#Erinnern

Von Spuren getragen

Jefferson Davis - © Foto: APA / AFP / Parker Michels-Boyce
Gesellschaft

Philipp Blom: "Da stürzt auch ein Menschenbild!"

1945 1960 1980 2000 2020

Die Welt ist im Umbruch: Denkmäler werden gestürzt – und Corona sowie Klimakrise lassen Lebensmodelle wanken. Philipp Blom über Ausbeutungs-Historie(n) und Zukunftsvisionen.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Welt ist im Umbruch: Denkmäler werden gestürzt – und Corona sowie Klimakrise lassen Lebensmodelle wanken. Philipp Blom über Ausbeutungs-Historie(n) und Zukunftsvisionen.

Mit kleinen Geschichten gibt sich Philipp Blom nicht zufrieden. Der Historiker, Journalist und Bestsellerautor nimmt gern das große Ganze in den Blick: etwa die Geschichte Europas (in „Der taumelnde Kontinent. Europa 1900 bis 1914“) oder die liberale Demokratie (in „Was auf dem Spiel steht“). In seinem neuen Buch „Das große Welttheater“ denkt er über die Macht der Vorstellung in Zeiten des Umbruchs nach. Und Umbrüche gibt es derzeit genug: von einem globalen Virus über Proteste gegen Rassismus und (Kolonial-)Geschichte bis zur Aussicht auf eine Klimakatastrophe. Wie damit umgehen? Die FURCHE hat mit Philipp Blom gesprochen.

DIE FURCHE: Herr Blom, in Ihrem neuen Buch beschreiben Sie die Welt als Theater. Auf dieser Bühne ist man gerade rabiat mit der Historie zugange, Statuen von Sklavenhändlern werden gestürzt, aber auch an Heroen wie Churchill oder Kant wird gekratzt. Was geschieht da gerade?
Philipp Blom:
Als Historiker muss man sagen: Es ist alles ein wenig komplizierter! Edward Colston hat als Sklavenhändler, der für tausende Tote verantwortlich war, keine Statue verdient. Und dass es in Belgien noch Statuen und Plätze für König Leopold II. gibt, der im Kongo um die zehn Millionen Menschen foltern und umbringen hat lassen, ist in einem demokratischen Land völlig unverständlich. Im Fall von Churchill ist es anders: Churchill war zwar nicht nur ein Rassist, sondern auch direkt verantwortlich für Millionen Hungertote in Indien, weil er das Getreide nach Europa beordert hat, um die Truppen zu ernähren.

Gleichzeitig war er eine entscheidende Figur bei der Befreiung Europas vom Faschismus. Man muss also fragen: Wofür ehrt man jemanden? Außerdem sollte man zur Diskussion stellen, dass man jemanden für etwas Bestimmtes ehrt, aber sich durchaus auch der anderen Seite bewusst ist. Das kann man im öffentlichen Raum auch dramatisieren, indem man nicht nur eine kleine Tafel aufstellt, sondern der Statue etwas entgegensetzt.

Mit kleinen Geschichten gibt sich Philipp Blom nicht zufrieden. Der Historiker, Journalist und Bestsellerautor nimmt gern das große Ganze in den Blick: etwa die Geschichte Europas (in „Der taumelnde Kontinent. Europa 1900 bis 1914“) oder die liberale Demokratie (in „Was auf dem Spiel steht“). In seinem neuen Buch „Das große Welttheater“ denkt er über die Macht der Vorstellung in Zeiten des Umbruchs nach. Und Umbrüche gibt es derzeit genug: von einem globalen Virus über Proteste gegen Rassismus und (Kolonial-)Geschichte bis zur Aussicht auf eine Klimakatastrophe. Wie damit umgehen? Die FURCHE hat mit Philipp Blom gesprochen.

