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Deutschland zwischen Furcht und Hoffnung

Noch immer lebt man in Deutschland in einer Quarantäne und erlebt demgemäß alle Psychosen, die in Enge, Abgeschlossenheit und Vereinsamung von Lagergemeinschaften entstehen. Die Besatzungsmächte bedenken meist nicht, daß der Nervenkrieg der großen Weltkonkurrenten bei den fast siebzig Millionen Einwohnern der Quarantäne Deutschland wesentlich andere Wirkungen zeitigen muß, als man jenseits der Absperrung erwartet. Erschienen etwa die Ereignisse in der Tschechoslowakei den Angelsachsen als ein ermunterndes, wenn auch warnendes Signal für die Weltdemokratie, der östlichen „Aggression” nunmehr eine endgültige Grenze zu ziehen, so riefen sie in der deutschen Nachbarschaft neben einer verständlichen Genugtuung darüber, daß der tschechische Nationalismus so bald von den Geistern, die er 1945 gerufen, in den Orkus gestürzt wurde, vor allem panische Angst vor einer Fortsetzung des Spiels hervor. Man ist in einem Versperr immer feinhörig, überempfindlich, ein wenig hysterisch. General Clays vielleicht nur beiläufig hingeworfene und nicht ganz wörtlich gemeinte Äußerung, man müsse dem Kommunismus am Rhein eine letzte Grenze setzen, wurde in Deutschland als die Ankündigung verstanden, die Bizone widerstandslos dem Osten zu überlassen. Ähnjiche Äußerungen dieses oder jenes Staatsmannes, Militärs, Wirtschaftsführers — etwa des jungen Ford wahrscheinlich in ganz anderer Absicht gesprochene Worte, er wolle kein zusätzliches Kapital in Deutschland investieren — wurden nach der Prager Februarrevolution sämtlich in dem gleichen Sinne des Bekenntnisses zu einer westlichen Kapitulationspolitik ausgelegt, die Deutschland über kurz oder lang dem Bolschewismus ausliefern wolle. Da man nun die Kriegsgefahr überschätzt, von den noch immer vorhandenen Möglichkeiten eines Ausgleiches der Weltspannungen keine Vorstellung hat, die Außenwelt überhaupt im Zerrspiegel sieht und nicht objektiv, sondern durch eine Summe von Gerüchten, Zeitungsausschnitten, persönlichen Berichten, Rundfunkmeldungen mehr desinformiert als unterrichtet wird, lebt man in der Angst vor einem unmittelbar bevorstehenden Krieg, der — so folgert man weiter — die sofortige Flucht der Amerikaner, das Überrollen Deutschlands durch russische Panzerarmeen, die Verschleppung der arbeitsfähigen, den Hungertod der nicht mehr einsatzfähigen Deutschen bedeuten würde, wobei es dann völlig uninteressant wäre, ob der Westen nach einem oder nach vier Jahren das Ringen doch noch gewinnen könnte. Bezeichnend für diese Grundstimmung der Furcht war eine Panik, die um die Osterzeit, vielleicht als Folge eines schlechten Aprilscherzes, weite Teile Bayerns erfaßt hatte. Der Rundfunk habe gemeldet, daß die Amerikaner Bayern als Aufmarschgebiet räumen und die Bevölkerung nach Südfrankreich abschieben. Frauen liefen von Haus zu Haus, man begann zu packen und Fahrzeuge vorzubereiten, Ostflüchtlinge freuten sich, daß die Alteingesessenen nun auch als „Zigeuner” in die Fremde ziehen müßten, und es dauerte einige Tage, bis sich die Aufregung gelegt hatte.

Solange man nicht die jetzige scheinbare — durch das System der Zeitungslizenzen und den immer drohenden Lizenzentzug praktisch aufgehobene — Preßfreiheit gegen ein System wirklicher Pressefreiheit austauscht (wobei eine Vorzensur oder Beschlagnahme alten Stils als Sicherheitsmaßnahme weniger schaden würde als der heutige Zustand), wird sich an dieser Hysterie wenig ändern.

