6759713-1968_10_03.jpg
Digital In Arbeit

13. III. 38: Finis Austriae

Der Verfasser war in den Märztagen 1938 Vorsitzender der Katholisch- deutschen Hochschülerschaft Österreichs (KDHÖ), der Dachorganisation sämtlicher Jungakademikerverbände. Obwohl in keiner Weise politisch engagiert, wurde er das Opfer der neuen Lynchjustiz, war Augenzeuge verschiedener heute schon historischer Ereignisse und in der Lage, die Vorkommnisse als Opfer, aber auch als Akteur des ersten Widerstandes aus nächster Nähe zu betrachten und aus persönlicher Sicht zu beurteilen. „Die Furche”

Die Erinnerung an die vor 30 Jahren erfolgte Okkupation unseres Landes ist nicht nur Gegenstand geschichtlicher und politischer Betrachtungen, sondern auch für viele neuerlich Anlaß, die tragischen Ereignisse lediglich im Sinn von Schwarz- Weiß-Techniken und stereotypen Vorurteilen zu klassifizieren. Die meisten Vorurteile sind auf der Annahme begründet, daß es angesichts der Geschehnisse auf der einen Seite nur gute Bekenntnisösterreicher gegeben habe und auf der anderen Seite alle Nationalsozialisten eine Personifikation des Bösen gewesen seien.

Wer die Ereignisse des März 1938 knapp vor und vor allem knapp nach dem Anschluß aus nächster Nähe beobachten konnte, war jedoch in der Lage, festzustellen, daß es bei den Anhängern einer österreichischen Unabhängigkeit neben tapferen Männern, für die „Rot-weiß-rot bis in den Tod” keine Leerformel war, auch andere gab, die sich noch Stunden vor dem Anschluß mit dem Theaifcardolch den Freitod gaben, um, ebenfalls schon wenige Stunden nach dem Anschluß, also in peinlicher Eile, ohne unmittelbare Nötigung ihre Gesinnung zu ändern. Radikal. Derart, daß sie in einem zügigen Nachholverfahren den alten Nationalsozialisten das Recht der „Erstgeburt” der Gesinnung mit Erfolg streitig machen konnten.

Vor allem waren es die Angehörigen einzelner Berufsgruppen, die eine außerordentlich rasche Auffassungsgabe in der Bewertung der neuen Situation bewiesen.

In Naderei und Devotion vor den neuen Herren, vor allem jenen aus dem Altreich, standen die Neonationalsozialisten den Altparteigenossen in keiner Weise nach. Kein Wunder, daß die Reichsdeutschen berechtigte Abneigung gegen die Bekehrten empfanden und sich ein Bild über den Charakter des Stammes der „Ostmärker” machten, das heute noch in der Bundesrepublik ein falsches Leitbild bei Beurteilung „der” Österreicher ist. Nicht wenige der Verschickungen in die Konzentrationslager sind übrigens auf Anzeigen von „Märzbekehrten” zurückzuführen gewesen.

Die differenzierte katholische Rechte

Eine merkwürdige Rolle spielte in den ersten Tagen eine Minderheit unter den nationalen Katholiken, die bisher als Dialogisten in der Funktion von Rechtsverbindem tätig gewesen waren. Dem alten Regime hatte man, und nicht selten in hohen Stellungen, reserviert-distanziert gedient und auch der Kirche diskrete Reverenz erwiesen. Ab dem 12. März stellten sich einzelne nationale Katholiken den neuen Herren in einer demonstrativen Weise zur Verfügung, wodurch sie erreichten, daß die Liquidation ihres Honorares keine Unterbrechung erfuhr. Die Sache mit der Kirche nahm man nach dem 11. März nicht sonderlich ernst. In einzelnen Fällen verließ man die „Institution”, zu der man ohnedies nur eine intellektuelle Beziehung gehabt hatte.

Wenn es auch bei vielen führen den Katholiken in Österreich heute unpopulär ist, soll man jedoch nicht unerwähnt lassen, daß ein Großteil der nationalen Katholiken seinen Glauben und die Solidarität mit den österreichisch gesinnten Mitchristen keineswegs aufgegeben hatte. Nicht wenige nationale Katholiken, konfrontiert mit einer ernüchternden Wirklichkeit, waren bereits in den ersten Wochen zum Widerstand bereit. Zumindest vermochten sie vermöge ihrer Verbindungen da und dort drohende Gefahren abzuwehren. Wer heute die katholischen Rechte als ein Ganzes verurteilt, kennt die Dinge meist nur aus der Literatur und urteilt ungerecht.

