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Brandbeschleuniger oder DOCH VERSÖHNER?

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Integration ist ein politisches Schlagwort, das von allen Playern im Land gern im Mund geführt wird. Für Hüseyin Cicek, kurdisch-alevitischer Experte, spielt die Religion dabei eine eminent wichtige Rolle. | Das Gespräch führte Markus Andorf

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Integration ist ein politisches Schlagwort, das von allen Playern im Land gern im Mund geführt wird. Für Hüseyin Cicek, kurdisch-alevitischer Experte, spielt die Religion dabei eine eminent wichtige Rolle. | Das Gespräch führte Markus Andorf

Politikwissenschaftler Hüseyin Cicek, in Österreich lebender kurdischer Alevite, misst den Religionen beim Thema Integration eine hohe Bedeutung bei. Als assoziierter Mitarbeiter am Erlangener Zentrum für Islam und Recht in Europa zählen Integration und der Nahe Osten zu den Forschungsschwerpunkten von Cicek, der in Innsbruck auch katholische Theologie studiert hat.

DIE FURCHE: Integration ist gerade in Anbetracht der großen Flüchtlingsströme durch Europa ein brennendes Thema. Welche Rolle spielen die Religionen in dieser Situation?

Hüseyin Cicek: Ich hänge der Schule des Gewalt-Theoretikers René Girard an. Religion ist Brandbeschleuniger in Konflikten, hat aber gleichzeitig ein extrem starkes Versöhnungspotenzial. Es kommt immer darauf an, wie Menschen ihre Religion einsetzen; ob sie ein enges Verständnis haben und nur ihre eigenen Glaubensbrüder und -schwestern fördern, oder ob sie sich grundsätzlich verantwortlich für die Welt fühlen und nicht versuchen, mit Dichotomien zu arbeiten. Es ist wichtig, sich nicht von Feindseligkeiten der jeweils anderen Gruppe zu einer Handlung verleiten zu lassen, die noch mehr Gewalt ins Spiel bringt. Hier spielen verschiedene Faktoren eine Rolle, die dazu führen, ob Religion positiv oder negativ aufgenommen wird. Religionen sind sowohl gut als auch böse. Das hängt nicht von der Religion, sondern vom Menschen ab.

DIE FURCHE: Die katholische Kirche hat sich sehr klar gegen das Errichten von Zäunen ausgesprochen. Was kann die Kirche zum Thema Integration beitragen?

Cicek: Ich finde es gut, dass sich die katholische Kirche ganz klar definiert, unabhängig davon, wie die Position aussieht. Die Kirche hat den Auftrag, sich um alle Menschen zu kümmern. Sie soll die Botschaft Christi verkünden. Darüber hinaus hat sie - das ist säkular zu verstehen -den Staat in dieser wichtigen Frage der Integration und den aktuellen Herausforderungen zu unterstützen. Papst Franziskus tritt sehr mutig auf, indem er bestehende Strukturen nicht in Frage stellt sowie neuere Entwicklungen nicht zur Seite schiebt und dabei aktuelle Herausforderungen für die Kirche im Zuge der Flüchtlingskrise nicht unangesprochen lässt. Er versteht die päpstliche Bezeichnung "pontifex maximus" wirklich wörtlich -Franziskus ist ein großer Brückenbauer und sehr auf den Dialog bedacht.

DIE FURCHE: Dialog scheint im 21. Jahrhundert ein Schlüsselbegriff zu sein. Kann es in einer Zeit der Polarisierung mit vielen Krisenherden einen fruchtbaren Dialog geben?

Cicek: Es gibt nicht nur von christlicher bzw. katholischer Seite ein Interesse am Dialog. Es haben in den letzten Jahren auch immer wieder hohe muslimische Gelehrte dazu aufgerufen, den Dialog weiterzuführen. Aufgrund der Globalisierung und der Vernetzung der Welt in wirtschaftlicher wie politischer Hinsicht ist es gar nicht mehr möglich, keinen Dialog zu führen. Die Kirche, der Papst, aber auch Vertreter der muslimischen Welt sollen mit gutem Beispiel vorangehen, um zu zeigen, dass ein Zusammenleben auf verschiedenen Ebenen möglich ist und dass es nicht eine Art schleichende Islamisierung gibt, sondern dass die Leute hier vor Ort sowohl Moslem sein können als auch Staatsbürger des jeweiligen Landes. Zu denken geben die verschiedenen radikalen Gruppen und rechtspopulistischen Entwicklungen, die gerade das Dialogführen sowie bestimmte Gruppierungen und deren innere spirituelle Ausrichtung als Gefahr für die europäische Kultur sehen.

