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Zwei Russen auf dem Heuboden

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Zivilcourage bewies eine Familie in den grausamen Tagen der „Mühlviertler Hasenjagd“ im Februar 1945. Gelebte christliche Nächstenliebe.

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Zivilcourage bewies eine Familie in den grausamen Tagen der „Mühlviertler Hasenjagd“ im Februar 1945. Gelebte christliche Nächstenliebe.

Vor lauter Feigheit gibt es kein Erbarmen“ — unter diesem Titel werden die Ereignisse des Februar 1945 rund um das KZ Mauthausen filmisch aufgearbeitet (siehe unten): In der Nacht zum 2. Februar 1945 brachen 419 russische Soldaten aus dem Block 20 des Konzentrationslagers Mauthausen aus. Die ausgehungerten Häftlinge wurden daraufhin unter Beteiligung der Bevölkerung brutal ermordet. Von den 419 Häftlingen überlebten nur elf - zwei davon verdanken ihr Reben dem Mut der Familie Langthaler aus Schwertberg.

„Mein Gott, wenn zu mir einer käme, ich würde ihn behalten!“ hatte Maria Langthaler erschüttert ausgerufen, als sie erfuhr, wie bestialisch die Entflohenen ermordet wurden. Ihre tiefe Gläubigkeit verbat es ihr, einen Flüchtling an die verhaßte SS auszuliefern. Der Bevölkerung hatte man erzählt, es handle sich um Schwerverbrecher. Niemand sollte überleben, „eventuell erschießen oder erschlagen“ lautete der Befehl an SS, Volkssturm und Bevölkerung. Selbst die Mistgabel wurde so zum Mordinstrument.

In Wirklichkeit handelte es sich um entflohene und wieder gefaßte russische Offiziere und Soldaten, die ins KZ Mauthausen überstellt worden waren, wie es in der geheimen Keitel-Verordnung vom 2. März 1944 angeordnet worden war. Hier erwartete sie kein Arbeitsdienst, sondern die reine Schikane, „Aktion K“ genannt. K wie Kugel.

Maria, Jahrgang 1886, und ihr Mann Johann Langthaler, 1883 geboren, bewirtschafteten ihre kleine Landwirtschaft nahe Schwertberg, etwa fünf Kilometer Luftlinie vom KZ Mauthausen entfernt. Überdies arbeitete er als Bruchaufseher in einem Steinbruch, nahe des Bahnhofes Mauthausen. „Oft ist er ganz entsetzt heimgekommen, wenn so ein Zug dahergekommen ist, mit Frauen und Kindern“, erzählt Anna, jüngstes seiner neun Kinder, damals gerade 14 Jahre alt. „Die Menschen aus der Umgebung kannten die Kolonnen, manchmal lag der Geruch verbrannten Fleisches in der Luft.“ Fünf der sechs Söhne waren an der Front, in Frankreich und Rußland. Nur Alfred war kriegsuntauglich und wurde daher zum Volkssturm eingezogen — er mußte bei den Suchaktionen mitmachen und berichtete von den Greueltaten.

Am 3. Februar, um etwa halb sieben Uhr früh klopfte es, ein abgemagerter Mann gab sich als Dolmetscher aus. „Komm herein, ich weiß schon, wer du bist. Ich habe auch Söhne im Krieg, ich will auch, daß meine Söhne nach Hause kommen. Du hast auch eine Mutter…“. So führte die Frau ihn in die Küche, gab ihm zu essen und eilte zu ihrem Ehegatten. „Er ist ein Mann, er hat es anders gesehen“, erklärt Anna das Zögern ihres Vaters. Die Familie begab sich dadurch in höchste Iebens- gefahr.

AUF DER FLUCHT

Die Gefangenen hatten in kleinen Gruppen versucht, sich durchzuschlagen. Michail Rybtschinski und Nikolai Zemkalo waren zum Haus der Langthalers gekommen, nachdem ihr dritter Gefährte einen anderen Weg versucht hatte und erschossen worden war. Hier sah Michail ein altes Grabkreuz liegen. Später erzählte er: „Dieses Kreuz hier ich sehen und ich zu Nikolai sagen, hier ich klopfen, hier gute Leute.“ Sein Gefährte hatte sich inzwischen im Heu versteckt. Beide wurden mit Nahrung und Kleidern versorgt, sie verbargen sich am Heuboden und bekamen Essen - das Geschirr blieb stehen.

Als das Ehepaar Langthaler mit Anna am nächsten Morgen zur Kirche in Schwertberg ging, kamen ihnen etwa dreißig SS-Männer entgegen. Noch immer fehlten einzelne Flüchtlinge, die nun in einer Großrazzia mit Hunden gesucht wurden. „Jetzt ist es aus mit uns, wenn die das Geschirr finden“, war den Eltern klar. Sie konnten nicht umkehren, das hätte Argwohn erweckt - Anna mußte ihnen das Leben retten. Angsterfüllt und widerstrebend machte sich das Kind auf den Heimweg, um dort gemeinsam mit ihrer älteren Schwester Mitzi das Geschirr wegzuräumen und die beiden Russen unter Strohballen zu vergraben.

„Herrgott, steh uns bei!“ flehte die energische und mutige Frau. Als sie heimkamen, traten gerade die SS-Leute aus der Scheune: Nichts. Die Hunde hatten die Fährte verloren. Eine weitere Suchaktion konnte Sohn Alfred verhindern, indem er Volkssturmgefährten und SSler mit Jause und Schnaps ablenkte. Er, der Volkssturmmann, der bei den Suchaktionen teilnehmen mußte, wußte gleichzeitig um die beiden Versteckten im Haus.

Zahlreiche Situationen höchster Gefahr folgten, viele Menschen wa

ren eine Bedrohung: die Nachbarn im Dorf, der plötzlich auftauchende Rauchfangkehrer, die Verwandtschaft. Als die beiden älteren Söhne vom Fronturlaub kamen, wurde das Geheimnis sogar vor ihnen gewahrt — sie hatten gegen die Russen an der Front gekämpft. Es war nicht klar, ob sie Verständnis aufbringen würden. Zur ständigen Gefahr, entdeckt zu werden, kam noch die Lebensmittelknappheit hinzu. Zwei zusätzliche Esser waren kaum zu verkraften.

Zuerst zogen die Amerikaner ins Land und dann die Russen. Michail und Nikolai verließen im Juni 1945 ihre „Zieheltern“, die sie „Vater und Mutter“ genannt hatten. 19 Jahre lang sollten sie nichts voneinander hören, weil die beiden Geretteten in den Nachkriegs wirren Neunen und Adresse verloren hatten.

„Österreichische Mutter sucht ihre beiden Söhne…“ begann 1964 ein Inserat in einer sowjetischen Zeitung. Als Sohn Alois, Steinmetz, den Auftrag für das russische Denkmal in Mauthausen erhalten hatte, kam er zufällig mit ehemaligen Alliierten auf diese Geschichte zu sprechen. Diese Sowjets bemühten sich daraufhin, die beiden Verschollenen mittels Inserat wiederzufinden.

Nach 19 Jahren wurde die Familie mit dem Besuch des russischen Botschafters Awilow geehrt, Johann Langthaler erhielt das Silberne Verdienstzeichen der Republik Österreich — nicht seine Frau als die treibende Kraft. Bald darauf gab es ein Wiedersehen mit den beiden Geretteten, die heute mit ihren Familien in der Ukraine lOeben. Seither gibt es rege Kontakte. Mutter Maria starb 1975, der Vater zwei Jahre zuvor.

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