#Erinnern

Von Spuren getragen

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Budapest_Denkmal_Schuhe_Erinnerung - © HOS70/Pixabay
Feuilleton

"Immer bleibt einer übrig, der erzählt"

1945 1960 1980 2000 2020

Stimmen wiedererwecken und gegen die systematische Auslöschung protestieren: Geschichten über das Unfassbare, den Völkermord.

1945 1960 1980 2000 2020

Stimmen wiedererwecken und gegen die systematische Auslöschung protestieren: Geschichten über das Unfassbare, den Völkermord.

Der junge Tadeusz Moll hat verschlafen. Deswegen wird er auf einem Podest an einen Pfahl gestellt. Erst wenn an allen sechs Pfählen einer steht, wird gehenkt. "Sie waren nicht mehr bei uns, die Delinquenten. Noch nicht drüben und nicht mehr hier. Wie heißt jenes fremde Land an der Grenze?" Was Tadeusz beim Warten auf seine Hinrichtung in Crawinkel, einem Nebenlager des Konzentrationslagers Buchenwald, gefühlt oder gedacht hat, kann keiner wissen: "Es gibt keine Antwort. Keiner, der unter jenem Galgen gestanden hat, konnte eine Nachricht hinterlassen oder auch nur ein Wort." Aber: "Vielleicht gibt es doch eine Antwort. Eine fiktive Antwort."

Was Fred Wander in seinem Roman "Der siebente Brunnen" beschreibt, ist eine mögliche Antwort auf die Frage, warum Literatur überhaupt Geschichten erzählt von tatsächlich geschehenem grauenhaften Leid, von der Auslöschung von Menschenleben und vom Ermorden ganzer Stämme und Völker. Immer wieder suchen Literaten nach dieser fiktiven Antwort, machen Menschen, die selbst nicht mehr erzählen können, zu Figuren von Fiktionen, die damit aber nicht nur Fiktionen sind, sondern Geschichte weiterreichen. Und Opfern einen Namen geben, eine Stimme, ein Gesicht, eine Geschichte.

70 Jahre nach der Befreiung der Überlebenden der nationalsozialistischen Konzentrationslager liest sich Wanders Roman als Beispiel dafür, wie Literatur Menschen mit den Geschichten auch ihre Individualität zurückgibt. "Wenigstens einige aus diesem Heer der Anonymität entreißen, einige Namen aufrufen, einige Stimmen wiedererwecken, einige Gesichter aus der Erinnerung nachzeichnen", so beschrieb Christa Wolf in einem Essay Wanders literarisches Vorgehen -und es steht wohl für viele Literaten, die versucht haben, dem Unsagbaren dennoch mit Sprache zu begegnen.

Gegen die Degradierung zur Nummer

Der 1917 als Fred Rosenblatt in Wien geborene Schriftsteller Fred Wander überlebte unter anderem Auschwitz und Buchenwald und schrieb "Der siebente Brunnen" erst 1971. Indem die Häftlinge einander ihre Geschichten erzählen, verweigern sie im Lager die Degradierung zur Nummer. Wenn sie nicht sprechen dürfen oder aus Schwäche nicht mehr können, träumen sie ihre Geschichten. Und indem Wander diese Geschichten Jahrzehnte später "erfindet", protestiert er schreibend gegen die systematische Auslöschung des Ichs und ganzer Menschengruppen, die in den Konzentrationslagern bis hin zum physischen Tod betrieben wurde. Erzählen ist eben nicht nur ein Erinnern im Sinn der Zeugenschaft oder Geschichtswissenschaft, sondern auch ein Akt des Widerstands gegen das Auslöschen der Identitäten, gegen die Vernichtung des Menschen, gegen die "Endlösung" dieses Massenmords.

Der junge Tadeusz Moll hat verschlafen. Deswegen wird er auf einem Podest an einen Pfahl gestellt. Erst wenn an allen sechs Pfählen einer steht, wird gehenkt. "Sie waren nicht mehr bei uns, die Delinquenten. Noch nicht drüben und nicht mehr hier. Wie heißt jenes fremde Land an der Grenze?" Was Tadeusz beim Warten auf seine Hinrichtung in Crawinkel, einem Nebenlager des Konzentrationslagers Buchenwald, gefühlt oder gedacht hat, kann keiner wissen: "Es gibt keine Antwort. Keiner, der unter jenem Galgen gestanden hat, konnte eine Nachricht hinterlassen oder auch nur ein Wort." Aber: "Vielleicht gibt es doch eine Antwort. Eine fiktive Antwort."

