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Auf der Suche nach einem neuen Ethos

Die Welt steht am Beginn des 21. Jahrhunderts vor vielen ungelösten Herausforderungen. Neue Lösungsvorschläge, ein Dialog der Kulturen und eine globale Ethik sind jetzt wichtiger denn je.

Verbrechen gegen die Menschheit, Terroranschläge und Probleme beim europäischen Integrationsprozess zeigen deutlich: Jetzt, am Beginn des 21. Jahrhunderts, geht es um Grundlagen für ein besonnenes und verantwortungsvolles Leben in einer global vernetzten, aber unstabilen Welt. Das Leben unter diesen neuen Bedingungen erfordert andere Denk- und Handlungsweisen. Diese Situation ist nicht unproblematisch, denn die Geschwindigkeit, mit der die Veränderungen unserer Gesellschaft voranschreiten, hat uns kaum Zeit gelassen, zu den notwendigen Einsichten zu gelangen und ein entsprechendes Verhalten zu entwickeln. Daher liegt eine der großen Herausforderungen unserer Zeit darin, brauchbare und ethisch vertretbare Lebens- und Handlungsformen für das 21. Jahrhundert zu entwickeln.

Die komplexe Globalisierung ist heute zweifelsohne eine der größten Herausforderungen für die Demokratie. International nehmen der Einfluss und die Macht der Unternehmen, der inter- und transnationalen Institutionen sowie regierungsunabhängigen Organisationen zu. Unsere Gesellschaft enthält dadurch neue Dimensionen, die große Veränderungen in der Politik hervorrufen. In dieser brisanten Situation ist eine Debatte über die politische Gestaltung von Globalisierung ernsthaft nötig. Dies setzt zunächst eine entschiedene Kritik an der neoliberalen Ideologie des Globalismus voraus. Mit der Globalisierung wird nicht, wie vielfach behauptet, das Ende der Politik eingeläutet, sondern ihr Neubeginn, ihre Umorientierung eröffnet. Globalisierung kann nicht nur von ihren negativen Auswirkungen her beurteilt werden, sondern muss die Chancen und Vorteile für die Zukunft unserer Gesellschaft in den Blick nehmen.

Wachsende Komplexität

Mit der globalen Entfaltung der Moderne geht heute, für alle deutlich sichtbar, ein grundlegender Wandel unserer Welt von der Industriegesellschaft zur Kommunikations- und Wissensgesellschaft vor sich, der tiefgreifende Strukturveränderungen hervorruft. Gegenwärtig erleben wir nach der Aufklärung eine neue kommunikative Umwälzung im globalen Maßstab. Diese rasch wachsende Komplexität und Vernetzung unserer Welt ruft verständlicherweise auch viele Irritationen, Ängste und Bedenken hervor. Die neue, noch nicht ganz konkretisierte Architektur Europas nach den Veränderungen 1989/90 und die damit verbundenen Probleme des europäischen Integrationsprozesses erzeugen Unsicherheit und Skepsis. Noch nie war die Zukunft unserer Welt, auch Europas, so sehr brisante Gegenwart wie heute und noch nie verlangte sie für so viele Widersprüche nach praktikablen und möglichst schnellen Lösungen. Mit der Umwandlung moderner Sozialsysteme von Wohlstands- zu Risikogesellschaften zeichnet sich heute ein weiteres Indiz für eine epochale Veränderung der Moderne ab. Die Entwicklung der Moderne wird „reflexiv“, sich selbst zum Thema und zum Problem. Dieser Prozess bringt eine Zukunft hervor, auf die wir nur teilweise Einfluss nehmen können. Im Zeitalter der Beschleunigung verlieren nämlich Vergangenheit und Gegenwart immer mehr an Kraft und Bedeutung, zukunftsorientiertes Entscheiden und Handeln zu steuern. Jede gegenwartsrelevante Prognose wird durch den Faktor „Zukunftsungewissheit“ erschwert. Mit der Ausbildung der Wissensgesellschaft und dem Fortschritt der Grundlagen- und angewandten Forschung treten ethische Fragen stärker in den Vordergrund.

Demokratie: ein leicht verletzbares System

In einer Zeit tiefgreifender Veränderungen und zunehmend komplexerer gesellschaftlicher Prozesse stoßen auch die Demokratien an die Grenzen ihrer Effektivität und zeigen sich ökonomisch und technisch als leicht verletzbare Systeme. In einem engen Konnex dazu steht auch das Verhältnis zwischen Demokratie, Kulturen und Religionen, zumal die Gefahr des Fundamentalismus und terroristischer Gewalt weiter zunimmt. Die Forderung nach mehr Demokratie und Menschenrechten wird allein nicht ausreichen, um die Kommunikation zwischen den Kulturen aufrechtzuerhalten und positiv weiterzuentwickeln. Der interkulturelle Dialog ist aber die Voraussetzung dafür, die Eskalation von Kulturkonflikten zu vermeiden. Dem europäischen Kontinent kommt in seiner kulturellen Vielfalt und wegen seiner Integrationsleistungen der politischen Kultur bei der Vermittlung der Kulturen eine wichtige Rolle zu. Als fast ausschließlich westlich geprägter Kontinent hat Europa den Modernisierungsprozess, der bereits im 18. Jahrhundert einsetzte, entscheidend beeinflusst. Die Geschichte Europas zeigt, dass der Kontinent ein großes Erfahrungspotenzial in Sachen konfliktarmer und konfliktträchtiger Nachbarschaft verschiedener Kulturen besitzt und daher auch Bewältigungsstrategien von Spannungen entwickeln konnte, die allerdings immer noch verbesserungsbedürftig sind.

