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Erste Schritte in die Zweite Republik

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Heute vor 50 Jahren entstand die Zweite Republik. Für die Nazis brach die Welt zusammen, für die Österreicher wurde sie neugeboren.

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Heute vor 50 Jahren entstand die Zweite Republik. Für die Nazis brach die Welt zusammen, für die Österreicher wurde sie neugeboren.

Als wir, eine Gruppe von fünf Österreichern, die am 27. Jänner 1945 im KZ Auschwitz befreit worden waren, von den Kämpfen um Wien (siehe Zeittafel, Seite 10) erfuhren, waren wir nicht mehr zu halten. Wir wandten uns an unseren sowjetischen Kontaktoffizier Kunin mit der Bitte: ,,Wir wollen in die Heimat. Nach Osterreich. Um von Anfang an beim Wiederaufbau dabei zu sein!” Kunin sah uns, die abgemagerten und vom jahrelangen KZ-Aufenthalt entsprechend geschwächten Figuren, mitleidig an und schüttelte den Kopf. Seine Geste: unrealistisch und undurchführbar - auch angesichts der gestörten Verkehrsverbindungen in den Gebieten, die wir auf unserem Weg zu „durchreisen” hatten. Doch wir - alle noch relativ jung -waren nicht zu halten in unserem Tatendrang und wir machten uns von Krakau aus, wo wir bis dahin vom polnischen Roten Kreuz versorgt worden waren, auf den Weg in die Heimat.

Von den sowjetischen Stellen hatten wir einen Ausweis in cyrillischer Schrift erhalten,, in dem bestätigt, wurde, daß wir ehemalige KZ-Häftlinge waren. Dieses Papier war in der Folge bei den verschiedenen Punkten, wo wir Station machen mußten, sehr wichtig. Vielfach genügte aber die eintätowierte Häftlingsnummer, und unsere Gesprächspartner wußten, mit wem sie es zu tun hatten. Unser Weg führte von Polen, wo wir am Duklapaß fast erfroren wären, über die Tschechoslowakei und Ungarn nach Osterreich.

Von der Unabhängigkeitserklärung Österreichs am 27. April erfuhren wir am 1. Mai in Budapest. Ein russischer Militärkraftwagen nahm uns, nachdem wir uns als ehemalige KZ-Häftlinge deklariert hatten, mit in das erst vor kur-zem befreite Österreich und setzte uns in Schwechat ab. Das war am 2. Mai.

Da zu dieser Zeit natürlich noch keine Straßenbahn verkehrte, wanderten wir zu Fuß stadtwärts - vorbei an zerbombten Häusern, zerstörten Fahrzeugen, herabhängenden Oberleitungen. Das alles erschütterte uns zutiefst, konnte aber dennoch unsere Zuversicht und Hoffnung nicht beeinträchtigen.

Was konnte uns jetzt noch passieren, nach dem, was wir die Jahre zuvor erlebt hatten. Wir fieberten geradezu danach, dazu beitragen zu können, daß das neue Österreich bald wieder schöner und wohnlicher werde und die verschreckten Menschen wieder lachen lernen sollten. Damals waren fast nur alte Männer, verhärmte Frauen und Kinder zu sehen, die sich bei Hydranten um Wasser anstellten.

Wir fünf waren die erste Gruppe ehemaliger KZ-Häftlinge, die in Wien eintraf. Und man machte sich mit Hoffen und Bangen auf den Weg zu den Angehörigen. Wer sicher war, daß niemand auf ihn wartete, und das war bei einigen meiner Kameraden, den sogenannten „rassisch” Verfolgten, der Fall, ging zu einer der Hilfs- und Sammelstellen,

die improvisiert eingerichtet worden waren. Und man begab sich zu einer der drei inzwischen konstituierten demokratischen Parteien, um seine Dienste anzubieten. Und so trennten wir uns, freilich in der festen Absicht, unsere kleine Gemeinschaft auch unter den neuen Verhältnissen aufrecht zu erhalten,.

Die Begleitumstände des Beginnes des neuen Österreich waren zunächst wenig ermutigend. Es fehlte buchstäblich an allem, was uns heute zum Leben selbstverständlich erscheint. Und es war - auch wenn dies von manchen Historikern bestritten wird - in gewisser Hinsicht eine Stunde Null. Meine Schicksalskameraden und ich halfen von Anbeginn an beim Wiederaufbau mit, vor allem bei der Beseitigung der Kriegsschäden. Die Trümmer wirkten nämlich auch demoralisierend auf die Bevölkerung, und so organisierten

die eben erst entstandenen demokratischen Jugendorganisationen eigene Aktionen.

Die erste Zeitung der eben erst entstandenen Zweiten Bepublik war „Neues Österreich - Das Organ der demokratischen Einigung”. Wir Ex-I Iäftlinge pilgerten unmittelbar nach unserer Ankunft in Wien in die Bedaktion in der Seidengasse und erzählten von dem, was wir erlebt hatten - von dem Massenmord in der größten NS-Vernichtungsstätte. Am 6. Mai informierte ein Artikel, erstmals die österreichische Öffentlichkeit über das Vernichtungslager.

Aufklärung tut not!

„Die Hölle von Auschwitz. Millionen Ermordete klagen an”, war der Titel. „Den folgenden Bericht”, hieß es in der Einleitung”, „verdanken wir fünf Österreichern, Franz Danimann, Emil Gmeiner, Hans Gold-berger, Kurt Hacker und Emil Kosak, denen es gelungen ist, sich vor der geplanten Ermordung durch die SS-Verbrecher zu retten.” Und abschließend schrieb Bedakteur Karl Hans Heinz: „Wie die Menschlichkeit in diesem Lager geschändet wurde, davon kann der vorliegende Bericht nur eine schwache Vorstellung geben. Es wäre nicht unangebracht, zu gegebener Zeit Massenexkursionen nach Auschwitz zu veran-

stalten, um das geschriebene Wort durch unmittelbaren Augenschein ständig lebendig zu erhalten.”

In den diversen Zuchthäusern und Konzentrationslagern, von Herrn Haider verharmlosend und geradezu fälschlich als „Straflager” bezeichnet, gab es nicht nur Tod und Vernichtung, sondern auch Widerstand, Solidarität, Hilfsbereitschaft -und zwar im besten Sinn des Wortes auf internationaler Basis. Auschwitz ist dafür ein hervorragendes Beispiel.

Zurück zum Wiederaufbau. Wir krempelten uns die Ärmel auf, um damit zu beginnen. Jeder an seinem Platz. Zweifel an der Lebensfähigkeit Österreichs gab es nicht mehr. Das war wohl die wichtigste Lehre der furchtbaren sieben Jahre (siehe Seite 10, Bericht von Felix GamilT scheg).

Insbesondere lag es uns am Herzen, eine demokratische Verwaltung aufzubauen. In dem sehr schweren Existenzkampf gab es natürlich auch manche Versäumnisse - insbesondere hinsichtlich der Information über die Verbrechen der Nazionalsoziali-sten. Aber wir meinten eben, daß es sich dabei um Geschichte handle, bis wir leider eines anderen belehrt wurden. Man sollte die neonazistischen Aktivitäten, die „Auschwitz-Lüge” und so weiter, nicht überbewerten, aber auch nicht bagatellisieren. Aufklärung tut not!

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