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"In Bezug auf Kirche eine gewisse Aggressivität"

Seit kurzem ist der Grazer Bischof Egon Kapellari in der Bischofskonferenz für den Bereich "Medien" zuständig. In der furche äußert er sich erstmals im Interview zu diesem neuen Aufgabenbereich. Und er nimmt auch zu den heißen Eisen Bioethik und Islam Stellung.

die furche: Welche Aufgaben sind für Sie als Medienbischof wichtig?

bischof egon kapellari: Die Kirche soll sich bewusst sein, dass die Medien ein prägender Faktor des gesellschaftlichen und damit auch des kirchlichen Lebens sind. Man sollte daher versuchen, ein unbefangenes Verhältnis zu ihnen zu pflegen. Das ist der Generalhorizont. Natürlich sind Mittel und Kräfte, die man zeit- und kompetenzmäßig wie auch finanziell hat, begrenzt. Dennoch will man versuchen, möglichst viel zu erreichen. Generell wollen wir uns nicht zurückziehen, sondern im Gegenteil manches intensivieren. Ein Beispiel dafür ist die katholische Medienakademie, die man doch ausbauen sollte.

die furche: Halten Sie die Medien für ein gefährliches Phänomen?

kapellari: Ein Wiener Sprichwort sagt: Zu Tode gefürchtet, ist auch gestorben. Ich glaube, man sollte im Umgang mit der Gesellschaft, von der die Medien ein sehr prägender Teil sind, Kompetenz zeigen und auf dieser Basis auch unerschrocken den Medienschaffenden und ihren Institutionen begegnen. Es kann da auch Konflikte geben, aber sie dürfen nicht zur Feindseligkeit gedeihen. Ich habe in in meiner 18-jährigen Geschichte als Studentenpfarrer ab 1964 (vier Jahre vor 1968!) reichlich Gelegenheit gehabt, das zu praktizieren. Es sind damals keine Feindschaften entstanden: Es gab viele Antagonismen, die ausgetragen wurden. Man hat sich aber immer gegrüßt und gegenseitig Respekt gezeigt. Dieser Stil hat mich geprägt. Natürlich: Von allen gelobt zu werden, ist nicht das Ziel, das wäre ja romantisch.

die furche: Behandeln die Medien Sie - als Kirche, als Person - fair?

kapellari: Ich selber kann nicht klagen. Die Medienwelt ist sehr differenziert, auch in ihr geht es ja nicht immer konsensual zu. Generell würde man sich wünschen, dass möglichst viele Medienschaffende, wenn sie über Kirche reden, dies mit Kompetenz tun. Ich unterstelle niemandem - bis zum Beweis des Gegenteils - eine böse Absicht: Aber in den letzten Jahren war doch in Bezug auf Kirche eine gewisse Aggressivität zu bemerken. Das war nicht nur unverdient, aber man muss schon feststellen: Man wünscht den Journalisten mehr Kompetenz über Wirtschaft, wenn sie über Wirtschaft schreiben, als da manchmal in Bezug auf die Kirche an den Tag gelegt wurde. Ich warne aber davor, zu den Medien ein jammerndes Verhältnis zu entwickeln oder sich onkelhaft zu verhalten. Jammern verstellt das Gespräch; trockener Humor ist da wohl das Beste.

die furche: Ein medialer Umbruch ist das neue ORF-Gesetz, das seit 1. Jänner in Kraft ist. Hier hat die Kirche insofern Einfluss, als vom ORF die Interessen der gesetzlich anerkannten Kirchen "angemessen zu berücksichtigen" sind. Wie sind Sie bis jetzt damit zufrieden?

kapellari: Im Vergleich mit mittel- und westeuropäischen Staaten und den dortigen Rundfunkanstalten fahren wir verhältnismäßig gut. Natürlich könnten wir uns auch beim ORF vorstellen, dass einiges noch anders wäre. Ein Problem ist - aber das gilt für die Gesamtgesellschaft, dass die nachwachsende Generation wenig über Religion und Ritus mitbekommt, sodass eine Gesamtplausibilität des Christentums nur wenigen gegeben ist. Die jungen Leute kennen wohl sozialethische, friedenspolitische, ökologische Positionen der Kirche, sie wissen etwas über Kontroversfragen betreffend Sexualität, aber wenn man ins Herz der Glaubenslehre kommt - Was ist Dreifaltigkeit? Wie geht die Messe? Was unterscheidet das Christentum als Geschichtsreligion von einer Naturreligion? ...: Über diese großen Fragen, von deren Antwort die Lebensprägung außerordentlich abhängt, wird wenig geredet.

Auch in einer Medienkultur, die stark auf Kurzformeln, Sprechblasen, rasch vorbeieilende Bilder ausgerichtet ist, ist das Anliegen der Nachhaltigkeit nicht gut bedient. Ich weiß, dass dies nicht an den Medien allein liegt. Auch in der Schule gibt es dieses Problem, auch dort wird der "Event" im Religionsunterricht immer stärker. Wir sollten uns überlegen, ob nicht einige - natürlich nicht langweilig gestaltete! - "Frontalunterrichtsinformationen" wieder stärker werden können. Es muss das Erlebnis geben und den Diskurs. Aber auch in den Medien könnte vielleicht etwas mehr Zeit vom Gesamtkuchen an Information der Architektur des christlichen Glaubens gewidmet sein. Ich weiß, wie schwer das geht. Trotzdem sage ich es.

