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Ukraine-Krieg

DISKURS
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Erst die Freiheit, dann der Friede

1945 1960 1980 2000 2020

Wladyslaw Bartoszewski hat Auschwitz und die stalinistischen Gefängnisse erlebt. Leben um jeden Preis ist für ihn eine Schande. Um jeden Preis - ohne Freiheit - gibt es aber auch keinen Frieden. Ein Auszug aus der Dankesrede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1986.

1945 1960 1980 2000 2020

Wladyslaw Bartoszewski hat Auschwitz und die stalinistischen Gefängnisse erlebt. Leben um jeden Preis ist für ihn eine Schande. Um jeden Preis - ohne Freiheit - gibt es aber auch keinen Frieden. Ein Auszug aus der Dankesrede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1986.

Nie wurde in Europa so viel wie heute vom Frieden gesprochen, von der Notwendigkeit des Friedens, von der Verteidigung des Friedens, von der Friedensliebe. Manchmal drängt sich die Angst auf, daß in der Flut von Äußerungen und Deklarationen, Beschwörungen und Parolen zu diesem Thema der wahre — also der tiefere - Sinn des eigentlichen Begriffes verlorengeht.

Wir bedienen uns seiner immer häufiger, aber wir denken immer seltener über die Bedingungen nach, die zu erfüllen sind, um Frieden zu einem gemeinsamen Begriff für die gesamte zivilisierte Menschheit zu machen. Dabei hat doch einer der größten deutschen Geister des 20. Jahrhunderts, Karl Jaspers, in seiner Friedenspreisrede drei Grundsätze formuliert, deren Tiefe und Einfachheit im Lichte heutiger Erfahrungen noch deutlicher sind als 1958:

„Erstens: Kein äußerer Friede ist ohne den inneren Frieden der Menschen zu halten. Zweitens: Friede ist allein durch Freiheit. Drittens: Freiheit ist allein durch Wahrheit.“

Und ganz eindeutig: „Erst die Freiheit, dann der Friede in der Welt! Die umgekehrte Forderung: .Erst Frieden, dann Freiheit' täuscht. Denn ein durch Zufall oder durch Despotie oder geschickte Operation oder durch Angst aller Beteiligten für den Augenblick bestehender äußerer Friede ist nicht ein im Grunde des Menschen selbst gesicherter Friede. Er würde aus dem faktischen Unfrieden der Unfreiheit der einzelnen bald wieder zum Kriege führen. (...) Wollen wir Freiheit und Frieden, so müssen wir in einem Raum der Wahrheit uns begegnen, der vor allen Parteiungen und Standpunkten liegt, vor unseren Entscheidungen und Entschlüssen.“

Ich gehöre der Generation an, die noch im Schatten der Erfahrungen des Ersten Weltkrieges erzogen und in früherer Jugend von der die menschliche Vorstellung übersteigenden Bewährungsprobe des Zweiten Weltkriegs gezeichnet wurde. Aber, ich gehöre auch dem Volk an, das nach ungewöhnlich hart 'erlittener Unfreiheit im 19. Jahrhundert und nach einem kurzen Augenblick des Atemholens seit 1939 in seiner Existenz bedroht ist. Darum wohl hat die Sache des Friedens für mich ein besonderes Gewicht.

Aber aus demselben Grund ist sie für mich auch untrennbar von der Sache der Freiheit des einzelnen Menschen und verschiedener Gruppen, von Glaubensfreiheit und Weltanschauungsunterricht, von der Freiheit in der Wahl des Ortes und der Form des Lebens, der Wahl des politischen und wirtschaftlichen Systems, von der Freiheit des Wortes und dem Freisein von Angst.

Solange diese Existenzbedingungen der Menschen nicht erfüllt sind, solange sie nicht einmal auf unserem alten europäischen Subkontinent erfüllt sind, der sich auf die Tradition von so vielen Generationen von Menschen beruft, die aus gemeinsamen Quellen der Kultur und Zivilisation schöpften, solange werden wir die Fundamente eines dauernden Friedens nicht sichern.

