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Europa — das ist Wille plus Intelligenz

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Europa ist seinem Wesen nach liberal. Jedoch: liberal zu sein ist nicht nur mit dem Streben nach eigener Freiheit gleichbedeutend, sondern auch mit dem nach der Freiheit der anderen. Europa ist modern geworden. Heutzutage nennt sich alles „Europa“. Kaum haben sich fünf oder zehn Nationen (mehr oder weniger) vereint zu gemeinsamer Verteidigung oder Handel, um ein Laboratorium oder eine Universität zu bauen, beeilen sie sich, dies „Europa“ zu nennen.

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Europa ist seinem Wesen nach liberal. Jedoch: liberal zu sein ist nicht nur mit dem Streben nach eigener Freiheit gleichbedeutend, sondern auch mit dem nach der Freiheit der anderen. Europa ist modern geworden. Heutzutage nennt sich alles „Europa“. Kaum haben sich fünf oder zehn Nationen (mehr oder weniger) vereint zu gemeinsamer Verteidigung oder Handel, um ein Laboratorium oder eine Universität zu bauen, beeilen sie sich, dies „Europa“ zu nennen.

Woher kommt dieses Emporschießen von Institutionen, die sich befleißigen, inmitten der europäischen Nationen alles Vereinbare zu vereinigen? Wie erklärt man sich, daß sie es sich angelegen sein lassen, in ihrem Titel das Zauberwort Europa aufzuzeigen? Sollte man darin nicht eine Blütezeit des europäischen Bewußtseins erblicken, das seine Einheit genau in dem Moment offenbart, da die Hälfte seines Gebietes von den Barbaren des Kommunismus besetzt ist?

Der Europäismus, der sich in dieser Überfülle an Einrichtungen äußert, wäre also hiemit nichts anderes als der Ausdruck jener Überzeugung, zu der eine wachsende Zahl von Europäern gelangt: Europa muß gerettet werden. Dieses Problem führt zu einem zweiten: Wie ist dieses Europa, das wir retten wollen, eigentlich beschaffen?

War es nicht Voltaire, der einem Verfasser von Schmähschriften, der slidi bei ihm mit den Worten „Ich muß doch leben“ entschuldigte, zur Antwort gab: „Ich sehe nicht die Notwendigkeit ein.“ Erinnern wir uns dieses Ausspruchs, wenn wir an die Frage herantreten, Europa zu vereinen, um es zu retten. Soll Europa gerettet werden? Und was ist es eigentlich, das gerettet werden muß?

„Was kann Ihnen einfallen!“ — wird da der instinktive Europäer ausrufen. „Die Mona Lisa, Chartres, Brügge, Oxford, Toledo, Venedig, die Wunder von Florenz, die Schätze des Britischen Museums, der Kölner Dom, die Stephanskirche in Wien…“, und der Europäist zitiert begeistert weiter, bis ins Unendliche. Aber dies alles ist nicht in Gefahr. Man wäre sogar versucht, zu behaupten, daß es weniger gefährdet wäre, wenn wir darauf verzichteten, Europa zu „retten“, als wenn wir uns entschließen, es zu verteidigen, indem wir es schaffen. Denn die modernen Barbaren, die von rührendem Respekt für die tote Kultur erfüllt sind, würden sich nicht nur hüten, sie zu zerstören, sondern sie beschützen, wenn nötig um den Preis von Tausenden von Menschenleben…

So merkwürdig diese Behauptung auch klingen mag, der unermeßliche Schatz an kulturellen Reichtümem, der sich seit dem Zeitalter der Griechen bis zu unseren Tagen in Europa angehäuft hat, ist nicht „Europa“. Genau gesprochen, ist dieser Schatz nicht einmal eine Offenbarung Europas. Er ist… Aber was er in Wirklichkeit ist, läßt sich nur durch Umschreibung definieren.