die furche: Die Kirche ist als Medienunternehmerin nicht unerfahren. In Ihrer Diözese hat auch der Styria-Konzern - der ja aus der Tradition der katholischen Pressvereine, wie sie im 19. Jahrhundert im deutschen Sprachraum entstanden, kommt - seinen Sitz. Styria-Generaldirektor Horst Pirker hat kürzlich im furche-Interview auf die Frage nach der Nähe der Styria zur Kirche geantwortet: kritische Zuneigung, wobei er beide Worte gleich unterstreichen wollte.

kapellari: Das ist eine allgemeine Definition, an der man nichts aussetzen kann. Sie gibt einen Rahmen mit Spielraum. Das Haus Styria gehört nicht der Kirchenleitung, sondern es gehört sich selbst. Es hat seine Eigenrechte und seine eigene Steuerungskompetenz. Katholiken, die bekennende Christen sind, bilden dort einen ansehnlichen Teil, aber auch andere Leute haben ihren Platz.

die furche: Sie haben sich in letzter Zeit oft zu bioethischen Fragen zu Wort gemeldet: Bioethik wird auch im Jahr 2002 eines der großen Themen sein.

kapellari: Dieses Thema ist deswegen so schwierig, weil es einerseits um Leben und Tod geht, andererseits eine Menge an Sachkompetenz in der Diskussion notwendig ist, die Nichtbiologen, Nichtmedizinern nur sehr ansatzhaft gegeben ist.

Zudem liegen ja noch mehrere Themen auf dem Tisch: Neben Bioethik im engeren Sinn geht es auch um die Fragen von Lebensanfang und -ende. Viele Christen stehen den Entwicklungen kritisch gegenüber und fühlen sich nicht ernst genommen. Es gibt starke Lobbys, die die protestierenden Gruppen wie Wellen gegen ein Riff anrollen lassen: Und diese werden dann müde, aber das Riff steht immer noch. Man hat als Christ manchmal den Eindruck, auf verlorenem Posten zu stehen. So bleibt die Versuchung, sich in Kleingruppen zurückzuziehen. Doch genau das sollte man nicht tun. Wenn die Gesellschaft vieles falsch macht, wird sie, wie der griechische Dichter Aischylos gesagt hat, "durch Leiden lernen" müssen.

die furche: Die letzten Monate waren auch von der Diskussion ums Verhältnis Christentum-Islam bestimmt. Hier haben Sie sich eingemischt, Sie sind deswegen auch kritisiert worden.

kapellari: Meine aus dem Zusammenhang genommene Äußerung, der Islam sei eine radikale Religion mit geringer Toleranz, war keine brauchbare diagnostische Kurzformel. Und ich habe das bei nachfolgenden Stellungnahmen auch deutlich gesagt. Am Anderen von mir Gesagten halte ich aber fest. Christen und Zivilgesellschaft in Ländern wie dem unseren schulden den Muslimen Respekt vor ihrer Religion und Identität, aber auch die Muslime schulden der Zivilgesellschaft die Bereitschaft, anzuerkennen, dass die Gleichsetzung von islamischer Religion und Gesamtgesellschaft nicht angestrebt werden darf. Wenn der Islam in den europäischen Staaten stärker wird, dann wird es große Schwierigkeiten geben, falls seine Bereitschaft zur Einfügung in eine plurale Gesellschaft nicht klar gegeben ist.

Man muss hierzulande auch sagen dürfen, dass Christen in islamisch dominierten Ländern nicht unterdrückt werden dürfen, wenn Muslime in christlich geprägten Ländern voll akzeptiert werden sollen. Generell kann gesagt werden, dass die christlichen Kirchen, zumal die Kirchenleitungen, den Muslimen sehr offen und freundlich begegnen. Wenn aber Probleme einseitig nicht benannt werden, ja gar nicht benannt werden dürfen, dann wird dies mittelfristig dem interreligiösen Frieden wie dem Frieden zwischen Völkern und Staaten abträglich sein. Jedenfalls sollen wir als Christen in Österreich und weltweit weiterhin geduldig Brücken zwischen den Weltreligionen bauen - von Mensch zu Mensch und von Gemeinschaft zu Gemeinschaft. Seit 1964 sind mir selbst viele Muslime zu bleibenden Freunden geworden. Und ich werde an diesen Brücken beharrlich weiterbauen.

Das Gespräch führte Otto Friedrich.

Zur Person: Seit 20 Jahren Bischof

1936 wurde Egon Kapellari in Leoben geboren. Er absolvierte ein Jus-Studium, bevor er sich entschloss, Priester zu werden. Ab 1964 war er Hochschulseelsorger in Graz: die Katholische Hochschulgemeinde Graz wurde durch ihn zu einer intellektuellen Hochburg und zu einem wesentlichen Begegnungsort von Kirche und Kunst.

Am 24. Jänner 1982 wurde Kapellari zum Bischof von Gurk geweiht. Im März 2001 kehrte der Steirer als Nachfolger Bischof Johann Webers in seine Heimat zurück. Er wurde im März des vergangenen Jahres zum stellvertretenden Vorsitzenden der Österreichischen Bischofskonferenz, im Juni übernahm er auch deren Medienreferat. Zusätzlich ist er "Europa-Bischof", das heißt, er vertritt die Kirche Österreichs in Belangen der Europäischen Union.

Zu den Anliegen des Grazer Bischofs gehören die Vertiefung der Spiritualität und die Auseinandersetzung mit Kunst (Kapellari ist auch Sammler zeitgenössischer bildender Kunst): Zuletzt ließ der Autor zahlreicher Bücher aufhorchen mit dem Band "Aber Bleibendes stiften die Dichter" (Graz 2001), wo er den spirituellen, aber nicht vereinnahmenden Zugang zu Literatur vorexerziert. ofri

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