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"Kokon der vollendeten RESIGNATION"

1945 1960 1980 2000 2020

Mit seinen Diagnosen zur "Gesellschaft der Angst" hat Heinz Bude in ein Nervengeflecht der Zeit getroffen: Der deutsche Soziologe im Gespräch.

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Mit seinen Diagnosen zur "Gesellschaft der Angst" hat Heinz Bude in ein Nervengeflecht der Zeit getroffen: Der deutsche Soziologe im Gespräch.

Eine Gesellschaft mit schwankendem Boden manifestiert sich in quälender Ungewissheit und hartnäckiger Erschöpfung, stiller Verbitterung und verdrängter Wut - ein gärendes Gemisch an Befindlichkeiten, das Heinz Bude in seinem jüngstem Buch auf eine gängige Formel gebracht hat: Angst. Seit Herbst letzten Jahres sorgt sein Befund für Aufsehen. Bude ist seit 1992 am Hamburger Institut für Sozialforschung tätig und hat seit 2000 einen Lehrstuhl an der Universität Kassel inne. Die FURCHE sprach mit ihm anlässlich seines Vortrags im Bruno Kreisky Forum in Wien.

Die Furche: Wie sehen Sie Ihren Befund einer "Angstgesellschaft" im Lichte jüngerer Ereignisse wie die PEGIDA-Demonstrationen in Deutschland?

heinz Bude: Ich habe eine Diagnose darüber versucht, wie sich die Art der Teilhabe an unserer Gesellschaft verändert hat. Insofern hat mich das Aufkommen der PEGIDA-Bewegung nicht wahnsinnig überrascht. Dieses Phänomen lässt sich über "Milieus der Verbitterung" erklären: eine Gruppe von Menschen, die von sich den Eindruck haben, dass sie an der ungebrochenen Erfolgslinie der deutschen und österreichischen Gesellschaft nicht den richtigen Anteil haben. In den letzten 20 Jahren ist eine Entwicklung zu beobachten, dass wir immer mehr und immer intensiver arbeiten. All das, was noch vor kurzem mit Erschöpfung und "Burnout" beschrieben wurde, ist für viele Menschen zur Realität geworden - nicht nur insofern, dass sie das Gefühl haben, sie würden es manchmal nicht mehr schaffen. Sondern auch, dass sie gar nicht die Möglichkeit sehen, in jene Kernbereiche der Gesellschaft einzudringen, wo über bessere Positionen und mehr Sozialprestige entschieden wird. Das ist vielleicht die Schattenseite des überraschenden Erfolgs der deutschen und österreichischen Gesellschaft nach der großen Wirtschaftskrise seit 2008.

Die Furche: Wie lassen sich die Bedingungen, unter denen wir heute leben, am ehesten beschreiben? Der Philosoph Gilles Deleuze etwa spricht von einer "Kontrollgesellschaft", in der die Menschen dazu angehalten werden, sich selbst zu disziplinieren.

Bude: Ich würde sagen, wir leben in einer Klassengesellschaft ohne Klassen. Wir haben es mit neuen "Sortierungsbewegungen" zu tun, auch -um mit Michel Foucault zu sprechen -im Sinne der Biopolitik. Nur ein Beispiel: Heute wird uns von Psychologen gesagt, das Alter sei von hoher Plastizität gekennzeichnet, man gehöre noch lange nicht zum alten Eisen. Damit ergeht die Aufforderung, das Lernen als lebenslangen Prozess zu begreifen. Das heißt letztlich, bis zum Ende des Lebens aufzupassen, nicht von der Rolle zu fallen. Genau das ist ein Problem, weil es immer wieder Überlastungssituationen mit sich bringt. Die "Kompetenzanforderung" von sozialer Teilhabe hat enorm zugenommen: Man muss mehr von sich aus bringen, um dabei zu sein, und kann sein Leben nicht nur damit zubringen, sich auf das "Normgefüge" hin zu orientieren. Vor allem in der jüngeren Generation wird immer mehr Menschen klar, dass selbst eine gute Herkunft, selbst ein höheres Bildungszertifikat noch kein verlässlicher Indikator für eine erfolgreiche Lebenskarriere ist. Man kann mit guten Herkunftsressourcen schlecht landen und mit schlechten Herkunftsressourcen gut. Darauf beruht die gesellschaftliche Atmosphäre der Angst -weil eben alles so offen ist, weil man so viele Möglichkeiten hat. Dann steht immer auch alles auf dem Spiel.

