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"Wie die Geschichte ausgeht, IST NOCH OFFEN"

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Nicht nur an den Grenzen Europas drängen sich Flüchtlinge: Caritas-Präsident Michael Landau zur Lage und dazu, was das für Kirche und Christen bedeutet.

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Nicht nur an den Grenzen Europas drängen sich Flüchtlinge: Caritas-Präsident Michael Landau zur Lage und dazu, was das für Kirche und Christen bedeutet.

Im vergangenen Jahr ist, was das Engagement für Flüchtlinge in Österreich betrifft, Geschichte geschrieben worden, meint Caritas-Präsident Michael Landau im Weihnachtsinterview der FURCHE.

DIE FURCHE: Sie kommen gerade aus dem Libanon zurück: Mit welchen Eindrücken?

Michael Landau: Ich fand es extrem beeindruckend, wie der Libanon nachbarschaftlich geholfen hat. Ein kleines Land hat in den Jahren des Kriegs in Syrien faktisch zumindest 1,5 Millionen Menschen auf der Flucht aufgenommen. Das ist eine für das Land enorm fordernde Situation, weil die Infrastruktur, die Schulen, die Raummöglichkeiten mehr als knapp sind. Wir haben Flüchtlinge, die unter Bedingungen leben, die wir uns nicht vorstellen können. Vier Millionen Syrerinnen und Syrer haben das Land verlassen. Gut die Hälfte sind Kinder. Uns geht es vor allem um die Perspektive dieser Kinder: Wenn ihnen kein Zugang zur Bildung eröffnet wird, dann droht hier eine verlorene Generation.

DIE FURCHE: Was bedeutet das für die Diskussion in Österreich?

Landau: Die Situation im Libanon relativiert vieles auch hierzulande. Wir haben hier ein kleines Land, das heute mehr Flüchtlinge aufgenommen hat, als 2015 in ganz Europa Asylanträge gestellt wurden. Dieser Blick kann uns eine Hilfe sein, die eigenen Aufgaben richtig einzuordnen. Heuer wird die Anzahl der Asylanträge erstmals die Zahl der Millionärinnen und Millionäre in Österreich knapp erreichen. Wir sind in Österreich gefordert, aber dass wir schon überfordert sind, erschließt sich mir nicht ohne weiteres.

DIE FURCHE: In der Flüchtlingsdiskussion sagt die Politik immer wieder, Österreich müsse sich vor Ort - etwa in Nahost - engagieren.

Landau: Solange dort Krieg herrscht und die Menschen keinen Schutz und keine Sicherheit und keine Perspektive finden, solange mit Waffenhandel viel Geld verdient wird, werden Menschen sich auf den Weg machen und bis nach Europa kommen. Es geht da auch um Hilfe in der Region, damit sie zurückkehren und ihre Heimat wiederaufbauen können. Denn sehr viele wollen zurückkehren. Unterlassene Hilfeleistung hat da ihren Preis. Wir haben in den vergangenen Jahren in Österreich viele Sonntagsreden von der Bedeutung der Hilfe vor Ort gehört. Jetzt wäre es an der Zeit, dass diese Hilfe im notwendigen Ausmaß auch in die Gänge kommt.

DIE FURCHE: Österreich hat sich wiederholt verpflichtet, das Budget für die Entwicklungszusammenarbeit zu erhöhen ...

Landau: und ich bedaure sehr, dass einmal mehr die im Regierungsprogramm vorgesehene Erhöhung der bilateralen Entwicklungszusammenarbeit nicht vorgenommen wird. Es ist gut, dass der Auslandskatastrophenfonds ein Stück weit aufgestockt worden ist. Aber wir müssen auch beim Thema der Entwicklungszusammenarbeit deutlich mehr Aufmerksamkeit entwickeln.

DIE FURCHE: Diese Klage habe ich von Ihnen auch schon vor zehn oder 20 Jahren fast wortident gehört. Wie kommt man aus diesem Kreis heraus: Alle - auch die Regierenden - wissen, was hier zu tun wäre, aber es wird nicht getan.

