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Die Last der Erinnerung

Untat, Schuld, Sünde, Verhängnis, Eingeständnis, Bekenntnis, Verzeihung, Gnade: es sind "ewige" Themen der Geschichte, Urerfahrungen der Menschen. Diese Dinge haben sie immer wieder gequält, auf individueller und auf kollektiver Ebene, seit den Zeiten biblischer Erzählungen und antiker Dramen. Und neuerdings: Bosnien, Argentinien, Spanien, die Juden, die Palästinenser, die Sudetendeutschen ...

Die im Vorspann genannten fundamentalen Kategorien des menschlichen Daseins wurden in religiöser und in aufklärerischer Perspektive betrachtet, in philosophischer und in psychoanalytischer Weise analysiert, in rechtlichen Bezügen verortet und in politische Kontexte gestellt. Das "Jahrhundert der Extreme", wie es Eric Hobsbawm nannte, war ein schuldbeflecktes Säkulum, ein "unmenschliches" Jahrhundert; oder eben - traurigerweise - ein sehr "menschliches" Jahrhundert, in dem sich die Menschen einmal mehr - mit nunmehr gesteigerter Bosheitseffizienz - als so monströs erwiesen haben, wie sie nun einmal sind. Hinterdrein geht es um Gesten der Aufarbeitung: da um die Rückgabe eines Gemäldes, dort um eine Wiedergutmachungszahlung, hier um eine moralische Deklaration, einen Kniefall oder einen Versöhnungsvertrag, dort um rechtsstaatliche Bedenken angesichts übriggebliebener Gesetze wie der BeneÇs-Dekrete.

Manchmal wird - wie im letzteren Falle - spürbar, dass auch im Untergrund unproblematischer, guter Nachbarschaften historische Belastungen schlummern. Wir haben ein "historisches Unterbewusstsein", selbst wenn es an explizitem "historischem Bewusstsein" mangelt.

Wie also steht es mit der historischen Schuld? Mit der Kollektivschuld? Mit dem Erinnern? Mit dem Verzeihen? Mit der Zukunft? Zwölf Thesen zum Kontext.

Erstens: Von historischen Belastungen spricht man üblicherweise, wenn auch die ominöse "Kollektivschuld" zur Debatte steht. "Kollektivschuld" wird zum Thema, wenn eine größere Anzahl von Individuen Taten begangen hat, die als moralisch verwerflich angesehen werden. Es muss dabei um mehr gehen als um eine Serie von kriminellen Akten; es müssen vielmehr die Untaten ein Ausmaß erreichen, das es rechtfertigt, von einem anomischen Zustand des Gemeinwesens zu sprechen und insoweit die Taten in irgendeiner Weise dem Ganzen zuschreibbar zu machen. Diese Zuschreibung liegt auf der Hand, wenn die Untaten - Morde, Pogrome, Vertreibungen, Gewalttaten - legal, unter Berufung auf ein offizielles Ziel, einen öffentlichen Auftrag oder eine Gesetzeslage, begangen werden.

Die Richter, die im Nationalsozialismus Todesurteile gefällt haben, haben nicht als Einzelne gehandelt; sie haben den "Staat" repräsentiert, und wir sind nicht willens, den Unrechtsstaat von der Verantwortung zu entbinden. Ethnische Säuberungen, die gesetzlich vorgesehen oder unter Beteiligung offizieller Kräfte durchgeführt werden, sind keine "Übergriffe" von Einzelpersonen. Also sprechen wir uns in diesem Sinne für die Kollektivschuld aus. Andererseits wissen wir, dass es gerade das Argument von der kollektiven Verantwortung war, das beispielsweise im Mittelalter oft Judenpogrome ausgelöst oder gerechtfertigt hat - "die Juden alle haben Jesus an das Kreuz geschlagen."

Hinsichtlich solcher Ereignisse sträuben wir uns gegen "ererbte" Verantwortung, und ebenso unbehaglich wäre einem heute wohl bei dem Gedanken, allen Islamgläubigen eine Mitverantwortung an terroristischen Akten zuzuschreiben. Also sind wir in diesen Fällen gegen die Kollektivschuld. Aber wir können nicht ganz nach Belieben eine Kollektivschuld - selbst wenn wir den dubiosen Begriff der Kollektivschuld zu einer "gewissen Verantwortung" für die eigene Geschichte abschwächen - unterstellen oder leugnen, wo es uns gerade passt; doch mit Kriterien tun wir uns schwer. Das sollte uns mahnen, mit Zuschreibungen sorgsam umzugehen.