Die Furche: Sie beschreiben die zunehmende "Optionalisierung" des Lebens. Geht die größere Wahlfreiheit mit einem zunehmenden Verlust von Bindungen einher?

Bude: Es ist nicht so, dass die Bindungen verloren gegangen sind. Immer mehr Menschen haben das Gefühl, dass Bindung ein kostbares Gut ist. Der Bindungsbedarf ist größer geworden. Das kommt daher, dass man Bindungen nicht mehr einfach nur hinnehmen mag. Soziologen sagen, dass Bindungen heute vermehrt auch hergestellt werden müssen. Mein Ansatz will mit der Idee eines "neoliberalen Selbst" aufräumen: Dieses Selbst sagt, die Welt ist ein Kaufhaus, und ich wähle mir ein Leben nach meinen Optionen. Am Thema der Bindung jedoch erfährt dieses "neoliberale Selbst" die grausame Dialektik der Wahl: In grundlegenden Dingen wie der Partnerschaft ist das wählende Selbst von der Wahl anderer abhängig, die es im Wesentlichen nicht beeinflussen kann. Wenn einem aber klar wird, dass man nicht nur selbst wählt, sondern immer auch gewählt werden muss, kommt man ganz schön ins Schlingern!

Die Furche: Wie sehen Sie die Rolle von Religion und Spiritualität in der heutigen Gesellschaft? Da ist ja auch eine Lockerung traditioneller Bindungen zu bemerken ...?

Bude: Sozialwissenschaftler sind sich weitgehend einig über den Befund, dass wir mittlerweile in einer "postsäkularen Gesellschaft" leben: Das Thema Spiritualität wird immer wichtiger, weil offenbar die zunehmende Flexibilität in den Arbeitsverhältnissen dazu führt, dass viele Menschen fühlen, was Hape Kerkeling so treffend auf den Punkt gebracht hat: "Ich bin dann mal weg". Das ist eine schöne Formel für den neuen spirituellen Bedarf in unserer Gesellschaft. Von den institutionellen Religionen kann das nicht so einfach abgedeckt werden. Die spannende Frage ist nun, wie mit diesem spirituellem Bedarf umgegangen wird - ohne dass die Leute wiederum das Gefühl bekommen, sie sollen jetzt wieder in eine vorarrangierte Lebensform hineingepresst werden. Denn das würden sie aufgrund ihrer Selbstverwirklichungsansprüche ablehnen. Insgesamt ist das eine schwierige Situation: Man sucht Bindungen, will sie sich aber nicht diktieren lassen. Und man merkt, dass man kaum in der Lage ist, aus sich heraus Bindungen zu schaffen. Man sitzt gewissermaßen in der Bindungsfalle.

DIE FURCHE: Sie haben angemerkt, dass die Begegnung mit global denkenden Intellektuellen aus Afrika oder Asien für unsere westlichen Gesellschaften fruchtbar werden könnte. Warum glauben Sie das?

Bude: Die Atmosphäre der Angst in den OECD-Ländern ist dadurch bedingt, dass unsere Zeit gerade zu Ende geht. Während sich global neue Zentren mit grandiosen Zukunftsvorstellungen herausbilden, erlebt die europäisch-amerikanische Welt eine "vergehende Zeit" und strebt immer mehr auf einen Punkt zu, wo man gar nicht mehr weiß, ob es überhaupt noch so etwas wie Zukunft gibt. Wenn wir uns über unterschiedliche Zukunftsvorstellungen verständigen, kann das für alle gut sein. Man sieht dann, dass die Angst Europas nicht die einzige Angstform auf diesem Planeten ist. Übrigens ist in der Geschichte der Angst seit dem Zweiten Weltkrieg ein markanter Generationswechsel zu bemerken: Die heute Über-50-Jährigen konnten noch die Vorstellung pflegen, dass das Schlimmste, was einem im Leben passieren kann, hinter ihnen liegt. Für Menschen ab circa Jahrgang 1964 ist das keine gefühlte Realität mehr. Wenn sie an das Schlimmste denken, so liegt das eher vor ihnen.

