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Geschichte in Roman und Bericht

ALS WÄRE ES NIE GEWESEN. Roman von Fritz Waiden. Hans-Deutsch-Verlag, Wien-Stuttgart-Basel. 528 Seiten. Preis 95 S. — AUSCHWITZ. Zeugnisse und Berichte. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main. 423 Seiten, 36 Bildtafeln, Leinen. Preis 24 DM. - IST DAS EIN MENSCH? Ein Bericht von Primo L e v i. Fischer-Bücherei. DEUTSCHE GESCHICHTE 1919 bis 1945. Von Golo Mann. Fischer-Bücherei,

Wie lange noch wird es Autoren geben, die Hitlers Ära aus eigener Anschauung kennen? Diese Frage stellt sich angesichts der Tatsache, daß bisher kein zeitlos verdichtetes Werk aus deutscher Feder über die zentralen Inhalte dieser Periode vorlag. Neben einer Flut unreifer Aufzeichnungen gab es ergreifende Briefe, Tagebuchaufzeichnungen, vereinzelte gute, ja glänzende Reportagen. Was fehlte, waren Bücher, worin Fakten nicht bloß sich selbst, sondern Kristallisationspunkte tieferen Geschehens bedeuten, Chiffren für Unsagbares, Werke also von höherer Wirklichkeit und tieferer Wahrheit, von simpler Realität ebenso weit entfernt wie vom Ausdruck des kruden Willens und Wissens des Autors, Niederschriften, die aus dem Diesseits der Banalität hinübergreifen ins Jenseits der Kunst.

Nun aber liegt vor uns ein Roman im härenen Gewand des Tatsachenberichts, der alsbald alle Skepsis verstummen läßt, mit der man, durch Erfahrung gewitzt, Schriften über derlei Themen naht. Fritz Waiden gelingt es in seinem Buch, „Als wäre es nie gewesen“, von Kapitel zu Kapitel besser, jene geheimnisvollen Fesseln abzustreifen, die seine Vorgänger hinderten, in die Bereiche der Dichtung vorzustoßen, weil sie entweder als Dilettanten oder als Routiniers an den Stoff“' herangingen, während“ Waiden, obzwar Journalist, sich die reine Gesinnung des Amateurs zu erhalten und damit als geistig freier Mann zu schreiben wußte.

Aus Einzelgestalten deutscher Afrikasoldaten, die zunächst in einem englischen Camp, dann bis nach Kriegsende in einer amerikanischen Kriegsgefangenenstadt mit emsigem Kulturbetrieb ur.d eigens errichtetem Theatergebäude hausen, schafft sich Waiden ein Orchester, durch dessen Stimmenfülle er moduliert, was bisher niemandem gelang. Sein Buch wird zur Partitur einer Schicksalssymphonie, die uns Abgründe, Schrecken und Fehlentscheidungen der Deutschen im Nationalsozialismus mit aller Wucht und Schwere nochmals erleben läßt, von Pas-saee zu Passage spannender, tiefer und reifer, menschlicher. Kaum eines der typischen Naziphänomene entgeht ihm, vor keinem verschanzt er sich hinter jener Phraseologie, die schon vor 1945 auf einem Niveau einsetzte, das besser den Nazis vorbehalten geblieben wäre, und wo mit schrecklich vereinfachten Begriffen operiert wird, die nicht geeignet sind, den Ursprüngen bis in die feinen Verästelungen des Wurzelwerks nachzuspüren. Allein dort aber sind Erkenntnis möglich, die uns gegenüber den Phänomenen, deren Zusammenspiel den braunen Satanspilz hochschießen ließen, urteilsfähig: machen.

Waiden schaut die geistigen und seelischen Wandlungen der Männer im Lager in seinen Modellfall hinein, und zugleich projiziert er die ihr Inseldasein bestimmenden Kausalketten und Kettenreaktionen atemberaubend in das Deutschland jener Jahre zurück. Er zeigt, wie tausende, obwohl auf amerikanischem Kontinent dem Zugriff der heimatlichen Tvrannis entzogen, gleichsam als FleiÄaufgabe und durch innere Zwänge geschoben, nochmals den ganzen Höllenkreis der Ontogenese des Nationalsozialisten durchschreiten, der sein eigene Böses inquisatorisch in die Brust des zum Feind erklärten Nachbarn verlagert. Er demonstriert Menschen, die sich wie leere Schläuche füllen: mit Sendungswahn als Kompensation innerer Schwäche, mit Nationaldünkel aus Ignoranz, mit Aegres-sion nach außen zur Tarnung der Flucht vor sich selbst — Durchschnittsmenschen, die, von anderen Inhalten bewohnt, den Nährboden abgeben konnten für jene deutsche Kultur und Innigkeit, die liebende Freunde in aller Welt gewann. Und er führt vor, daß die Humandefekte, um die es geht, keineswegs ein Primat des Mobs sind, sondern gleich Pilzmvzelien hinaufreichen bis in die oberen Stände, wo sie, unfaßbar genug, in symbiotischer Eintracht mit bedeutendem Intellekt, mit

Kunst- und Kulturverstand gedeihen können, die in Ausnahmezeiten kein Immunität garantieren.

Echte Tragik begibt sich, als Männer, ursprünglich Feinde des Nationalsozialismus, in gespenstischer Lageratmosphäre, die Reminiszenzen an das Deutschland der Jahre 1918 und 1933 erweckt, durch wirren Idealismus und Ehrgeiz, durch Halbwissen und hre Pseudoreligiosität zu Nazis werden, jeder ein kleiner Hitler für sich, aus dessen Antlitz die rasende Fratze der Gorgo starrt, jeder fähig urd bereit, neuerlich Zwang, Not, Tod und Zerstörung rings um sich zu verbreiten. Grandios die visionären Bilder, die den Weg des PW- (Prisoner of war) Kulturbosses Walter Klee begleiten, der Hitlers Weg als Scharlatan quer durch Euphorien und Depressionen bis in den rauschhaften Selbstmord hinein nachvollzieht.

Das Buch (in der Hitze des Gefecht* stehengebliebene Sprachtorsos sind in nächster Auflage zu berichtigen) hat die Mission, die Auseinandersetzung um Nationalsozialismus und Faschismus, die für den Hauptteil der Erdbewohner zu Ende war, bevor sie ernsthaft und mit geistiger Tiefenschau begann, in neue Bahnen zu lenken, die Mission, auf allen denkbaten Gebieten nicht von Theorie und Dogma, sondern wom Menschen her neue Gespräche anzuregen. Ein hartes, gerade durch sein allgegenwärtiges Menschenverständnis unbarmherziges, ein zu letzten Entscheidungen drängendes Buch. Ein zu sinnvoller Tat befreiender Ruf. Aber auch: ein auf seinen Höhepunkten durch Kunst Katharsis schaffender Roman. *

„Es war in Auschwitz, wo die grausamen Lehren des Nationalsozialismus umfassender als irgendwo anders durchexerziert wurden“, merken die Herausgeber der Zeugnisse und Berichte, H. G. Adler, Hermann Langbein und Ella Lin-gens-Reiner an. Sie belegen damit die Notwendigkeit, was in Auschwitz und, als Thema mit Variationen, in de anderen KZs geschah, jedem neu heranwachsenden Jahrgang junger Menschen, ebenso aber all jenen, die aus Bequemlichkeit oder anderen Gründen Tücher des Vergessens über das unheimliche Geschehen zu breiten suchen, unermüdlich und auf immer neue Weise bewußt zu machen. Denn alles, was unter Hitler geschah, ist als unabdingbare Denk- und Tateinheit mit den Greueln in den KZs zu verstehen — eine Tatsache, die immer noch, und nicht allein von Millionen Deutschen, nicht in ihrer vollen Tragweite erkannt ist. Das vorliegende Werk in seiner Schlichtheit und Redlichkeit gehört zum Stärksten, das bisher erschien. Zahlreiche Bilder, eine Zeittafel, Biographien der Berichtenden und, nicht weniger erschütternd, Biographien in Stenogrammform von SS-Leuten, von denen nicht wenige sich längst wieder voller Bewegungsfreiheit erfreuen. „Auschwitz“ ist als Ergänzung der beiden wichtigsten Bände, „Teufel und Verdammte“ von Benedikt Kautsky (Verlag der Wiener Volksbuchhandlung) und Eueen Kogon, „Der SS-Staat“, kaum entbehrlich.

Ein weiterer Band, der, als Sonderfall, in der Erstausgabe gleich als Taschenbuch der Fischer-Bücherei herauskam, „Ist das in Mensch?“ von Primo Lcvi, darf, mit biblischer Einfachheit erzählt, d i e KZ-Saga schlechthin genannt werden, ein Werk, das ebenso wie die vorgenannten in keinem Hause, wo man Anspruch erhebt, als denkende und um das Verständnis der Gegenwart bemühte Menschen zu gelten, fehlen sollte. Folgerichtig fügt sich in diesen Rahmen Golo Manns „Deutsche Geschichte 1919 bis 1945“, wo auf breiter Grundlage sichtbar wird, welche Voraussetzungen mit dazu gehörten, daß deutscher Nationalismus zu Nationalsozialismus werden konnte. Ein Band, der gerade unter der jüngeren Generation eine Funktion ausüben kann, die Kontinuität des Geschichtlichen besser zu umgreifen.

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