Viele Staaten haben es recht gut verstanden, Lehren aus der Geschichte zu ziehen, vor allem aus der Erfahrung, daß keine Idee des Hasses cder des imperialistischen Hochmuts sich bezahlt macht. Das Verkünden oder heimliche Praktizieren von Grundsätzen des Rassen-, Völker-, Glaubensoder Klassenhasses wie überhaupt des Hasses irgendwelcher Gruppen gegen andere Menschen führt in eine Sackgasse.

Man könnte dies als Binsenwahrheit erachten, aber ist dies auch mit Sicherheit ein völlig überwundenes Problem, eines, das nicht mehr existiert, nicht mehr aktuell ist in den internationalen Verhältnissen und in den inneren Zuständen mancher Staaten der gegenwärtigen Welt? Hat sich die politische Mentalität der Großmächte in genügendem Maße geändert? Ist eine reale Bereitschaft zum Kompromiß erkennbar, zu ehrlichem Verzicht auf die Erweiterung politischer und militärischer Einflußzonen unter offensichtlicher oder geheimer Anwendung von Gewaltmitteln, Diversion und Terror?

Dies alles in einer Zeit, in welcher die freie Entfaltung von wirtschaftlichen, kulturellen, wissenschaftlichen Beziehungen und die Freiheit der Kontakte zwischen den Menschen in höherem Mäße das Wohl vieler Völker garantieren könnten, als das verbissene Verharren bei traditionellen und längst kompromittierten Methoden der Gewalt.

Es wird im allgemeinen als unbestritten erachtet, daß in Europa auf dem ersten Platz der gemeinsamen Werte der Mensch steht, sein Leben, sein Wohl, seine Zukunft. Angesichts der Erfahrungen der Zeitgeschichte wagt wenigstens niemand, dies laut in Frage zu stellen, und schon das allein deutet auf einen gewissen Fortschritt hin. Der Mensch soll also in dieser Welt Ziel sein und nicht Werkzeug. Die Staaten, die sozialen Organisationen, die politischen Parteien sollen dem Menschen dienen und nicht er ihnen.

Zu den Parolen des 18. Jahrhunderts: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit hat sich die sehr realistisch verstandene Parole der sozialen Gerechtigkeit gesellt, also einer Ordnung, die die Anerkennung der Rechte der arbeitenden Menschen und die Sicherung von würdigen Lebensumständen garantiert.

Aber gleichzeitig war doch dieses seinem Ende entgegengehende 20. Jahrhundert ein Jahrhundert schrecklicher Verbrechen am Menschen im Namen wahnsinniger Ideen. Und es wird gewiß in der Geschichte ein Jahrhundert der Massenvernichtung von Menschen unter dem Kryptonym „Endlösung der Judenfrage“ oder unter anderen verschlüsselten Bezeichnungen bleiben, aber auch als Jahrhundert der Konzentrationslager, geschaffen an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten von Menschen für Menschen.

Die ganze zivilisierte Welt verurteilt in den letzten Jahrzehnten die Unterdrückung der Regierten durch die Regierenden. Leider gelang es uns bisher aber nicht, die Institution der Gewissenshäftlinge, Folterungen durch politische Polizei, Unterdrückung wegen einer Konfession oder einer Weltanschauung, Mord an Priestern verschiedener Konfessionen und verschiedene Arten von Zwangsarbeitslagern und Konzentrationslagern nur noch aus der Literatur zu kennen.

Nicht genug davon, der Fortschritt der Medizin führte im 20. Jahrhundert zu zwangsweiser Isolation und Mißhandlung von Menschen in psychiatrischen Anstalten, sofern sie Ansichten vertreten und verkünden, die der Ideologie und den Interessen der Macht widersprechen.

Der Begriff der Freiheit des Wortes — untersucht in vielen Ländern, beschrieben in Hunderten von Arbeiten von Politologen, Soziologen, Kommunikationswissenschaftlern — wird noch immer in den verschiedenen europäischen Ländern ganz unterschiedlich interpretiert.

