Digital In Arbeit

Die Wahrheit erstickte im Schweigen

Es gibt noch zu viele Opfer des nationalsozialistischen Regimes, deren Leidensgeschichte lange Zeit verdrängt wurde. Über die notwendige Vergangenheitsbewältigung in einem Dorf als ein Beispiel von vielen. Im März 1938 jährt sich zum 70. Mal der "Anschluss" Österreichs an Nazi-Deutschland. Große Teile der Bevölkerung jubelten Hitler am Heldenplatz zu. Zugleich setzte der NS-Terror gegen Juden, politische Gegner und viele weitere Gruppen ein. Dieses Dossier stellt die Frage, warum man auch nach 70 Jahren noch an die NS-Verbrechen und an die Mittäterschaft vieler Österreicher erinnern muss. Der Experte für den österreichischen Nationalsozialismus, Gerhard Botz, stellt ein verändertes Geschichtsbewusstsein fest. Redaktion: Regine Bogensberger

Soll man Kindern von Auschwitz erzählen? Über all die gewaltigen Verbrechen des NS-Regimes? Auch heute noch?

Ich war noch ein Kind, wie alt genau, ist mir nicht in Erinnerung, ungefähr zehn, als mir mein Bruder vom Schicksal meiner Großmutter erzählte. Wenn ich heute an diesen Moment denke, erinnere ich mich an eine Lichtung im Wald und an das Gefühl der Überwältigung. Seither trage ich diese Geschichte in mir, wie wir sie alle in unserer Familie, jeder auf seine Art und Weise, mit sich tragen.

Ich hielt ihre Geburtsurkunde wie einen Schatz. Dieses nüchterne Papier, das in wenigen Sätzen und mit kurzen Daten alles zu sein schien, was von ihr geblieben ist: Ihr Geburtsdatum, ihr Geburtsort: Das kleine Dorf im Lungau, in dem auch ich groß wurde. Ihr Sterbedatum und -ort: 5. Mai 1944 in Auschwitz.

Auschwitz. Ich dachte mir von da an immerzu: Was hatte sich der Beamte, der diese Geburtsurkunde ausgestellt hatte, dabei gedacht, als er den Sterbeort auf das Papier mit dem Staatswappen tippte? Diese Gedanken hatte ich seither immer wieder, wenn ich die dicken Akten lese, die schlampig verfassten Formulare, die wir in der Zwischenzeit aus den Archiven retten konnten, bevor sie für immer dort verstaubten oder verloren gegangen wären: fast immer waren Tippfehler auf den Papieren zu finden, einmal der Name falsch, dann der Geburtstag, doch nie falsch geschrieben war der Sterbeort: Auschwitz.

Vergilbte Briefe

Zwischen den bürokratischen Floskeln und Hakenkreuz-Stempeln versuchte ich nach über 60 Jahren einen Hauch dessen herauszulesen, was für eine Person sie was. Ich hielt die vergilbten Briefe aus dem Frauenkonzentrationslager Ravensbrück in den Händen, die sie an ihre langjährige Arbeitgeberin geschrieben hatte, eine Bäuerin im Dorf. Auf deren Bauernhof, einem Erbhof, hatte sie lange als Landarbeiterin geschuftet. Die Briefe zeigen vielleicht ihre Handschrift, der Inhalt war zensurbedingt ohne Belang.

Ich hörte den letzten Zeitzeugen zu, wenn sie bei seltenen Gelegenheiten und auf Nachfrage von ihr erzählten: die wenigen Erinnerungen, die Bruchstücke von Gerüchten, das Hörensagen oder "Ich weiß nicht mehr" offenbarten kein Bild von ihr. Wer meine Großmutter war, wissen wir bis heute kaum. Und am größten bleibt der Wunsch, wenigstens eine Fotografie von ihr zu haben, von früheren noch glücklichen Tagen. Die glücklichen Tage, als hätte es sie nie gegeben, nur die schlampigen Akten, die Anfang und Ende ihres Leidensweges festhalten; was dazwischen war, kann kein Mensch erahnen.

Was hatte meine Großmutter, damals fast 29 Jahre alt, gedacht, als Hitler 1938 unter Jubel in Österreich einmarschiert war? Wir wissen es nicht. Was hatte sich im Dorf damals abgespielt, als es zum "Anschluss" kam?

Wie viele von denen, die damals gejubelt haben, jubelten noch wenige Jahre später, Anfang 1942? Viele Männer des Dorfes waren eingerückt und kamen nie wieder, Zwangsarbeiter aus Polen halfen bei der schweren Landarbeit. Meine Großmutter, unverheiratet, eine einfache Landarbeiterin, war schwanger. Gerüchte gelangten in Umlauf, der Verdacht kam auf, sie bekomme das Kind eines polnischen Zwangsarbeiters. Der Verdacht hatte sich später als unrichtig erwiesen. Das Kind wurde geboren: meine Mutter. Kurz danach wurde meine Großmutter im KZ Ravensbrück inhaftiert. Die Akten dazu wieder ganz knapp: Zugang am 21. August 1942, Zwangsarbeit in der Schneiderei. Nummer: 13222.

