#Erinnern

Von Spuren getragen

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Feuilleton

Was gibt es da zu jubeln?

1945 1960 1980 2000 2020

Vom Russlandfeldzug 1812 bis zum Wiener Kongress 1814/15: Die kommenden Jahre stehen im Zeichen der Erinnerung an Napoleon. - Vom Sinn historischen Gedenkens im 21. Jahrhundert.

1945 1960 1980 2000 2020

Vom Russlandfeldzug 1812 bis zum Wiener Kongress 1814/15: Die kommenden Jahre stehen im Zeichen der Erinnerung an Napoleon. - Vom Sinn historischen Gedenkens im 21. Jahrhundert.

"Eheu, fugaces, Postume, Postume, labuntur anni“ - Horaz’ poetischer Seufzer über die Vergänglichkeit (Oden II, 14) ist von Wilhelm Busch kongenial übersetzt worden: "Eins, zwei, drei! Im Sauseschritt / Läuft die Zeit; wir laufen mit“ (Tobias Knopp). Die Bedeutung des 50. Jahres, das wir in der Folge der Geburtstage als Höhe- und Wendepunkt des Lebens, gar als Goldene Hochzeit festlich begehen, wurzelt tief: Dem Judentum war nach sieben Sabbatjahren die Heiligung des 50. Jahres, unter dem Klang der Schofarhörner (hebr. jobel), geboten - als Jahr des Schuldenerlasses und der Befreiung der Geknechteten (Lev 25). In der Synagoge seiner Heimatstadt Nazareth zitiert Jesus, als seine erste gute Botschaft, das große Gnadenjahr des Herrn als messianische Proklamation gemäß Jesaja 61 (Lk 4).

Das Jubiläum als Spanne bewusster Lebenszeit eignet sich trefflich als Zäsur historischer Erinnerung. Mit gutem Grund war 1988 der "Anschluss“ Österreichs an Hitlerdeutschland kein Jubiläumsanlass (obwohl es im Vorfeld einige Versprecher gab), sondern "Bedenkjahr“. Kriegsende 1945 und Staatsvertrag 1955 sind weitere Epochenjahre dieser Dimension. Das jüdische Jubeljahr wurde von der Kirche als Heiliges Jahr seit 1300 übernommen, in der Folge als 25-jährige Periode zur Ablassgewinnung mit feierlichen Zeremonien begangen, zuletzt im Jahr 2000. Einen pensionierten Beamten nannte man im frühen 19. Jahrhundert "jubiliert“ (Grabinschriften auf dem Friedhof von St. Marx).

Per saecula saeculorum: Der liturgischen Anrufung der Ewigkeit Gottes liegt das kaum von einem Menschenleben zu umspannende Jahrhundert zugrunde, im antiken Rom eine Epoche im historischen Selbstverständnis des Imperiums. So wurde das Säkulum zum wichtigsten Gliederungsprinzip auch der Profangeschichte vor und nach Christi Geburt.

Defizite der Erinnerungskultur

Die Erinnerungskultur des beginnenden 21. Jahrhunderts weist bezeichnende Defizite auf: Die Russische Revolution von 1905, die Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts in Österreich (1907), die Jungtürkische Revolution und die folgende Annexionskrise um Bosnien und Herzegowina (1908) wurden nur im Kreise der Fachhistoriker diskutiert. Nicht einmal die dramatischen Vorgänge in Libyen riefen den italienisch-türkischen Krieg von 1911/12 ins öffentliche Bewusstsein. Vermutlich wird es den Revolutionen Chinas und Mexikos 1911 ff. ebenso ergehen, und es ist zu befürchten, dass die verworren bis heute fortwirkenden Balkankriege von 1912/13 nicht als unmittelbares Vorspiel zum Weltkrieg wahrgenommen werden. Wird es 2014 in naiver Überraschung und in Unkenntnis der vom Imperialismus erzeugten Konflikte heißen "… und dann fielen die Schüsse von Sarajewo und der Erste Weltkrieg brach aus“?

"Eheu, fugaces, Postume, Postume, labuntur anni“ - Horaz’ poetischer Seufzer über die Vergänglichkeit (Oden II, 14) ist von Wilhelm Busch kongenial übersetzt worden: "Eins, zwei, drei! Im Sauseschritt / Läuft die Zeit; wir laufen mit“ (Tobias Knopp). Die Bedeutung des 50. Jahres, das wir in der Folge der Geburtstage als Höhe- und Wendepunkt des Lebens, gar als Goldene Hochzeit festlich begehen, wurzelt tief: Dem Judentum war nach sieben Sabbatjahren die Heiligung des 50. Jahres, unter dem Klang der Schofarhörner (hebr. jobel), geboten - als Jahr des Schuldenerlasses und der Befreiung der Geknechteten (Lev 25). In der Synagoge seiner Heimatstadt Nazareth zitiert Jesus, als seine erste gute Botschaft, das große Gnadenjahr des Herrn als messianische Proklamation gemäß Jesaja 61 (Lk 4).

Das Jubiläum als Spanne bewusster Lebenszeit eignet sich trefflich als Zäsur historischer Erinnerung. Mit gutem Grund war 1988 der "Anschluss“ Österreichs an Hitlerdeutschland kein Jubiläumsanlass (obwohl es im Vorfeld einige Versprecher gab), sondern "Bedenkjahr“. Kriegsende 1945 und Staatsvertrag 1955 sind weitere Epochenjahre dieser Dimension. Das jüdische Jubeljahr wurde von der Kirche als Heiliges Jahr seit 1300 übernommen, in der Folge als 25-jährige Periode zur Ablassgewinnung mit feierlichen Zeremonien begangen, zuletzt im Jahr 2000. Einen pensionierten Beamten nannte man im frühen 19. Jahrhundert "jubiliert“ (Grabinschriften auf dem Friedhof von St. Marx).