Die primitive Uberzeugung, daß das Fernhalten der Menschen von den Informationsquellen und dem. freien Nachrichtenumlauf eine diskussionsfreie Beherrschung von Menschengruppen oder Völkern erleichtern werde und somit deren widerspruchslose Annahme einer einheitlichen Formel oder eines einheitlichen politischen und ideologischen Rezeptes erleichtert, kann auf dem heutigen Stand der Entwicklung der Massenkommunikationsmittel als Naivität, wenn nicht gar als Nonsens erachtet werden. Und doch besteht eine solche Praxis.

Eine unbestrittene und glückliche Tatsache ist, daß wir in Europa — wiewohl leider nicht in der ganzen Welt — seit mehr als vierzig Jahren das Phänomen Krieg zwischen einzelnen Staaten nicht kennen. Ich würde jedoch zögern, die Situation in einigen Ländern Europas, in denen die besonders brutale Erscheinung des organisierten Terrors stets aufs neue blutige Opfer in der Bevölkerung hinterläßt, mit dem schönen Wort Frieden zu bezeichnen.

Es könnte scheinen, daß diesem düsteren, verbrecherischen Treiben entgegenzutreten, eines der wichtigsten Ziele der aufrichtig idealistischen Jugend sein müßte, die in verschiedenen europäischen Organisationen der Friedensbewegung wirkt. Es kann ja überhaupt nicht die Rede von Glaubwürdigkeit irgendwelcher Organisationen oder politischer Parteien sein, welche in ihren Programmen oder auch unterbewußt das Naturrecht und die aus ihm resultierenden Rechte mißachten, wie das Grundrecht, zu leben und Leben zu verteidigen, das dem Menschen niemand schenken oder wegnehmen darf.

Haß, Feindschaft und Verachtung Menschen gegenüber haben auch heute noch verschiedene Gesichter, der Terrorismus ist nur eines davon. Aber wir kennen auch andere Gefährdungen der moralischen Ordnung. So praktiziert man zum Beispiel, angeblich um sogenanntes größeres Übel zu verhindern, nicht selten Nachgiebigkeit gegenüber der Ubermacht und der Verletzung der grundsätzlichen Rechte des Menschen.

Den Antisemitismus kleidet man gelegentlich in die falsche Maske des sogenannten Anti-Zionismus, was die Manipulation mit niederen Instinkten und das Wachrütteln von verschiedenen Ressentiments ermöglicht. Eine eigenartige Form der Menschenverachtung ist auch die apodiktische Festsetzung von Grenzen der Freiheit für die anderen, die pragmatische Nonchalance in der Behandlung unterdrückter Völker.

Wie hell und eindeutig klingt vor diesem Hintergrund die Stimme des Papstes Johannes Paul II., der in der Enzyklika „Redemptor Hominis“ das Wesen der Menschenrechte als Fundament des Lebens im Frieden aufgegriffen hat:

„Letztlich führt sich der Frieden zurück auf die Achtung der unverletzlichen Menschenrechte — opus iustitiae pax —, während der Krieg aus der Verletzung dieser Rechte entsteht und noch größere derartige Verletzungen nach sich zieht. Wenn die Menschenrechte in Friedenszeiten verletzt werden, ist dies besonders schmerzlich und stellt unter dem Gesichtspunkt des Fortschritts ein unverständliches Phänomen des Kampfes gegen den Menschen dar, das auf keine Weise mit irgendeinem Programm, das sich selbst als .humanistisch' bezeichnet, in Einklang gebracht werden kann. Wenn aber nun trotz dieser Voraussetzungen die Menschenrechte auf verschiedene Weise verletzt werden, wenn wir Zeugen von Konzentrationslagern, von Gewalt und von Torturen, von Terrorismus und vielfältigen Diskriminierungen sind, so muß das eine Folge anderer Verbindungen sein, die die Wirksamkeit der humanistischen Voraussetzungen in jenen modernen Programmen und Systemen bedrohen oder auch zunichte machen.“

Der Autor, polnischer Historiker und Publizist, ist Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 1986. Der Beitrag ist ein Auszug aus seiner Dankesrede anläßlich der Preisverleihung am 5. Oktober in Frankfurt am Main.

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