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"Keine Weltrettungs-Ideologie"

Beharrlicher Streiter für ein ambitioniertes Projekt: Karl-Josef Kuschel über (un)berechtigte Kritik und die neue Motivation durch den 11. September.

die furche: Das "Projekt Weltethos" wird bereits auf UN-Ebene diskutiert und geschätzt. Auf der anderen Seite wird es von manchen Theologen und Ethikern regelrecht zerrissen. Wie erklären Sie sich diese Ambivalenz?

Karl-Josef Kuschel: Neue Projekte stoßen im Raum der Wissenschaft oft auf Kritik. Da ist bei allem Berechtigten auch Profilierungssucht im Spiel und übertriebene Problematisierung. Im Übrigen sehe ich in der Substanz gar nicht so viel Negatives. Selbst der Papst hat noch im April in einer Ansprache vor der Päpstlichen Sozialakademie dieses Projekt - ohne es beim Namen zu nennen - von der Sache her unterstützt: Die Suche nach gemeinsamen ethischen Standards in der Menschheit sei angesichts der Globalisierung eine dringende Aufgabe. Vom Ökumenischen Rat in Genf kommen ähnliche Äußerungen. Im Grundsatz stimmen sehr viele diesem Projekt zu. Die Rückfragen beginnen bei der Realisierung und Konkretisierung.

die furche: Könnte die Scheu, das Projekt beim Namen zu nennen, nicht auch darin liegen, dass es sehr eng mit der Person Hans Küngs verwoben ist?

Kuschel: Es mag am Anfang so gewesen sein, dass die Person Küng im Vordergrund stand. Doch seit Mitte der Neunziger Jahre hat das Projekt eine einzigartige Breite und Tiefe erfahren. Gewiss, gerade im Raum katholischer Theologie haben manche möglicherweise schon durch ihre Ressentiments gegenüber Hans Küng Probleme mit der Sache. Wer aber die Person zum Alibi macht, sich nicht mit der Sache auseinander zu setzen, der verliert den Anschluss an eine längst weiter gegangene internationale und interdisziplinäre Diskussion.

die furche: Die Ereignisse vom 11. September haben der Weltethos-Debatte neuen Schwung verliehen: die einen betrachten das Projekt als umso nötiger, die anderen als gescheitert. Wie hat sich dieser Tag auf Ihre Arbeit ausgewirkt?

Kuschel: Ein gewaltiger Motivationsschub ist davon ausgegangen. Wir haben ja nie einen Zweifel daran gelassen, dass mit solchen katastrophalen Einbrüchen gerechnet, dass das Projekt Weltethos kontrafaktisch durchgesetzt werden muss. Wer auf Grund des 11. September von einem Scheitern des Dialogs spricht, hat ohnehin nie wirklich an die Kraft des Dialogs geglaubt. Menschen guten Willens wissen aber, dass es zur interreligiösen und interkulturellen Verständigung im Zeitalter der Globalisierung keine ernsthafte Alternative gibt.

die furche: Nun hat das "Projekt Weltethos" also UN-Niveau erreicht. Wie könnte sich das in der internationalen Politik niederschlagen?

Kuschel: Zunächst muss festgehalten werden: Es ist eine große Sache, dass es gelungen ist, die Idee der Suche nach gemeinsamen ethischen Standards in der Menschheit auf die Ebene der UN zu bringen. Das war vor zehn Jahren alles andere als selbstverständlich. Nachdem es nun diese Höhe der Akzeptanz erreicht hat, muss es natürlich wieder zurückschlagen auf die Basis. Wir müssen bis in die Kindergärten, Gemeinden, Schulen und Betriebe hinein Programme der interkulturellen und interreligiösen Erziehung verstärken. Die UNO kann dabei helfen, in allen Ländern der Erde diese Idee konkret an die Basis zu vermitteln. Sie hat Möglichkeiten, die sonst niemand hat, keine Weltkirche oder sonstige Weltorganisation.

die furche: Gerade dieses Basisdenken wird von manchen am "Projekt Weltethos" vermisst und der Weg der "Gipfeltreffen" kritisiert. Die feministische Theologin Elisabeth Moltmann-Wendel meint etwa, solche Projekte müssten von der Basis kommen, sonst seien sie belanglos.

