Digital In Arbeit

Europäische Vielfalt

Warum ein globales europäisches Bewusstsein die für Europa charakteristische Diversität fördert.

Es ist zur Gewohnheit geworden, die Europäische Union vor allem für eine Neubildung im Bereich von Politik, Macht, Verteidigung und Wirtschaft zu halten, über ihre geistige Dimension dabei aber hinwegzusehen. Die Befürchtungen und Erwartungen der Menschen in unserem Land sind vor allem materieller Art: was werden wir verlieren, was gewinnen; gleichlautende Fragen bezüglich des Geistigen werden selten gestellt, und eine die ganze Gesellschaft erfassende Diskussion haben sie nicht hervorgerufen, obwohl sie die ganze Gesellschaft betreffen.

Sich Gedanken zu machen über Kultur bedeutet eigentlich, über Identität nachzudenken: Wer sind wir und wohin streben wir, worin unterscheiden wir uns von den anderen. Ich wurde mir meines "Tschechentums" Ende der siebziger Jahre, erst im Wiener Exil bewusst. Erst in dem "fremden" Milieu wurde mir klar, dass ich Angehöriger eines anderen Volkes bin, mich unterscheide. Dann stellte ich fest, dass mich meine durch Herkunft, Sprache, Bildung und eine andere Erfahrung bedingte Andersartigkeit nicht daran hinderte, mit dem neuen Milieu eine Symbiose einzugehen; niemand hier legte es darauf an, mich meiner Identität zu berauben. Eine vorübergehende Schwierigkeit stellte die Sprachbarriere dar und nach deren Überwindung noch das Problem, wie ich den neuen Freunden meine Erfahrungen mit dem System des Kommunismus vermitteln sollte, um sie zu warnen. Ich hatte in Wien ein mir enorm nahes kulturelles Umfeld vorgefunden. Das Deutsche vermittelte mir bei uns daheim unzugängliche Literatur. Als ob ich in meine ursprüngliche, eine europäische Kultur zurückgekehrt wäre. In den Galerien und Kirchen Italiens fand ich jene mir durch Reproduktionen zutiefst vertrauten Werke vor, die die bildende Kunst in meiner Heimat beeinflusst hatten. Ich fühlte mich in Florenz mehr zu Hause als in Prag.

Erbe des Kommunismus

Obwohl die Mauer schon vor 15 Jahren gefallen ist, darf man die Zeit, als das kommunistische Regime uns der Freiheit beraubt und die Demokratie durch eine Diktatur ersetzt, den freien Personenverkehr und Gedankenaustausch behindert, die mit Westeuropa verbundene natürliche kulturelle Entwicklung unterbrochen und versucht hatte, uns unter russischer Hegemonie statt Kultur irgendeine supranationale bolschewistische Brühe zu implantieren, nicht vergessen. Damals sind wir von Identitätsverlust bedroht gewesen. Glücklicherweise war der Druck der Macht nicht durchgehend konsequent und lockerte sich von Zeit zu Zeit. Wir haben unsere Kultur bewahren können, sind unserer Identität nicht verlustig gegangen; aber wir sind gezeichnet von einem halben Jahrhundert des Balancierens am Rand des Möglichen und von einem Leben in Angst.

Einigende Idee fehlt

Jetzt jedoch leben wir in natürlichen Verhältnissen, und hier vermisse ich die geistige Dimension unserer nationalen Existenz; wir driften in einer Art Chaos, in Un-Ordnung. Bisher hatten uns Gewalt und Unfreiheit zusammengehalten, jetzt herrscht Ratlosigkeit. Es fehlt uns die Erfahrung, in Freiheit zu leben, wir machen uns nicht bewusst, dass das auch Verantwortlichkeit mit sich bringt. Wir hatten uns in der modernen Geschichte immer gegen eine fremde Macht abzugrenzen: den Kaiser, die Nationalsozialisten, die Russen... Nur während der zwei Jahrzehnte der Ersten Republik durften wir unsere eigenen Herren sein, und das ist zu wenig. Wir lernten, gegen die Obrigkeit zu nörgeln: immer ist jemand anderer schuld an unserem Unglück. Ich befürchte, dass wir dieses unkonstruktive Nörgeln auch in der Europäischen Union beibehalten werden. - Aber vielleicht kommen wir in einer anständigen Gesellschaft zur Vernunft. Es fehlt uns heute eine einigende Idee, ein gemeinsames Ideal, für das man etwas opfern muss. Gott oder die Heimat werden es wahrscheinlich nicht sein. Die Freiheit haben wir schon und die Demokratie ist am Erwachen. Wäre diese einigende Idee doch das gemeinsame Europa; Europa nicht bloß als ein Gebilde im Bereich von Politik, Macht, Verteidigung und Ökonomie, sondern Europa als eine geistige Dimension.

