#

Lebendigkeit

Musalek - © Foto: Inge Prader
Lebenskunst

Michael Musalek: „Oft reicht ein Lächeln“

1945 1960 1980 2000 2020

Wie kann es gelingen, trotz widriger Umstände das Schöne nicht aus den Augen zu verlieren? Der Psychiater, Suchtexperte und Sozialästhet Michael Musalek über die Lektionen aus der Pandemie.

1945 1960 1980 2000 2020

Wie kann es gelingen, trotz widriger Umstände das Schöne nicht aus den Augen zu verlieren? Der Psychiater, Suchtexperte und Sozialästhet Michael Musalek über die Lektionen aus der Pandemie.

Michael Musalek ist Vorstand des Instituts für Sozialästhetik und psychische Gesundheit an der Sigmund Freud Privatuniversität (SFU) in Wien und Berlin, das an der Schnittstelle von Therapie, Philosophie und Lebenskunst angesiedelt ist. Der langjährige Leiter des Anton Proksch Instituts in Wien-Kalksburg (bis Ende 2020) hat u. a. innovative Ansätze in der Suchtbehandlung entwickelt, die zur Neu- und Wiederentdeckung der eigenen Lebenskräfte beitragen sollen. In der Ö1-Radioreihe „Auf eine Melange mit Musalek“ präsentierte der Psychiater und Psychotherapeut zuletzt unterschiedliche Bewältigungsstrategien von Krisen und psychischen Ausnahmesituationen. Die FURCHE hat mit ihm ein telefonisches Interview geführt.

Michael Musalek ist Vorstand des Instituts für Sozialästhetik und psychische Gesundheit an der Sigmund Freud Privatuniversität (SFU) in Wien und Berlin, das an der Schnittstelle von Therapie, Philosophie und Lebenskunst angesiedelt ist. Der langjährige Leiter des Anton Proksch Instituts in Wien-Kalksburg (bis Ende 2020) hat u. a. innovative Ansätze in der Suchtbehandlung entwickelt, die zur Neu- und Wiederentdeckung der eigenen Lebenskräfte beitragen sollen. In der Ö1-Radioreihe „Auf eine Melange mit Musalek“ präsentierte der Psychiater und Psychotherapeut zuletzt unterschiedliche Bewältigungsstrategien von Krisen und psychischen Ausnahmesituationen. Die FURCHE hat mit ihm ein telefonisches Interview geführt.

Navigator

Liebe Leserin, lieber Leser,

diesen Text stellen wir Ihnen kostenlos zur Verfügung. Im FURCHE‐Navigator finden Sie tausende Artikel zu mehreren Jahrzehnten Zeitgeschichte. Neugierig? Am schnellsten kommen Sie hier zu Ihrem Abo – gratis oder gerne auch bezahlt.
Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger‐Fleckl (Chefredakteurin)

diesen Text stellen wir Ihnen kostenlos zur Verfügung. Im FURCHE‐Navigator finden Sie tausende Artikel zu mehreren Jahrzehnten Zeitgeschichte. Neugierig? Am schnellsten kommen Sie hier zu Ihrem Abo – gratis oder gerne auch bezahlt.
Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger‐Fleckl (Chefredakteurin)

DIE FURCHE: Herr Professor Musalek, wie sind die Erfahrungen eines Psychiaters seit Beginn der Coronakrise – insbesondere im Hinblick auf den problematischen Alkoholkonsum?
Michael Musalek: Menschen, die jetzt von Ängsten oder Schlafstörungen geplagt sind, greifen oft zum Alkohol, denn das ist nun einmal das beliebteste und am besten verfügbare Beruhigungsmittel. Bereits im Mai letzten Jahres hat die erste Umfrage zu den psychosozialen Coronafolgen (durchgeführt vom Gallup-Institut im Auftrag der SFU, Anm. d. Red.) eine deutliche Zunahme des Alkoholkonsums gezeigt, sowohl bei jenen, die ohnehin schon ein problematisches Trinkverhalten hatten, als auch bei anderen, die bisher nicht regelmäßig tranken. Zudem hat die Rückfallhäufigkeit bei Patienten mit Alkoholabhängigkeit zugenommen. Leider kommen etliche dieser Menschen nicht mehr in Behandlung – aus Angst vor einer Ansteckung, aber auch weil es aufgrund eingeschränkten Betriebs weniger Möglichkeiten gibt. Das sehen wir auch bei psychisch schwer Kranken, die auf eine regelmäßige Behandlung angewiesen sind. Wenn die psychischen Probleme zunehmen, die Leute aber weniger versorgt werden, ist das eine fatale Entwicklung. Das betrifft übrigens auch andere medizinische Disziplinen. Man sollte nicht so tun, als ob Corona die einzige Gesundheitsgefahr wäre.

