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Religion

Gurus mit Wissenslücken

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Die Wissensgesellschaft setzt auf den Sach-, nicht auf den Hausverstand. Nunmehr entdeckt sie aber immer öfter, dass selbst die sachverständigen Experten in sehr vielen wichtigen Fragen einfach überfordert sind.

Experten - ohne dass man sie vorher zu Rate gezogen hat, läuft heute nichts mehr. Eine Gesellschaft, die zunehmend alles reglementiert, kommt ohne den Fachmann eben nicht aus. Politische Entscheidungen fallen daher, nachdem Umwelt-, Bildungs- oder andere Experten in entsprechenden Kommissionen zu Wort kamen.

Einen Schönheitsfehler hat die Sache jedoch: Vielfach sind sich die Experten nicht einig, nicht nur wenn es um Wertungen geht, sondern in der Sache selbst.Biotech- und Umweltfragen, Pensions- und Steuerreform sind Beispiele dieses Dilemmas.

"Der Glaube an die Wissenschaft spielt die Rolle der herrschenden Religion", so die Diagnose des deutschen Physikers und Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker im Jahr 1966. Dementsprechend geachtet war auch die Stellung des wissenschaftlichen Experten in diesen Jahren, die im Banne des Aufschwungs nach dem Krieg standen und vom Fortschrittsglaubens geprägt waren. Damals herrschte Konsens, dass die Wissenschaft sicheres Wissen liefere. Kamen Experten zu unterschiedlichen Sichtweisen, so sah man dies als vorübergehendes Phänomen an. Eingehendere Beschäftigung mit der Frage würde zu einer einhelligen Meinung - und damit zu sicherem Wissen - führen. Da dieses außerdem scheinbar wertfrei zustande gekommen war, schien es über dem Streit der Interessen zu stehen, was seine Bedeutung noch erhöhte.

Priesterähnliche Autorität

Diese Sichtweise hatte Folgen für die Beziehung von Wissenschaft und Politik. Um ein Image der Rationalität bemüht, griff letztere zunehmend auf Experten-Gutachten zurück. Mit den Regierungen Klaus und Kreisky hielt dieses Denken in Österreich Einzug. Politik wurde mehr und mehr zum Sachwalter der technischen Vernunft. Sie führte die Empfehlungen der Experten aus, denen beinahe eine priesterähnliche Funktion zukam, Reflex dessen, was von Weizsäcker über die Wissenschaft diagnostiziert hatte.

Obwohl sich in den Jahrzehnten seither einiges am Image und an der Stellung der Experten geändert hat, ist man bei vielen Äußerungen von Wissenschaftlern und bei so manchem unkritischen Interview an die guten alten Zeiten erinnert: der Wissenschaftler als Guru, der weiß, wo es lang geht.

Dass sich diese Haltung jedoch zu wandeln beginnt, machte zuletzt eine Tagung in Wien - "Wozu Experten?", veranstaltet vom "Institut für Technologiefolgen-Abschätzung" (ITA, Abstracts siehe www.oeaw.ac.at/ita/ta03) - deutlich. So unterschiedlich die Stellungnahmen der Referenten waren, so herrschte doch Übereinstimmung in der Grunderkenntnis: Es habe einen nachhaltigen Autoritätsverlust der wissenschaftlichen Expertise gegeben - und das in einer Zeit, in der genau diese Expertise von immer größerer Bedeutung für politische Entscheidungsprozesse werde.

Die zahllosen ungelösten Konflikte in der Geschichte der Expertise der letzten Jahrzehnte haben wesentlich zu diesem Autoritätsverlust beigetragen. Markantes Beispiel: die Auseinandersetzungen um die Kernkraft. Von den meisten Physikern und Kraftwerktechnikern als beherrschbar und sicher angesehen, wurde sie von Umweltwissenschaftlern und einigen Technikern als äußerst bedrohlich eingestuft. Die Reaktor-Katastrophen von Three Mile Island/USA und Tschernobyl gaben den Kritikern zwar Recht. Das Ausbleiben von Unfällen seit 1986 und der Hinweis auf seither erfolgte Lernprozesse liefern aber den Befürwortern der Atomkraft neuerdings Argumente für deren Ausbau.

