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Das schockierend richtige Gefühl des Adolf Hitler

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Am 11. März jährt sich zum 35. Male der Tag, da der zweite Weltkrieg begann. Den Zeitgenossen von heute muß man erklären, warum der Kriegsbeginn nicht erst auf den 2. September 1939 festzusetzen ist: die Außenpolitik der nationalsozialistischen Machthaber war — man konnte das schon 15 Jahre vorher in „Mein Kampf“ nach- oder besser gesagt vorauslesen — ausschließlich auf eine gewaltsame territoriale Ausweitung des Deutschen Reiches ausgerichtet. Die seit eh und je erklärten Ziele dieser Expansionspolitik waren zunächst Österreich, die deutschsprachigen Gebiete der Tschechoslowakei und Danzig; dann aber die Resttschechei, Polen und vor allem die Ukraine.

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Am 11. März jährt sich zum 35. Male der Tag, da der zweite Weltkrieg begann. Den Zeitgenossen von heute muß man erklären, warum der Kriegsbeginn nicht erst auf den 2. September 1939 festzusetzen ist: die Außenpolitik der nationalsozialistischen Machthaber war — man konnte das schon 15 Jahre vorher in „Mein Kampf“ nach- oder besser gesagt vorauslesen — ausschließlich auf eine gewaltsame territoriale Ausweitung des Deutschen Reiches ausgerichtet. Die seit eh und je erklärten Ziele dieser Expansionspolitik waren zunächst Österreich, die deutschsprachigen Gebiete der Tschechoslowakei und Danzig; dann aber die Resttschechei, Polen und vor allem die Ukraine.

Daß die Ziele einer solchen Politik nur durch Kriege erreicht werden konnten, lag klar auf der Hand. Einen Krieg, oder wenigstens einige Kampfhandlungen hätte es aber schon am 11. März 1938 gegeben, wenn Kurt Schuschnigg einen Schießbefehl erteilt hätte. Daß er es nicht tat, um — was menschlich restlos begreiflich ist — Menschenleben zu schonen, wurde schon damals und später als ein politischer Fehler angesehen. Daß die Eroberung der Tschechoslowakei kampflos geschehen konnte, hatte dieselbe Begründung wie der außenpolitisch gut abgedeckte Einmarsch in Österreich: nämlich die damalige Handlungsunfähigkeit und -unwilligkeit der Westmächte. Es zählte jedenfalls zu den nicht abzuleugnenden taktischen Fähigkeiten des deutschen Diktators, daß er bis zum Überfall auf Polen ein schockierend richtiges Gefühl für die Möglichkeiten der internationalen Politik dieser Zeit hatte. Daß seine Aktionen gegen Österreich und die Tschechoslowakei nur Vorbereitungen für den Krieg gegen die Sowjetunion waren, hätte man ebenfalls aus „Mein Kampf“ herauslesen können. Die verantwortungslose Blindheit Cham-berlains, des damaligen Premiers von Großbritannien, hat schreckliche Früchte getragen. Sein Ruf „peace in our time“ war so ziemlich der größte Fehlschluß aller Zeiten eines britischen Staatsmannes.

Es kann allerdings nicht verschwiegen werden, daß die innerpolitischen Ereignisse anläßlich des sogenannten Anschlusses Österreichs dem britischen Premierminister ein Argument für seine Handlungsweise geboten haben. Das kann die Haltung Chamberlains zwar nicht rechtfertigen, ist aber immerhin eine historische Wahrheit. Der Jubel, mit dem die deutschen Okkupanten in Österreich empfangen wurden, gellt uns allen noch schauerlich in den Ohren. -Man hat oft darüber gesprochen, wieviele Nationalsozialisten es im Jahre 1938 in Österreich eigentlich gegeben habe. Die Schätzungen schwanken zwischen 20 und 30 Prozent. Das war gewiß eine Minderheit, aber sie war in ihrer Aktivität, und vor allem in ihrer Brutalität, der Mehrheit schrecklich überlegen. Wenn 30 Prozent der Bevölkerung auf die Straße gehen und jubeln,während 70 Prozent zu Hause bleiben, dann entsteht zwangsweise ein völlig unrichtiges Bild der Volksmeinung. Als dann gar die Abstimmung vom 10. April 1938 ein fast hundertprozentiges Ja zum Anschluß erbrachte, konnte sich die große Welt darauf berufen, daß mit dem Anschluß angeblich ein Wunsch des ganzen österreichischen Volkes erfüllt worden sei. Welch besseres Zeugnis für das ,,Selbstbestimmungsrecht der Völker“ hätten sie haben können!

Wie es mit dieser Abstimmung in Wirklichkeit aber bestellt war, beschreibt Kurt Schuschnigg in seinem Buch „Im Kampf gegen Hitler“. Er schildert darin, wie in einer kleinen, abseits gelegenen Tiroler Gemeinde, die von den Ereignissen des 11. März nichts erfahren hatte, am 13. März noch die von der österreichischen Regierung geplante Volksabstimmung über die Selbständigkeit Österreichs durchgeführt wurde. Alle Wahlberechtigten stimmten für ein freies und unabhängiges Österreich. In der gleichen Gemeinde wurden dann am 10. April alle Stimmen für den Anschluß abgegeben!