Da ist zum Beispiel die Sixtinische Kapelle. Was ist die Sixtinische Kapelle eigentlich, bei Nacht, wenn die Lichter erloschen und die Türen gesperrt sind? Was ist sie selbst bei Tag und geöffnet, für einen Blinden, einen Schwachsinnigen oder einen Betrunkenen? Nichts. Was ist Sie an sich? Ein Bogen des Gedankens, des Gefühls, der Poesie, menschlichen Geistes, in ständiger Spannung geöffnet, dessen Stromkreis sich erst schließt, wenn der Blick eines menschlichen Wesens auf sie fällt und den geistigen Einschlag in sich aufnimmt. Erst dann hat die Sixtinische Kapelle ihre Vollkommenheit erreicht, erst dann existiert sie. Ist sie überhaupt immer dieselbe, voll und ganz? Sie ist es, entsprechend der Person, die den geistigen Einschlag empfängt, je nachdem diese würdig ist, ihn aufzunehmen, fähig, seinen tiefen Sinn zu begreifen, und genügend gebildet, um seine Bedeutung zu erfassen. Dies sind die Augenblicke, in denen das Kunstwerk seine Vollendung erreicht; wenn die sogenannten „Verbraucher“ der Kunst ihm in ihrem eigenen Sein Leben verleihen. Solange dieser Augenblick nicht ist, sei es, daß er bereits vorbei, sei es, daß er noch nicht da ist, bleibt das Kunstwerk unvollständig.

So verhält es sich im Falle der europäischen Schätze — der Bücher des Britischen Museums, der Statuen des Louvre, der Opern Mozarts und der Symphonien Beethovens, der Bilder des Prado, der Straßen, Kanäle und Paläste Venedigs… nichts lebt als Kunstwerk, solange nicht ein menschliches Wesen, in tiefem Verständnis und Gefühl für diese Dinge, ihm mit seinem betrachtenden Geist Leben verleiht Dann verwandelt sich die tote in lebende Kultur.

Die Kathedralen, die Gemälde, die Bücher, die Partituren sind also nur Werkzeuge, um die Augenblicke des Lebens zu definieren. Sie sind europäische Instrumente, die im Geiste der Europäer die an Substanz reichsten Augenblicke des Lebens kreieren. An ihrer Quelle befindet sich der Europäer; und (vorzüglich) auch an ihrem Ende. Er ist der Schöpfer und gleichzeitig die Schöpfung der europäischen Kunstschätze von morgen. Europa ist also vor allem die Europäer.

Aber — gibt es denn Europäer?

Gewiß, der Zweifler ist berechtigt, zu fragen, ob es überhaupt Europäer gibt, wenn er das offizielle Europa unter dem erschrockenen Blick der Feen der Angst seine ersten schwankenden Schritte machen sieht. Eppur si muove. Gibt es also Europäer?

Wir können diese Frage auf drei Arten stellen. Die erste enthält eine bejahende Antwort, jedoch um den Preis, daß wir uns mit sehr wenigem als Definition Europas begnügen. Es ist klar, daß wir alle Europäer sind, wenn wir in Europa geboren sind. Aber es ist ebenso klar, daß wir es in einer passiven und erduldeten Weise sind die sich meistens nicht darüber Rechenschaft gibt und dessen nicht bewußt ist. Dies ist nicht das, was wir suchen, wenn wir uns fragen, ob es Europäer gibt; sondern eher die Antwort auf zwei andere, viel kompliziertere Fragen: nämlich, ob diese sogenannten Europäer in der Gesamtheit der Bewohner des Planeten eine bestimmte Familie darstellen, mit einem ihr eigenen Charakter, eben weil sie im Schoße Europas geboren wurde; und überdies, ob es unter den Europäern eine genügend große Anzahl von Personen gibt, die sich dieses gemeinsamen europäischen Charakters bewußt sind, um den Kern eines europäischen Bewußtseins und einer europäischen Meinung bilden zu können? *

Nun, auf den ersten Blick würde es den Anschein haben, als ob die Unterschiede den Sieg davontrügen. Der Schwede und der Neapolitaner haben einander nicht viel zu sagen, selbst wenn es sich so trifft, daß sie beide eine Sprache sprechen, in der sie sich verständigen könnten. Bei näherer Betrachtung jedoch weist das Bild eine packende Einheit auf. Vor allem zeigt es ein Element der Verwandtschaft zwischen all diesen Menschentypen, mögen sie auf den ensten Blick ‘ noch so verschieden voneinander scheinen, eine Verwandtschaft, die frappante Ähnlichkeiten unter der Schichte der Verschiedenheiten vermuten läßt Und dann, schon als erste Offenbarung dieser Ähnlichkeit, ist da die allgemeine, sozusagen paneuropäische Tragweite aller Aspekte unserer Kultur-, Bau- und Kunstwerke, Bücher, selbst Landschaften, insbesondere menschlicher Landschaften, wo die Natur sich mit den Werken der Menschen verbündet. Wir erinnern uns dann an die großen Bewegungen der Ereignisse und der Gedanken, die wie Meere über das Angesicht Europas hinwegfluten und verebben: das Römische Reich; das Christentum; die Überfülle der Barbaren und die Völkerwanderung; die intellektuelle und moralische Wiedergeburt im 13. Jahrhundert; der Jahrhunderte währende Kampf zwischen dem Reich und dem Papsttum; die Kreuzzüge; das ‘aufregende Ereignis der Entdeckung Amerikas; die daraus entstehende Inflation in Europa; die Renaissance; die Reformation.

