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1945 1960 1980 2000 2020

Nie seit den zwanziger Jahren wurden Geistes- und Sozialwissenschaften, die wir heute besser Humanwissenschaften nennen, so benötigt wie heute.

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Nie seit den zwanziger Jahren wurden Geistes- und Sozialwissenschaften, die wir heute besser Humanwissenschaften nennen, so benötigt wie heute.

Der Brennpunkt, in dem sich das fokussiert. ist das Jahr 1989. Fast gleichzeitig beantragt Österreich den Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft, laufen die Hauptverhandlungen über die Schaffung des Europäi sehen Wirtschaftsraumes und damit zur Erweiterung der EG zum wirt-" schaftlichen Großraum, beginnt in Mittel- und Ost-Europa die „samtene Revolution" und damit die große Umstellung.

Dieser lang vorbereitete Vorgang ist keineswegs auf Europa beschränkt. Wir vergessen die Integration im pazifischen Becken. Auch dort gibt es eine „samtene Revolution". Dort sind Korea. Südkorea, die Mongolei, wie es in China weitergeht, wissen wir nicht, aber jedenfalls Singapur und Thailand dabei. Nicht nur Japan, der ganze pazifische Raum befindet sich in einem ähnlichen Umbauprozeß wie Europa - wirtschaftlich, industriell, politisch. Dergleiche Vorgang spielt sich auf dem nordamerikanischen Kontinent ab. auch hier entsteht eine funktionierende Freihandelszone.

Veränderungen, die sonst dreißig oder fünfzig Jahre brauchten, spielen sich nun mit unerhörter Dramatik ab Grund dafür ist einerseits der Wandel durch Wissenschaft und Technolo gie. andererseits ein demokratisch politischer Wandel. Die Entwicklung bedingt einen Umbau der philosophischen, sozialpolitischen und rechtlichen Grundlagen, auf denen die Nachkriegsordnung fußte. Alle Annahmen der internationalen Politik sind neu zu formulieren.

Diese Anmerkungen mögen zeigen, daß die menschliche Gesellschaft ohne humanwissenschaftliche Forschung nicht in der Lage sein wird, die gesamte Conditio Humana neu auszulichten, neu zu formulieren, was aber notwendig ist, um neuen Friedensordnungen Bestand und Zielsetzungen zu geben. Andererseits müssen auch die Geistes- und Sozialwis-senschaften starke Veränderungen vornehmen. Sie müssen neue Felder und Horizonte dazugewinnen, um diese Herausforderungen zu berücksichtigen.

Ein paar Hinweise! In der Philosophie ist nach dem Zusammenbruch des Marxismus als geschichtsbilden der Kraft eine neue Auseinanderset zung fällig. Das heißt aber nicht, daß man einfach zu Philosophien zurückkehren kann, die sich mit dem Mar xismus kritisch auseinandergesetzt haben. Das Geschehene hat Bedürfnisse im Menschen geweckt. Ethik und Ästhetik treten stark in den Vordergrund. Ihre Rückkehr zeigt mir an. wie groß das Bedürfnis ist. sich wieder mit Philosophie zu beschäftigen und sie in jener Richtung weiter zu entwickeln, die eigentlich im klassischen deutschen Idealismus verlas sen worden ist, nämlich als wertsetzende Philosophie im weitesten Sinne. Die Auseinandersetzung über die Wirklichkeit tritt also zurück, die Auseinandersetzung mit Werten tritt in den Vordergrund.

Ahnliches geschieht auf dem Gebiete der Sozialwissenschaften. Der Industriesoziologie zum Beispiel stehen im Zusammenhang mit dem sogenannten Selbstverwaltungsbe-reich, den Non-Profit-Bereichen und vor allem der Technologie, die das gesamte menschliche Leben verän dert, große Aufgaben bevor. Die Soziologen sind in den Seltensten Fällen mit den Naturwissenschaften und der Technik vertraut, das heiß!, ihnen fehlen ganze Dimensionen der Wirklichkeit, denen sie sich stellen müssen, um die Analyse und Neuformulierung der Conditio Humana zu leisten.

Die Geschichtswissenschaft ist in Europa legitimiert wie seit langer Zeit nicht mehr. Die Ereignisse der älteren und jüngeren Geschichte in Europa haben heute direkte politische Auswirkungen. Wo die Politik überhaupt keinen Bezug mehr zur Geschichte hatte, wie im Rahmen der Europäischen Gemeinschaft bei der Entscheidung über Jugoslawien, haben die Politiker nach einigen Schockerlebnissen öffentlich zugegeben, daß sie die Historiker nicht konsultiert hatten und dies nun bedauern.

Die Historiker sind auch deshalb wieder besonders wichtig, weil sie als einzige fachlich qualifiziert wären, die dynamischen Umstellungsvorgänge zu dokumentieren. Ich plädiere für eine Neukonzeption der Zeitgeschichte. Die wichtigsten Dinge stehen nicht mehr in den Akten, obwohl diese nach wie vor wichtig sind. Die Medien haben sich als Quelle verwandelt, es sind neue, flüchtigere Medien dazugekommen, die Interpretation wird v iel schwerer werden, Tagebücher gibt es kaum mehr, obwohl sie gerade heute höchst wichtig wären. Wenn es zu keiner begleitenden historiogra-phischen Aufarbeitung des Geschehens kommt, und die kann nur die Zeitgeschichte leisten, werden wahrscheinlich bald weite Strecken dieses Wandels für spätere Zeiten überhaupt nicht mehr interpretierbar sein. Ich frage alle Diplomaten, die ich kenne und die in Mittel- und Osteuropa tätig sind: Führen Sie ein Tagebuch? Und alle sagen: Ja, das sollte ich. doch ich komme nicht dazu.