Wie offen diese Fragen nach wie vor sind, illustriert Fritz Gloede vom ITA anhand der Ergebnisse eines von der deutschen Regierung eingesetzten Arbeitskreises zum Thema Endlagerung radioaktiver Abfälle: Die Empfehlungen der Experten hätten "viele Fragen offen lassen" müssen. Ihre "Beantwortung wie auch das notwendig verbleibende Nichtwissen" wurde der gesellschaftlichen Aushandlung überlassen - und das trotz jahrzehntelanger Beschäftigung mit dem Thema.

Dissens an vielen Fronten

Fronten, die quer durch die Wissenschaft verlaufen, gibt es heute in vielen Bereichen: in der Gentechnik für die Landwirtschaft, der Biogenetik beim Menschen, der Nanotechnologie, in der Klimaforschung und den sich aus ihr ergebenden Fragen, insbesondere was eine zukunftsfähige Energieversorgung betrifft. Aktuell besonders umstritten ist die Frage der Schädlichkeit der Handy-Nutzung. Als Journalist macht man laufend die Erfahrung, wie unterschiedlich die Sichtweisen von Experten sind, etwa wenn man zu den Auswirkungen genmanipulierter Pflanzen einen Bericht von "Monsanto", dem multinationalen Agratechnik-Unternehmen, liest oder mit einem Experten von "Greenpeace" spricht.

Bei den vielen umstrittenen Themen beruft man sich von allen Seiten auf Expertisen. Allerdings finden in diesen die unterschiedlichen Interessen der Auftraggeber ihren Niederschlag. Das kann im schlechtesten Fall zu Gefälligkeitsgutachten führen - keine Seltenheit, wie der Toxikologe Otmar Wassermann in einem Artikel über Ethik in der Wissenschaft (siehe Furche 2/2000) feststellt: "Fälschung ist bei den Gefälligkeitsgutachtern eher die Regel denn die Ausnahme." Die Wissenschaft ist ja nicht nur Ort hehrer Wahrheitssuche. Auch sie wird von handfesten persönlichen Interessen der Beteiligten beeinflusst.

Aber abgesehen von solchen Missbräuchen haben die erwähnten Interessensunterschiede jedenfalls zur Folge, dass die beauftragten Forscher mit unterschiedlichen Fragestellungen an ihre Aufgabe herangehen. Wer eine neue Technologie entwickelt hat, ist vor allem an der Zuverlässigkeit und Wirtschaftlichkeit des Verfahrens interessiert. Fragt er dann noch nach den Folgen des Einsatzes der Technik im Umfeld, so wird er sich auf die naheliegenden, unmittelbar absehbaren Auswirkungen beschränken.

Komplexe Fragestellung

Anders gehen jene heran, deren Interesse sich auf großräumige Langfristfolgen eines Projekts konzentriert. Für sie erweitert sich der Problemhorizont. Auch statistisch nicht gesicherten Hinweisen auf ökologische Spätfolgen wird Bedeutung beigemessen, Fragen der sozialen Verträglichkeit, der internationalen Arbeitsteilung werden thematisiert. Klar, dass man da nicht zur selben Bewertung eines Projektes kommt - etwa wenn die Politik danach fragt, ob gentechnisch veränderte Organismen zugelassen werden sollen oder nicht.

Noch schwieriger wird die Entscheidung, wenn es um die Steuerung sozialer Systeme geht - und dazu gehören insbesondere auch die wirtschaftspolitischen Entscheidungen. Sie erhöhen die Komplexität der Fragestellungen enorm, spielen doch nicht nur komplizierte technische Fragen eine Rolle, sondern es kommt der trotz aller sozialwissenschaftlicher Bemühungen schwer abschätzbare Bereich der menschlichen Reaktion auf bestimmte Entscheidungen hinzu (Furche 32/2003, S. 1).

