Diesseits von Gut und Böse

Erhard Busek: Zeit für Einfachheit

1945 1960 1980 2000 2020

Österreichs Bischöfe plädierten für eine „geistvoll erneuerte Normalität“. Warum Konkreteres über „einfaches christliches Leben“ schön gewesen wäre. Ein Gastkommentar von Erhard Busek.

1945 1960 1980 2000 2020

Österreichs Bischöfe plädierten für eine „geistvoll erneuerte Normalität“. Warum Konkreteres über „einfaches christliches Leben“ schön gewesen wäre. Ein Gastkommentar von Erhard Busek.

Mit Hirtenworten der österreichischen Bischofskonferenz bin ich als „Nachkriegschrist“ groß geworden. Sie hatten eine gewisse Orientierungsfunktion, wie etwa die „Mariazeller Erklärung“ oder der Sozialhirtenbrief, und waren von grundsätzlicher Bedeutung. In bewegten Zeiten gaben sie begleitende Kommentierung und Orientierung! Ich gebe zu, keine umfassende Zählung von Hirtenworten zu kennen, mir kommt aber vor, dass sie seltener geworden sind. Umso mehr habe ich es begrüßt, dass es ein Wort zur Corona-Pandemie gab. Die Einleitung mit dem Hinweis auf Papst Franziskus war ausgezeichnet – was aber nachher kam, war eher von bescheidenem Zuschnitt.

Ein wesentlicher Zwischentitel gab mir Hoffnung, nämlich „Unser Fundament: einfach christlich leben“. Ich hatte gehofft, dass hier in Folge der sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen, aber auch der Tatsache, dass ein Leben aus der Fülle zumindest in der nächsten Zeit nicht möglich sein wird, Grundsätzlicheres gesagt wird. Es wäre zu empfehlen, Christen darauf aufmerksam zu machen, „einfacher“ zu leben. Das gilt nicht nur für die ökologischen Fragestellungen, sondern überhaupt für den überbordenden Lebensstil vor Corona. Natürlich gibt es nach wie vor arme Menschen, worauf auch aufmerksam gemacht wird, aber Hinweise auf den Lebensstil waren mehr als angebracht. Es ist schön, wenn die Spendenbereitschaft erwähnt wird – und das ist auch gut so –, aber das allein kann es nicht sein. Richtig ist, darauf hinzuweisen, dass die Nachbarschaftshilfe zugenommen hat, aber es müsste sich um einen bleibenden Zustand handeln. Etwas handfestere Ausführungen wären sehr schön gewesen. Solidarität wurde praktisch von vielen Menschen gezeigt, das sollte aber so bleiben! Sollte die Kirche nicht auf die unbegleiteten Kinder in Lagern hinweisen oder auf die Millionen Flüchtlinge in der Türkei?

Eine ungenutzte Chance

Das Erscheinungsbild der Kirche muss durchaus einer gewissen Kritik unterzogen werden. Natürlich gab es eine stärkere Hinwendung zu Gottesdiensten, die im Fernsehen übertragen wurden, wobei mir die kritische Bemerkung gestattet sei, dass etwa Servus TV die bessere Auswahl von Gottesdiensten hatte als der öffentlich-rechtliche ORF. Es ist hier eine Chance nicht genutzt worden, direkte Worte zu sagen, die Menschen anzusprechen, denn wir wissen, dass der „Glaube vom Hören“ kommt. Auch die Begleitung der Gottesdienste im Musikalischen und Literarischen hätte durchaus engagierter sein können. Auf Verschiebungen auf bessere Zeiten zu verweisen, ist einfach zu wenig. Man hätte sich daran erinnern können, dass Christen in kritischen Zeiten an markanten Orten zusammenkamen, wie man in Rom immer wieder durch einschlägige Besuche in den Katakomben erinnert wird. In der zweiten Phase des Virus wäre es vielleicht auch möglich gewesen, nicht nur Autokinos wieder zu eröffnen, sondern in großen Räumen auch Gottesdienste zu veranstalten, die genauso die Menschen angesprochen hätten, aber mehr Gemeinschaft vermitteln können – bei Beachtung der Distanzregeln.