Selbstverständlich wird dieser Umstand durch physische Faktoren begründet: die historischen Ereignisse und die geistigen Strömungen spielen sich notwendigerweise in einem materiellen Raum ab; und Europa bietet, dank seiner Gestaltung, einen geeigneten Schmelztiegel für alle diese Experimente. Es gibt aber auch Ursachen geistiger Art. Sie könnten in der Behauptung zusammengefaßt werden, daß Europa nicht nur ein physischer Raum ist — sondern auch ein moralischer. Und eben dieser moralische Raum ist es, der das Wesen Europas ausmacht.

Unter moralischem Raum muß man eine gewisse Zone des menschlichen Geistes verstehen, begabt mit speziellen Neigungen und daher beredt, sich in den ihr eigenen Formen auszudrücken und zu leben. Irgendein Ereignis, zum Beispiel, findet statt — und der bewußte moralische Raum wird es durch seinen Widerstand abtöten oder auch, andernfalls, ihm zu dem größten Erfolg verhelfen, je nachdem das bewußte Ereignis in Disharmonie oder Harmonie mit den Tendenzen des moralischen Raumes, in den es einfällt, steht So geschah es, daß das Christentum die europäische Religion par excellence geworden ist, während Europa dem Islam gegenüber den hartnäckigsten Widerstand an den Tag gelegt hat und sich heute ebenso hartnäckig gegenüber dem Kommunismus verhält. Dies hat eine einfache Ursache. Europa ist der Kontinent des Individualismus; und das Christentum, gerade weil es auf der Kreuzigung beruht, heiligt den geistigen Charakter des Individuums und daher sein Recht, als Zweck an sich betrachtet zu werden.

Ebenso verhält es sich mit einem anderen Ereignis, das Europa sozusagen „erwählt", entwickelt und sich zu eigen macht — das Leben und der Tod des Sokrates. Denn Sokrates stirbt, damit die Freiheit des Gedankens leben möge, so wie Christus sterben wird, damit der Mensch geachtet werde. Sowohl der Tod des Sokrates als jener Christi ist freiwillig. Wenn Er es gewollt hätte, hätte Christus den Schergen, die Ihn am ölberg festnahmen, entweichen können; Sokrates brauchte denen, die seine Flucht bereits vorbereitet hatten, bloß seine Einwilligung dazu zu geben. Aber Christus wollte sterben, um dem Gedanken, daß alle Menschen ohne Unterschied Geschöpfe Gottes sind, Leben zu geben; und Sokrates war miit seinem Tode einverstanden, weil er um dessen Preis dem Gedanken Leben verlieh, daß alle Menschen das Recht besäßen, ihre Wahrheit zu äußern.

Diese beiden Prinzipien, zusammen betrachtet, erscheinen paradox — indem das eine auf einem Glauben und das andere auf einem Zweifel beruht. Der Glaube, der den Menschen in seinem Sein bestätigt; der Zweifel, der sich fragt, was dieser Mensch eigentlich ist. Die Sicherheit im

Handeln; das Zögern im Denken.