Es gab auch „Friedenspriester”

Unvergeßlich ist mir ein peinliches Kuriosum aus dem Bereich der nationalen Katholiken: Die „Arbeitsgemeinschaft für den religiösen Frieden”, eine Gruppe von nationalen Friedenspriestem, die es sogar zu einem eigenen Büro (ich glaube mich erinnern zu können, daß es in Wien VIII, am Anfang der Lerchenfelderstraße, gelegen war) gebracht hatte. Einige Herren der merkwürdigen „AG”, über die man nach 1945 so gut wie nichts zu berichten wagte, waren eifrig bemüht, uns Laien eine rasche Anpassung zu empfehlen. Das geschah zuweilen auch von Kanzeln herab.

Als ich (nach Sonderbehandlung durch Parteigenossen) bandagiert das Konferenzzimmer einer Fortbildungschule betrat, in der ich als entlassener Bundesbeamter noch einige Wochen unterrichten durfte, war es ein Friedenspriester (er gab später seinen Stand auf), der mir, geschmückt mit einem damals sehr seltenen echten Parteiabzeichen, Belehrungen über mein Fehlverhalten erteilte und das Benehmen seiner „Laien”-Parteigenossen in meinem Fall durchaus billigte nalsozialisten vor allem der oberen sozialen Ränge rasch eine Bestätigung. Bekenntnis zum „Reich aller Deutschen” war bei nicht wenigen nur Reflex des Willens zur Arisierung, zur Verdrängung von Konkurrenten im Amt und auf den Märkten oder zum Abreagieren von Minderwertigkeitskomplexen.

Die Schlauesten waren jene, die ihre regimekonforme Gesinnung dadurch auswiesen, daß sie lediglich die Kirche verließen (wie es das Rundschreiben des Amtsvorstandes „empfahl”), aber nicht der Partei beitraten. Nach 1945 mußte dann ein entsprechender Bekehrungsakt (plus Teilnahme an einer Bibelrunde und ähnliches) vollzogen werden, und man war wieder im Geschäft. Unbelastet. Mehr noch. Zuweilen gelang es, zu beweisen, daß man ohnedies immer dagegen gewesen war. Für diese Gegnerschaft gab es nach 1945 Zeugen in ausreichender Zahl, denen man Posten und sonstige Benefiziien anzubieten in der Lage war. (Der eigenartige „Zeugenmarkt”, der sich nach 1945 etablierte, wäre übrigens eine „soziokulturelle” Analyse wert.)

Die Kleinen hängt man …

Auf der Seite der Angehörigen der NSDAP gab es die uns bekannten Typen, über deren menschliche Qualität Geschichte und Gerichte geurteilt haben. Daneben aber waren die Massen der Feigen, der Lauen, aber auch der kleinen Leute, die einfach ihrer Kinder wegen oder um im Sinn josepbinischer Vorstellungen behördlichen Anordnungen nachzukommen die Mitgliedskarte der Partei erworben hatten.

Im Verlauf einer unseligen Egalisierung und der böswilligen Fiktion, daß es so etwas wie eine Kollektivschuld geben könne, disqualifizierte man 1945 alle deklarierten Nationalsozialisten anfänglich fast in gleicher Weise. Wie immer sie sich 1938 bis 1945 verhalten hatten. Arisierer und Mitläufer, Terroristen und Tolerante wurden gleich be- und verurteilt. Maßgebend war vor allem, ob sie in einer Mitgliederliste aufschienen oder nicht. Auf diese Weise wurden in der Zweiten Republik viele Menschen, die keineswegs mit dem Herzen bei der Partei gewesen waren, von Amts wegen zu gesinnungsmäßigen Nationalsozialisten gemacht.

Gute Nazi, böse Nazi

Im Dritten Reich gab es die Kleingruppe der Ehrenarier, rassisch Belastete, denen erlaßmäßig die vom Gesetz vorgesehene Wertung der „unreinen” Bestandteile ihres Blutes nachgesehen wurde.

Nach 1945 wurde gegengleich die Gruppe der „Ehren-Nichtnazi” geschaffen, die manchmal tatsächlich zu hohen Ehren kamen und sich nicht selten als unbarmherzige Verfolger ihrer Mitparteigenossen von ehedem erwiesen. Da sie sich selbst sehr viel verzeihen mußten, hatten sie für die anderen noch nicht heimgeholten Parteigenossen keine Kraft mehr, um ihnen Verzeihung zu schenken. Jedenfalls erwarb sich jede politische Partei auf dem Markt freier Wählerstimmen von den sich anbietenden Nationalsozialisten einen beachtlichen Anteil. Nach dem alten Prinzip „Wer ein Nazi ist, bestimme ich” ging man bei den „Lizenzparteien” davon aus, daß nur die eigenen Nazi „gute” Nazi seien. Keineswegs die Nazi der anderen Gruppe. So kam es zum edlen Streit um die Qualität der ÖVP-Nazi und der SPÖ-Nazi. Wenn aber ein Nationalsozialist etwa dem VdU oder der FPÖ beitrat, dann handelte es sich vom Standpunkt der Großparteien aus um einen ganz besonderen Fall von Unverbesserlichkeit.