Was Fred Wander in seinem Roman "Der siebente Brunnen" beschreibt, ist eine mögliche Antwort auf die Frage, warum Literatur überhaupt Geschichten erzählt von tatsächlich geschehenem grauenhaften Leid, von der Auslöschung von Menschenleben und vom Ermorden ganzer Stämme und Völker. Immer wieder suchen Literaten nach dieser fiktiven Antwort, machen Menschen, die selbst nicht mehr erzählen können, zu Figuren von Fiktionen, die damit aber nicht nur Fiktionen sind, sondern Geschichte weiterreichen. Und Opfern einen Namen geben, eine Stimme, ein Gesicht, eine Geschichte.

70 Jahre nach der Befreiung der Überlebenden der nationalsozialistischen Konzentrationslager liest sich Wanders Roman als Beispiel dafür, wie Literatur Menschen mit den Geschichten auch ihre Individualität zurückgibt. "Wenigstens einige aus diesem Heer der Anonymität entreißen, einige Namen aufrufen, einige Stimmen wiedererwecken, einige Gesichter aus der Erinnerung nachzeichnen", so beschrieb Christa Wolf in einem Essay Wanders literarisches Vorgehen -und es steht wohl für viele Literaten, die versucht haben, dem Unsagbaren dennoch mit Sprache zu begegnen.

Gegen die Degradierung zur Nummer

Der 1917 als Fred Rosenblatt in Wien geborene Schriftsteller Fred Wander überlebte unter anderem Auschwitz und Buchenwald und schrieb "Der siebente Brunnen" erst 1971. Indem die Häftlinge einander ihre Geschichten erzählen, verweigern sie im Lager die Degradierung zur Nummer. Wenn sie nicht sprechen dürfen oder aus Schwäche nicht mehr können, träumen sie ihre Geschichten. Und indem Wander diese Geschichten Jahrzehnte später "erfindet", protestiert er schreibend gegen die systematische Auslöschung des Ichs und ganzer Menschengruppen, die in den Konzentrationslagern bis hin zum physischen Tod betrieben wurde. Erzählen ist eben nicht nur ein Erinnern im Sinn der Zeugenschaft oder Geschichtswissenschaft, sondern auch ein Akt des Widerstands gegen das Auslöschen der Identitäten, gegen die Vernichtung des Menschen, gegen die "Endlösung" dieses Massenmords.

Immer wieder suchen Literaten nach dieser fiktiven Antwort, machen Menschen, die selbst nicht mehr erzählen können, zu Figuren von Fiktionen, die damit Geschichte weiterreichen.

Gegen das Auslöschen ging auch die am 6. Februar dieses Jahres verstorbene algerische Schriftstellerin Assia Djebar schreibend vor. Die als Fatima-Zohra Imalayène 1936 geborene Autorin und Filmemacherin wusste als Historikerin um die blinden Flecken der offiziellen Geschichtsschreibung, die im Fall Algeriens französisch bzw. europäisch und männlich war. Djebar ergänzte sie durch bisher ungehörte Stimmen, nämlich jener Berberfrauen, die die Autorin für ihren Film "La Nouba des femmes du Mont Chenoua"(1978) über die Gräuel des algerischen Befreiungskrieges (1954-1962) befragt hatte. Für ihren Roman "Fantasia" griff die Literatin aber auch auf jene schriftlichen Dokumente zurück, die von den Kämpfen während der französischen Eroberung Algeriens im 19. Jahrhundert berichten: Militär-und Verwaltungsberichte, Tagebücher und Briefe.

Ein höllisches Feuer

Was dabei zum Vorschein kommt, ist grauenerregend. Djebar erzählt zum Beispiel von zwei Augenzeugen einer Nacht im Juni 1845 am Dschebal Nacmaria. Ein spanischer Offizier beschreibt, wie Soldaten Reisigbündel in Höhlenöffnungen schieben, um jene auszuräuchern, die darin Schutz gesucht haben. Und ein Soldat schildert seiner Familie in einem Brief das Entsetzliche und scheint der einzige zu sein, "der hinter dem brennenden Fels die Zuckungen des Todes hört":"Welche Feder könnte dieses Bild beschreiben? Zu sehen, wie mitten in der Nacht, vom Mondlicht begünstigt, ganze Bataillone französischer Truppen damit beschäftigt sind, ein höllisches Feuer zu schüren! Und dabei das dumpfe Stöhnen der eingeschlossenen Männer, Frauen, Kinder und Tiere zu hören, das Krachen des verkohlten Gesteins, das einstürzt, und die ständigen Explosionen der Waffen!" Der ganze Stamm der Ouled Riah - "eintausendfünfhundert Männer, Frauen, Kinder, alte Leute und dazu Hunderte Stück Vieh und die Pferde" - ist ausgeräuchert und ausgelöscht. "Das Problem war erledigt", heißt es lapidar. "Holt sie heraus in die Sonne! Zählt sie!", lautet der Befehl tags darauf. Djebar stellt Vermutungen über den Wortlaut des Befehls an und fragt sich: "Ist die Fiktion, meine Fiktion, ein vergeblicher Versuch, die Beweggründe der Schlächter zu ergründen?"