Mit diesem Dilemma hat die Wirtschaftsforschung zu kämpfen, wenn sie ihre Prognosen erstellt. Sie liefert damit ja nicht nur der Politik Entscheidungsgrundlagen für ihre Budgetpolitik, sondern beeinflusst mit ihren Aussagen auch das Investitionsverhalten der Unternehmer und die Konsumlaune der Bevölkerung.

Expertise sehr gefragt

Nach Jahrzehnten der Auseinandersetzungen und der Überforderung wird sich die Wissenschaft also zunehmend dieser Begrenzungen bewusst. Gleichzeitig ist sie aber herausgefordert, in immer mehr gesellschaftlichen Feldern Expertisen abzugeben. Denn die letzten Jahrzehnte waren geprägt von einer Politik, die in immer mehr Bereichen den Versuch unternommen hat, gezielt einzugreifen und zu gestalten. Rationalisierung, also Neuordnung der Gesellschaft nach Vernunftprinzipien, wurde zum anerkannten Ansatz gesellschaftspolitischer Gestaltung. Normierung und Standardisierung hielten mehr und mehr Einzug. Man muss sich nur die von Jahr zu Jahr rapid wachsende Zahl von Gesetzen und Verordnungen ansehen, um das Ausmaß dieser Reglementierung zu erkennen.

Soll diese jedoch geordnet stattfinden, bedarf es der Expertise; je komplexer die Thematik wird, umso dringender ist der Experte gefragt. Im Zeitalter des rapiden technischen und organisatorischen Wandels, der europäischen Integration und der Globalisierung verliert der Hausverstand, der sich auf Erfahrung stützt, zwangsläufig an Kompetenz. Auch das Fingerspitzengefühl des Politikers reicht nicht, um sachgerechte Entscheidungen zu treffen. Was aber tun, wenn gerade in dieser Situation der Experte vom Thron der Allwissenheit herab zu steigen beginnt? Wie geht man mit diesem Dilemma um?

Helga Nowotny, Professorin und Wissenschaftsforscherin an der ETH Zürich, plädierte auf der ITA-Tagung dafür, dass sich Wissenschaft auf "sozial robustes" Wissen konzentrieren müsse. Dieses müsse vor allem kommunizierbar sein, sich mit den Folgen seiner Anwendung auseindergesetzt haben und transparent sein. Der Experte müsse lernen, mit dem Nichtwissen umzugehen, nicht so zu tun, als ob er wüsste - eine häufig geübte Praxis, oft hervorgerufen durch den Zeitdruck, unter dem die Erstellung von Gutachten steht (siehe Seite 3).

Mehr Subsidiarität

Auf der anderen Seite sei die Politik herausgefordert, Expertise wirksamer zu nutzen. Immer noch funktionierten Wissenschaft und Politik nach ganz unterschiedlichen Prinzipien, die aufeinander abzustimmen seien, meinte Helmut Willke, Sozialforscher an der Uni Bielefeld, bei der ITA-Tagung. Von weniger zentraler Steuerung und mehr Subsidiarität in den Systemen erwartet sich Willke eine Verbesserung des Zusammenwirkens der beiden Bereiche.

Das Dilemma, das sich zwischen der Notwendigkeit und den Möglichkeiten der Expertise auftut, sollte jedenfalls Anlass für eine Besinnung sein, ob die Geschwindigkeit heutiger gesellschaftlicher Veränderung nicht zwangsläufig ins Chaos führt. Denn wissenschaftliche Expertise lebt letztlich davon, dass sie für eine überschaubare Fragestellung Beobachtungen sammelt und auswertet, sie auf Regelmäßigkeiten untersucht, um aus diesen Gestaltungsprinzipien abzuleiten.

Wenn nun aber durch pausenloser Veränderungen die Fragestellungen immer komplexer und gesammelte Erfahrungen im Handumdrehen durch die rasante Entwicklung überholt werden, steht auch die Wissenschaft auf verlorenem Posten - und es bleibt nur mehr Management per Zufall.