DIE FURCHE: Wie schlimm sind die Kollateralschäden der Pandemie?
Musalek: Bei einem Viertel der Befragten in der besagten Studie gab es psychosoziale Probleme, ebenfalls ein Viertel hatte wirtschaftliche Probleme. Bemerkenswert ist, dass sich diese Gruppen im letzten Frühjahr nur zu ungefähr zehn Prozent überschnitten. Die psychosozialen Probleme nach dem ersten Lockdown waren also großteils nicht auf wirtschaftliche Schwierigkeiten zurückzuführen. Für die Folgeuntersuchung im Februar ist jedoch zu erwarten, dass die Überschneidungen größer werden, weil jetzt die wirtschaftlichen Probleme stärker auf die Psyche durchschlagen, vor allem in stark betroffenen Branchen wie etwa der Gastronomie. Die meisten Menschen mit psycho sozialen Problemen leiden unter den einschränkenden Corona-Maßnahmen – an denen meines Erachtens jedoch kein Weg vorbeiführt.

DIE FURCHE: Wie beurteilen Sie das Corona-Management der Regierung?
Musalek: Wir erleben wohl deshalb so einen schweren Winter, weil man den Sommer verschlafen hat. Dass man nicht gleich zu Beginn der Krise zwei Meter Abstand und FFP2-Masken eingefordert hat, ist unverständlich. Und Masken mit Ventil hätten sofort verboten gehört. Menschen können sich schließlich auf vieles einstellen. Im Anton Proksch Institut wurden die Corona-Maßnahmen seit letztem Frühjahr nicht mehr verändert, damit sich Patienten und Personal daran gewöhnen. So ist etwa das Maskentragen rasch selbstverständlich geworden. Außerdem scheint es, als ob man kaum ein Bewusstsein dafür hatte, dass die Co ronaMaßnahmen traumatisch wirken können, also psychische Verletzungen nach sich ziehen. Es hätte dafür gesorgt werden müssen, diese möglichst gering zu halten – so wie bei einem Medikament, das möglichst gut wirken, aber möglichst wenige Nebenwirkungen haben soll.

Dass der Tod in unserer Kultur so ausgelagert wird, ist fatal – nicht nur in der Pandemie. Wir brauchen da einen völlig neuen Diskurs.

Michael Musalek

DIE FURCHE: Die Sozialwissenschafterin Marianne Gronemeyer kritisierte unlängst in einem FURCHE-Beitrag, dass der Sicherheit in der Krise das „lebendige Miteinander“ geopfert wurde. Der soziale Preis der Pandemiebekämpfung sei zu hoch. Können Sie dem etwas abgewinnen?
Musalek: Der Mensch ist nun einmal ein Gemeinschaftswesen. Von klein auf sind wir auf andere angewiesen, und die Autonomie als Erwachsener nimmt gegen Ende des Lebens wieder ab. Deshalb ist der Kontakt zu anderen unabdingbar wichtig. Leider wurde zu Beginn der Krise körperliche Dis- tanz mit sozialer Distanz verwechselt: „Social Distancing“ war für mich das Unwort des letzten Jahres. Gerade jetzt brauchen wir mehr denn je psychosoziale Nähe. Und man kann sehr wohl die körperliche Distanz einhalten und zugleich der sozialen Distanz entgegenwirken. Das beste Beispiel waren die singenden Menschen auf den Balkonen in Italien. Ohne Zweifel ist das in der Wiener Großfeldsiedlung oder in Alterlaa ein bisschen schwieriger als in einer engen Gasse in Neapel. Aber oft reicht schon eine einfache Geste wie ein Lächeln, um Distanz zu überwinden und positiven Kontakt herzustellen. Dafür gibt es eine Fülle von sozial ästhetischen Maßnahmen, die bislang weder gefördert noch vermittelt wurden. Im letzten Frühjahr hat man in Wien sogar die Parks als Begegnungszonen zugesperrt. Gott sei Dank kommt heute niemand mehr auf eine solche Idee!