Die Österreicher übrigens haben in der OECD-Ministerkonferenz vor einem Jahr angeregt, ein internationales Forschungsteam von sprachlich qualifizierten Nationalökonomen. Soziologen, Politologen und Historikern einzusetzen, um die Umstellungs schritte in Polen. CSFR und Ungarn wissenschaftlich festzuhalten. Die Zeitgeschichtler in Polen. CSFR und Ungarn genauso wie in Österreich werden nicht die Zeit und die Kraft haben, das zu tun. Die einzigen, "die diese Vorgänge dokumentieren, werden die Deutschen sein,die bereitsein Institut dafür gegründet haben.

Wir dürfen uns über die Verzöge rungen bei der Umsetzung an sich längst anerkannter Grundsätze und Ideen eben nicht wundern. Ähnliches war ja auch auf dem Umweltgebiet zu merken. Auch hier mußten sich die Sozialwissenschaften erst ihr Instrumentarium erwerben. Es ist bemerkenswert, daß die Programme der EG für Biologie und Umwelt und jene der COST (das Programm der EG für die wissenschaftliche und technische Zusammenarbeit in Europa mit Drittstaaten) erst seit kurzer Zeit auf diese Verknüpfung mit den Sozialwissenschaften Rücksicht nehmen und in die technisch-naturwissenschaftlichen Programme sozial wissenschaftliche Teile einbauen. Auf die Soziologen und Nationalökonomen kommt also die Herausforderung"zu. mit den Umweltwissenschaftlern zusammenzuarbeiten und einen neuen Bereich dazuzugewinnen.

„Klassische" Bereiche, die man längst nicht mehr als relevant angesehen hat, kehren ins Zentrum zurück. Denken wir nur an die derzeitigen Nationalismen - das waren klassische Felder der Politologie und Soziologie, der Staatslehre und des Rechtes in der Zeit um den Ersteh Weltkrieg und kurz danach, die dann in den Hintergrund traten. Heute ist ohne sie die Analyse der Vorgänge in Europa nicht möglich. Rußland ist ein besonders gutes Beispiel dafür, wie wichtig etwa die historischen Fächer wieder geworden sind.

Alle „exotischen" Geisteswissenschaften, Sprachen. Länderstudien, insbesondere auch die Islamistik. stehen vor enormen Herausforderungen. Europa ist heute nicht in der Lage, dem Phänomen Islam gerecht zu werden, weil hier leider auch in Österreich die Forschungstradition praktisch verlorenging. Heute wissen wir wieder, daß das eine ganz enorme ■Aufgabe ist. will man in Politik. Wirtschaft und sonstigen Bereichen , zur Zusammenarbeit gelangen.

Ich hoffe, mit diesen Beispielen gezeigt zu haben, daß in den Geistesund Humanwissenschaften vernachlässigte Bereiche, die man in den letzten Jahrzehnten als nicht wichtig angesehen hat, wieder in den Vordergrund rücken und völlig neue Herausforderungen auftreten, die diese Wissenschaften bewältigen, auf die sie sich konzentrieren und orientieren müssen. Daraus geht hervor, daß heute die Geistes- und Sozialwissenschal ten eine Bedeutung gewonnen haben, die sie in den letzten Dezennien nicht hatten.

Die Geisteswissenschaftler haben es sich angewöhnt, defensiv zu agieren, sich für ihr Existieren zu entschuldig gen, sich ins Gelehrtenstübchen zu rückzuziehen. Dabei ist das europiii'' sehe Haus vom Keller bis zur Mansarde in einer Entwicklung, die von Humanwissenschaftlern begleitet werden muß.

Die Bevölkerung spürt übrigens sehr genau, daß wir zu einem neuen Humanismus finden müssen. Auch der Club of Rome hat mit seinen Vorschlägen solche Grundsatzfragen wieder in das rechte Licht gerückt. Etwa, daß Bildung als Teil einer planetarischen Überlebensstrategie neu legitimiert ist. Eine seiner zentralen Aussagen lautet: Wenn wir glauben, daß wir als eine Menschheit ein menschheitliches Schicksal haben, dann müssen wfr durch Bildung für die globalen Bereiche einen menschheitlichen Sozialkontrakt schließen, ähnlich wie in der Aufklärung auf innerstaatlicher Ebene. Wir müssen uns dann fragen: Wie entsteht eine gemeinsame Verantwortung für die Menschheit? Bildung ist heute noch stark national orientiert, andere Behauptungen sind Lippenbekenntnisse. Toleranz kann man nicht einfordern wie eine offene Rechnung, sie wurzelt in einem affektiven Bereich des Menschen, der genauso gebildet werden muß wie intellektuelle Kräfte. Wie wir wissen, sind die größten Probleme unserer Welt gegenwärtig nicht allein durch Wissens-, sondern durch Willensschulung zu lösen. Das sind völlig neue Töne in der Pädagogik, in ihnen äußert sich ein neuer Humanismus. Die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Grenzen, die wir heute noch beachten müssen, dürfen kein Grund dafür sein, der Bildung Grenzen zu setzen.

Ich ärgere mich daher über den Defätismus, die Resignation, die defensive Haltung von Geisteswissenschaftlern, die sich für ihr Dasein entschuldigen, statt mit voller Aggressivität Aufgaben wahrzunehmen, 1 iir die sie wie nie zuvor legitimiert sind.

Der Auun war Generalsekretär der Österreichischen Rektorenkonferenz und des Fonds. zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung, leitet die Sektion IV. (Internationale Angelegenheiten) des Bundesministeriumsfur Wissenschalt und Forschung und ist Bildungsexperte des Cluhof Rome

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