Der langsame Todeskampf des Kontrollrates, die Konflikte um Berlin, weit übertriebene Parallelnachrichten aus Wien verstärken die Stimmung der Furcht ebenso wie jede verbürgte oder unverbürgte Meldung über Fortschritte der russischen Atomforschung, Uranförderung im Erzgebirge. Schon gibt es Angstbeitritte von Besitzenden zur KPD, während die Mehrzahl der Deutschen auf der anderen Seite Bedenken trägt, auch nur der harmlosesten Organisation beizutreten, weil man nicht wissen könne, wie das bei der nächsten Säuberung wirken würde.

Daß diese unselige, so ganz und gar verfahrene Denazifizierung, recte Renazifi- zierung, nun endlich zu Ende geht, gehört zu den Hoffnungssymptomen des deutschen Lebens. Das Geschehene läßt sich nicht wiedergutmachen; es sind nun einmal zahllose Nationalisten, Barbaren, Nutznießer, Militaristen und Imperialisten entlastet, zu

Mitläufern erklärt oder als nicht betroffen eingestuft worden; so kann zum Beispiel Mathilde Ludendorff, die nicht Pg. war, bereits wieder neuheidnisch-atavistische Feiern abhalten — um nur e i n bezeichnendes Beispiel zu nennen; es sind andererseits zahlreiche wirklich gutartige und harmlose Menschen, die keine Verbindungen hatten, die Tricks und Finten nicht kannten, sich keine Deckung durch eine politische Partei verschafften, in den Schlingen des Formalrechts als Aktivisten und Minderbelastete hängengeblieben. Man kann nur hoffen, daß die Zeit heile, was hier an Unsinn aus einer lebensfremden Gesetzeskonstruktion und einer rechtsfremden Gerichtsbarkeit erwachsen ist. Die Auseinandersetzung mit dem Neonazismus wird, wenn dies erst abgeschlossen ist, auf anderem Gebiete erfolgen müssen.

Die wichtigste Hoffnung Deutschlands ist selbstverständlich der Marshall-Plan — der Wiederaufbau. Noch merkt man wenig von einer Ankurbelung der Wirtschaft.

Die nächste Hoffnung ist die Währungsreform, die allerdings zunächst noch die „Farbmärkte” — den Schwarzen, Grauen, Grünen und wie sie sonst heißen — und damit den Rest von Wirtschaftsleben lähmt, den es noch gab, so daß im Augenblick Wirtschaft wirklich nur noch mit der Papierproduktion des bürokratischen Ungetüms identisch ist.

Entscheidend wird sein, ob Marshall-Plan und Währungsreform im Laufe des Sommers die deutsche Wirtschaft wirklich so in Gang bringen, daß der kleine Mann etwas davon sieht, und ob der nächste Winter sich in Lebensmittel- und Heizstoffversorgung über den vorigen halten wird. Nur wenn die nächsten Monate eine sichtbare Besserung bringen, wird die Hoffnung über die Furcht siegen, werden die Massen der Deutschen zu glauben beginnen, daß die in Yalta beschlossene Buß- und Hungerzeit zu Ende geht. Daß aller Jammer, den man seit 1945 durchlebt, eine uns bewußt auferlegte Strafe war, ist heute die Überzeugung von 98 v. H. aller Deutschen; keine Aufklärung oder Gegenpropaganda wird diese Meinung zerstören können, die durch Äußerungen zahlreicher Amerikaner und amerikanischer Zeitungen genährt wurde und wird.

Dem Beobachter, der nicht nur Flüstergerüchte, Lebensmittelrationen und Währungssorgen sieht, scheinen auch die Wahlergebnisse in den Kreisen und Gemeinden Bayerns und Hessens ein Hoffnungsschimmer zu sein. Sie haben nicht die vielfach erwartete Umwälzung gebracht; sie haben nicht zu dem erwarteten weiteren Sinken der Wahlbeteiligung geführt — im Gegenteil, seit 1932 war bei freien Wahlen die Beteiligung nie so hoch wie diesmal; sie haben trotz des neuen, fortschrittlichen Wahl Verfahrens (weitgehender Möglichkeit der Personenwahl) nur einen geringen Prozentsatz ungültiger Stimmen gebracht. Allerdings haben sich auch viel zu viele Wähler von den Parteien einschüchtern lassen und haben, statt Personen zu wählen, wie sie alle gerne möchten, doch wieder Parteien angekreuzt, weil der andere Weg angeblich zu schwierig gewesen sei.