Kuschel: Hat sie das wirklich so gesagt? Dann hätte sie, die ja in unserer Tübinger Nachbarschaft wohnt, sich besser über die Aktivitäten der Stiftung Weltethos informiert. Seit Jahren sind wir in der Basisarbeit engagiert. Wir treiben Bildungsarbeit auf allen Ebenen, haben Unterrichtswettbewerbe durchgeführt in Deutschland und der Schweiz, haben Medien in Fülle erarbeitet, etwa die siebenteilige Fernsehdokumentation "Spurensuche". Das "Projekt Weltethos" ist gerade nichts Abgehobenes, sondern ein Baustein in der interkulturellen und interreligiösen Verständigung vor Ort. Auch die so genannten Gipfeltreffen dienen der Unterstützung, oft auch der Finanzierung dieser vielen Aufgaben an der Basis. Beides darf man nicht gegeneinander ausspielen.

die furche: Wie steht es nach jahrelanger Basisarbeit um Ihrem Idealismus?

Kuschel: Mein Idealismus wird tagtäglich neu auf die Probe gestellt. Sie dürfen davon ausgehen, dass mir ein gewisser Zynismus durchaus nicht fremd ist, gespeist ist aus der Verzweiflung über den Missbrauch der Religionen jeden Tag. Wenn ich keine positive Gegenvision hätte, würde ich diesem meinem Zynismus nachgeben.

die furche: Hat man bei diesem persönlichen Einsatz nicht ein Problem mit Leuten, die das Projekt ablehnen?

Kuschel: Nein. Ich bin offen für sachliche und fundierte Kritik. Überhaupt kein Verständnis habe ich für Leute, die entweder arrogant abwinken oder von einer akademischen oder konfessionellen Selbstzufriedenheit her solche Bemühungen um interreligiöse Verständigung zu diskreditieren versuchen.

die furche: Ein sachlicher Kritikpunkt am "Projekt Weltethos" ist die sehr allgemeine Formulierung der gemeinsamen ethischen Standards. Die wahren Probleme würden erst im konkreten Anlassfall entstehen ...

Kuschel: Es war schon eine Leistung, angesichts der verwirrenden Fülle von ethischen Geboten in allen Weltreligionen überhaupt eine solche "Erklärung zum Weltethos" wie in Chicago 1993 zu entwerfen. Das war nur möglich, weil wir uns zunächst auf einen Elementarkonsens konzentrierten, zum Beispiel auf die Goldene Regel oder die Forderung "Jeder Mensch soll menschlich behandelt werden". Diese Ideale werden erstens in der Praxis immer wieder mit Füßen getreten; das weiß jeder, denn sonst wären Ideale ja nicht notwendig. Zweitens muss die Diskussion selbstverständlich in den Raum der konkreten Ethik hinein weitergeführt werden, etwa bezüglich der Sterbehilfe oder des Beginns des menschlichen Lebens. Da stehen wir noch ganz am Anfang. Das Projekt Weltethos ist ein Einstieg in eine dringend notwendige religionsvergleichende ethische Forschung.

die furche: Den Grundkonsens verantwortlichen Lebens könnte man auch auf eine säkulare Basis stellen. Warum greift das Projekt Weltethos auf die Religionen zurück, die ja mit ihren konkurrierenden Wahrheitsansprüchen ein Konfliktpotenzial in sich bergen?