Das Geschenk, welches wir dem geeinten Europa mitbringen können, ist unsere nationale Kultur. Etwas anderes haben wir nicht. Allerdings wird diese Realität von unseren politischen Repräsentanten unterschätzt. Die Vertreter der Öffentlichkeit sollten mehr Wert auf Kultur und Bildung legen, mehr öffentliche Mittel sollten dafür aufgebracht, das Prestige von Künstlern, Wissenschaftlern und Pädagogen, humanitär gebildeten Menschen, in der Gesellschaft gesteigert werden. Ihren Stimmen mehr Gehör zu widmen als den Stimmen all der Pragmatiker - Geschäftsleute, Ökonomen, ja und auch Militärs, wäre angebracht.

Rückkehr nach Europa

Die tschechische Kultur wird kein Fremdkörper sein in der Union, sie ist immer Teil der europäischen Kultur gewesen und kehrt jetzt, nach den grausamen Zeiten von Gewalt und Ratlosigkeit dorthin zurück, woher sie gekommen ist. Sie hat ihre europäischen Wurzeln nie abgelegt, ist nie aus europäischen Trends ausgebrochen, trägt mit ihren spezifischen Eigenheiten zu der Vielfalt bei, die für unseren Kontinent typisch ist. Wir werden hier daheim sein.

Ob wir uns vor der Globalisierung fürchten sollten? Dieser Begriff ist zu etwas Verwerfenswertem, einer Art Gespenst, Drohung geworden. Als handelte es sich um den Nimmersatt aus dem Märchen, der alles Positive verschlingt. Was aber, wenn die Globalisierung nützlich ist? Würde der Mensch nicht zu ihr inklinieren, hätte sie keine Chance. Ist es etwa wünschenswert, in seiner Sandkiste zu spielen und sich vor der Welt abzuschließen? Gefährdet Globalisierung das Denken? Sicher kann es auch künftig zu einem Rückfall "geistiger Massenumnachtung" kommen, unter gewissen Umständen, unter einer charismatischen Führung sind - von der Geschichte unbelehrte - Menschen bereit, sich abermals kollektiv ins Verderben zu stürzen. Im Prinzip ist Denken aber ein individueller Prozess und jeder dafür selbst verantwortlich; würde Globalisierung im Denken Gleichheit dessen bedeuten, was sich in unseren Gehirnen abspielt, würde das ein anderes Wesen voraussetzen, als es der Mensch ist, etwas wie eine Ameise und/oder Biene. Das wird uns in der Europäischen Union wohl nicht drohen, genau davor sollte sie uns ja beschützen.

EU statt eigene Sandkiste

Und wie ist es um die Sprache, das typischste Kennzeichen eines Volks, seinen größten Reichtum bestellt? Welches Schicksal erwartet die so genannten "kleinen" Sprachen? - Ohne dass es von jemandem angeordnet worden wäre, ist Englisch zur Verkehrssprache der Europäischen Union geworden. In gleicher Weise war einst Latein die Sprache Europas, und dennoch sind die Nationalsprachen nicht verschwunden. Eine Verkehrssprache perfekt zu beherrschen, ist praktisch und bedeutet nicht, seine Muttersprache zu vernachlässigen. Sofern nicht die Völker verschwinden, werden ihre Sprache nicht verschwinden. Ich glaube nicht, dass in der Europäischen Union eine derartige Gefahr droht.

So wie eine Nationalkultur von unterschiedlichen Menschen geschaffen wird, schaffen verschiedene Völker, oder eher Regionen, die europäische Kultur. Ein globales europäisches Bewusstsein könnte die Garantie dafür sein, dass jene für Europa spezifische Diversität nicht unterdrückt, sondern unterstützt werden wird. Das sollte man sich vergegenwärtigen und etwaigen Bestrebungen zur Vereinheitlichung der Kultur bewusst entgegentreten. Entsprechende Tendenzen manifestieren sich schon seit langem in der Massenunterhaltung - gesunkener Populärmusik, schlechtem Film, Schundliteratur, im Lebensstil. Diese Trends hat aber nicht die Europäische Union auf dem Gewissen, sie sind ein Begleitphänomen der weltweiten Globalisierung, und eben die Europäische Union könnte sie eindämmen.

Ich möchte glauben, dass man durch das Hinzukommen neuer Mitgliedsländer in der Union mehr über die geistige Dimension dieser Gemeinschaft nachzudenken beginnt und Europa sich seine Identität, die gerade in der Vielfalt der einzelnen Nationalkulturen beruht, klar machen wird. Die Nationalkulturen wiederum machen sich ihre Zugehörigkeit zum Ganzen, das sie verbindet, bewusst und werden gemeinsame, spezifisch europäische Züge in sich suchen und finden.

Aus dem Tschechischen von Christa Rothmeier.

Der Autor ist Schriftsteller und lebt seit 1994 wieder in Prag. Auf Deutsch erschien zuletzt der Roman "Die Kunstkitterei" (Paul Zsolnay Verlag 1997).

FURCHE-Navigator Vorschau