DIE FURCHE: Wie kann der Dialog, gerade zwischen den Religionen, Wirklichkeit werden?

Cicek: Es hängt maßgeblich davon ab, ob die jeweiligen Beteiligten ein ehrliches Interesse am Dialog haben. Wir haben das Problem nicht mit den Moderaten, sondern mit Gruppierungen, die sich abschotten wollen und der anderen Seite vorwerfen, ihnen ihre Identität wegzunehmen. Viele haben Ängste und Sorgen, dass sie ihre Identität, ihr Christsein, ihr Österreichsein verlieren. Wenn diese Menschen gefragt werden, was diese Identität genau ausmacht, kommen die Leute ins Stottern und können nicht genau sagen, was sie eigentlich darunter verstehen. Es gilt deshalb, die eigene Identität neu zu entdecken. Ich denke, die Moderaten sollten dazu zusammengebracht werden. Diese lassen es nicht zu, dass wir auf Grundlage von illusionären Realitätskonstruktionen davon ausgehen, dass es nur noch radikale Gruppen gibt.

DIE FURCHE: Es gibt unterschiedliche Herangehensweisen, wie Integration gelingen kann. Wo gilt es da gerade in den Religionen anzusetzen?

Cicek: Die Bedeutung des Religionsunterrichts ist nicht zu unterschätzen. Im Religionsunterricht kann das eigene Religionsverständnis und die Sicht auf andere Religionen vertieft werden. Schüler können sich damit auseinandersetzen, worin die eigenen Traditionen bestehen, was die eigene Identität ausmacht und worin die Unterschiede zwischen den Kulturen und Zugängen liegen. Das ist vielleicht im Bereich von Volks-und Hauptschulen nicht so stark ausgeprägt, dennoch bekommen die Schüler ein Verständnis dafür. Ich halte es für notwendig, dass schon im Kindesalter begonnen wird, solche Entwicklungen zu fördern. In weiteren Schritten muss dann auch in der Erwachsenenbildung ein Bewusstsein geschaffen werden, dass man sich nicht einfach nur auf sich selbst konzentriert, sondern immer den Blick über den Tellerrand wagt und Andere wahrnimmt.

DIE FURCHE: In Anbetracht aktueller Entwicklungen: Können Christentum und Islam in Europa überhaupt nebeneinander bestehen?

Cicek: Absolut. Lassen Sie mich das ganz anders aufbauen: Es gibt in Ägypten, in Pakistan, in der Türkei, im Senegal christliche Politiker, die wichtige Verwaltungsstellen oder politische Ämter in diesen Ländern innehaben - diese Länder sind zu 99 Prozent muslimisch. Gleichzeitig haben diese Menschen die Identität des Landes angenommen. Eine ähnliche Situation haben wir auch hier in Europa: In den Niederlanden ist es schon länger der Fall, dass Menschen mit Migrationshintergrund und Zugehörigkeit zum Islam wichtige Positionen in der Politik einnehmen. Seit kurzem haben wir auch eine österreichisch-palästinensische Staatssekretärin in der Regierung. Solche Entwicklungen sind gut, sorgen aber gleichzeitig auch dafür, dass rechtspopulistische Parteien diese als Gefahr und eine Art innere Aushöhlung der Gesellschaft darstellen. So hat dann die Einwanderungsgesellschaft gar keine Chance auf Integration. Wenn sie sich nicht integriert, sagt man, sie sei kulturfremd. Hat sie sich integriert, wirft man ihr vor, sie wolle sich ja gar nicht integrieren bzw. sei am besten Weg, uns auszuhöhlen. Solche Argumente darf man weder muslimisch-radikalen noch christlich-radikalen Gruppierungen durchgehen lassen. Auch hier gilt es wiederum, den Dialog zu pflegen und Brücken zu bauen.

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