Beim Anblick von Flüchtlingen

"Auf den Stufen der Kirche saßen vier Personen. Ein Mann, zwei junge Frauen und ein Mädchen, das zwölf oder dreizehn Jahre alt sein konnte. Es war ein menschliches Dahocken, wie Gabriel es nie gesehn hatte; eine Art von sitzender Leichenstarre bei lebendigem Leibe. Eine ähnliche Haltung hatten die Verschütteten, die man aus zweitausendjähriger Lava-Asche ausgrub: 'Als ob sie lebten.' Alle vier sandten einen stumpfen und weiten Blick in die Ferne, in dem nichts haften blieb ..." Jener Anblick von Flüchtlingen, die einem Deportationszug entkommen sind, findet sich in Franz Werfels berühmtem Roman "Die vierzig Tage des Musa Dagh" und führt zurück zu Werfels Erfahrung, die den Anstoß gab, eben diesen Roman zu schreiben. 1930 traf Werfel in Damaskus auf armenische Flüchtlingskinder. Dieses "Jammerbild" habe, so schreibt Werfel später, den entscheidenden Anstoß gegeben, seinen umfangreichen Roman zu schreiben, mit dem er "das unfaßbare Schicksal des armenischen Volkes dem Totenreich alles Geschehens" entreißen wollte.

So fiktional die Figuren in seinem Roman auch sind, so gründlich hat Franz Werfel die historischen Quellen zu dem organisierten Völkermord im Jahr 1915 recherchiert.

So fiktional die Figuren in seinem Roman auch sind, so gründlich hat Werfel die historischen Quellen zu dem organisierten Völkermord im Jahr 1915 recherchiert: Protokolle, Augenzeugenberichte, Mitteilungen von Botschaften, Flugblätter etc. In einem Erlass der schlichte, unfassbare Satz: "Das Ziel der Deportationen ist das Nichts".

In dieses Nichts ließ Werfel seine Figuren allerdings nicht alle fallen. Der Ausschnitt seiner Geschichte - die Geschehnisse um den Musa Dagh, wo sich Tausende Armenier verschanzt hielten und so überlebten -, erlaubte ihm einen einigermaßen glücklichen Ausgang: Denn am Ende werden die Armenier von einem Schiff gerettet. Werfel, der Jude, der vom Christentum fasziniert ist, schreibt damit der ungeheuren und ungeschönten armenischen Unheilsgeschichte eine Heilsgeschichte ein. Auch die Symbolik zeigt das, nicht zuletzt die 40 Tage auf dem Berg, die an die 40 Tage der Sintflut und an Mose Aufenthalt auf dem Berg Sinai erinnern. Der Anführer der Armenier in Werfels Roman, dieser Held wider Willen, dieser Fremde unter Fremden, der zwar seine Familie und sein Leben verliert, aber so viele andere gerettet hat, heißt wie ein Engel: Gabriel. Insofern wundert es nicht, dass das von den Nationalsozialisten so wie alle Werke Werfels verbotene Buch zum Hoffnungsbuch in den Ghettos werden konnte.

Werfels Roman erschien 1933, in jenem Jahr, in dem Hitler mit seiner NSDAP an die Macht kam. Man meint darin alles schon zu lesen: die Hitler'sche Politik, die Konzentrationslager, die Planung der systematischen Vernichtung von Menschen und die Argumentationen dafür scheinen hier bis ins Detail vorweggenommen.

Oft sind es die Nachkommen, die Jahrzehnte später die literarische Stimme erheben, an das Unrecht der Vergangenheit erinnern und die Erfahrung ihrer Ahnen an ihre Nachkommen als Geschichten weiterreichen, auf dass sie nie vergessen werde. Wie Varujan Vosganian in seinem "Buch des Flüsterns", in dem er die Geschichte der armenischen Diaspora erzählt: "Ich spielte unter dem Tisch im Hof, wenn die Alten sich flüsternd Geschichten erzählten oder schöne Lieder traurigen Inhalts summten, die sie wiederum in ihrer Kindheit auf den Hochebenen Anatoliens gehört hatten. Schickt das Kind hier weg, sagte manchmal eine der dicklichen und nach Kölnischwasser riechenden Frauen ... Lass ihn, sagte Großvater. Immer bleibt einer übrig, der erzählt. Vielleicht wird gerade er einmal der Erzähler sein."

Hinweis: Erzählte Erinnerung
Zu diesem Thema gestaltet die Autorin die dieswöchigen "Gedanken für den Tag" Ö1, jeweils 6.57 Uhr