Auch im Fall der Tschechen und Österreicher ist Sensibilität gefragt; und es ist weder etwas zu hoffen, wenn rücksichtslose Populisten - diesseits und jenseits der Grenze - das Terrain zertrampeln, noch dann, wenn stupide Journalisten Politiker zur Formulierung klarer Ja-NeinUltimaten zu drängen versuchen, die jeden Verhandlungs- und Verständigungsprozess von vornherein abwürgen würden.

Von Chile bis Japan

Zweitens: Es gibt so etwas wie kollektive Verantwortung. Das Problem einer gesamthaften Schuld kann nicht damit abgetan werden, dass immer nur einzelne die Untaten begehen. Es gibt so etwas wie gesellschaftliche Identität und Kontinuität, auch wenn sich deren inhaltliche, regionale und zeitliche Grenzen oft nicht scharf ausmachen lassen. Deshalb gilt es als selbstverständlich, dass demokratisch untadelige Rechtsstaaten - wie Österreich - insoweit als Nachfolger von Unrechtsregimen - wie dem nazistischen Staat - angesehen werden, als sie zur Aufarbeitung, Anerkennung, Bewältigung und Wiedergutmachung des vorher geschehenen Unrechts herangezogen werden. Schließlich sind die Menschen, die sich im Geschehen verstrickt haben, ja nicht plötzlich allesamt vom Territorium verschwunden, und in vielen Fällen haben sie durch Neid und Habgier, in Massenhysterie oder im Taumel von Illusionen, durch stillschweigende Duldung oder Billigung an der Konsolidierung verbrecherischer Regime oder gar durch lautstarke Beteiligung an der Begehung verbrecherischer Handlungen mitgewirkt. Für Japan, Chile, Argentinien, Kambodscha, Serbien und viele andere Länder gilt, dass Vergangenheiten "aufzuarbeiten" sind.

Dennoch stoßen wir bei dieser Einmahnung von Verantwortung bald auf Probleme, denn eine Vergangenheitsdeutung dieser Art operiert sehr leicht mit einer stabilen und mehr oder minder homogenen "Volkseinheit", die in einer aufgeklärten, verfassungspatriotischen, sich globalisierenden und multikulturalisierenden Welt langsam hohl klingen muss. Wenn sich Ansiedlungen immer "zufälliger" ergeben, ist zu fragen, welche Gruppe welche historische Verantwortung trägt. Tragen die Chinesen in den amerikanischen "china towns" mit an der Last des Genozids an den Indianern? Inwieweit tragen alle Kurden, welche die deutsche oder österreichische Staatsbürgerschaft erworben haben, mit an der historischen Kollektivschuld, weil sie nunmehr Staatsbürger geworden sind? Oder gibt es Staatsbürger von zweierlei Art: die "Einheimischen", die - obgleich selbst als nachgeborene Personen unbeteiligt - das Erbe ihrer Großeltern zu tragen haben, und die "Zugewanderten", die damit genau so wenig zu tun haben wie die Einheimischen als Personen? Würde man dies nicht als eine Art umgedrehten Rassismus werten?

Drittens: Untaten sind Untaten. Es gibt keine schlechten rechten und guten linken Toten, oder umgekehrt. Vertreibung bleibt Vertreibung, Vergewaltigung bleibt Vergewaltigung. Kriegsverbrechen sind auch dann als solche anzusehen, wenn sie von den Siegern begangen werden, wenn die "Guten" diese Delikte setzen. Es würde zu weit führen, den "Befreiern" Verständnis zu signalisieren, wenn sie sich an den Frauen der "Bösen" schadlos halten.

