"Da helfen keine Zäune!"

Stärkt nichts das Identitätsgefühl mehr als die Gefahr von außen? Sind nationale Mythen hilfreich für die aktuelle Politik?

Und worauf soll sich der Außenpolitiker mehr verlassen: auf die Landkarte oder das Geschichtsbuch?

Am Höhepunkt des so genannten "Karikaturenstreits" fand im Wiener Außenministerium ein Gespräch mit österreichischen Journalisten statt. Wir alle hatten damals die Bilder der brennenden europäischen Botschaften und der brennenden Fahnen vor Augen. Da sagte einer der anwesenden Journalisten: "Ich habe noch nie ein so starkes europäisches ,Wir-Gefühl' empfunden."

Offenbar stärkt nichts das Identitätsgefühl mehr als die gemeinsam empfundene Gefahr von außen. Der Widerstand gegen die äußere Bedrohung spielt auch in den nationalen Mythen der europäischen Staaten eine zentrale Rolle. Als Student am Collège d'Europe in Brügge habe ich voller Überraschung gelernt, für wie viele Länder Europas der "Sieg" über Österreich (oder zumindest über das "Haus Österreich") ein Teil ihres nationalen Mythos' ist: in den Niederlanden genauso wie in der Schweiz und in Italien oder bei unseren mitteleuropäischen Nachbarn.

Mythen zeigen Gegensätze

Unseren Nachbarn sind jene Geschichtsepochen, die wir als "gemeinsame" empfinden, oft ganz anders vermittelt worden als uns selbst. Das macht die Arbeit gemischter Schulbuch-Kommissionen so faszinierend, schwierig und notwendig. Weil nationale Mythen zumeist auf dem Gegensatz zum anderen beruhen, können wir aus ihnen so gut wie nie brauchbare Handlungsanleitungen für die Gegenwart gewinnen. Wir können und müssen natürlich aus den Fehlern und den dunklen Epochen der Vergangenheit lernen, wie dies die Gründungsväter des europäischen Integrationsprozesses so eindrucksvoll getan haben. Positive Konzepte lassen sich aus geschichtlichen Mythen, die auf Gegensätzen beruhen oder zumindest gegensätzlich verstanden werden, aber nicht ableiten.

So bieten uns die - miteinander konkurrierenden - historischen Mythen der Serben und der Albaner sicher keine brauchbare Antwort auf die Frage, wie der künftige Status des Kosovo gestaltet werden soll. Die bedeutenden religiösen und historischen Stätten der Serben im Kosovo gehören natürlich geschützt. Die politische Entscheidung über die Zukunft des Kosovo kann sich aber nur an den Rahmenbedingungen seit 1999 orientieren.

Historische Mythen und Assoziationen sind meist ebenso selektiv wie die Auflistung der Schlachtennamen auf dem Pariser Arc de Triomphe. Wir Österreicher reden zwar viel vom Jahr 1683; von der zweiten Wiener Türkenbelagerung lernen bei uns schon die Volkschüler. Davon, dass Österreich-Ungarn und die Türkei im Ersten Weltkrieg Verbündete waren, ist hingegen fast nie die Rede. (Für die Beantwortung der Frage, wie das Verhältnis zwischen dem heutigen Österreich und der heutigen Türkei - oder deren Platz im heutigen Europa - beschaffen sein soll, ist uns im Übrigen weder die eine noch die andere historische Assoziation von Nutzen.)

In sehr selektiver Weise erinnern wir uns des Wiener "Fin de Siècle". Wir rühmen uns der großartigen kulturellen und geistigen Leistungen dieser Epoche, haben aber viel zu lange vom Schicksal jener gesellschaftlichen Schicht geschwiegen, die diese kulturelle Blüte ermöglicht und getragen hat. Auch deshalb gibt es heute auf der Welt wohl kaum einen zweiten Ort, an dem die kulturelle Identität des Wiener "Fin de Siècle" so authentisch präsent ist, wie in der "Neuen Galerie" in New York.

K.u.k-Wiederbelebung?

