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„Wenn Deutschland gesiegt hätte…“

„Schließlich gelang es jungen Physikern des Forschungsamtes der NSDAP, ein neues Element abzuleiten, das sie Pomeranium nannten. Um die Explosion des Pomeraniumkernes auszulösen,. bedarf es keiner komplizierten Verbindung — es genügt eine intensive Bestrahlung durch eine Art polarisierten Lichtes. Der Projektionsapparat, den man dafür verwendet, heißt das ,F ü hierau g e’.

So schildert Randolph Robban in einem der amüsantesten Bücher der Nachkriegsliteratur („Wenn Deutschland gesiegt hätte…“, Kohlhammer Verlag, Stuttgart) den Weg zur deutschen Atombombe, die Hitlers Endsieg ermöglichte. Die bereits auf Reichsgebiet vorgedrungenep Invasionsarmeen werden durch kleine Bomben in die Flucht getrieben, weite Teile Londons werden durch eine Großbombe zerstört, Churchill verschwindet, sei es, daß er untergegangen ipt, sei es,’ daß er wirklich in ęipem U-Boot ,die Antarktis erreicht hat, um von dort’ den symbolischen Widerstand! der Demokratien aüf- ‘recht?uerhalten. Auch das Ende Stalins scheint nicht restlos geklärt. Auf der von ,. Hitler nach Potsdam einberufeneh Frie- denskopferenz verlangt der Sonderbotschafter des Mikado eine ‘ Besatzungszone in den USA mit dem Recht, die dortige Bevölkerung zu entdemokratisieren — gedacht ist an Kalifornien mit San Franzisko. Die Weigerung Hitlers, diesen ‘Wunsch zu erfüllen, läßt die ersten Risse ‘ in der großen Allianz sichtbar werden. Zunächst lassen sich allerdings die Ereignisse noch ganz gut an. Das Hauptproblem, die Umerziehung der amerikanischen Bevölkerung, kann in Angriff genommen werden. England bleibt sich selbst überlassen, da Ribbentrop der Meinung ist, eine radikale Labourregie- irung würde das Empire rascher von innen auflösen, als es von außen möglich wäre. Indes entwickelt sich in Hitler immer rascher die Vorstellung von der unabdingbaren Notwendigkeit eines deutsch-japanischen Zweikampfes. Tatsächlich brechen auch im Fernen Osten bald Unruhen aus, und Hitler sieht sich veranlaßt, die Kriegsgefangenen der kleineren westlichen Staaten im Kampf gegen Viet-Nam einzusetzen. Mit der Heimkehr der Kriegsgefangenen hat es überhaupt sein Bewenden. „Ach, wenn die Alliierten gesiegt hätten“, läßt Robban eine seiner Figuren ausrufen. „Wenn das Schicksal ihnen die Möglichkeit gegeben hätte, ihre erhabenen christlichen Grundsätze in die Tat umzusetzeh! Dann hätte man wenige Wochen nach dem Ende der Feindseligkeiten alle Gefangenen, alle verschleppten Personen in die Heimat’ zuriickkehren sehen. Niemals hätte man sich zu Deportation wehrloser Bevölkerung, zu unwürdigen Kollektivstrafen hergegeben!“ Man sieht, daß der Autor von seinem Beobachtungspunkt im Irrealen recht giftige Pfeile auf recht reale Ziele abzusehießen versteht. Dabei ist Robbans Ironie’ immer erträglich,’ da er baĮd die eine, bald die andere Seite unter Feuer nimmt. In dem kühn erfundenen Bericht des Nazigeneralanwalts von Nürnberg gelingt es sogar, in einigen Sätzen gleichzeitig beiden Seiten die Meinung zu sagen. „Nach unseren nazistischen Auffassungen“, heißt es da, „ist jeder einzelne, welchen Rang er auch gehabt haben mag, voll verantwortlich, wenn er die Verbrecherische Idee hatte, einen Nationalsozialisten zu töten. Grundsätzlich sind alle Angehörigen der alliierten Armeen als Kriegsverbrecher zu betrachten. Das nationalsozialistische Welttribunal muß sich deshalb Vorbehalten, diejenigen ausliefem zu lassen, denen man den Prozeß machen will.“

Natürlich stumpft sich dieser Spott allmählich ab, doch noch ehe dieser Punkt erreicht ist, führt der Autor einen geistvollen Spiegeleffekt ein. Er läßt seinen Beobachter, einen „sycambrischen“ Diplomaten (Sycambrien steht hier unverkennbar für Ungarn, auch ist es kein Geheimnis, daß sich hinter dem Pseudonym Robban ein ungarischer Diplomat des alten Regimes verbirgt), den die Entwicklung nach dem deutschen Sieg immer mehr bedrückt und erbittert, schließlich in den Gefilden der Phantasie Zuflucht suchen. Der sycambrische Diplomat schreibt ein Buch: „Wenn die Alliierten gesiegt hätten …“. „Ganz Europa hat während der deutschen Besatzung unter den verschiedensten Demarkationslinien viel zu sehr gelitten, als daß man Neigung hätte, nochmals denselben Fehler zu wiederholen“, ist eine der ersten Sätze dieses Traktats. Während sich.