Landau: Die österreichische Debatte fokussiert sich zurzeit stark auf die Frage der Unterbringung und der Quartiere. Das ist notwendig, denn es kann nicht sein, dass jetzt im Winter Menschen auf der Flucht obdachlos etwa vor Traiskirchen warten. Ja, wir müssen das Thema der Unterbringung lösen. Und ich bin froh, dass sich da einiges positiv weiterentwickelt hat. Aber für zumindest ebenso wichtig halte ich, im Bereich der Integration sehr viel entschiedener vorzugehen. Mir müssen alles tun, damit aus der Unterbringungskrise von heute nicht die Integrationskrise von morgen wird. Hier lassen wir unverantwortlich viel Zeit verstreichen, und ich frage mich schon: Dieser Krieg geht jetzt in sein fünftes Jahr, und bis heute schuldet uns die Bundesregierung so etwas wie ein Gesamtkonzept und einen strategischen Plan. Hier wird es nicht genügen, zu sagen, dass man auf das Thema eh schon lange hingewiesen habe, sondern hier erwarte ich mir auch so etwas wie eine Gesamtstrategie. Dazu gehört natürlich auch mehr europäische Solidarität. Klar ist, es können nicht einige wenige Länder für ganz Europa die Aufgabe übernehmen.

DIE FURCHE: Aber in Europa geht die politische Entwicklung doch genau in die Gegenrichtung - von Frankreich bis Polen. Auch in Österreich erhält der Rechtspopulismus gleichfalls viel Zulauf.

Landau: Wenn ich in Österreich ansetze, dann muss ich schon sagen: Hier ist an den Grenzen, den Bahnhöfen im zu Ende gehenden Jahr Geschichte geschrieben worden. Allein bei der Caritas haben sich 15.000 Freiwillige gemeldet. Es gibt ein enormes Engagement für Flüchtlinge im Bereich der Zivilgesellschaft -und an vielen Orten auch ein gutes Zusammenspiel auch mit Polizei, Bundesheer oder den ÖBB. Hier ist wirklich ein Stück Geschichte geschrieben worden. Aber wie diese Geschichte ausgeht, ist offen. Da müssen wir als Caritas und als Kirche insgesamt klar die Verantwortung für die Menschen auf der Flucht einfordern. Gerade die Weihnachtserzählung erinnert an die Geburt Jesu Christi in prekärer Not. Die Weihnachtsgeschichte ist ja auch eine Fluchtgeschichte. So gesehen müssen die Kirchen sensibel sein und an die Not erinnern und an den Auftrag, der Not nicht tatenlos zuzusehen. Auch Papst Franziskus wird nicht müde, daran zu erinnern, wenn er sagt, Migranten und Flüchtlinge sind keine Figuren auf dem Schachbrett der Menschheit. Wir handeln politisch global, wirtschaftlich multilateral und moralisch-ethisch erstaunlich provinziell. Was ansteht, ist eine Globalisierung des Verantwortungsbewusstseins und der Solidarität.

DIE FURCHE: Der zivilgesellschaftliche Erfolg ist das eine. Aber gerade in Österreich haben politische Anbieter, die mit Angst operieren, zugelegt. Fürchten Sie nicht, dass Angstmache auch die von Ihnen benannten Erfolge kippen lässt?

Landau: Die österreichischen Bischöfe haben zuletzt nicht nur klare Worte zum Thema Menschen auf der Flucht gefunden, sondern den Appell unter den Titel gestellt: Wer Österreich liebt, spaltet es nicht. Denn offensichtlich gibt es die Versuchung, die vorhandenen Sorgen zu instrumentalisieren. Aus meiner Sicht sind zwei Dinge notwendig: Zum einen halte ich es für wesentlich, die Sorgen der Menschen anzuhören und das Gespräch zu suchen. Man soll nicht Menschen, die Sorgen äußern, rasch ins Eck stellen. Und die Caritas hat als zweites bewusst auch einen starken Schwerpunkt in der Sorge für notleidende Menschen hier in Österreich: Wir dürfen nicht die eine Not gegen die andere ausspielen.

DIE FURCHE: Gibt es ein gesteigertes, auch finanzielles Engagement von Menschen in diesem Land?

Landau: Gerade in Zeiten steigender Flüchtlingszahlen sind viele Menschen gekommen, weil sie gespürt haben: Hier kommt es auch auf mich an - siehe die 15.000 Freiwilligen. Zahlreiche Pfarren haben ihre Säle in Transitquartiere umfunktioniert, am Höhepunkt sind allein am Wiener Westbahnhof zirka 10.000 Flüchtlinge am Tag versorgt worden. Ich könnte noch viel andere Orte in Österreich aufzählen. Mir fällt auf, dass dieses Engagement einen erstaunlich langen Atem hat - in gutem Zusammenspiel zwischen hauptamtlicher und ehrenamtlicher Professionalität. Klar ist: Die aktuelle Situation wird nur dann zu einem guten Abschluss kommen, wenn ein Zusammenspiel aller gelingt - Bund, Länder, Gemeinden, Hilfsorganisationen, Zivilgesellschaft. Ich halte es für hilfreich, sich die Frage zu stellen: Es wird der Zeitpunkt kommen, wo wir die Aufgabe bewältigt haben. Und wenn wir von diesem Zeitpunkt aus zurückschauen auf unser Handeln heute, dann sollten wir so entscheiden, dass wir vor der Generation unserer Kinder und Enkelkinder zu dem stehen können, was wir heute getan haben und uns nicht im Rückblick dafür schämen müssen.

DIE FURCHE: Ein Beispiel aus Wien: Ein Pfarrsaal dient als Transitquartier. Pfarrmitarbeiter erzählen, dass innerhalb kürzester Zeit viele Freiwillige gekommen sind, die zum überwiegenden Teil nicht in der Pfarre engagiert sind, Leute, die man in der Kirche nie gesehen hat -und die jetzt sagen: Selbstverständlich sind wir Christen, selbstverständlich tun wir da mit.

Landau: Ich höre oft Ähnliches. Ich glaube, dass heute viele in konkretem Tun erahnen, was die befreiende Botschaft des Evangeliums meint. Vielleicht ist das eine besonders wirksame Form, deutlich zu machen, dass das Evangelium nicht ein fernes Geschehen ist, sondern jeweils unser eigenes Leben meint. Und dass unser Glaube heute und hier konkret wird - oder er wird es gar nicht. Insbesondere dort, wo wir uns einlassen auf die Herausforderungen der Not. Johann Baptist Metz hat das einmal so gesagt: Es gibt kein Leid in der Welt, das uns gar nichts angeht. Die Warnung vor der Leidunempfindlichkeit spricht auch Papst Franziskus immer wieder aus, wenn er etwa in Lampedusa sagt: "Wir haben zu weinen verlernt." Hier zeigt sich: Es gibt die gute Grundempfindlichkeit für das Leid, es gibt doch viele Menschen, die nicht wegsehen, sondern hinsehen und handeln.

DIE FURCHE: Sollte das nicht auch ein Innovationsschub in der Kirche sein, die oft mehr mit Abbruch, Austritt wahrgenommen wird?

Landau: Unbedingt. Ich bin ganz überzeugt davon, dass Gott seiner Kirche durch die Zeichen der Zeit etwas sagen möchte. Offensichtlich sind wir heute in besonderer Weise gefordert, wo es um Menschen an den Rändern der Gesellschaft und des Lebens geht. Die Einsamen zu besuchen. Mit denen zu sein, die sonst niemanden haben. Menschen auf der Flucht nicht im Stich zu lassen. Das sind Werke der Barmherzigkeit. Dieses Ja Gottes zu jedem Menschen auch dort zu buchstabieren, wo der gesellschaftliche Mainstream eine andere Richtung einschlägt. Der Mut, gegen den Strom zu schwimmen, gehört zu den Uraufträgen der Kirche.

DIE FURCHE: Hat dieses Jahr 2015 die Gesellschaft verändert?

Landau: Ich glaube, ja: Wir haben in diesem Jahr Geschichte geschrieben. Viele Menschen haben auch wahrgenommen, dass hier Wesentliches geschieht. Aber wie die Geschichte ausgeht, ist noch offen. Entscheidend ist, dass wir uns als Gesellschaft mühen, dass diese Geschichte zu einem guten Abschluss kommt. Das liegt nicht nur, aber auch an uns.

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