#Erinnern

Von Spuren getragen

Zaun_KZ_Erinnerung - © Barak Broitman/Pixabay
Feuilleton

Rudolf Burger: "Ein Balkon, zur Hitlerkanzel sakralisiert"

1945 1960 1980 2000 2020

Rudolf Burger, emeritierter Professor für Philosophie und früherer Rektor der Universität für angewandte Kunst Wien, im Gespräch über öffentliche Erinnerungskultur, die "moralische Sekundärausbeutung" von Opfern und perverse Formen von Nostalgie.

1945 1960 1980 2000 2020

Rudolf Burger, emeritierter Professor für Philosophie und früherer Rektor der Universität für angewandte Kunst Wien, im Gespräch über öffentliche Erinnerungskultur, die "moralische Sekundärausbeutung" von Opfern und perverse Formen von Nostalgie.

Rudolf Burger gilt als Skeptiker öffentlicher Erinnerungskultur. Im FURCHE-Gespräch nimmt er auch Stellung zu kontroversen Themen wie dem Haus der Geschichte.


DIE FURCHE: Das Jahr 2014 bescherte uns eine fast unüberschaubare Zahl an Publikationen, Veranstaltungen und Ausstellungen anlässlich des 100. Jahrestages des Kriegsausbruchs, 2015 wurde unter anderem des Endes des Zweiten Weltkriegs gedacht. Woran liegt Ihrer Meinung nach das Bedürfnis nach Erinnerung anlässlich runder Jubiläen?
Rudolf Burger: Ich wäre vorsichtig mit dem Wort "Erinnerung", denn es wird hier semantisch sehr viel Schlamperei begangen. Erinnern kann meiner Meinung nach nur das Individualsubjekt. An das Jahr 1914 können sich wirklich nur mehr sehr, sehr Wenige erinnern, denn man müsste das Jahr erlebt haben - und zwar bewusst. Man kann dieses dramatische geschichtliche Ereignis thematisieren und kann darüber publizieren, reden und Vorstellungen in den Menschen darüber erzeugen, aber erinnern kann sich praktisch niemand mehr daran. Es geht natürlich immer auch um politische Interessen, bestimmte markante Ereignisse in der Geschichte in einer bestimmten Perspektive zu erzählen, darzustellen und eine Vorstellung darüber hervorzurufen, die dann in das Gedächtnis oder in das Bewusstsein der kontemporären Zuhörer einsickert. Von Erinnerung kann dabei in den meisten Fällen nicht die Rede sein.

DIE FURCHE: Das heißt, Sie lehnen Begrifflichkeiten wie "kollektives Erinnern" oder "kollektives Gedächtnis" ab?
Burger: Ich halte sie für Mythologeme, die der Sache selber nicht gerecht werden. Konfuzius sagt, das Wichtigste, was man tun muss, ist die Begriffe zu säubern. Es gibt keine kollektiven Erinnerungen, es gibt die Erinnerungen von Individuen und es gibt kollektivierte Vorstellungen. Wir haben alle Vorstellungen von dem Grauen des Ersten Weltkriegs, weil wir darüber Bücher gelesen oder Filme gesehen haben, aber erinnern kann sich keiner von uns.

DIE FURCHE: Gibt es demgemäß keine kollektive Schuld, keine kollektive Verantwortung oder eine kollektivierte Schuld und eine kollektivierte Verantwortung?
Burger: Es findet sich, soviel ich weiß, der Begriff der "Kollektivschuld" nach 1945 in keinem einzigen offiziellen Dokument, aber natürlich wurde er verwendet. Es gibt Verantwortung von Organisationen, vor allem des Staates, und es gibt natürlich individuelle Verantwortung. Alles andere sind Leerformeln, Pathosformeln, mit denen Moralpolitik gemacht wird. Wie wollen Sie ein Kollektiv bestrafen? Sie bestrafen Einzelne. Das ist auch geschehen, ob hinreichend oder nicht, das ist eine ganz andere Frage.