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Positivbezug zumjudentum

Man wird uns schon in wenigen Jahren fragen, wie sehr wir — da meine ich jetzt bewußt die Katholiken - den Forderungen, die uns die sozialpsychologische Krisensituation, die jetzt zweifellos in Österreich besteht und nur zum geringsten Teil ökonomische Ursachen hat, gerecht geworden sind. Versagen wir jetzt, so können wir an so manchem in der Luft liegenden Unheil zumindest mitschuldig werden.

Die Auseinandersetzungen um Kurt Waldheim haben die Ver gangenheit in einer Weise aufgewühlt, die vor zehn Jahren unvorstellbar war. Es wurden, wie es einstmals so schön hieß, „alte Wunden aufgerissen“, die allerdings nie geheilt, sondern nur verborgen gewesen waren. Darüber hinaus kommt auf uns 1988 zu, in dem sich die Ereignisse von 1938 zum fünfzigsten Male j ähren. 1984, 50 Jahre nach 1934, erfuhren die Ereignisse dieses Jahres keineswegs eine halbwegs befriedigende Würdigung. Dabei stehen sie in einem sicherlich bedeutsamen Zusammenhang mit 1938. Und in beiden Fällen war der Katholizismus im ganzen, und der österreichische im besonderen zutiefst involviert.

Die Problematik läßt sich nun keineswegs, wie viele im Ausland und etliche im Inland meinen, durch die Opferung eines oder eventuell auch mehrerer Sündenböcke lösen. Ganz im Gegenteil würde dadurch die Chance verloren, die Probleme an den Wurzeln zu lösen, denn der Sündenbock schafft die Möglichkeit zu neuen Verdrängungen.

Nicht die Fehlhaltung einzelner steht hier zur Debatte, sondern grundlegende Fehlentwicklungen müssen in einer fundamentalen Gewissenserforschung geklärt, bewußt gemacht, bekannt und auch bereut werden. Alexander Mitscherlichs Ausdruck „Trauerarbeit“ wird dabei dem Problem keineswegs in vollem Umfang gerecht. Die Kirche, die sich auch als moralische Instanz sieht, muß dabei zu demonstrieren verstehen, wie man mit Schuld auch kollektiv fertig werden kann.

Nun sind wir „Laien“ ja durchaus bereit, unseren Teil zu übernehmen, doch können wir das einfach nicht alleine tun. Hier wären wir nur wieder für ein späteres Alibi gut. Nunmehr wird vor allem die österreichische Hierarchie zu reden haben, und zwar möglichst umfassend und zur Gänze — also etwa in einem gemeinsamen Hirtenbrief. Aber besser, es wird klar gesprochen und der eine oder andere Bischof unterschreibt nicht, als wenn dann ein Sowohl-als-auch, ein Weder-noch herauskommt.

Ohne klare Worte von Seiten der Bischöfe werden die katholischen Politiker nicht die moralische Kraft aufbringen, klar zu sehen und zu reden. Auch noch so offene Worte von Laien können jene positiven Wirkungen nicht haben, die sie haben könnten, kämen sie von den Bischöfen. Es gibt fundamentale Wahrheiten über Fehlhaltungen, die nicht bagatellisiert werden dürfen und auch nicht zu beschönigen sind.

Ich möchte einige der wichtigsten Punkte aufführen, die einer grundsätzlichen Haltungsänderung bedürfen und die ein solches Dokument behandeln müßte.

Hier ist als wichtigster Punkt — weil er das Selbstverständnis des Christentums (nicht nur der katholischen Kirche) substantiell betrifft und auch in die anderen Problemkreise ausstrahlt — eine umfassende Revision unserer Haltung zum Judentum zu nennen. Dabei gehe man endlich ab von dem Anti-Antisemitismus, der einem schon beim Hals heraushängt und bei dem letztlich immer nur vergleichsweise Oberflächliches herauskommt.