Eine Zeitzeugin hat davon berichtet, wie meine Großmutter, den Kopf geschoren, von der Gestapo durch das Dorf geprügelt wurde. Viele sahen zu, noch mehr sahen weg, niemand wollte oder konnte ihr helfen, nicht vorher in den Monaten der Schwangerschaft, und jetzt schon gar nicht mehr; niemand wollte sie und das Neugeborene bei sich aufnehmen, stattdessen wurde sie weiter denunziert. Nur eine Frau - die Mutter dieser Zeitzeugin - hatte sich empört: "Die Unschuldigen sperren sie ein, die Schuldigen lassen sie laufen!" hatte sie gerufen. Die Mutter zahlreicher kleiner Kinder kam ebenso ins KZ. Sie kam nach einem Jahr wieder zurück.

Meine Großmutter nicht. Sie wurde Anfang 1944 ins KZ Majdanek/Lublin deportiert, danach nach Auschwitz, wo sie am 5. Mai 1944 ermordet wurde. Die Todesbescheinigung wurde von Josef Mengele, SS-Hauptsturmführer und Lagerarzt, unterzeichnet. Die von ihm angeführte Todesursache: Tuberkulose.

Von Mengele unterzeichnet

Danach sprach im Dorf niemand mehr über sie. Niemand hatte meiner Mutter, die in einer Pflegefamilie im selben Dorf groß wurde, die ganze Geschichte erzählt. Niemand, bis heute nicht. Sie erfuhr nur Bruchstücke und Gerüchte.

Doch ich erinnere mich an jene Bäuerin, bei der meine Großmutter gearbeitet hat, an die auch die Todesmeldung geschickt wurde. Sie saß jeden Sonntag in der Kirche, immer weinend, bis zu ihrem Tod im hohen Alter vor einigen Jahren.

Es gibt zahlreiche Männer im Dorf, die zu später Stunde im Wirtshaus oftmals von dieser Tragödie zu reden beginnen, einfach von sich aus, als ob sie das schlechte Gewissen ihrer Eltern mit sich tragen würden. Die allermeisten Zeitzeugen verstarben, ohne je davon gesprochen zu haben; doch als sie noch lebten und meiner Mutter begegneten, hatte man oft das Gefühl, sie hatten nur den Wunsch, endlich nach all den Jahren von diesem Unrecht zu reden, vielleicht zu sagen: Es tut mir, es tut uns leid.

Als ich mit einer meiner Schwestern vor einigen Jahren Auschwitz besuchte, durch die Baracken ging, vor dem Denkmal stand, da fühlte ich auch Trost; Trost, dass meine Großmutter wenigstens nicht alleine gestorben war, sie war in diesem schrecklichen Leid, das ihr widerfuhr, wenigstens nicht allein. An diesem Ort erinnern sich die Menschen von heute auch an sie, an all die Millionen Opfer; und ein jeder dieser Toten hatte seine ebenso tragische Lebensgeschichte, die an dieser Stelle stehen könnte. Ich hoffte seither, vielleicht ein kindlicher Gedanke, dass irgendwer ihre Hand gehalten haben möge, als sie starb, oder sie jemandes Hand.

Doch in dem Dorf fehlt ein Denkmal für sie. Es gibt das Kriegerdenkmal, Prozessionen ziehen daran vorbei, es wird geschmückt.

Die nächste Generation trägt diese Schuld wie ein Erbe mit sich, das keine Ruhe gibt, weil Menschen, die so sterben mussten, keine Ruhe finden können. Dieses Unrecht lastet auf dem Dorf, es wird auch noch auf jenen lasten, die keine Ahnung von dieser Geschichte haben. Das Dorf und seine Menschen werden erst Ruhe finden, wenn die Menschen für sie und andere Opfer des NS-Regimes auch ein Denkmal errichten, wenn sie gemeinsam zur Schuld der längst verstorbenen Ahnen stehen, spät, aber doch. Nur so besteht die Chance, dass so etwas nie mehr passiert, auch nicht in den ersten Ansätzen mit Menschen, die jetzt unter uns sind.

*

Zur Zeit arbeitet die "Österreichische Lagergemeinschaft Ravensbrück und Freundinnen" an einer möglichst vollständigen namentlichen Erfassung aller österreichischen Frauen und Männer, die im KZ Ravensbrück inhaftiert waren. Wissenschaftlerinnen des Institutes für Konfliktforschung, Helga Amesberger, Brigitte Halbmayr und Kerstin Lercher, leiten das Projekt. Bereits fertiggestellt ist das Buch über die Lagergemeinschaft selbst, die 1947 gegründet wurde und sich seither für politische Bildung der nachkommenden Generationen und gegen das Vergessen engagiert. Das Buch, das in Kürze erscheint, schildert die Geschichte der Gemeinschaft ehemaliger Häftlinge, die lange Jahre auf die politische Anerkennung warten musste.

LEBENDIGES GEDÄCHNIS

Die Geschichte der österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück

Von Helga Amesberger, Kerstin Lercher Mandelbaum Verlag, Wien 2008

160 Seiten, brosch., € 17,80

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau