darauf aufbauend entscheidet die Politik über das Lockern oder Verschärfen der Maßnahmen. Das Problem, das Popper sieht: Oft fehle es an der Fertigkeit, Inhalte verkürzt wiederzugeben, ohne sie zu sehr zu vereinfachen oder die Grundaussage zu verändern.

„Alles ist Zahl“, soll der griechische Philosoph Pythagoras schon im fünften vorchristlichen Jahrhundert gesagt haben. Seit der Coronakrise, in der täglich mit frischen Infektionszahlen, Inzidenzen und Durchimpfungsraten aufgewartet wird, erscheint das antike Zitat aktueller denn je. Doch in einer Zeit, in der sich das Meer an Daten kontinuierlich ausdehnt, scheint auch die allgemeine Verunsicherung zuzunehmen, im Sinne von: Je mehr wir wissen, desto unsicherer sind wir.

Eine Studie der Berkeley-Universität in Kalifornien befasste sich heuer mit Langzeitfolgen von Epidemien. Dazu wurden Daten über einen Zeitraum von 50 Jahren ausgewertet. Aus ihnen ergab sich, dass Menschen in „Seuchenzeiten“ der Wissenschaft deutlich misstrauischer gegenüberstehen. Gerade in solchen Phasen vermehren sich die Fragezeichen: Stimmen die Zahlen überhaupt? Sind sie auch aussagekräftig?

Problem der Simplifizierung

Die aktuelle Pandemie stellt die Gesundheitskommunikation vor neue Herausforderungen. Zahlen scheinen dabei eine ambivalente Rolle zu spielen. Zum einen erfüllen sie den Anspruch evidenzbasierter Kommunikation, andererseits sind sie stark von Interpretation abhängig. Eines der Probleme auf diesem Weg: Der Druck, täglich neue Schlagzeilen und Ergebnisse zu liefern, führe vermehrt zu Simplifizierung, sagt der Simulationsforscher Niki Popper. Der Experte von der TU Wien ist als Regierungsberater tätig und seit dem Covid-Ausbruch verstärkt in der Öffentlichkeit präsent. Seine Computermodelle befassen sich mit Szenarien, wie sich Corona-Maßnahmen auf das Infektionsgeschehen auswirken. Darauf aufbauend entscheidet die Politik über das Lockern oder Verschärfen der Maßnahmen. Das Problem, das Popper sieht: Oft fehle es an der Fertigkeit, Inhalte verkürzt wiederzugeben, ohne sie zu sehr zu vereinfachen oder die Grundaussage zu verändern.

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„Es gilt zu verstehen, dass immer der Kontext entscheidet. Es gibt keine absolute Information.“ Auch der deutsche Virologe Christian Drosten, bekannt geworden durch zahlreiche öffentliche Auftritte und seinen vielgehörten Corona-Podcast, äußerte wiederholt Medienkritik. Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung betonte er, dass verkürzte Berichte nicht zuletzt auch politische Fehlentscheidungen zur Folge hätten. Daher müssen wir uns für die Zukunft fragen, wie Qualitätssicherung besser funktionieren kann, so Popper. Weit eher als eine Verunsicherung durch Zahlen sieht der Mathematiker im letzten Jahrzehnt den bedenklichen Trend einer „völligen Datengläubigkeit“: „Zahlen tun nur so, als wären sie objektiv. Die Richtigkeit von Analysen wird zu wenig hinterfragt.“

Journalismus hat mit Zeitdruck und einem hohen Rechercheaufwand zu kämpfen, zusätzlich lässt sich Objektivität durch die Unmenge verfügbarer Daten immer schwerer erreichen. Größere Netzwerke zwischen Medienhäusern könnten zukünftig ein Level an Qualität sichern, das alleine nicht mehr leistbar ist, so Popper. Allerdings entstehe so eine Abhängigkeit, die vor allem kleinere Medien treffe.

Zahlen tun nur so, als wären sie objektiv. Die Richtigkeit von Analysen wird zu wenig hinterfragt.

Niki Popper

Die Pandemie rückt demnach die Frage in den Mittelpunkt, wie evidenzbasierte Kommunikation zwischen Wissenschaft, Medien und öffentlichen Stellen verbessert werden kann. Als Forscher und ehemaliger ORF-Journalist sind Niki Popper zwei unterschiedliche Welten vertraut. Was beide vereint, ist die unverzichtbare Sorgfaltspflicht, auch wenn das jeweilige Kommunikationsziel ein anderes ist.

Ziffern und Erzählkunst

Aber es gibt noch weitere Qualitätskriterien. Isabell Koinig ist Dozentin für Medien- und Kommunikationswissenschaften an der Uni Klagenfurt und beschäftigt sich mit Krisenkommunikation im Bereich Public Health. In einer aktuellen Studie verglich sie, wie unterschiedliche Kampagnen der Regierung bei der österreichischen Bevölkerung ankommen. Funktionieren faktische Argumente besser? Oder doch Geschichten, die uns berühren, mit denen wir uns identifizieren können? Koinig stellte fest, dass emotionale Kampagnen insgesamt besser wirkten. „Gerade Krisen sind Situationen, die negative Emotionen auslösen. Die wirksamste Reaktion darauf ist, mit positiven Empfindungen in Kampagnen gegenzusteuern“, erklärt die Kommunikationsforscherin.