Essentiell sind dabei die positiven Bezüge des Christentums zum

Judentum herauszustellen (so, daß Jesus, Maria, die Apostel Juden waren), eine Wahrheit, die bislang keineswegs in tiefere Bewußtseinsschichten der Christen einsickerte, dazu auch eine Revision der traditionellen Sicht der Prozesse Jesu (auch die Gutwilligkeit seiner Gegner), eine Würdigung der jüdischen Liturgie et cetera.

Es ist auch zu unterstreichen, daß man damit nunmehr in einem Gegensatz zu jahrhundertealten Fehlhaltungen gerät, die auch, zumindest teilweise, zu Massenmorden motivierten.

Damit in gewissem Zusammenhang steht ein — im gesamtkatholischen Rahmen vergleichsweise geringeres — Problem, nämlich die Einstellung zur Sozialdemokratie (und auch zum Kommunismus). Diese wurden von Anfang an falsch eingeschätzt, und ihre Ausschaltung 1934 war nicht nur das Unrecht christlicher Politiker, sondern auch das der Kirche. Mit dem ersten Punkt hat dies in- soferne zu tun, als viele Führer der Sozialdemokratie und des Kommunismus Juden waren.

Nur wer zugibt, daß 1934 essentielles Unrecht an den Sozialdemokraten verübt wurde (bei allen Milderungsgründen, die es für die Beteiligten geben mag), vermag die Luft so zu reinigen, wie dies nötig ist.

Weiters, und das ist ein so bedeutsames Problem, daß ich es für ebenso wichtig halte wie den ersten Punkt, nämlich das fundamentale Versagen der Kirche in der Frage von Hitlers Kriegen, speziell im Falle des Krieges gegen die Sowjetunion. Dieser brachte ungeheures Leid über deren Völker und kostete sie mehr als 20 Millionen Tote.

Die Tatsache, daß der Krieg

Hitlers gegen die Kommunisten, gegen den „gottlosen Bolschewismus“, selbst von den Hierarchen bejaht wurde, daher von christlichen Soldaten sogar als christliches, Gott wohlgefälliges Opfer verstanden werden konnte, ist durch kein wie immer geartetes, auch verbrecherisches Verhalten der sowjetischen Führung zu rechtfertigen. Es gibt Milderungsgründe, doch war hier etwas grundsätzlich falsch und ist es immer noch.

Die erstaunliche Bereitschaft dieser damals geschundenen Völker, zu verzeihen, darf nicht dazu führen, daß man sie für selbstverständlich hält. Es ist zu unterstreichen, daß keine Befehlshierarchie einen Christen aus der individuellen Verantwortung entläßt, sowenig man dies auch einst betonte. Wir werden auch ein besseres Ohr in der Sowjetunion finden, wenn man diese Tatsachen klar ausspricht.

Schließlich ist über die ganz spezielle Minoritätenproblematik der Juden hinaus auch die anderer Minoritäten, denen Unrecht geschah — und wie im Falle der Slowenen wieder geschieht und weiter geschehen dürfte - mit allem Nachdruck ins Bewußtsein zu rufen. In jedem Fall ist auf die positiven gesellschaftlichen Beiträge dieser Kleingruppen hinzuweisen. Das Schicksal der Zigeuner unter den Nationalsozialisten, von dem viel geredet wird, verdiente eine besondere Behandlung.

Es genügt nicht, wenn ein Bischof hier redet. Vielmehr müßte einer entsprechenden Deklaration die maximal mögliche Publizität gegeben werden.

In keinem Fall darf schließlich versucht werden, mit der be- kenntnishaften Behandlung unserer Vergangenheit ein Geschäft zu machen, wie dies Kurt Schuschnigg nach 1945 wollte, indem man von den jeweiligen Kontrahenten im Gegenzug irgendwelche Eingeständnisse eigener Defi- zienz erwartet oder gar sich solche vorher auszuhandeln versucht. Hier muß rückhaltlos und vorbehaltlos gesprochen werden. Die Realisierung dieser Vorschläge könnte ein unübersehbarer Beitrag zur moralischen Gesundung dieses Landes sein.

Der Autor ist Psychologe in Wien.

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