Kuschel: Probleme gibt es dann, wenn die Wahrheit durch Abwertung aller anderen behauptet wird. Das ist bei einem Fundamentalismus der Fall, der keinen Dialog will, sondern die Unterwerfung der ganzen Welt unter den Wahrheitsanspruch der eigenen Religion. Die Religionen haben deswegen unbeschreiblich an Kredit verloren. Viele sagen: Religionen stiften doch mehr Unfrieden als Frieden und sind ständig eine Quelle von Konflikten und nicht deren Lösung. Das aber ist eine sehr einseitige Betrachtung von Religion. Ich beobachte das Gegenteil: In der jüngeren Geschichte besteht eine beispiellose Erwartung an die Vertreter der Weltreligionen. Man hat jahrzehntelang geglaubt, im Zuge der Modernisierung werde eine weltweite Säkularisierung eintreten. Solche Erwartungen sind gründlich falsifiziert. Die Religionen stehen heute in vielen Kontinenten erstarkt da - mit allen Ambivalenzen. Eine Weltanalyse ohne den religiösen Faktor wäre von daher defizitär.

die furche: Zum Zweck des Weltfriedens geht das "Projekt Weltethos" über die Religionen hinaus und strebt eine "Koalition von Glaubenden und Nichtglaubenden" an. Andererseits meint Küng: "Nur Unbedingtes kann unbedingt verpflichten". Warum sollte sich ein Nichtglaubender dem Projekt anschließen?

Kuschel: Ein religiös Nichtglaubender kann sich ja diese Imperative der Menschlichkeit zu eigen machen ohne diese transzendentale Begründung. Das "Projekt Weltethos" will ja gerade nicht wieder eine Kluft aufreißen zwischen der gläubigen und der ungläubigen Welt. Manche sagen ja: Die Gläubigen aller Kulturen müssten sich endlich zusammenschließen gegen den Atheismus und Säkularismus. Das "Projekt Weltethos" will aber nicht ausgrenzen, sondern integrieren. Diese Imperative der Menschlichkeit kann man mittragen, aus welchen Gründen auch immer. Nur für religiös Gläubige gilt die Verpflichtung als unbedingt. Für einen säkularen Menschen ist es die menschliche Vernunft, an die er appelliert, oder das Selbstinteresse, oder das Überlebensinteresse der Menschheit. Dadurch ergeben sich spannende Diskussionen zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden über Fragen der Letztbegründung ethischen Handelns.

die furche: Umgekehrt gefragt: Warum sollte ein vergleichsweise abstraktes Weltethos mich als Katholikin eher zum moralischen Handeln verpflichten als das biblische Gebot der Nächstenliebe? Warum sollte ich mich als Katholikin dem Projekt anschließen?

Kuschel: Weil es auch nach Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils Gewissenspflicht jedes Christen und jeder Christin ist, sich für das Wohl der gesamten Menschheit einzusetzen. Es ist Aufgabe der Kirche, "Einheit und Liebe unter den Menschen und damit auch unter den Völkern zu fördern." Deshalb will sie vor allem das betonen, "was den Menschen gemeinsam ist und sie zur Gemeinschaft untereinander führt." So in der Erklärung des Konzils über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen. Um nichts anderes geht es beim "Projekt Weltethos". Gleichzeitig behält jede Religion ihre spezifischen ethischen Verpflichtungen, wie sie für Christen zum Beispiel in der Bergpredigt formuliert sind.

die furche: Basis des Weltethos-Projekts sind die Menschenrechte. Aus christlicher, westlicher Sicht sind diese Rechte in Religionen wie dem Islam (bezüglich der Frauenrechte) oder dem Hinduismus (bezüglich des Kastenwesens) nicht hinreichend umgesetzt. Wackelt hier nicht die Basis des Projekts?