Gerade diesem Zusammenspiel des disziplinierten Willens durch Christus und der disziplinierten Intelligenz durch Sokrates verdankt der Europäer seine hervorragende, einzigartige Rolle in der Weltgeschichte. Er ist es, der den Planeten erforscht hat; er ist es, der das unendlich Kleine und das unendlich Große entdeckt hat; er ist es, der die großen Züge des modernen kollektiven Lebens, wo das Individuum im Rahmen der Ordnung frei ist, entworfen hat. Er ist es, der dem amerikanischen Kontinent seinen Stil eingepflanzt hat. Und wenn dies alles nicht ohne die schwersten Verbrechen gegen seine eigenen Normen geschah, war wiederum er der erste, der vor der Weltgeschichte dagegen Einspruch erhob. Der europäische Genius der intelligenten Aktivität und der aktiven Intelligenz drückt sich im positiven und aktiven Charakter seines Verstehens aus. Es ist bemerkenswert, wie in den meisten europäischen Sprachen die Worte, die verstehen bedeuten, denjenigen ähnlich sind, die greifen oder sich bemächtigen ausdrücken wollen. Welche Offenbarung der tiefen und subtilen Bande, die die Intelligenz und den Willen des Europäers vereinen, ist doch die Beziehung zwischen com- prendre und entreprendre im Französischen, apprise und enterprise im Englischen, comprender und empren- der im Spanischen, annehmen und unternehmen im Deutschen, com- prendere und intraprendere im Italienischen. In der Geschichte des menschlichen Geistes erkennt man die großen Europäer an dem intelligenten Charakter ihrer Taten und an dem aktiven Charakter ihrer Denkart.

Europa ist also das Gebiet der einfachen Formen. Denken wir doch bloß an die Achse des X, die Achse des Ypsilon, die Achse des Zets. Descartes dixit. Und es ist sein Geist, der Geist Europas, der sich durch ihn ausdrücken wird, der vor ihm den griechischen Tempel und die gotische Kathedrale geschaffen hat, zwei so verschiedene Geschwister, deren Verwandtschaft jedoch offensichtlich ist, wenn man sie mit einem Tempel der Hindu, der Azteken oder mit einer chinesischen Pagode vergleicht. Und es ist auch europäischer Geist, der sich in diesem anderen europäischen Wunder ausdrückt — nämlich im Recht. Das Recht, ebenso wie die Mathematik, ist nur eine Form, das heißt, eine geistige Disziplin, der die Handlung unterworfen wird — wieder eine Synthese der Intelligenz und des Willens.

Europa ist das physische und biologische Gebiet, das sich von Indien bis Amerika erstreckt, ein gefügt. Asien ist nicht homogen. Die gelbe Rasse unterscheidet sich grundlegend von jener der Inder, die Stammväter Europas sind. Wenn man die drei Gruppen vergleicht — Inder, Europer, Amerikaner —, unterscheidet sich der Charakter der europäischen Gruppe deutlich auf wenigstens zwei Arten: er ist der individualistischeste unter den dreien; und er ist derjenige, in welchem dig Intelligenz und . der Wille ihren besten Ausgleich Anden — denn die Intelligenz herrscht über den Willen beim Inder, der Wille über die Intelligenz beim Amerikaner. Die Verbindung dieser beiden Merkmale des Europäers führt zu einem gewissen Begriff der Qualität, der eben ‘auf dem einzigartigen und in gewissem Sinne unmachahmbaren Charakter jedes Einzelindividuums beruht. *

Verdanken die Europäer ihre wunderbare Vielfalt diesem Sinn für die Qualität oder verhält es sich umgekehrt?

Nun, das Individuum ist einzigartig. Darin eben liegt seine Kraft. Und eben dies ist seine Definition. Wenn wir Europäer uns zu Verteidigern des Individualismus machen, nicht nur gegen den Mißbrauch der Gewalt des Tyrannen, sondern sogar gegen die Allmacht und Allgegenwart des demagogischen Staates, so ist es eben das, was einzigartig in ihm ist, das wir retten wollen — dieses Etwas, das sich nicht zur Masse, zur Statistik herabmindem läßt, dieses Etwas, das für uns das Salz des Lebens bedeutet.

Weder die Sowjetunion noch die Vereinigten Staaten noch China noch Indien wären fähig, den Menschen vor dieser geistigen Bedrohung zu bewahren, die unmittelbarer ist als die der physischen Zerstörung, die sie derart zu beeiindruk- ken scheint. Nur Europa vermag das große Werk des Jahrhunderts zu beenden. Wird es die Fähigkeit dazu auf bringen? Oder wird es als erstes den Gefahren unterliegen, die es, allen Anschein nach, allein mit der Kraft seines Geistes heraufzubeschwören imstande ist?

Diese Frage richtet sich mit aller Dringlichkeit an uns Europäer. Unser Jahrhundert, schlägt die Richtung von Normen und Formen ein, die an sich eine Emanation unseres Geistes sind: der Masse entgegen, der Mechanisierung des Staates und sogar des Lebens; der Statistik. Wir müssen uns dessen bewußt werden, damit wir in unserem Bestreben, den Körper Europas zu retten, nicht seinen Geist vernichten.

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