Die SPD hatte gehofft, in Bayern die Ernte einer billigen Oppositionspolitik ein- bringen zu können, zu der sie sich vor Anbruch des harten Winters entschlossen hatte.

Diese Hoffnung hat getrogen. Und das scheint eines der wichtigsten und erfreulichsten Symptome dieses Wahlausganges zu sein — nicht weil es um die SPD geht, sondern weil damit bewiesen wird, daß die alten Kunststücke des Wählerfangs überhaupt nicht mehr wirken. Da die SPD auch in Hessen als Regierungspartei schwere Verluste (an die liberale Partei) zu buchen hat, wird sich die zweitgrößte, mit Tradition und Ladenhütern des 19. Jahrhunderts am stärksten belastete deutsche Partei endlich überlegen müssen, ob man 1948 noch in den Geleisen weiterfahren kann, in die man nach 1848 eingebogen war.

Im übrigen möchten wir aus dem örtlich gebundenen Erfolg der föderalistischen Bayernpartei wie aus dem der neonazistischen Nationaldemokraten in Hessen, die den Wahlkampf mit Schwarz weißrot, Horst- Wessel-Lied und Heil Hitler! führten, keine übereilten Schlüsse ziehen. In Bayern haben die Ostflüchtlinge einen Scheinerfolg erzielt; was sie jetzt als Sieg buchen, wird in Kürze den Fluch der Isolierung in sich schließen; man sondert sich nicht auf vier Jahre als Flüchtlingsgruppe ab, wenn man doch so schnell als möglich Wurzel schlagen möchte!

Daß die Christlichsoziale Union in Bayern sich trotz mancher Einbußen als weitaus stärkste Partei behauptet hat, daß sie nicht, wie ihre Gegner hofften, auseinandergebrochen ist, zeigt die Stärke konservativer Haltung in den großen Entscheidungen. Der vielgeschmähte und vielverleumdete Kultusminister Hundhammer erscheint eben, weit über eine „klerikale” Gefolgschaft hinaus, vielen Deutschen keineswegs als der Popanz, zu dem ihn eine billige, mit allen überständigen Mätzchen arbeitende Kampagne stempeln möchte, sondern als der unbeirrbar seinen Weg suchende Vorkämpfer christlich- humanistischer Bildung in Bayern und in Deutschland überhaupt, als der Verteidiger von Werten, für die sich eine wachsende Zahl von politisch wieder regsamen Deutschen einsetzt. Damit soll nicht jedem Widersinn und jedem Unrecht Pardon gegeben werden, der von den Bürokraten auch des Hund- hammerschen Ministeriums ausgeht. Und es gehört nicht zu den geringsten Hoffnungszeichen Deutschlands, daß der erste politische Kampf, an dem das Volk oder doch die Gebildeten im Volke innerlich Anteil nehmen, kein Kampf um läppische Tagesparolen, sondern das Ringen um die Richtung der deutschen Bildung und Erziehung ist. Dies und die rege Anteilnahme, die alle gebildeten Deutschen — das Wort nicht im Sinne einer formalen Schulbildung verstanden —, den zahlreiche junge Menschen an allem nehmen, was mit der Neugestaltung Europas zusammenhängt, zeigt die Ansatzpunkte einer wirklichen politischen Gesundung. Wenn auch die Besatzungsmächte einsehen und begreifen wollten, wo die Traditionen, Wurzeln und Entfaltungsmöglichkeiten einer wirklichen deutschen Demokratie zu suchen sind, könnten wir — immer natürlich über Marshall- Plan und halbwegs geglückte Währungsreform — über die Klippen der Furcht und Verzweiflung hinwegkommen.

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