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Keine Feier für Napoleon

Mit einer Schau auf der Schallaburg wird Napoleons und des fünften „Koalitionskrieges“ von 1809 gedacht. Das offizielle Österreich hält das Gedenkjahr keiner Feierlichkeit für würdig.

Es sind die kleinen Dinge, die am meisten über die große Geschichte aussagen. Eine Miniatur-Guillotine aus Papier, liebevoll aus Spielkarten gebastelt, gehört zu den ersten Dingen, denen man in der Napoleon-Ausstellung auf der Schallaburg begegnet. Das Guillotinchen wurde 1797 in Wien im Haus von Johann Joseph Sauer gefunden. Der Fischhändler stand im Verdacht, einem revolutionären Geheimbund anzugehören. Ins Verhör genommen, erkläre Sauer jedoch, er habe das Hinrichtungswerkzeug „aus bloßer Neugier, ohne alle Absicht“ nachgebildet.

Welche „Absicht“ verfolgt einer mit einer Papier-Guillotine? Wollte der fingerfertige Fischhändler adlige Köpfe rollen lassen – wenn nicht echte, so doch wenigstens in seiner Fantasie? Freute er sich gar insgeheim, als Napoleon 1797 ins Murtal marschierte und die verängstigten Wiener scharenweise aus der Stadt flohen? Was auch immer Johann Joseph Sauer im Sinn hatte, die kleine Bastelarbeit erinnert daran, dass Napoleon in Österreich nicht nur Feinde hatte. Ohnehin verbietet sich jede simple Interpretation der napoleonischen Epoche als sukzessive Besetzung und Befreiung Europas. Wer da was von wem befreite, ist schwer zu sagen. Es hängt stark vom Standpunkt des Urteilenden ab.

Fraglos ist dagegen, dass Napoleon und die Geschichte, die er gemacht hat, bis heute die Menschen bewegen. Das 200. Jubiläum des fünften „Koalitionskriegs“ – eine irreführende Bezeichnung, denn die Habsburger allein erklärten Frankreich 1809 den Krieg, und sie allein kämpften bis zum bitteren Ende – wird heuer in einer unüberschaubaren Zahl von Veranstaltungen begangen, von Eggmühl in der Oberpfalz, wo am 22. April die österreichische Offensive zur Defensive wurde, bis ins niederösterreichische Marchegg, wo Erzherzog Johann am 6. Juli eintraf, zu spät, um seinem Bruder Karl noch beistehen zu können.

Da war die Schlacht bei Wagram schon geschlagen. Zigtausende lagen tot oder verwundet auf dem Schlachtfeld, und Erzherzog Karl musste in Znaim den Waffenstillstand unterzeichnen. Als erste Materialschlacht der Geschichte hat man das Treffen bei Wagram bezeichnet. Es entschied den fünften Koalitionskrieg. Die Habsburger verloren 2000 Quadratmeilen Land mit 3,5 Millionen Untertanen, sie waren bankrott und ihre Länder ausgeplündert. Franz I. trat die Flucht nach vorn an und gab dem Ursupator seine Tochter Marie Louise zur Frau, die ihm den ersehnten Thronfolger gebar. Nur in Salzburg und Tirol gingen die Kämpfe weiter, bis die Bauern begriffen, dass ihr guter Kaiser Franz nichts mehr für sie tun konnte

Politisches und militärisches Desaster

Aus österreichischer Sicht war der fünfte Koalitionskrieg ein politisches und militärisches Desaster, daran ändert auch der Sieg bei Aspern wenig, wenn es denn überhaupt ein Sieg war. Warum also heute des Gemetzels gedenken? „Nie wieder Krieg!“ lautet die stereotype Antwort, die Festredner bei den diversen Gedenkfeiern, vom Pass Lueg bis zum Asperner Löwen, im Munde führen. Die Antwort ist politisch korrekt, aber sie klingt allzu wohlfeil. Man darf getrost annehmen, dass die meisten Veranstalter auf den ökonomischen Mehrwert nicht vergessen haben, zumal die Schauplätze von 1809 eher im touristischen Hinterland liegen. Ein geschichtsträchtiger Trommelwirbel – gern mit Sonderpostamt – kann da nur willkommen sein. Napoleon ist immer für ein Spektakel gut.