Per saecula saeculorum: Der liturgischen Anrufung der Ewigkeit Gottes liegt das kaum von einem Menschenleben zu umspannende Jahrhundert zugrunde, im antiken Rom eine Epoche im historischen Selbstverständnis des Imperiums. So wurde das Säkulum zum wichtigsten Gliederungsprinzip auch der Profangeschichte vor und nach Christi Geburt.

Defizite der Erinnerungskultur

Die Erinnerungskultur des beginnenden 21. Jahrhunderts weist bezeichnende Defizite auf: Die Russische Revolution von 1905, die Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts in Österreich (1907), die Jungtürkische Revolution und die folgende Annexionskrise um Bosnien und Herzegowina (1908) wurden nur im Kreise der Fachhistoriker diskutiert. Nicht einmal die dramatischen Vorgänge in Libyen riefen den italienisch-türkischen Krieg von 1911/12 ins öffentliche Bewusstsein. Vermutlich wird es den Revolutionen Chinas und Mexikos 1911 ff. ebenso ergehen, und es ist zu befürchten, dass die verworren bis heute fortwirkenden Balkankriege von 1912/13 nicht als unmittelbares Vorspiel zum Weltkrieg wahrgenommen werden. Wird es 2014 in naiver Überraschung und in Unkenntnis der vom Imperialismus erzeugten Konflikte heißen "… und dann fielen die Schüsse von Sarajewo und der Erste Weltkrieg brach aus“?

Der liturgischen Anrufung der Ewigkeit Gottes liegt das kaum von einem Menschenleben zu umspannende Jahrhundert zugrunde, im antiken Rom eine Epoche im historischen Selbstverständnis des Imperiums.

Mit Millenniumsbeschwörungen muss behutsam umgegangen werden, nicht nur wegen der Verheißung der Apokalypse eines Tausendjährigen Reiches und der Hybris des Dritten Reiches. Definitionen eines tausendjährigen Österreich-Begriffs mit dem Babenberger Markgrafen Luitpold 976 bzw. mit der Ostarrichi-Urkunde von 996 (Ausstellungen Lilienfeld bzw. Neuhofen an der Ybbs) rückten immerhin Probleme des österreichischen Landes-, Reichs-, Staats- und Nationalbewusstseins ins Bewusstsein. Den 200-jährigen Abstand nahmen die Großausstellungen zum Reformabsolutismus unter Maria Theresia und Joseph II. wahr (Schönbrunn und Melk), ihr Thema war die Modernisierung der monarchia austriaca. Erinnern wir uns, abgesehen von allen Endzeit- und Katastrophenängsten, des kuriosen Y2K-(Pseudo-)Problems der Computerwelt zur letzten Jahrtausendwende!

Bicentenaire de la Révolution: Unter diesem Titel gedachte die Republik Frankreich ihrer Revolution, mit der Symbolik des Bastillesturmes und der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte 1789/1989. Die Krise der Sowjetunion und der Fall der Berliner Mauer signalisierten jene Wende, die die bürgerlich-demokratische Revolution in ihrer Bedeutung für Politik und Gesellschaft der Moderne in helles Licht rückte.

Die erfreulichsten Bicentenaires bescheren uns (und nehmen wir die 250-Jahr-Spanne hinzu) in unaufhörlicher Folge vertiefte Begegnungen mit Goethe (1749/1999), Schiller (1759-1805/2005, 2009), Mozart (1756-1791/1991, 2006), Schubert (1797/1997), Nestroy (1801/2001), Stifter (1805/2005), Jahre im Zeichen von Haydn und Mendelssohn-Bartholdy (2009), Chopin, Nicolai und Schumann (2010), Liszt und Kleist (2011) - 2013 folgen Verdi und Wagner, Büchner und Hebbel, und - nicht zu vergessen - Kierkegaard. Hüten wir uns jedoch vor dem "unverschämten Trivialisierungsattentat“ (Sloterdijk) der Gedenkjahre!

"Die Massen avancieren“

Die Epoche steht unbestritten im Zeichen Napoleons, des Sohnes der Revolution - das Zeitalter der Weltpolitik hat begonnen, "die Massen avancieren“ (Hegel), in den Armeen, in Krieg und Frieden, in der bürgerlichen Klassengesellschaft, in Diktatur und Demokratie, im Aufbruch vielfältiger Emanzipation als praktisch gewordener Vernunft. An 200-jährigen Erinnerungsanlässen wurde hierzulande einiges versäumt: Anno ’09 brachte zwar eine opulente Napoleon-Schau auf der Schallaburg, die jedoch mit der Heroisierung "Feldherr, Kaiser und Genie“ den Widersprüchen der Epoche nicht gerecht werden konnte; Tirol feierte wie gewohnt Andreas Hofer mit Schützenkompanien und Dornenkrone (das Bergisel-Panorama war in diesem Jahr geschlossen). In Aspern und Deutsch-Wagram verhinderten leidige lokalpolitische Kontroversen eine über Uniformparaden hinausgehende Erinnerung. Es steht zu hoffen, dass die kommenden Bicentenaires nicht nur die Historikerzunft beschäftigen; alle sind zum Nach-, Mit- und Vorausdenken aufgefordert. Es geht um uns - bleiben wir dran!