Aufrechnung von Todes- und Leidesquantitäten ist abstoßend, sowohl im Sinne der Saldierung (Wer hat mehr Tote am Gewissen? Wer ist der "Nettomörder"?) als auch im Sinne der Chronologisierung (A hat die Morde erst begangen, nachdem B schon die anderen Morde begangen hatte). Václav Havel, ein ehrenhafter Mann, hat seinerzeit nicht verheimlicht, dass er die Vertreibung der Sudetendeutschen als "etwas Böses" ansah, das als Antwort auf etwas "vorangegangenes Böses" geschah; aber er hat für das Böse um Entschuldigung gebeten und nicht versucht, die Folgetaten als verständliche und deshalb weniger böse Reaktionen wegzuerklären.

Wer ist "Mittäter"?

Viertens: Was ist Vergangenheitsbewältigung? Sie wird überall dort zur Aufgabe, wo einschlägige schuldhafte Vergangenheiten vorliegen. Der Begriff, der vielfach als "Kampfbegriff" verwendet wurde und ursprünglich ganz auf den Nazismus fixiert war, hat spätestens nach dem Zusammenbruch der DDR neue Dimensionen erhalten. Plötzlich ging es um Vergangenheitsbewältigung von "Linken", um die Reflexion von Bespitzelung und Denunziation, um Geheimdienstkollaboration und Verrat.

Postsozialistische Länder haben gleich zwei totalitäre Vergangenheiten zu bewältigen, auf der linken und auf der rechten Seite. Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus haben sie unterschiedliche Wege beschritten. In Rumänien hat man nach einem Scheinprozess die Führer erschossen. Der Prozess gegen Schiwkow in Bulgarien war bereits ein richtiger Schauprozess. Putschisten in Russland wurden verurteilt, waren aber bald wieder frei. Die Tschechoslowaken haben die Geheimpolizei und die Parteifunktionäre gesäubert. Aber auch dort handelt es sich letztlich um einen langwierigen Prozess. Und es gibt kein verbindliches Modell, mit der eigenen Vergangenheit fertig zu werden.

Fünftens: Überall blieben viele Fragen offen, auch in bezug auf jene Form der Aufarbeitung kollektiver Schuld, die sich gegen einzelne Personen und ihre Fungibilität im Dienste einer Unterdrückungsmaschinerie richtet. Darf man einen ehemaligen Minister oder Regierungschef - ob aus der DDR oder aus Argentinien - juristisch zur Verantwortung ziehen, weil seine Gesetze gegen die Menschenrechte verstoßen haben? Macht man sich über die Geheimdienstchefs her, die gewissermaßen vom Beruf her die Sündenböcke abgeben können? Soll man "Mauerschützen", die ihren Dienst nach Vorschrift versehen haben, verurteilen? Hätte MiloÇsevi´c den Bogen nicht überspannt und wäre er nicht in einen Krieg geschlittert, würden ihm alle Staatsmänner heute distanziert, aber freundlich die Hand drücken.

Und wer ist "Mittäter"? Ist jeder sibirische Ölarbeiter ein "Mitläufer" jener Kommunisten, die ihre Dissidenten in psychiatrische Anstalten sperrten, und mitschuldig eben deshalb, weil er das Regime energiepolitisch stabilisierte? (Zuweilen ist ja in Bezug auf deutschsprachige Eisenbahner auf deren Verantwortung dafür hingewiesen worden, dass über die von ihnen betreuten Schienen Züge ins KZ rollten). Ist jeder verwirrte Bursche, der geglaubt hat, in der Roten Armee in Tschetschenien seine Pflicht zu tun, ein bestrafenswerter Kollaborateur verbrecherischer Links-Imperialisten? Oder ist er selbst "Opfer"? Die Fragen werden noch brennender, wenn man aus der Vergangenheitsbewältigung eine Gegenwartsbewältigung macht: Gibt es eine Kollektivschuld aller Palästinenser für die Anschläge gegen die Israelis? Gibt es eine Kollektivschuld aller Israelis für Kriegstreibereien ihrer politischen Führung? Irgendwie doch; aber irgendwie auch nicht.

Einbekennen

Sechstens: Wie steht es mit der Religion? Kollektive Vergangenheitsbewältigung ist heutzutage keine metaphysische Angelegenheit mehr. Die Welt von Sünde, Bekenntnis und Vergebung, von Beichte und göttlicher Gnade ist weitgehend verloren gegangen. In einem säkularen Kontext ist die Bewältigung eine innerweltliche Angelegenheit, versehen mit dem Problem, dass es keinen ritualistisch akzeptierbaren Bewältigungsvollzug gibt. Man weiß nicht recht, wie man richtig "aufarbeitet" und "bewältigt". Man weiß nicht, wann es genug ist der Aufarbeitung und Bewältigung. Man weiß nicht, wie und wie oft man eingestehen und um Verzeihung heischen soll. Was müsste Putin tun, um die Liquidierung der Zarenfamilie vergangenheitspolitisch endgültig und ein für allemal zu "bewältigen"?