Vor sechs Jahren hat die damalige österreichische Außenministerin Benita Ferrero-Waldner in Alpbach das Konzept der "Regionalen Partnerschaft" vorgestellt, in deren Rahmen Polen, die Slowakei, Slowenien, die Tschechische Republik, Ungarn und Österreich mit einander zusammenarbeiten. Inzwischen hat sich diese Regionale Partnerschaft in vielen Bereichen bewährt und entwickelt: auf dem Gebiet der inneren Sicherheit, im Bereich der Kultur, in den Verhandlungen über die EU-Verfassung, mit gemeinsamen Vorschlägen für den Kosovo und für den gesamten Balkan. Beim bevorstehenden nächsten Außenministertreffen der Regionalen Partnerschaft in Wien soll über Initiative von Bundesministerin Ursula Plassnik unter anderem über Serbien und die Ukraine sowie über Möglichkeiten für eine vertiefte konsularische Zusammenarbeit gesprochen werden.

Die österreichische Außenpolitik wurde im Jahr 2000 verdächtigt, mit dem Konzept der regionalen Partnerschaft gewissermaßen Kooperationsstrukturen aus der Zeit der Donaumonarchie wiederbeleben zu wollen. Mit historischer Nostalgie hat diese Zusammenarbeit in Wirklichkeit überhaupt nichts zu tun, wohl aber mit den Gesetzmäßigkeiten der räumlichen Nähe und den gemeinsamen Interessen, die diese Nachbarn, die mit Ausnahme Polens auch von vergleichbarer Größe sind, im heutigen Europa verbinden. Natürlich erleichtert es die Zusammenarbeit mit unseren Partnern in Mitteleuropa, dass uns die Jahrhunderte des Mit-und des Nebeneinander in unseren Mentalitäten und in unserer Lebensweise ähnlich geprägt haben. Entfalten können sich diese Gemeinsamkeiten heute aber nur dann, wenn sie auf einer Partnerschaft unter Gleichberechtigten aufbauen und historische Assoziationen im politischen Bereich vermieden werden.

Als Mitglied der Europäischen Union ist ein jeder EU-Staat überdies in Nachbarschaftsbeziehungen eingebunden, die über seine eigenen "historischen Horizonte" sehr deutlich hinausgehen. Auch wir Österreicher können uns dieser zusätzlichen Dimension nicht entziehen. Wenn wir es für selbstverständlich halten, dass sich Spanier und Portugiesen auf dem Balkan engagieren, darf uns nicht gleichgültig sein, was auf der südlichen Seite des Mittelmeeres geschieht. Dies heißt natürlich nicht, dass wir außereuropäischen Nachbarn die gleichen Perspektiven bieten können wie jenen auf dem Balkan, deren Zukunft nach einhelliger Meinung aller EU-Staaten in der Europäischen Union liegt. Den Herausforderungen der räumlichen Nähe und der Nachbarschaft werden wir uns aber in beiden Fällen stellen müssen.

Im Nahen Osten hängt heute der Frieden einer ganzen Region davon ab, ob sich im Verhältnis zwischen Israel und dem Libanon sowie auch zwischen Israel und den Palästinensern die Logik der Nachbarschaft gegen die Logik des Terrors der Hisbollah und die Last historischer Konflikte durchzusetzen vermag.

Antwort ist Zusammenarbeit

Man hört oft den Satz: Wir müssen wissen, woher wir kommen, wenn wir entscheiden wollen, wohin wir gehen. Es stimmt, dass uns ein Studium der Geschichte gerade in Mitteleuropa helfen kann, unsere Nachbarn besser zu verstehen. In sehr vielen Situationen bringt dem Außenpolitiker - ebenso wie übrigens dem Wanderer - ein Blick auf die Landkarte aber wesentlich mehr als ein Blick ins Geschichtsbuch.

Mit den Nachbarn verhält es sich nämlich wie mit den Verwandten. Sie sind vorgegeben. Verwandten, die man nicht mag, kann man allenfalls aus dem Weg gehen. Mit den Nachbarn ist dies in der internationalen Politik einer vernetzten Welt unmöglich. Da helfen keine Mauern, keine Zäune, keine historischen Barrieren. Da gibt es auf Dauer nur die Antwort der Zusammenarbeit. Dies gilt im Nahen Osten. Dies gilt für Europa. Dies gilt auch für Österreich.

Der Autor ist Politischer Direktor im Bundesministerium für Auswärtige Angelegenheiten.

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