DIE FURCHE: Die Pandemie zeigt, wie heikel die Abwägung von Gesundheit und sozialem Kontakt in kritischen Bereichen wird, etwa bei todkranken Menschen in Pflegeheimen und Intensivstationen oder bei der Durchführung von Begräbnissen mit begrenzter Teilnehmerzahl ...
Musalek: Es gibt eine Reihe von Situationen, wo man Menschen im Stich lässt. Viele spüren jetzt, dass es nicht in Ordnung ist, wenn Menschen beim Sterben allein gelassen werden. In Corona zeiten stirbt man ja noch einsamer als sonst. Dass der Tod in unserer Kultur so ausgelagert wird, ist fatal – nicht nur in der Pandemie. Zuhause zu sterben ist extrem kompliziert geworden. Man findet kaum Ärzte, die den Prozess begleiten wollen. Wir brauchen da einen völlig neuen Diskurs. Die aktuelle Debatte zur Sterbehilfe finde ich kontraproduktiv, denn sie lenkt vom eigentlichen Problem ab. Es geht nicht darum, das Sterben zu beschleunigen. Vielmehr geht es um die Qualität, wie Menschen sterben – die muss verbessert werden! Das wäre jetzt eine der großen Lektionen aus der Krise. Übrigens habe ich noch nie den „rechten Zeitpunkt“ des Todes gesehen. Jeder Mensch stirbt zu früh. Aber wir können lernen, das Furchtbare in dieser fürchterlichen Situation anzunehmen. Weil Sterben ist ja nicht pervers, auch wenn wir das nicht immer gleich wahrhaben wollen. Ein befreundeter Theologe hat das treffend auf den Punkt gebracht: „Sterben müssen wir alle – ich vielleicht auch.“

DIE FURCHE: Offensichtlich sinkt die Bereitschaft der Bevölkerung, sich an die Lockdowns zu halten. Wie ist dieser „Maßnahmenmüdigkeit“ zu begegnen?
Musalek: Bei manchen ist es einfach Protest, bei vielen stehen aber schwerwiegende psychische und ökonomische Bedingungskonstellationen dahinter. Aber auch die politische Kommunikation ist verantwortlich dafür, denn da hat man primär auf Angst gesetzt. Es ging zu wenig um Verständnis oder Solidarität – obwohl das gerade beim Maskentragen so naheliegend wäre. Schließlich haben wir mit der Maske bis vor kurzem immer nur die anderen geschützt. Aus der Motivationsforschung weiß man seit Jahrzehnten, dass Menschen in Angstsituationen „adaptieren“. Das heißt, wer zu lange unter Angst gesetzt wird, beginnt, sich von diesem Gefühl zu lösen, ganz im Sinn von: „Das hat mit mir nichts zu tun.“ Genau das lässt sich jetzt beobachten – eine Art von innerer Abschottung. Negative Motivation ist nur kurzfristig wirksam, langfristig sogar kontraproduktiv. Wenn nun fast ein Jahr Angst verbreitet wurde, ist es verwunderlich, wie viele Menschen da überhaupt noch mitmachen.