Es hängt freilich auch von den Personen ab, die zu kollektiv wirksamen Eingeständnissen in der Lage sind, von ihrer Authentizität und Stärke. Willy Brandt konnte es tun. Vacláv Havel konnte es - seinerzeit - auch tun. Manche andere sollten es besser nicht tun. Immerhin hat sich gezeigt, dass solche Gesten imponieren. Sie haben nur keine Wirkung auf journalistische und politische Aufforderungen zum endlich einmal erforderlichen Bekenntnis. Ein Ausweg aus der Schuld wird üblicherweise nicht erlaubt, Absolution niemals erteilt. Wer einmal zum Übeltäter erklärt ist, der wird auf das Dauerbekennen verpflichtet und im Unrechtsstatus festgehalten. Vielleicht war der Mechanismus der Beichte gar nicht so sinnlos.

Siebtens: Psychoanalytische Modelle stehen bei vielen Umgangsweisen mit der Kollektivschuld Pate. Wie ein Individuum soll auch die betreffende Gesellschaft angesichts ihrer mehr oder minder bewussten Überzeugung, Unrecht getan oder gegen ein Gebot verstoßen zu haben, in einen inneren Konflikt gestürzt werden, aus dem es nur einen therapeutischen Ausweg - bewusst machen, bekennen - gibt. Die Last der Vergangenheit ist eine Belastung der Täter. Ihre Last können sie nur abschütteln, indem sie gestehen. Das Einbekenntnis ist Voraussetzung der "Heilung". Diese Argumentationsfigur gilt allgemein als durchschlagskräftiger als die aufklärerische Warnung, dass nur jener, der die Geschichte ausreichend reflektiert hat, davor gefeit ist, sie zu wiederholen.

Verdrängen

Aber zwei Einschränkungen gelten. Zum einen gibt es, wie gerade die Psychoanalyse lehrt, auch eine selbstquälerische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, eine Fixierung auf Selbstbeschuldigung und Selbstzerstörung, ein Rotieren in immer gleichen Bezichtigungen. So etwas mag auch für die kollektive Ebene nicht ganz ausgeschlossen sein. Zum anderen will das "Bewältigen", zu dem aufgefordert wird, in Wahrheit wohl niemand; denn fände es statt, wäre - nimmt man den Wortsinn ernst - die Erinnerungsarbeit abgeschlossen. Würde tatsächlich eine "Bewältigung" stattfinden, wäre doch der dauernde Stachel geschwunden, und jene, die zum Bewältigen aufrufen, wären die ersten, die dagegen Einspruch erhöben. Manche Geschehnisse werden offenbar als sühneresistente Schuld gesehen.

Achtens: Es gibt Verdrängung. Sie mag in manchen Fällen Sinn machen: wenn man sich in schwierigen Lebensumständen davor schützen muss, schuldbeladen handlungsunfähig und lebensuntüchtig zu werden (was vielleicht in den deutschsprachigen Ländern in der Nachkriegszeit der Fall gewesen sein mag); wenn politische Klugheit rät, nach einem Machtwechsel eine prekäre Machtbalance nicht zu gefährden (also die immer noch machtvollen Übeltäter, etwa in einigen lateinamerikanischen Ländern, nicht über Gebühr zu reizen); oder wenn tiefe Spaltungen zwischen verfeindeten Gruppen nur durch einen radikalen Schlussstrich zu überbrücken sind (wie dies in Spanien nach dem Ende des Franco-Regimes oder in Polen mit der ersten Solidarno´s´c-Regierung praktiziert wurde).

Frankreichs de Gaulle hat eine andere Strategie des Vergessens eingeschlagen; aber da meinen Beobachter, eben diese habe später zu Le Pen geführt. Es gibt nämlich auch ein Verschweigen, das unterschwellige Ressentiments am Brodeln hält - und das diese Ressentiments auf die nächste Generation vererbt. Re-education ist wichtig: Man mag es ruhig "politische Korrektheit" nennen; aber ein gewisser Druck, einschlägige Stammtischwitze und abschätzige Äußerungen gegen andere Rassen, Geschlechter, Ethnien und Kulturen zu unterlassen, gehört zu einer Bewusstseinshygiene, die sich auf Dauer auch günstig auswirken kann.

Neuntens: Es gibt das "Aufarbeiten". Es hat funktionale Sekundärzwecke; so mag man seine Auswirkung im Falle Deutschlands als Beitrag zur Stiftung einer nationalstaatlichen Identität würdigen, mangels historischer Anknüpfbarkeit an eine brauchbar-ehrenhafte Identität. Eine bittere Erfahrung braucht aber jedenfalls die pädagogisch-psychologische Bearbeitung, zum Zwecke der Sensibilisierung und Immunisierung. Sonst neigen die Menschen dazu, bei aller Wahrung allgemeiner moralischer Prinzipien die jeweils eigenen Untaten mit "guten Gründen" zu entschuldigen. Es war ein "Sonderfall". Es war eine "Ausnahme". Normalerweise ist man gegen Vertreibungen, man ist ja kein Unmensch, aber in diesem Fall ...

Einschlafen lassen

Und es gibt auch eine neuere, modernere Verdrängungsvariante: nicht das bemühte Verdrängen, sondern das "Einschlafen" des Problems, das Nichtwissen aus Gleichgültigkeit. Wer - in der Postmoderne - keine persönliche Identität braucht, braucht auch keine Reflexion, keine Herkunft und schon gar keine Schuld. Noch gibt es Verwandte, dies es erlebt haben und die einen angehen, und somit ist ein persönlicher Bezug vorhanden; aber für die nächste Generation ist der Nazismus so fern wie die Französische Revolution.

Dazu kommt eine Verlagerung der Aufmerksamkeit: Die triumphierende, globalisierte Konsumgesellschaft kennt keine Schuld, sondern höchstens Schulden. Wer sich der Priorität der Hightech-Verwertbarkeit verschreibt, dem ist humanwissenschaftliche Reflexion ohnehin ein überflüssiger Luxus, eine Orchideentätigkeit, und für den ist es nützlicher und besser, über die Wirtschaftsbeziehungen zwischen der Tschechien und Österreich zu reden und nicht über die "alten Hüte". Aus allen diesen Gründen sind die "alten Hüte" wichtig, und es bleibt wichtig, darüber zu reden.

Zehntens: Es gibt Rituale des Einbekennens. Gerade die Ziellosigkeit des Bekenntnisses, das phrasenhafte Abspulen - so etwas erzielt auf Dauer nicht den gewünschten Effekt der Nachdenklichkeit. Wir haben in der Oberstufe die ganze Sache in Religion, in Geschichte und in Deutsch durchexerziert, so erzählen Vertreter der betroffenen Generation, wir haben Filme gesehen, Referate gehalten, Texte gelesen - bis wir das Ganze nicht mehr hören konnten, gelangweilt waren und überdrüssig der ewig gleichen Vernichtung, Tötung, Schuldigkeit. "Auschwitz zum Abgewöhnen", aber in fatal anderer Weise als in didaktischer Absicht gewollt. Da wird man sich etwas überlegen müssen. Das fördert den Ruf nach dem Schluss der Debatte, die von manchen als manipulativ, übermoralisch und interessengeleitet empfunden wird. Die permanente Einforderung von Schuldbekenntnissen hat ja zuweilen auch ebenso handfeste Gründe wie die Verweigerung des Bekennens: Wiedergutmachungen und Fördergelder spielen eine Rolle, wenn das schlechte Gewissen potentieller Sponsoren wachgehalten wird; daher die Forderung nach Erinnern. Die tschechische Bevölkerung hat sich beunruhigt gezeigt angesichts des Verlangens der Sudetendeutschen Landsmannschaft nach Rückgabe ehemaligen deutschen Eigentums, nach Rückkehrrecht und Minderheitenschutz; daher die Forderung nach Vergessen.