Was sich, beginnend in der Nacht vom 11. auf den 12. März 1938, sodann in Österreich abspielte, sind historisch bekannte Tatsachen. Daß schon in den ersten Tagen des „Großdeutschen Reiches“ manchem österreichischen Nationalsozialisten Bedenken kamen, als man von der Verhaftung von rund 60.000 patriotischen Österreichern Kenntnis erhielt, war für den Gang der Ereignisse nicht mehr von Bedeutung, nahmen doch diese einen Verlauf, wie er selbst von deutschen Nationalsozialisten gar nicht erwartet worden war. Es ist bekannt, daß Hitler zunächst nur daran dachte, Österreich als staatliche Einheit „unter deutschem Schutz und nationalsozialistischer Führung“ bestehen zu lassen. Erst der Jubel der 30 Prozent bestärkte ihn, sofort aufs Ganze zu gehen und Österreich, beziehungsweise die „Donau- und Alpengaue“, umgehend zu Provinzen zu erniedrigen. Daß das selbst den österreichischen Nationalsozialisten überraschend und nicht ganz angenehm war, änderte nichts mehr an der Weltgeschichte. Wir konnten es akzeptieren, wenn von diesen Leuten sehr bald ihre Enttäuschung ausgedrückt wurde. Wieder muß man auf „Mein Kampf“ verweisen, wo das alles bereits programmiert war, und niemand konnte mit Recht sagen — was dann eben oft gesagt wurde — „ja wenn wir das gewußt hätten ... !“ Jene, die es gewußt hatten, waren damals schon längst in den Konzentrationslagern und Gefängnissen, und die es noch nicht wußten, bezahlten mit uns allen Ihre intellektuelle Fehlleistung mit dem zweiten Weltkrieg und seinen Folgen. Auch die unmittelbare Auslösung des zweiten Weltkrieges, der lang geplant und zunächst gut vorbereitet war, war sozusagen eine solche intellektuelle Fehlleistung, indem der deutsche Diktator meinte, das Spiel mit Österreich und der Tschechoslowakei auch noch mit Polen fortsetzen zu können. Er erwartete — nicht zuletzt wegen des Paktes mit Stalin über die Teilung Polens —, daß Großbritannien und Frankreich auch noch diesen Coup zur Kenntnis nehmen würden. Die Erkenntnis der Wahrheit, daß der Krug nun einmal nur so lange zum Brunnen geht, bis auch keinesweg als Entschuldigung er bricht, war ein unerwarteter Schock für den Herrn in Berlin, der, als er die Kriegserklärung der Alliierten auf den Tisch geknallt bekam, nach Augenzeugenberichten einen jener von seinen Lakaien so gefürchteten Tobsuchtsanfälle erlitt. Für jene, die auf der Lagerstraße von Dachau von diesen weltpolitischen Ereignissen erfuhren, war — so makaber das klingen mag — die britisch-französische Kriegserklärung ein Freudentag, denn es war klar, daß Deutschland diesen Krieg nie gewinnen konnte. Sicherlich konnte damals niemand seine Dauer abschätzen, noch weniger wußte irgend jemand, ob er persönlich das Kriegsende erleben werde, aber jede nüchterne Überlegung mußte zu dem Ergebnis führen, daß nach anfänglichen großen Siegen irgendwann einmal die militärische und wirtschaftliche Kraft Deutschlands erschöpft sein würde und daß dann die Wendung des Kriegsglücks eintreten mußte. Es gibt genug lebende Zeugen, die bestätigen können, daß damals nur diese Überlegung für uns maßgebend war und wir niemals mit einem endgültigen Sieg der Deutschen gerechnet haben.

Wie schwer allerdings der Opfergang werden sollte, darüber hatte man noch keine Vorstellungen. Vor allem überstiegen die Absichten und Möglichkeiten nationalsozialistischer Brutalität damals noch jedes Vorstellungsvermögen, obwohl auch darüber bereits einiges in „Mein Kampf“ enthalten war. Aber daß es möglich sein sollte, aus Millionen Menschen der unterworfenen Völker wertvolle Arbeitssklaven zu machen, ja, daß es ein technisches Verfahren geben könnte, 6 Millionen Juden in zweieinhalb Jahren fabriksmäßig zu ermorden — eine solche Vorstellung blieb nationalsozialistischer Phantasie überlassen. Die Verbrennungsöfen von Auschwitz, Treblinka, Maj-danek und Mauthausen waren damals noch nicht konstruiert. Der volle Umfang des Schreckens und der Vernichtung war noch nicht errechnet und wurde in seinem unvorstellbaren Ausmaß erst nach dem Krieg bekannt. Es waren die Tatsachen, die im Laufe der Zeit bekannt wurden, schon so unfaßbar, daß sie vielfach nicht geglaubt wurden. Trotzdem konnte nachher die Entschuldigung nicht gelten, „nichts davon gewußt zu haben“, denn das, was man wußte, hätte immerhin ausreichen müssen, sich entsetzt vom Nationalsozialismus abzuwenden. Wie groß die Schar derer war, die bis zum Schluß an ihren „Führer“ glaubten, ist bekannt genug. In den „Nürnberger Prozessen“ gab es — von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen — immer wie-zwei Ausreden: die angebliche Unwissenheit und den Befehl. Selbst von den meisten Hauptkriegsverbrechern, als den für das ganze nationalsozialistische Geschehen Verantwortlichen, wurde versucht, diese beiden lächerlichen Ausreden glaubhaft zu machen. Nur ganz wenige hatten den Mut, zu ihren Taten zu stehen, und nur vereinzelte bequemten sich zu dem Eingeständnis, furchtbares Unrecht begangen zu haben. Was aber die Ausrede auf den „Befehl“ anlangt, so zeugte sie — von dem im Einzelfall da und dort tatsächlich gegebenen unzumutbaren Zwang abgesehen — nur von völliger moralischer Verrohung und dem totalen Verfall aller menschlichen Sitten. Es ist längst historisch bewiesen, daß etwa die Abmeldung eines SS-Schergen vom Dienst in einem Konzentrationslager im schlimmsten Fall die Überstellung zu einer Fronttruppe zur Folge hatte.