DIE FURCHE: Sie meinen also, die Politik sollte vielmehr auf positive Motivation setzen. Aber wie kann das angesichts nicht gerade ermutigender Nachrichten – Stichwort Impfskepsis, Impfstoffknappheit etc. – funktionieren?
Musalek: Indem man vermittelt, dass es gelingen kann, trotz widriger Umstände ein möglichst angenehmes Leben zu haben. Und dadurch wiederum eine größere Resistenz gegenüber einer möglichen Erkrankung entwickelt. Stressreduktion ist generell gut für das Immunsystem. Natürlich gibt es auch andere Schutzfaktoren wie gesunde Ernährung oder nur geringer Alkoholkonsum. Gerade Alkohol verschlechtert die Resistenz gegenüber Infektionsgefahren. All das wurde im öffentlichen Diskurs bislang zu wenig thematisiert, und zwar aus folgendem Grund: Es gibt bisher nur in Wien einen psychosozialen Krisenstab, der den Politikern beratend zur Seite stehen kann. Die aktuelle Situation erfordert ja nicht nur virologische und immunologische Expertise, sondern auch psychosoziales Knowhow. Wenn das nicht genutzt wird, führt das dazu, dass man vorhandenes Wissen zur Krisenbewältigung nicht oder nur teilweise in die Praxis umsetzen kann.

Wenn nun fast ein Jahr Angst verbreitet wurde, ist es verwunderlich, wie viele Menschen überhaupt noch bei den Corona-Maßnahmen mitmachen.

DIE FURCHE: Körperliche Bewegung ist ebenfalls ein wichtiger Schutzfaktor für die Gesundheit. Hätte man während der Corona-Maßnahmen nicht auch mehr Sport erlauben sollen?
Musalek: Das erinnert mich daran, dass schon in der Schule zuerst immer das Turnen sowie derZeichen­ und Musikunterricht ausgefallen sind. Ähnliches sieht man jetzt gesamtgesellschaftlich: Viele Sportarten sowie das Kulturleben werden den Maßnahmen geopfert. Es wäre fatal zu glauben, dass man das am wenigsten braucht. Lebensfreude ist gesundheitlich relevant, und die größte Kraftquelle des Menschen ist die Erfahrung des Schönen. Diese Erfahrung finden die meisten in Kunst und Kultur, oder eben in der Bewegung. Zudem muss man hier sehr genau unterscheiden zwischen der Sportausübung und dem, was für manche damit verbunden wird. Was beim AprèsSki passiert ist, kann man ja weder mit „Kultur“ noch mit „Sport“ gleichsetzen. Mannschaftssport ist unter den aktuellen Bedingungen zwar nicht ganz einfach, aber wenn man alle Beteiligten vorher testet, braucht man auch in diesen Zeiten nicht darauf zu verzichten. Die Hauptansteckungsbereiche sind vor allem private Veranstaltungen und Treffen ohne entsprechende Präventionskonzepte.

Es wäre fatal zu glauben, dass man Sport oder Kunst und Kultur am wenigsten braucht. Denn die größte Kraftquelle des Menschen ist die Erfahrung des Schönen.

DIE FURCHE: Könnte jetzt auch Impfskepsis zum Problem in der Pandemiebekämpfung werden?
Musalek: Leider sind abschreckende Informationen über die mRNA­Impfstoffe weit verbreitet. Man hätte also viel stärker betonen müssen, dass dieser Ansatz auf langjährigem medizinischem Knowhow basiert. Klinische Studien werden üblicherweise hintereinander gemacht, da die Prüfung eines neuen Wirkstoffs ein großes finanzielles Risiko für die Herstellerfirmen ist. Angesichts der Dringlichkeit wurden die Phasen der klinischen Prüfung hier jedoch teils parallel geführt, und die Behörden haben die Z ulassungsverfahren in diesem Fall vorgezogen. Die Impfstoffe sind somit gut geprüft, auch wenn sie so rasch auf den Markt gekommen sind.

Navigator

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Mit einem Digital-Abo sichern Sie sich den Zugriff auf über 40.000 Artikel aus 20 Jahren Zeitgeschichte – und unterstützen gleichzeitig die FURCHE. Vielen Dank!

Mit einem Digital-Abo sichern Sie sich den Zugriff auf über 40.000 Artikel aus 20 Jahren Zeitgeschichte – und unterstützen gleichzeitig die FURCHE. Vielen Dank!