Man kann es verstehen, wenn ein rassisch Verfolgter, ein KZler oder ein anderswie von den Ereignissen Betroffener nach 1945 beim Anblick von ehemaligen Nationalsozialisten nicht stets die Kraft hatte, Freudentränen zu vergießen. Dagegen scheint es unverständlich, wenn sich ehemalige Nationalsozialisten, die gut und rechtzeitig „heimgefunden” hatten, legitimiert fühlten und noch immer fühlen, Gericht über ihre Gesinnungsgenossen von gestern zu halten. Gleiches gilt auch für den Antinazismus jener Nichtpanteige- nossen, die 1938 in keiner Weise besondere Zeugnisse von Mut ablegten, nach 1945 jedoch in Erinnerung an ihren „Widerstand” geradezu schwelgten, an einen Widerstand, von dem ihre nächste Umgebung seinerzeit nichts hatte bemerken können. Dabei hatten sie, falls sie Akademiker waren, in Wien die Möglichkeit, sich zumindest an der noch gestatteten Arbeit in der tapferen Hochschulgemeinde von Monsignore Dr. Strobl zu beteiligen.

Vielfach war der behauptete Widerstand der großen „Schweiger” derart in deren Innerem lokalisiert gewesen, daß man erst nach der Schlacht von Stalingrad im Flüsterton Spurenelemente von Neutralisierung und später von Abneigung gegen das Regime feststellen konnte. Im April 1945 aber war man rechtzeitig dabei: bei der Postenverteilung oder zumindest bei der Kooperation mit den Offizieren der Besatzungsmacht.

Der Kampf gegen die Kirche

Der Anschluß 1938 und dahinter der Massenanschlußwille waren in erster Linie ein Anzeiger für die wirtschaftliche Not und der Folgen einer bedenkenlosen Opferung der Demokratie. Das, was am 11. März 1938 geschah, war aber auch das endgültige Resultat einer allgemein geübten Anschlußgesinnung, bei deren Bezeugung auch die Katholiken in Konkurrenz mit Sozialisten und Nationalen standen. Wir wollen außerdem nicht bohrend fragen, wie die Dinge sich entschieden hätten, wäre in Deutschland nach 1933 ein demokratisches Regime am Ruder geblieben. Ob es nicht auch dann als Folge der von oben produzierten Anschlußgesinnung zu einem An- oder Zusammenschluß gekommen wäre…

Was den Kampf gegen die Kirche anlangt, fand er anfänglich nur deswegen die Zustimmung der Massen, weil Kirche und altes Regime nach außen hin in einer peinlichen Weise zu kooperieren schienen. Nicht wenige sahen in der Kirche auch oder nur ein Instrument des Regimes. Die Kirche war daher vielen ein weltlich Ding, das daher der Lebensund Absterbeordnung dieser Welt unterworfen war. Weshalb die Kirche mit dem ständestaatlichen Regime mitliquadiiert werden sollte. Der durch Fehlhaltungen einzelner Repräsentanten der Kirche provozierte Kirchenhaß vieler Österreicher fand dann im grundsätzlichen Kirchenhaß des Nationalsozialismus seinen Multiplikator.

Schließlich soll auch nicht übersehen werden, daß die Katholiken Österreichs stets zur kritiklosen Staatstreue erzogen worden waren. Warum sollte das, was im Dritten Reich „Staat” war, schlecht sein? Wenn dieser Staat Kirchenkampf befahl: War es nicht richtig, den Kampf des vorweg als „gottesfürch- tig” erklärten Staates und seines offensichtlich mit charismatischen Eigenschaften ausgestatteten Oberhauptes mitzumachen?

Haß und Verzeihen

Wo Barbarei festgestellt wurde, soll nichts beschönigt werden, ebensowenig aber der Umstand, daß es Barbarei auch mit anderen Vorzeichen gegeben hat und noch immer gibt.

Sonst aber wäre es an der Zeit, die vielen dunklen Perioden neuösterreichischer Geschichte in ihrer geschichtlichen Bedeutsamkeit und als einen Katalog von praktikablen Lehren zu verinnerlichen. Keineswegs aber dürfte Haß von historischem Stichtag zu Stichtag permanent produziert werden. Jedenfalls hat die Mehrheit der Jugend für den Veteranenhaß nur Hohn übrig.

Wenn Katholiken ihren politischen Haß, der oft ein Alibi ist, von Gedenktag zu Gedenktag genüßlichliterarisch pflegen, fehlt ihnen dabei das Recht, auf das Sittengesetz Regreß zu nehmen. Oder auf die jeweilige lokale Kirche.

Soweit aber 1938 evidentes Unrecht geschehen ist, bedürfte es eines heroischen Verzeihens der Betroffenen — so wenig attraktiv und nützlich dies im Alltag zu sein scheint. Wenn nicht die Christen die Kraft des Verzeihens haben und praktizieren: Worin ist dann eigentlich das Christliche im Christlichen ausgewiesen?

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau