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Auf Suche nach Europa

Was ist Europa?

Ein Begriff aus der Geographie für ein kleines Anhängsel an die große eu-rasiatische Landmasse?

Eine Umschreibung für das sogenannte „christliche Abendland”, das vielleicht gar nicht so christlich ist (und vielleicht auch gar nicht so christlich war)?

Der Name einer geistig-kulturellen Einheit oder das Synonym einer großen Idee?

Oder gar nur der Name einer der vielen Geliebten des griechischen Göttervaters Zeus?

Die Referenten beim Symposion „Der junge Christ im Europa von morgen”, das Ende Oktober in Vaduz (Liechtenstein) stattfand, taten sich schwer dabei, Europa klar zu definieren.

Eindeutig war nur die Zielrichtung: ein vereintes Europa (zunächst einmal Westeuropa) auf der Basis der christlichen Grundwerte; unüberhörbar waren aber auch Skepsis und Zweifel an der Verwirklichung dieser Pläne in mehreren Referaten.

Der Intendant des ORF-Studios Niederösterreich, Paul Twaroch, sprach denn auch in einer Wortmeldung provozierend von einem „Rückzugsgefecht von edelster Prägung”. Ist also das Abendland bereits untergegangen?

„Die Zukunft Europas hängt an der Existenz der Gemeinde Christi”, betonte der Bischof der Evangelischen Kirche Österreichs, Oskar Sakrausky, in seinem Referat, hob aber gleichzeitig hervor, daß das Christentum als verpflichtende Staatsreligion wie einst unter dem römischen Kaiser Theodosius passe sei.

Der Präsident der Universität München und Leiter der Tagung, Prof. Nikolaus Lobkowicz, gab der Bekehrung des einzelnen, dem Individualchristen-tum, den Vorrang und trat erst in zweiter Linie Tür Gemeinschaftsbildung ein:

„Ich sehe die Gefahr, daß wir im Namen Jesu Christi Europa erobern könnten oder Bastionen erobern könnten, und, wenn wir sie einmal erobert haben, feststellen, daß wir ganz vergessen haben, warum wir es eigentlich tun, und uns dann schön bequem und heidnisch einrichten. Diese Tendenz ist ja heute in sogenannten christlichen Parteien nicht ganz abwesend, daß man im entscheidenden Augenblick völlig vergißt, in wessen Namen man gekämpft hat. Und dafür ist die Voraussetzung das integrale Christsein des Individuums.”

Freilich räumte auch Lobkowicz ein, daß angesichts der politischen Gegebenheiten, des Eisernen Vorhanges quer durch Mitteleuropa, sich auch die Christen international wieder stärker zusammenschließen sollten.

Insofern verdient auch der Veranstalter der Vaduzer Tagung besondere Beachtung, die „Communio Nova Bo-hemica” (CNB). Es handelt sich dabei um einen 1976 gegründeten Arbeitskreis von Christdemokraten aus der Tschechoslowakei.

Die christdemokratischen CSSR-Emigranten sind ja neben den noch immer mit dem „Kommunismus mit dem menschlichen Antlitz” sympathisierenden Exiltschechen kaum zur Geltung gekommen. Daß diese Leute nun den Westen zu neuen Bemühungen.für ein vereintes Europa aufrütteln wollen, ist bemerkenswert.

Es ist zugleich beschämend für den Westen, der heute mehr denn je von einem vereinten Europa entfernt scheint.

Dabei stehen, wie der Wiener Historiker Univ.-Prof. Kurt Marko meinte, „die Zeichen auf Sturm”. „Wir wissen alle, daß es jeden Tag, der vergeht, noch später für das Abendland wird”, erklärte der Ehrenpräsident der Pariser Universität, Prof. Alphonse Dupront.

Für Prof. Rio Preisner von der Pennsylvania University (USA) ist das christliche Europa praktisch schon untergegangen. Er verglich es mit einer Arena voll gelangweilter Zuschauer, die ihrer eigenen Vernichtung beiwohnen.

Der Schweizer Ost-Experte Peter Sager unterschied zwischen offenen (von Volksmehrheit getragenen) und geschlossenen (von einem Regime unterdrückten) Gesellschaften. Grotesk sei, daß die geschlossene Gesellschaft im Westen mehr Anhänger haben dürfte als im Osten. In Europa falle jedenfalls die Entscheidung, ob eine künftige universale Gesellschaft demokratisch oder totalitär aufgebaut werde.

Damit ist bereits ein Hauptargument, warum Europa überhaupt geeint werden sollte, ausgesprochen.

Das Problem dabei: Die im Osten diktierte Einheit muß im Westen demokratisch durch Uberwindung des Nationalismus entstehen.

Eine solche Einigung bedarf freilich nicht nur organisatorischer Überlegungen hinsichtlich Wirtschaft und Politik. Eine solche Einigung steht und fällt mit der Frage der Grundwerte, über die Einvernehmen hergestellt werden kann - jener Werte, für die alle beteiligten Völker mit dem gleichen Engagement und notfalls mit der gleichen Verteidigungsbereitschaft eintreten.

Und das ist der Punkt, wo das Christentum ins Spiel kommt, denn es sollte klar sein, daß die Werte einer Religion, die sich an ein göttliches höchstes Wesen „rückbinden” lassen, auf die Dauer gewichtiger sind als alle auf rein utilitaristischen Überlegungen beruhenden Werte. (Vor einem Fanatismus wie beim Islam ä la Chomeini bzw. vor einem Staatskirchentum muß man sich freilich hüten!)

Ob es aber zu einem europaweiten Konsens über die schon in den einzelnen Ländern umstrittenen Grundwerte (etwa das Lebensrecht der Ungeborenen) kommen kann, ist die große, doch vermutlich entscheidende Frage.

„Der junge Christ”, der nun vor diesen Problemen und Aufgaben steht, ist leider eine Rarität geworden. Der Essener Domprediger Pater Augustinus Henckel-Donnersmarck sprach von nur mehr drei bis vier Prozent praktizierenden Katholiken unter den 20- bis 30jährigen der Bundesrepublik Deutschland.

Konkrete Rezepte für die Zukunft mußte das Symposion schuldig bleiben, es zeigte nur zwei Alternativen auf: einerseits das geistig-sittliche und in zweiter Linie politisch-wirtschaftliche Zusammenschließen auf der Basis christlicher Grundwerte, andererseits das Ignorieren solcher gemeinsamer Werte und damit die Selbstaufgabe, die in weiterer Folge zum Untergang führt.

Auch letzteres könnte für die Christen eine Einigung Europas unter christlichen Vorzeichen bedeuten: den Zeichen des Kreuzes, des Leidens und der Verfolgung.

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