Seine Schlachtfelder sind heute, neben den Mittelalter-Märkten, die bevorzugten Tummelplätze der Reenactment-Szene, ein gut vernetzter Haufen von Enthusiasten aus ganz Europa, die sich am Wochenende in historische Gewänder kleiden und die Schlachten der Vergangenheit so authentisch wie möglich nachspielen. Wo immer sie sich treffen, strömt das Publikum in Scharen herbei. Ob es an den bunten Uniformen liegt, an den Pferden oder am Pulverdampf, ist schwer zu sagen. Vielleicht lässt sich mit keiner anderen Epoche das Pittoreske am Krieg so gut inszenieren. Das muss mit Militarismus nichts zu tun haben, zumindest nicht mehr als das Basteln einer Papier-Guillotine mit revolutionärer Gesinnung.

Wer freilich genau hinhört, kann auch politische Untertöne vernehmen, etwa wenn ein Redner die Vaterlandsliebe der damaligen Akteure lobt, wenn ein anderer von „unseren“ Gefallenen spricht, oder wenn ein tschechischer Reenactment-Freak lieber einen Franzosen spielt als einen Österreicher. Auch beim Napoleon-Gedenken steht die Geschichte mithin im Dienst des Wir-Gefühls. Aus wissenschaftlicher Perspektive sind solche Identifikationen obsolet, setzen sie doch eine nationalpolitische Kontinuität zwischen 1809 und 2009 voraus, die längst als wacklige Konstruktion entlarvt wurde.

Bezeichnenderweise hält die Republik Österreich das napoleonische Gedenkjahr keiner offiziellen Feierlichkeit für würdig. Die Aneignung des Themas ist ganz und gar eine volkstümliche, ist Sache von Gemeinden und Vereinen. Sogar der große wissenschaftliche Kongress im Heeresgeschichtlichen Museum Anfang Juni ging auf private Initiative zurück. Eine Ausnahme bildet nur die Napoleon-Ausstellung auf der Schallaburg, für die das Land Niederösterreich als Schirmherr auftritt.

Eine politische Ausstellung ist deswegen nicht daraus geworden, es sei denn, man will einen Satz wie den folgenden aus der Pressemappe als Rücksicht auf österreichische Empfindlichkeiten interpretieren: „Unter dem Einfluss der Misserfolge der französischen Armee in Spanien brach 1809 erneut der Krieg mit Österreich aus.“ Eine sonderbare Umschreibung für die österreichische Kriegserklärung.

Ihr eigentliches Thema ist auch nicht der fünfte Koalitionskrieg, obwohl der Schlacht von Aspern überproportional viel Platz eingeräumt wird, sondern jener Gewaltige, der von 1795 bis 1815 Europa in seinen Grundfesten erschütterte. In 22 Räumen werden Napoleons Leben und Taten von der Wiege bis zur Bahre ausgebreitet, wobei mit der Person das ganze Zeitalter aufscheinen soll. Dafür wurde eine beachtliche Palette an Exponaten versammelt, vom kaiserlichen Tee-Service bis zum Feldbett, auf dem Napoleons Leben in St. Helena endete. Dennoch kann man nicht sagen, dass die Schau den Besucher mit ihrer Fülle erschlägt, im Gegenteil, angesichts der Gewaltigkeit des Stoffes wirkt das Gebotene noch zu dünn.

Warum Metternich siegen musste

Die Monstrosität Napoleons ist in dem Arrangement kaum zu begreifen. Viele Ereignisse werden nur kursorisch behandelt: ein knappes Dutzend Exponate für den Wiener Kongress! Vielleicht wäre mehr auch zu viel verlangt von einer solchen Ausstellung, aber man fragt sich doch, ob eine engere Themenführung, etwa Napoleon 1809, nicht ertragreicher gewesen wäre. So nimmt man insgesamt den Eindruck mit, „Napoleon light“ erlebt zu haben.

Es ist nicht die Ausstellung, sondern es sind einzelne Stücke, die den Besucher in den Bann ziehen. Wie die eingangs erwähnte Papier-Guillotine. Oder eine rohe, mit Nägeln gespickte Keule, mit der Tiroler Bauern gegen Napoleons Armeen zu Felde zogen. Oder ein französisches Feldzeichen, das den Österreichern bei Wagram in die Hände fiel: Der vergoldete Adler, eine Reminiszenz an die römische Antike, verdeutlicht wie weniges den imperialen Geist Napoleons. Oder ein Brief der folgsamen Marie Louise an Franz I. Oder „Der Courier oder Wiens Jubel, bey dem Eintreffen der Siegesnachricht Paris ist genommen“, ein „Tongemälde“, mit dem der Musikverleger Tobias Haslinger der Freude über Napoleons vorläufiges Ende 1814 Ausdruck verlieh: Und mit einem Mal begreift man, dass am Ende Metternich siegen musste.

Napoleon in Wien – Fakten und Legenden

Von Johannes Sachslehner und Robert Bouchal, Pichler Verlag 2008, e 24,95

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