DIE FURCHE: Herr Blom, in Ihrem neuen Buch beschreiben Sie die Welt als Theater. Auf dieser Bühne ist man gerade rabiat mit der Historie zugange, Statuen von Sklavenhändlern werden gestürzt, aber auch an Heroen wie Churchill oder Kant wird gekratzt. Was geschieht da gerade?
Philipp Blom:
Als Historiker muss man sagen: Es ist alles ein wenig komplizierter! Edward Colston hat als Sklavenhändler, der für tausende Tote verantwortlich war, keine Statue verdient. Und dass es in Belgien noch Statuen und Plätze für König Leopold II. gibt, der im Kongo um die zehn Millionen Menschen foltern und umbringen hat lassen, ist in einem demokratischen Land völlig unverständlich. Im Fall von Churchill ist es anders: Churchill war zwar nicht nur ein Rassist, sondern auch direkt verantwortlich für Millionen Hungertote in Indien, weil er das Getreide nach Europa beordert hat, um die Truppen zu ernähren.

Gleichzeitig war er eine entscheidende Figur bei der Befreiung Europas vom Faschismus. Man muss also fragen: Wofür ehrt man jemanden? Außerdem sollte man zur Diskussion stellen, dass man jemanden für etwas Bestimmtes ehrt, aber sich durchaus auch der anderen Seite bewusst ist. Das kann man im öffentlichen Raum auch dramatisieren, indem man nicht nur eine kleine Tafel aufstellt, sondern der Statue etwas entgegensetzt.

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Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger‐Fleckl (Chefredakteurin)

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DIE FURCHE: Ein Gegendenkmal ...
Blom:
Zum Beispiel. Aber noch ein Wort zu Immanuel Kant: Natürlich hat er die Rassenvorurteile seiner Zeit geteilt und törichte Sachen geschrieben über Menschen anderer Ethnien – wie auch Hegel, David Hume und viele Denker dieser Zeit. Aber dann könnte man auch sagen: Wagner, dieser widerliche Antisemit, darf man noch seine Musik hören? Mozart war kein guter Ehemann, ist das okay? Irgendwann verläuft es ins Absurde.

DIE FURCHE: Genau deshalb zeigen sich zumindest in Österreich die meisten Kommentatoren kritisch bis empört angesichts der aktuellen Bilderstürme. Selbst viele Linksliberale halten das für totalitär und barbarisch ...
Blom:
Das ist teilweise ein Missverständnis der aktuellen Diskussion. Denn die Debatte in den USA spielt sich in einem postkolonialen Kontext ab, dort gibt es große Gemeinschaften, die sich direkt betroffen fühlen. Österreich war keine Kolonialmacht, hier verläuft die Debatte sehr indirekt. Wenn – wie etwa im Fall von Cecil Rhodes – Menschen für ihren Profit aus einem Regime zelebriert werden, das wir heute als barbarisch ansehen, ist das für mich etwas anderes, als wenn ein Dichter auch ein Frauenhasser war. Das muss man kontextualisieren – und nicht alles, was dieser Dichter über Frauen schreibt, ernst nehmen. Aber seine Naturgedichte kann man trotzdem sprachlich schön finden.

Keine Figur der Vergangenheit kann nach unseren moralischen Gesichtspunkten bestehen – so wie wir auch nicht in der Zukunft.

DIE FURCHE: Konrad Paul Liessmann hat in der „NZZ“ geschrieben: „Wir werden weder zu besseren Menschen, noch schaffen wir eine bessere Welt, wenn wir diese von allen Dokumenten reinigen, die uns daran erinnern könnten, dass die Geschichte keine moralische Anstalt ist.“
Blom:
Das ist völlig richtig. Natürlich ist unsere Geschichte nicht glatt und widerspruchsfrei. Und natürlich könnte keine Figur der Vergangenheit nach unseren heutigen moralischen Gesichtspunkten bestehen – so wie wir übrigens auch nicht in der Meinung der Zukunft bestehen werden. Was wir tun mit Migration, mit Tierfabriken, mit unserer natürlichen Umwelt und den Chancen zukünftiger Generationen, ist haarsträubend. Es bringt uns also in keine ideale Situation, moralisch über alle den Richter zu spielen. Trotzdem: Wenn Menschen explizit dafür geehrt werden, dass sie etwas getan haben, was wir heute als schrecklich ansehen, dann ist das problematisch. Es gibt ja auch mit gutem Grund kein Adolf-Hitler Denkmal in Wien.