Global gibt es dazu unterschiedliche Strategien. Die USA arbeiteten in der Pandemie verstärkt mit „Storytelling“, also der Kunst des Geschichtenerzählens. Am Beginn der Krise schlüpfte New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo in die Heldenrolle. Als Widerpart zum damaligen US-Präsidenten Donald Trump konnte er „die Stimme der Vernunft“ verkörpern. In Australien kamen vorwiegend rationale Inhalte zum Einsatz, während man in Österreich auf eine Mischung aus emotionalen und faktenbasierten Elementen setzte. Beispiele dafür sind Infokampagnen wie der „Babyelefant“ oder „Schau auf dich, schau auf mich“ der Bundesregierung und des Roten Kreuzes.

Krisen sind Situationen, die negative Emotionen auslösen. Die wirksamste Reaktion darauf ist, mit positiven Empfindungen gegenzusteuern.

Isabell Koinig

Obwohl Ziffern und Erzählkunst auf den ersten Blick wenig gemeinsam haben, schließen sie einander keineswegs aus. Die Veröffentlichung der Irakkrieg-Tagebücher durch „WikiLeaks“ markierte 2010 die Geburtsstunde des Datenjournalismus. Erstmals wurden Daten und Story öffentlichkeitswirksam verknüpft. „Im Vergleich zu reinen Grafikabbildungen geht es um die Geschichte in den Daten“, so Peter Sim, Datenjournalist bei der Rechercheplattform Dossier. „Es geht um Recherche und Kontext; darum, Expertisen einzuholen und Unschärfen in Datensätzen zu reflektieren.“ Die Flut an Dashboards und Tabellen während der Pandemie sieht Sim kritisch. Ohne Erläuterungen in Form von Text oder Video ist die Gefahr von Fehlinterpretationen groß. Erklärende Fußnoten hingegen würden oft nicht beachtet. Manchmal schade es nicht, die Suche nach den Daten selbst zur Geschichte zu machen. „Woher kommen sie? Wer erhebt sie? Welche Unsicherheiten gibt es?“ So gebe man Transparenz mehr Raum.

Funktioniert Berichterstattung in den Medien überhaupt noch ohne das Einbinden von Statistiken? Die New York Times investiert in die Weiterbildung ihrer Angestellten, damit diese mit Datensätzen besser umgehen können. Auch österreichische Tageszeitungen wie Standard oder Kleine Zeitung verfügen bereits über eigene Datenabteilungen in der Redaktion. Datenjournalismus ist mittlerweile auch fix in der heimischen Journalistenausbildung verankert. „Man bringt den Stein in der Ausbildung ins Rollen: Kommt der richtige Umgang mit Daten im täglichen Leben der Journalisten und Journalistinnen an, verändern sich hier auch die Kompetenzen der Leserschaft.“ Sim sieht in der Wirkung von Zahlen in unserer digitalisierten Welt ein zweischneidiges Schwert. Inhalte basierend auf unsicheren Datenlagen zu veröffentlichen, stelle Medien vermehrt vor schwierige Entscheidungen: „Professionell aufbereitete Grafiken überzeugen. Menschen mögen Zahlen zwar nicht wirklich. Aber wenn sie mal da sind, vertrauen sie ihnen, ohne zu hinterfragen.“

Unerbittliche Mathematik

Die Wiener Mathematikerin und Philosophin Esther Ramharter führt unser teils negatives Verhältnis zu Zahlen auf die Strenge zurück, mit der uns Mathematik oft beigebracht wird. „Dass es nur eine richtige Lösung gibt, kann angsteinflößend sein. Andererseits ist diese Unerbittlichkeit das Fundamentale, das Sicherheit signalisiert“, meint Ramharter. „Wir verlassen uns gerne auf Daten. Sie führen uns allerdings auch vor Augen, welche Schicksale drohen können.“ Auch die Philosophieprofessorin an der Uni Wien fordert einen kritisch-reflektierten Umgang mit den Zahlen, die das Rohmaterial für Statistiken liefern, denn „mit Zahlen lässt sich genauso wie mit Worten und Bildern manipulieren, lügen und betrügen“.

Die Coronakrise verdeutlicht, dass es in Bezug auf wissenschaftliche Daten noch an Kommunikationsstrategien mangelt, resümiert Niki Popper. Das heimische Bildungssystem müsse gerade punkto Naturwissenschaften noch nachbessern. Ebenso brauche es ein stärkeres Sensorium dafür, dass Wissen in einer komplexen Welt auch gewisse Grenzen hat. Ob Pandemie oder Klimawandel: Corona war wohl nicht die letzte Krise, die unseren Alltag verändern wird. „Wir erwarten uns möglichst klare Fakten über komplizierte Themen“, so Popper. „Dabei müssen wir als Gesellschaft auch lernen, mit Unsicherheiten umzugehen.“

Die Autoren dieses Beitrags sind Studierende an der FH Joanneum Graz. Der Beitrag entstand im Rahmen einer Kooperation zur Reihe „Styria Ethics“ der Styria Media Group.

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