Ein Wort auch zu den österreichischen Opfern dieser apokalyptischen Zeit. Ein Opfer ist, wer mit Leib oder Leben die Grausamkeit des Systems bezahlte. Dazu gehören die 300.000 ermordeten österreichischen Juden, die 65.000 aus politischen Gründen hingerichteten oder hingeschlachteten Opfer in den Konzentrationslagern, die gefallenen und verwundeten Soldaten, sowie die Toten des Bombenkrieges. Ihnen allen gebührt die höchste Ehre, die die Welt erweisen kann. Zu den Opfern gehören auch die Patrioten und Widerstandskämpfer, die nach oft jahrelanger Haft das Licht der Freiheit wieder erblickten. Es wäre unrichtig, diesen Opfergang als eine freiwillige Angelegenheit zu bezeichnen und damit seine Glaubwürdigkeit zu schmälern. Von ganz wenigen abgesehen — der Fall Jägerstätter ist weltweit bekannt geworden — hat niemand freiwillig Leben und Gesundheit geopfert. Gewiß wußten fast alle Menschen in den Widerstandsbewegungen um die Gefahr, die sie freiwillig auf sich nahmen, aber ebenso gewiß war jeder von der Hoffnung getragen, zu überleben. Dm Opfer an sich aber wird dadurch nicht kleiner, wenn man den menschlichen Selbsterhaltungstrieb in Rechnung stellt. Nun, da 35 Jahre seil; dem Anfang dieses dornenvollen Weges vorüber sind, sollte man nicht aufhören, immer wieder all dieser Opfer zu gedenken. Man soll auch ruhig aussprechen, daß der „Dank des Vaterlandes“ nicht allzu großartig gewesen ist. Eine mehr als bescheidene Opferrente und ein paar Denkmäler auf Friedhöfen sind alles, womit sich die Republik Österreich für ihr Wiedererstehen bedankte. Man sollte wissen, daß noch immer Österreicher leben, die jahrelang inhaftiert waren und Gesundheitsschäden schwerster Art ihr Leben lang mit sich tragen, und die in allerbeschei-densten, um nicht zu sagen: ärmlichen Verhältnissen leben müssen. Aber es war nicht der Dank des Vaterlandes, auf den diese Menschen hofften, als sie sich für Österreich einsetzten, es war der unbedingte Glaube an dieses Österreich und die Liebe zu ihrer Heimat, deren Wiedererstehen für sie der höchste Lohn geworden ist. Auch das muß man 35 Jahre später deutlich aussprechen.

Was aus dieser Zeit hervorgegangen ist, wissen wir alle; das wiedererstandene Österreich war nun ein Land, das an sich selbst glaubte und in dem die Menschen aller Bekenntnisse in guter Kameradschaft zusammenwirkten, um die schwierige Arbeit des Wiederaufbaues zu meistern. Die Zweifel an der Lebensfähigkeit Österreichs und der unselige innerpolitische Zwist der Zwischenkriegsjahre waren ein für ,alle Mal überwunden. Das System der politischen Koalition trug seine Früchte und erwies sich als das Geeignetste für ein Land wie Österreich in seiner politischen und wirtschaftlichen Kapazität und in seiner geographischen Lage. Auch das soll heute gesagt werden. Sicherlich ermöglichen die Spielregeln einer parlamentarischen Demokratie ein System parteipolitischen Machtwechsels und den Platzwechsel von Regierung und Opposition. Ebenso sicher aber muß immer wieder auch die Frage nach der besten Möglichkeit eines demokratischen Systems gestellt werden. Was in den ersten zwanzig Jahren der Zweiten Republik vollbracht wurde, läßt die Frage nach der inneren politischen Konstruktion unserer Republik stellen und es wird die Zukunft weisen, ob das System des politischen Machtwechsels oder das der politischen Konzentration das bessere ist. Auch diese Frage soll am 35. Jahrestag des 11. März 1938 gestellt sein.

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