Unter vier Voraussetzungen wäre man bereit, den Widerstand aufzugeben: l.Die Effektivstärke der US-Armee dürfte niemals ein Zehntel der französischen Armee überschreiten. 2. Frankreich müßte im US-Generalstab mit ebensoviel Generalen vertreten sein wie die USA selbst. 3. Deutschland müßte vorher einen Beistandsvertrag unterzeichnen, der sofortige Hilfe im Falle einer neuen US-Lan- dung in der Normandie oder einem anderen Punkt der Küste vorsieht. 4. Die Befehlssprache des neuen US-Heeres muß deutsch sein. Doch platzt inmitten dieser endlosen Gespräche der deutsche A-Bombenangriff auf Japan. Der sycambrische Diplomat hört die Nachricht auf dem Europaflugfeld bei Groß-Berlin. Ein ganz junger SS-Mann ruft „Hiroshima zerstört! Nagasaki, Konniwtschiwa in Flammen!“ „Aber nein, nein!“ ruft ihm der sycambrische Diplomat zu, „Konniwtschiwa heißt: ,Wie geht es Ihnen?’, das ist gar keine Stadt.“ In diesem Augenblick erfolgt eine furchtbare Explosion, die erste japanische A-Bombe ist auf Groß-Berlin abgeworfen worden..

Utopische These — und Kritik

Man legt das Buch ein wenig betreten beiseite. Auch deswegen, weil es Ursache und Wirkung mit dem gleichen Maße mißt. „Wenn Deutschland gesiegt hätte…“ Dieser Titel markiert eine meist verborgene, aber doch fühlbare Trennungslinie. Die einen meinen, es wäre besser, trotz allem besser gewesen, wenn Deutschland gesiegt hätte, die anderen halten den gegenwärtigen Zustand trotz allem erträglicher. Zu diesem Urteil gelangt man nicht tastend, forschend, allmählich, es stellt sich mit der Plötzlichkeit chemischer Reaktionen ein. Meist ist diese Ansicht dabei nur von einer höchst ungenauen Vorstellung, wie es wirklich gewesen wäre, gedeckt. Landläufig scheint nur die Ansicht, daß unser Lebensstandard im Falle eines deutschen Sieges ein höherer gewesen wäre, daß wir dafür größere Beschränkungen unserer Freiheit hätten in Kauf nehmen müssen, während vielleicht der eine oder andere uns nahestehende Mensch von den Rädern der Totalität zermalmt worden wäre. Aber selbst dieser Gegensatz, den man in die furchtbare Formel: Gelieferter Volkswagen plus deportierter Freund, gebrochen durch zwei, pressen könnte, beherrscht keinesfalls allgemein die Schau.

Analysiert man im übrigen die These eingehender, so kommt man dazu, sie höchst problematisch zu finden. Bei der Frage nach dem Lebensstandard ist nicht nur das „Ob“, sondern auch das „Wann“ maßgeblich. Wäre nämlich der Sieg nach einer weitgehenden Vernichtung der Wirtschaftssubstanz errungen worden, so hätte auch die straffere Organisierung der europäischen Hilfsmittel und eine gewaltsam aufgezwungene Arbeitsteilung nicht die schnelle Entlastung der amerikanischen Hilfe bringen können. Andererseits wäre die Freiheit keinesfalls für alle geringer gewesen. Sie wäre oben viel größer gewesen — die Gauleiter hätten beispielsweise viel mehr davon besessen —, hätte sich allerdings nach unten zu furchtbar verengt. Es zeigt sich also, daß man mit solchen Generalisierungen nicht recht weiterkommt.

Ein ernsthafter und großangelegter Versuch, die Welt nach einem Sieg Hitlers zu rekonstruieren, müßte sich vor allem auf die Summe der schon eingeleiteten oder nur wegen des Krieges aufgeschobenen Maßnahmen stützen. Beispielsweise läßt sich mit einiger Sicherheit annehmen, daß die bereits eingeleiteten Umsiedlungen abgeschlossen und zumindest ein Teil der noch geplanten durchgeführt worden wären. Die Slowenen hätten ihre alte Heimat samt und sonders verlassen, die Südtiroler ihren alten Boden mit der Krim vertauscht („Sie müssen dazu nur einen deutschen Strom hinunterfahren“, hatte Hitler erklärt, der Heimatverlust war damit zu einer Art KdF-Reise degradiert worden), die noch übriggebliebenen Juden das Diesseits mit dem Jenseits. Die Umsiedlung des tschechischen Volkes wäre zur Debatte gestanden, und Rußland wäre zweifelsohne auf diesem Gebiet das große Experimentierfeld geworden. Zu den aufgeschobenen Maßnahmen ist vor allem der Kampf gegen die katholische Kirche zu zählen, dessen erster Höhepunkt wahrscheinlich die Abrechnung mit Bischof Graf Galen geworden wäre, von der Goebbels und andere Machthaber des Dritten Reiches wiederholt gesprochen hatten. Hand in Hand damit Wäre das Strafgericht über den noch nackensteifen Teil der deutschen Aristokratie hereingebrochen. Eine behagliche Zeit wäre es also wohl nicht geworden!

An diesem Punkt wird nun unvermeidlich die Frage gestellt, ob denn mit dem Hinweis auf die möglichen Härten einer deutschen Nachkriegswelt die tatsächlichen Härten einer alliierten Nachkriegswelt beschönigt oder entschuldigt werden sollen. Hier findet man mit einem einfachen .Nein“ nicht mehr sein Auslangen. Denn hinter der anscheinend rationellen Frage steckt irgendwo die unheimliche Vorstellung, daß zwischen Himmel und Erde ein gefallener Engel eine Art Hauptbuch aller Schrecknisse führt, in der eine Partei ihr Konto löschen kann, so bei der anderen Partei ähnliche Belastungsbuchungen festzustellen sind. Wie allgemein diese abwegige Vorstellung geworden ist, zeigt, daß sie bereits kluge und einsichtige Männer infiziert hat: Das Wort Auschwitz“ kann nicht fallen, ohne daß jemand „Dresden“ und „Hungerblockade“ sagt. Wir sind tief in diese Koppelgeschäfte des Grauens hineingeraten, es bedarf bewußter Anstrengung, davon freizukommen.

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