Jüdisches Wien - © Foto: Sabine Scholl

Jüdisches Wien: Die nahezu Vergessenen

1945 1960 1980 2000 2020

Wenn man genau hinsieht, stößt man in Wien auch an wenig prominenten Orten auf die Spuren einer nahezu vergessenen Epoche – etwa die der jüdischen Gemeinde in Simmering.

1945 1960 1980 2000 2020

Wenn man genau hinsieht, stößt man in Wien auch an wenig prominenten Orten auf die Spuren einer nahezu vergessenen Epoche – etwa die der jüdischen Gemeinde in Simmering.

Seit ich nicht mehr täglich für Kinder verantwortlich bin, finde ich Zeit, meine nähere Umgebung zu erforschen und in die Vergangenheit zu graben. In New York bin ich jeden Tag an berühmten Schriftstellerkneipen und Hotels vorbeigerast, um meine Tochter rechtzeitig zur Schule zu bringen, in Lissabon besorgt über die Abgase an der stark befahrenen Hauptstraße, während ich mit der Kleinen den jüdischen Friedhof entlangspazierte, auf dem die Flucht gestrandeter Exilierter zu einem traurigen Ende gekommen war. In Berlin war ich im Prater damit beschäftigt, Kieselsteine und Zigarettenkippen aus dem Mund meines Sohnes zu bugsieren, anstatt mich darüber zu informieren, welche Volkssänger und Dichter in der Zwischenkriegszeit hier aufgetreten waren.

Seit die Kinder aus dem Haus sind und während wiederholter Lockdowns ist es still geworden. Und die Vergangenheit gewinnt Raum. Sogar hier, in diesem Viertel Wiens, das in romantischen Stadtschilderungen niemals auftaucht. Die früheren Besitzer von Geschäften an der Simmeringer Hauptstraße sind nahezu vergessen. Zuerst wurden jüdische Eigentümer verjagt und neue Schilder angebracht. Immerhin steht das Haus noch, in dem der Fotograf Feuchtbaum sein Atelier hatte. Im Mai 2019 brannte dort das Dachgeschoß aus. Kräne manövrieren Baumaterial, das Unglückshaus Nummer 68 ist bis heute mit einer Plane verhängt. Die Aida, eine Oase aus Cremeschnitten und roten Ledersitzen, fiel dem ersten Lockdown zum Opfer. Das Rosa ihrer Fassade wurde jedoch vom Blumenladen und vom Nagelstudio übernommen. Daneben der heruntergelassene Rollbalken eines Uhrengeschäftes. Eine Fahrschule wirbt für den B-Schein, ohne den alles B-sch****n ist. Darüber, auf der Plane prangt das hoffnungsvolle „Hier ist bald alles so gut wie neu“ der Baugesellschaft. Hm.

Vertriebene Ladenbesitzer

Ich will weiter. An Nummer 110 befand sich das Friseurgeschäft von Hermine Feyer. Ihr Hausbesorger übernahm den Laden, nachdem sie vertrieben worden war. Nun befindet sich an dieser Stelle eine orientalische Bäckerei, Spezialität: Baklava. Gegenüber sollte sich die Nummer 135 befinden. Ich suche lange danach, denn hier steht kein Altbau mehr, sondern das ebenerdige Geschäftslokal einer Firma für Möbel nach Maß. Vordem warteten hier die Verkäufer des Delikatessengeschäftes von Max Marian in grauen Arbeitsmänteln auf Kunden. Spezerei, Parfümerie, Touristen-Ausflugsproviant war auf dem Geschäftsschild zu lesen. Nach der Arisierung im März 1938 wurde für Wurstwaren geworben. Der in Großbuchstaben vermerkte Name des verjagten Besitzers ersetzt durch das unmissverständliche Schild: Heil Hitler, mit drei Rufzeichen, Swastika links und rechts, Hakenkreuzfahne im Schaufenster. Die vor dem Laden aufgestellten Holzkisten voller Obst scheinen dieselben, doch neue Verkäufer, diesmal in weißen Kitteln, grinsen dem Fotografen entgegen.

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