DIE FURCHE: Aber eine Stalin­ Gedenktafel in Wien­-Meidling – ein Solitär in ganz Westeuropa ...
Blom:
Richtig. Erklärbar ist es mit dem Erinnern an den Zweiten Weltkrieg und daran, dass Wien den Sowjets auch für vieles dankbar zu sein hat. Aber Stalin war ein fürchterlicher Massenmörder. Von ihm eine heroisierende Plakette zu haben ist ein Problem.

DIE FURCHE: Von Karl Lueger gibt es ein Denkmal mit Zusatztafel, der nach ihm benannte Teil des Rings wurde allerdings auf Drängen von Eric Kandel umbenannt ...
Blom:
Hier ist die richtige Entscheidung getroffen worden. Den Namen der wichtigsten Straße Wiens ohne Kontext stehen zu lassen ist ein Problem. Aber ein Denkmal zu haben für jemanden, der nicht nur ein zynischer Antisemit war, sondern auch ein wichtiger Bürgermeister von Wien – und der auch politisch keine antisemitische Agenda betrieben hat –, halte ich für einen notwendigen Kompromiss.

Philipp Blom

Philipp Blom

2018 hat er bei seiner Festrede für die Salzburger Festspiele für eine neue Aufklärung plädiert. Heuer, zum 100. Jubiläum, bat man ihn um einen Essay mit dem Titel „Das große Welttheater“ – der durch Corona zusätzliche Brisanz erhält. Philipp Blom, 1970 in Hamburg geboren und nach Studien in Philosophie, Geschichte und Judaistik erfolgreich als Publizist und Autor tätig, spannt darin einen Bogen von der eigenen Familiengeschichte über Calderón und Old Shatterhand bis zu fünf narzisstischen Kränkungen der Gegenwart.

2018 hat er bei seiner Festrede für die Salzburger Festspiele für eine neue Aufklärung plädiert. Heuer, zum 100. Jubiläum, bat man ihn um einen Essay mit dem Titel „Das große Welttheater“ – der durch Corona zusätzliche Brisanz erhält. Philipp Blom, 1970 in Hamburg geboren und nach Studien in Philosophie, Geschichte und Judaistik erfolgreich als Publizist und Autor tätig, spannt darin einen Bogen von der eigenen Familiengeschichte über Calderón und Old Shatterhand bis zu fünf narzisstischen Kränkungen der Gegenwart.

DIE FURCHE: Kommen wir zu einer naheliegenden Frage: Warum bricht dieser Streit um die Geschichte gerade jetzt auf?
Blom:
Hier reichen zwei Gründe als Erklärung völlig aus: Corona und Handy. Afroamerikaner hatten viermal so hohe Sterberaten, weil mehr von ihnen ihre Jobs verloren und der Armut direkt ins Gesicht geschaut haben. Und wenn dann so ein Video bekannt wird, das völlig unumdeutbar einen Polizeimord zeigt, dann ist das als Erklärung vermutlich hinreichend. Denn dass in den USA institutioneller Rassismus besteht, ist mittlerweile durch viele Zahlen belegt.

DIE FURCHE: Corona, heißt es, habe Missstände noch deutlicher gemacht. Sie haben es in einem Interview hingegen als „einzigartige Chance“ bezeichnet. Aber wäre es nicht plausibler, dass die immensen wirtschaftlichen Folgen die Weltenrettung eher aufschieben als beschleunigen (vgl. „Stadlers Marktforum“)?
Blom:
Ich habe das mit der „einzigartigen Chance“ tatsächlich gesagt, allerdings ausführlicher, und es wurde dann verkürzt wiedergegeben. Ich selbst bin auch immer sehr kritisch, wenn gesagt wird: Jede Krise ist eine Chance, weil normalerweise die Trägheit des Systems die Oberhand gewinnt und die große Transformation nicht stattfindet. Doch gleichzeitig habe ich schon das Gefühl, dass in dieser Krise etwas aufgebrochen ist.