Auch im konkreten Fall der tschechisch-österreichischen Beziehungen stehen einander zwei bedenkenswerte konträre Einschätzungen gegenüber. Die eine Einschätzung: Die großherzigen Bekundungen, dass es um keinen Revanchismus gehe, sondern um "Heimat" und "Versöhnung", gewinnt nicht unbedingt an Glaubwürdigkeit, wenn mit der Botschaft gleich die Ankündigung einer Klage mitgeschickt wird, bei der es um Grundstücke, Häuser und andere Ressourcen geht, die vor sechzig Jahren verlorengegangen sind und an denen mittlerweile andere Menschen "Heimatrecht" erworben haben. Wäre nicht "Verdrängung" (von seiten der Opfer) in diesem Falle eine überlegenswerte Lösung? Die andere Einschätzung: Wie könnte den Sudetendeutschen ein Recht abgesprochen werden, das anderen Volksgruppen selbstverständlich gewährt wird? Es gibt ja wohl so etwas wie "europäische Werte", und ein grundlegender Bezug zu Rechtsstaatlichkeit und Gleichbehandlung gehört durchaus in diesen Wertekanon. Unrecht bleibt Unrecht; da mag es unklug sein, in einer bestimmten Situation auf seinem Recht zu beharren, aber es ist wohl nicht vorwerfbar. Für beide Einschätzungen lassen sich gute Gründe vortragen, und es gibt auch in diesem Falle keinen einfachen Ratschlag.

Einfach abschieben

Elftens: Es ist vergangenheitspolitischer Antiintellektualismus, jeden, der gegen den fortgesetzten historischen Betroffenheitsgestus in allen Lebenslagen Unwillen oder Bedenken äußert (wie Martin Walser oder Rudolf Burger), als Neototalitarist zu entlarven. In Wahrheit muss man die Dinge auseinander halten, gerade dann, wenn es um ambivalente Sachverhalte geht, wie etwa im Falle der oft geschmähten Historisierung einer "peinlichen" Ära. Es gibt einerseits eine Historisierung von Untaten, die das ganze Geschehen in die Vergangenheit abschieben und damit eine gegenwärtige Lästigkeit einfach beseitigen will; es gibt andererseits aber auch eine Historisierung, die ein Geschehen aus dem Status des aktuell-politischen Dauerbrenners mit zunehmend manipulativer Tendenz entfernen, ihm aber einen adäquaten, notwendigerweise immer präsenten Platz in der eigenen Geschichte zuweisen will. Solche Ambivalenzen gelten auch für andere Argumente. Es gibt einerseits ein simples Argument der "späten Geburt", das die eigene Ignoranz rechtfertigen soll: "Ich bin später geboren, mich geht das nichts an"; es gibt andererseits aber auch ein reflektiertes Argument der "späten Geburt", das die eigene, ungefährdete und deshalb oft unerträgliche Morallastigkeit bremst: "Glücklicherweise bin ich später geboren; wer weiß, in welcher Weise ich mich verstrickt oder schuldig gemacht hätte." Moralisierende ebenso wie zynische Porzellanladenzertrümmerer aus allen ideologischen Ecken haben dafür freilich kein Verständnis, ebensowenig wie die verbalen Schwarz-weiß-Rabauken aus der Politik, der Intelligenzia und den Medien.

Zwölftens: Erinnern ist niemals ein Erinnern an das, was war; es ist eine Konstruktion, eine jeweils zeitgeschichtlich geprägte Sicht des Vergangenen, wenn auch niemals eine beliebige Konstruktion. Erinnern ist Ergebnis einer Vergangenheitspolitik. Deshalb geschieht Erinnern nicht zufällig, sondern es wird ein Bild geschaffen: einerseits aus analytischem Bemühen, andererseits aus banalen Interessenlagen; einerseits aus moralischem Engagement, andererseits aus aktuell-politischen Bedürfnissen; einerseits aus Anstand, andererseits aus Bosheit. Manche wollen eine ernsthafte Versöhnung. Manche wollen Geld. Manche machen Medienpolitik. Manche machen Parteipolitik ...

Das Vereinte Europa ist ein schier unglaubliches Projekt. Wer es ernsthaft gefährdet, erweist sich als Exponent der tiefsten, tiefsten Provinz. Die Geschichte wird über ihn hinweg gehen.

Der Autor ist Professor für Kultursoziologe in Graz.

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