Winkler - © Foto: Michaela Greil

Dietmar W. Winkler über Religion in Osteuropa: „Es fehlt religiöses Wissen“

1945 1960 1980 2000 2020

Der Ostkirchenexperte und Milizoffizier Dietmar W. Winkler über die zentrale Rolle der Religion in Osteuropa – und die Folgen für die Politik und das Bundesheer.

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Der Ostkirchenexperte und Milizoffizier Dietmar W. Winkler über die zentrale Rolle der Religion in Osteuropa – und die Folgen für die Politik und das Bundesheer.

Der Nahe Osten und der Balkan sind konfliktreiche Gebiete. Kommt das österreichische Bundesheer hier zum Einsatz, geht es auch um den Schutz religiöser Stätten und Kulturgüter sowie interreligiöse Friedensarbeit. Dietmar W. Winkler, Professor für Patristik und Kirchengeschichte an der Universität Salzburg, Gründungsdirektor des Salzburger universitären „Zentrums zur Erforschung des christlichen Ostens“ (ZECO) sowie Vorsitzender der Stiftung „Pro Oriente“ in Salzburg, gilt nicht nur als einer der führenden Ostkirchenexperten Österreichs – er ist als Milizoffizier auch ein zentraler Ansprechpartner des Bundesheeres. DIE FURCHE hat mit ihm über die wesentlichen Herausforderungen in diesem Feld gesprochen.

DIE FURCHE: Herr Professor Winkler, in welchen östlichen Staaten ist das Bundesheer derzeit im Einsatz – und welche religiösen Konfliktlinien zeigen sich hier?
Dietmar W. Winkler:
Österreich hat zurzeit viele internationale Einsätze durch das Bundesheer und Militärbeobachter: Im Nahen Osten haben der Zypern- und der Golan-Einsatz lange dazugehört, im Südlibanon ist Österreich für die Logistik und die Versorgung zuständig, und am Balkan, wo Österreich schon historisch gesehen Kompetenz zugeschrieben werden muss, sind es Einsätze in Bosnien-Herzegowina und im Kosovo. In Serbien und in Kroatien gibt es Reibungspunkte zwischen Orthodoxen und Katholiken, im Kosovo den ethnisch-religiösen Konflikt, aus der osmanischen Zeit historische Konfliktfelder und im Libanon die religiöse Aufteilung: Parlamentspräsident und Premierminister sind Schiit und Sunnit, der Präsident ist Maronit, eine christliche katholische Konfession ostkirchlicher Prägung. Im Südlibanon ist die Hisbollah dominant, eine schiitische Partei, mit dem Iran verbunden und in Syrien auf der Seite des Regimes. Die europäische Situation ist politisch eine Ausnahme. Man hat Religion in der Politik so weit an die Seite gedrängt, dass nunmehr eine Art religiöser Analphabetismus herrscht. Wenn etwa durch Migration Menschen mit religiösem Hintergrund zu uns kommen, fehlt der Politik religiöses Wissen als Handwerkszeug. Es gilt also auch, EU-Entscheidungsträger, Diplomaten etc. entsprechend zu bilden. Der Faktor Religion scheint sich gut instrumentalisieren zu lassen, weil er das Innerste des Menschen berührt und für Abwehr gegenüber dem anderen, Angst vor dem Fremden und Eigenmotivation mobilisierbar ist.

DIE FURCHE: Sie beraten das Bundesheer. Wie relevant ist hier religiöses Wissen? Winkler: Es ist absolut relevant. Das stellen auch Soldaten im Auslandseinsatz fest. Ich kenne viele, die etwa von ihrem Golan-Einsatz in Syrien interessiert zurückkamen und vom Besuch religiöser Stätten und der Vielfalt der Konfessionen fasziniert – oder auch irritiert – waren. Oder ein anderes Beispiel: Warum Serbien gegen die Anerkennung des Kosovo ist, kann man nur aus der Religions- und der europäischen Geschichte heraus erklären. Der alte Sitz des Serbisch-Orthodoxen Patriarchen in Peć, zentrale Klöster und Stätten serbischer Identität sind im Kosovo. Das macht es schwierig für Serben, zu sagen, das gehört jetzt nicht mehr zu uns. Das sind Identitätsprobleme, mit denen man umzugehen lernen muss. Es gibt kaum ein „Healing of Memories“ und gemeinsames Aufarbeiten. Deshalb ist es notwendig, innerhalb des Bundesheeres Multiplikatoren zu informieren, die dort etwa als Militärseelsorger zum Einsatz kommen.

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