DIE FURCHE: Nämlich?
Blom:
Erstens haben wir den liberalen Markt außer Kraft gesetzt, weil wir ihm nicht mehr zugetraut haben, in dieser Krise das Richtige zu tun – und tatsächlich sind etwa medizinische Hilfsgüter nicht dort angekommen, wo sie gebraucht wurden. Zuvor hat es immer geheißen, dass man an diesem System nicht rühren darf, weil es keine Alternative gibt und wir das beste System bereits gefunden hätten. Und zweitens haben wir gelernt, dass Gesellschaften Entscheidungen gegen ihre wirtschaftlichen Interessen treffen können, wenn sie es für nötig halten – etwa um diejenigen Menschen zu schützen, die am wenigsten ökonomisch produktiv sind.

DIE FURCHE: Ob sich diese Solidarität mit Alten langfristig zeigen wird, ist fraglich. Und auch ein zweiter Shutdown wird auf größten Widerstand stoßen ...
Blom:
Natürlich wäre es naiv zu glauben, die menschliche Natur verändert sich, aber sie reagiert, und diese Reaktionen können hilfreich sein, wie schon die Gründung der EU nach dem dreißigjährigen Krieg des vergangenen Jahrhunderts gezeigt hat. Und ja, natürlich wird das alles eine schwere ökonomische Krise nach sich ziehen, doch das darunterliegende Problem der Klimakatastrophe ist nicht nur viel gravierender, sondern wird auch noch mehr Krisen produzieren, weil wir immer tiefer in die Biosphäre eingreifen. Wir bauen am Zusammenbruch aller natürlichen Systeme.

Wenn wir diesen ,Green New Deal‘ in Angriff nehmen würden, würde man den Menschen auch ein Zukunftsprojekt geben.

DIE FURCHE: Umso mehr fragen sich viele, warum angesichts von Corona dieser plötzliche Shutdown möglich war – angesichts der Klimakrise aber nicht ...
Blom:
Laut Evolutionsbiologen ist das ganz einfach: Wir sind einfach nicht gut darin, auf schleichende Bedrohungen zu reagieren, aber wenn es im Gebüsch knackt, sind wir sofort auf dem Baum. Das ist auch ein guter Grund, pessimistisch zu sein: Man kann nur hoffen, dass die Situation so kritisch wird, dass es auch der letzte Trottel begreift – aber nicht so, dass es keiner überlebt.

DIE FURCHE: Das klingt reichlich zynisch ...
Blom
: Ja, aber aus einer Situation des Wohlstands heraus einen solchen nötigen Umbau der ganzen Gesellschaft einzuleiten ist tatsächlich schwierig. Zugleich leben wir in keinen besonders glücklichen Gesellschaften, wir haben enorme Raten an Depression, Einsamkeit und Selbstverletzung. Und wir haben keinen Begriff mehr von einer positiven Zukunft. Man weiß: Jetzt geht es gut, wahrscheinlich wird es niemals besser sein, deshalb ist es besser, den Status quo zu halten. Das führt dann aktuell etwa dazu, dass die Autoindustrie und die Fluglinien gerettet werden.

Doch als früher die Benzinmotoren aufgekommen sind, war es auch nicht die größte Aufgabe der Gesellschaft, die Jobs von Kutschern zu sichern! Wenn wir diesen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbau, diesen echten „Green New Deal“ in Angriff nehmen würden, der innerhalb von zehn Jahren die ganze Industrie dekarbonisiert, würde man den Menschen auch ein gemeinsames Zukunftsprojekt geben, eine gemeinsame Hoffnung. Es geht um die Konzeption einer qualitativ anderen Zukunft, darum, eine neue Welt zu erfinden.

DIE FURCHE: Welche Rolle spielt Verzicht, spielt ein einfaches Leben in dieser neuen Welt? Davon reden derzeit ja nicht einmal die Grünen ...
Blom:
Gerade die nicht! (lacht) Nein, es geht weder darum, zurück auf die Bäume zu klettern, noch darum, in frugaler Tugendhaftigkeit zu leben – sondern es geht darum, realistische Entscheidungen zu treffen, was wir uns leisten können und wie wir am smartesten und technologisch hochentwickeltsten mit unseren Ressourcen umgehen. Ich mag im Winter eine Heizung haben und 24 Stunden am Tag Elektrizität und Zugang zum Internet, mir hat das österreichische Gesundheitssystem auch schon mehrmals das Leben gerettet.

Aber wenn wir uns bewusst machen, dass die Insektenpopulation um 60 bis 70 Prozent zurückgegangen ist und der Regenwald mit einer Geschwindigkeit von 30 Fußballfeldern pro Minute schwindet, dann zeigt sich, dass ein zivilisatorisches Modell an ein Ende gekommen ist, das angefangen hat mit dem Wort „Mach dir die Erde untertan“. Dieser Satz ist mörderisch geworden, und die große Frage ist: Was kann danach kommen?

Die Vision von Naturbeherrschung und Ausbeutung ist an ihre existenziellen Grenzen geraten, und damit stürzt auch ein Menschen- und Gesellschaftsbild.

DIE FURCHE: Wobei es längst einen Paradigmenwechsel in der Interpretation dieses biblischen Satzes gegeben hat, man betont die „Schöpfungsverantwortung“ ...
Blom:
Mag sein. Die Vision von Naturbeherrschung und Ausbeutung ist jedenfalls an ihre existenziellen Grenzen geraten, und damit stürzt auch ein Menschen- und Gesellschaftsbild. Plötzlich finden wir uns wieder als ein Organismus, der anderen Organismen gegenüber ausgeliefert, mit ihnen verwirrt und verfilzt ist. Die Coronakrise zeigt uns, wie fragil so ein System sein kann und dass sich von heute auf morgen die Dinge tatsächlich völlig verändern können. Aber zugleich wird deutlich, dass wir die Schalthebel in der Hand haben – und dass wir solidarischer sein und natürlich auch globaler denken müssen.

DIE FURCHE: Ohne eine gemeinsame Erzählung sei diese Transformation nicht zu schaffen, schreiben Sie in Ihrem Buch. Und Sie schreiben von der Macht von Geschichten ...
Blom:
Die zentrale Herausforderung ist tatsächlich, wir wir uns das, was wir für die Zukunft wollen, vor unser geistiges Auge holen und uns auch immer wieder davon erzählen. Wenn man sich unsere Öffentlichkeit als große Bühne vorstellt, ist ja auch wichtig, welche Figuren auftreten und was sie ihrem Publikum als Tugend oder Laster präsentieren.

Bei William Shakespeare zerbrechen die Figuren an ihren eigenen Imperfektionen: König Lear ist zu selbstverliebt, Hamlet ist zu entschlusslos, Othello zu leidenschaftlich – aber das System selbst wird nie infrage gestellt. Bei Schiller passiert das, hier kommt ein neuer Gedanke in die Welt: Dieses System ist falsch, wir müssen es ändern, vom Sockel stürzen. Deshalb ist es ganz wichtig, dass wir nicht nur auf der Bühne des Burgtheaters, sondern in jedem Wirtshaus anfangen, darüber nachzudenken, wie die Welt aussehen könnte, die wir bauen wollen.

DIE FURCHE: Was wäre ein historisches Beispiel einer solchen Zukunftsvision?
Blom:
Ein Beispiel, das mir gut gefällt, ist der Wiener Stephansdom. Es gibt die riesig großen und herrlich detaillierten Fassaden-Zeichnungen des Baumeisters im Wien-Museum. Dieser Baumeister wusste, dass er den fertigen Dom nie sehen würde und dass auch seine Enkel diesen Dom nie sehen werden und er eine Menge Ressourcen auffrisst. Er wusste aber auch, dass es das wert ist, weil sich darin ein gesellschaftlicher Wert und eine Zukunftsvision ausdrücken – und weil es dadurch auch für viele Menschen Arbeit gibt. So ein Zukunftsprojekt zu haben und daran gemeinsam zu bauen, das wäre entscheidend.

Das große Welttheater - © Foto: Zsolnay
© Foto: Zsolnay
Buch

Das große Welttheater

Von der Macht der Vorstellungskraft in Zeiten des Umbruchs
Von Philipp Blom
Zsolnay 2020
128 S., geb., € 18,50