Kuschel: Wir brauchen nur auf unsere eigene Tradition zu schauen: Menschenrechte, Frauenrechte sind auch in der christlichen Tradition als unvereinbar erklärt worden mit der göttlichen Schöpfungsordnung oder mit der Ordnung der Kirche. Bis einzelne Vordenker begonnen haben, die eigene Tradition kritisch neu zu interpretieren und zu sagen: Wir haben zum Beispiel in Genesis 1,26 die Aussage: Jeder Mensch ist Abbild Gottes, jeder Mensch ist Geschöpf Gottes, ob Mann oder Frau, ob reich oder arm, ob schwarz oder weiß. So kann man Diskriminierung bekämpfen. Auch im Islam gibt es egalitäre Traditionen, die die Basis sein könnten, um Praktiken der Diskriminierung von Frauen oder Andersgläubigen von innen heraus zu verändern. Das muss unser Prinzip sein: Kräfte im Islam argumentativ zu stützen, die aus islamischen Quellen heraus so etwas wie Menschenrechte, insbesondere Frauenrechte und Rechte Anderglaubender, zu begründen versuchen. Ich bin zuversichtlich, dass dies gelingt.

die furche: Als Stütze der Menschenrechte und eines Weltethos hat 1997 der "InterAction Council", ein Zusammenschluss ehemaliger Staatsmänner, eine Charta von Menschenpflichten vorgestellt. Manche fürchten jedoch dadurch eine Schwächung der Menschenrechte, weil diese mit der Erfüllung von Pflichten gekoppelt werden könnten ...

Kuschel: Das ist ein sehr unglückliches Missverständnis. Im Gegenteil: Gedacht war, dass man die Durchsetzung der Menschenrechte als Pflicht verankert. Die Charta der Menschenpflichten wollte gerade das betonen, was eben nicht rechtlich kodifiziert werden kann, nämlich die Dimension des Herzens, des Gewissens. Der Einsatz für Menschenrechte sollte zur ethischen Pflicht gemacht werden. Der Sinn war zu sagen: Wir haben in der Vergangenheit viel von Rechten geredet. Dabei ist ein Anspruchsdenken entstanden. Jetzt ist es an der Zeit zu erkennen, dass Rechte ohne innere ethische Selbstverpflichtung schwach sind.

die furche: Dem InterAction Council gehören neben Helmut Schmidt auch Persönlichkeiten wie John Major, Michail Gorbatschow oder Franz Vranitzky an. Welche moralische Autorität besitzt ein solches Politiker-Gremium?

Kuschel: Wenn man hier personalisiert, kommt alles in ein schiefes Licht. Uns in Tübingen hat sich die Frage gestellt: Welches internationale Gremium hat überhaupt die Möglichkeit, die Idee einer universalen Charta der Menschenpflichten in die Weltöffentlichkeit zu bringen? Das war eine rein pragmatisch-politische Frage. Der InterAction Council unter der damaligen Führung des ehemaligen deutschen Bundeskanzlers Helmut Schmidt schien uns als vorzügliches Instrument. Das wollten wir nutzen.

die furche: In Österreich ist das "Projekt Weltethos" bisher auf eher mäßiges Interesse gestoßen. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Kuschel: Ich mache die umgekehrte Erfahrung. Ich bin oft in Ihrem Land gewesen und weiß, dass es mittlerweile auch in Österreich eine große muslimische Minderheit gibt und dass sich ungezählte Religionslehrerinnen und Religionslehrer mit der Frage beschäftigen: Wie können wir den interreligiösen Dialog in Schulen und Gemeinden fördern? Viele sind dabei froh, dass mit dem Projekt Weltethos ein Baustein interreligiöser Be-mühungen vorliegt. Nicht zufällig wird dieses Projekt 2003 in der Kulturhauptstadt Graz die Basis sein für alle interreligiösen Aktivitäten. Das Projekt Weltethos ist keine Weltrettungs-Ideologie neben den etablierten Religionen. Wir wollen auch keine eigene Bewegung aufmachen, sondern wir reagieren auf die Notwendigkeit der interreligiösen Kommunikation. Deklarationen benötigen manchmal pathetische, große Worte, aber wir sind nichts anderes als ein Dienstleistungsunternehmen mit den Möglichkeiten, unser wissenschaftliches Know-How durch verschiedene Medien zu präsentieren, um Kolleginnen und Kollegen vor Ort die Arbeit zu erleichtern.

Das Gespräch führte Doris Helmberger

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