Kultur der Toleranz

In Europa, wo heute Menschen verschiedenster Kulturkreise leben, ist daher eine Kultur der Toleranz von größter Bedeutung. Gefragt ist die Entwicklung eines europäischen Toleranzmodells, indem die kulturelle Identität bewahrt und die Kulturen der Andersdenkenden respektiert werden. Nur auf dieser Basis kann eine interkulturelle Verständigung auch im globalen Maßstab funktionieren. Ein solches Modell kann nur dann verwirklicht werden, wenn die Politik über die Fortschreibung der klassischen Instrumentarien der Machtpolitik hinausgelangt. Ein europäisches Modell der kulturellen Koexistenz kann nur dann erfolgreich sein, wenn akzeptiert wird, dass die von Europa ausgehenden Modernisierungsprozesse einen Zwang zur Selbstbehauptung anderer Kulturen hervorgerufen haben. Die Politik und die internationalen Organisationen erfüllen diese wichtige Aufgabe für eine Vermittlung zwischen den Kulturen kaum. Sie sind vor allem auf die Regelung technischer Systemprobleme von Wirtschaft und Politik ausgerichtet. Eine wichtige Herausforderung und Aufgabe für die Demokratie der Zukunft ist daher die Ausrichtung von Organisationen auf jene Gestaltungsform, die den Angehörigen der fernöstlichen Kulturen, der islamischen Welt, aber auch Afrikas und Lateinamerikas nicht als Instrumente der wesentlichen Hegemonie, sondern als Verfahren der kulturellen Verständigung erscheinen. Nur der Dialog der Kulturen und der Weltreligionen kann gemeinsame Möglichkeiten aufzeigen, wie die Zukunftsprobleme der Weltgesellschaft und Europas gelöst werden können.

Jede Identität, auch die europäische, kann offen oder geschlossen sein. Geschlossene Identität zieht eine Außengrenze und legt fest, wer und was nicht dazugehören darf. Sie gewinnt ihr Selbstbewusstsein aus ihrer Souveränität über den Ausschluss. Diese Form von Identität ist hierarchisch, ausschließend und diskriminierend. Indem sie die Zugehörigkeit als Privileg ansieht, schafft sie Verhältnisse der Rangordnung. Identität wird so zu einem Mittel von Suprematie und Herrschaft. Im Extremfall wird sie zu einer fundamentalistischen Identitätspolitik.

Drei Aufgabenfelder, bei denen ein dringender globaler Handlungsbedarf besteht, sind: ein globale Rechts- und Friedensordnung zur Überwindung der globalen Gewaltgemeinschaft, ein fairer Handlungsrahmen für die globale Kooperationsgemeinschaft, der die Sicherung der sozialen und ökonomischen Mindestkriterien umfasst, und die Klärung und Konkretisierung jener Probleme, die durch Hunger und Armut entstanden sind – also globale Gerechtigkeit, globale Solidarität und globale Humanität. Ethik hat sich in den letzten Jahrzehnten im Einflussfeld der Globalisierung zu einer „Schlüsselwissenschaft“ entwickelt, deren Bedeutung die Grenzen der Philosophie sprengte. Auch Theorien und Modelle sind für die Ethik unter den Bedingungen der Globalisierung kritisch reflektiert worden. Allerdings sind diese heute durch praktische Vorschläge zu ergänzen, wobei es vor allem um die Frage geht, wie das „Gute“ in einer globalisierten Welt möglich erscheint. Das „Gute“ wird in diesem Zusammenhang als das „glückende Leben“ verstanden.

Wie ist das „Gute“ überhaupt möglich?

Es gibt verschiedene Ansätze zu einer Regulierung der Globalisierung aus der Perspektive der Ethik, wie Karl-Otto Apels Transzendentalpragmatik oder Jürgen Habermas’ Diskursprinzip, anthropologisch-ethisch-zentrierte Philosophien kommunikativer Vernunft, Theorien zur Bestimmung des interkulturellen Diskurses und das Projekt Weltethos von Hans Küng und seiner Stiftung in Tübingen. Das Projekt Weltethos orientiert sich an der Grundüberzeugung, dass es unter den Nationen keinen Frieden ohne Frieden unter den Religionen gibt. Wie kann ein globales, universales Ethos überhaupt begründet werden? Die Grundlagenforschungen von Hans Küng fanden ihr erstes Resultat in der „Erklärung zum Weltethos“, die das Parlament der Weltreligionen 1993 in Chicago verabschiedete. Mit dieser Erklärung haben sich erstmals Vertreter aller Religionen über Prinzipien eines Weltethos verständigt. Dies geschieht durch die Förderung des interreligiösen Dialogs und durch Grundlagenforschungen.

Beide Wege zeigen bisher, dass alle Religionen trotz Unterschieden in den wichtigsten ethischen Prinzipien weitgehend übereinstimmen. Bei der Idee Weltethos handelt es sich um eine besondere Grundeinstellung, um einen Grundkonsens bestehender und verbindender Werte, Maßstäbe und persönlicher Haltungen und nicht um eine neue Weltideologie oder Welteinheitsreligion. Weltpolitik und Weltwirtschaft brauchen auch im Hinblick auf die neue globale Finanzkrise dringend diese ethische Grundorientierung, um eine friedlichere, gerechtere und humanere Welt zu ermöglichen.

* Der Autor ist Professor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Innsbruck

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