DIE FURCHE: Welche Vorstellungen sind denn heute mit dem "Schlimmsten" verbunden?

Bude: Denken Sie an die Szenarien des Klimawandels -etwa dass Holland zur Hälfte untergeht, wenn der Meeresspiegel weiter steigt. Wenn man das verhindern will, müssen die Menschen, für die Erdgas und Erdöl eventuell die einzige Ressource ist, dafür entschädigt werden, dass sie das Öl und Gas im Boden lassen. Das wird nicht immer in Form einer freundlichen Abmachung lösbar sein. Da kommen auch neue Gewaltpotenziale auf uns zu, was Harald Welzer dazu bewegt hat, über "Klimakriege" nachzudenken. Wenn Klimakatastrophen zunehmen, wird es bevorzugte und benachteiligte Regionen geben. Es wird neue Vulnerabilitäten geben, wie wir sie jetzt schon im kleinerem Ausmaß erkennen können. Wenn man wie in Deutschland versucht, ernsthaft eine Energiewende hinzubekommen, zeigen sich ganz neue Konfliktformen, an die man vorher gar nicht gedacht hätte.

DIE FURCHE: Wie könnte eine angstlösende Therapie für die westlichen Gesellschaften aussehen -oder hat die Angst vielleicht auch eine nützliche Funktion?

Bude: Das Schlimmste sind Angebote, um einen angstfreien Zustand zu erreichen. Das Versprechen, dass es bestimmte Glückstechniken zur Überwindung der Angst gäbe, ist gefährlich. Es gibt heute viele Versuche, sich in einem Kokon der vollendeten Resignation einzurichten. Wenn man nichts mehr erwartet und mit der Idee abgeschlossen hat, dass sich die Welt wirklich verändern lässt, wäre das ja eine Möglichkeit, die Angst zu besiegen. Das wäre aber zugleich ein Zustand der Hoffnungslosigkeit -der große Preis der Angstlösung. Man kann es freilich auch positiv wenden: Wer Angst hat, hat auch Hoffnung. Insofern ist die Angst doppelt aufschlussreich: als Aussicht auf neue Möglichkeiten, und als Erkenntnis im Sinne Heideggers: Wer Angst um sich hat, erfährt den Lastcharakter des Daseins und weiß damit endlich: Du musst Dein Leben selbst führen! DIE FURCHE: Was wäre also Ihr Vorschlag für die "Angstbewältigung" in der Gesellschaft? Bude: Man könnte die Diagnose wagen, dass sich die Sorgen in der Bevölkerung von ihrem politischen Ausdruck entkoppeln. Es gibt Politiker, die dieses Thema lieber nicht anfassen. Das wäre die Position von Angela Merkel, die so die Tür für die Demagogen verschlossen halten will. Denn das Geschäft der Demagogen ist immer das Geschäft mit der Angst. In Österreich kennt man das von Jörg Haider, der stets betont hat: "Ich spreche für Euch, weil sonst niemand über Euch spricht." Genau hier liegt das politische Problem: Soll man die Angst von der Agenda nehmen oder soll man sie aufgreifen? Mein Held ist Franklin D. Roosevelt, der eine schlaue Lösung gefunden hat. Angesichts der Großen Depression wendet er sich 1933 an die Amerikaner und sagt: "Ich kenne Eure Ängste, aber glaubt mir, Ihr müsst keine Angst vor der Angst haben!" Die politische Botschaft lautet somit: Es gibt zwar Angst, und es gibt Gründe, Angst zu haben -aber was uns kaputt macht, ist die Angst vor der Angst. Und das ist das Entscheidende.

Gesellschaft der Angst. Von Heinz Bude. Hamburger Edition 2014.168 Seiten, geb., € 16,50

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