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Das Konzil Altösterreichs

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Daß Papst Johannes XXIII., wo immer er länger im Gespräch mit Österreichern verweilt, stets wieder luf das Erlebnis zu sprechen kommt, las der Eucharistische Kongreß von L912 für seine jungen Priesterjahre bedeutete, läßt darauf schließen, daß is sich bei dieser Erwähnung nicht nur im eine Anknüpfung der Höflichkeit landelt, sondern daß er diese Herbst-:age zu Wien als ein weltkirchliches Ereignis empfand, dessen Nachklingen ihn selbst heute, da er die reichste Ernte, die einem Priester zuteil werden kann, einzufahren beginnt, nicht /erlassen hat. Dem Eucharistischen Kongreß von Wien folgten viele ander - der von Budapest markierte in den dreißiger Jahren die Schwelle zum zweiten Weltkrieg, der zwei Jahre zurückliegende Kongreß von München steht den tausenden Österreichern, die an ihm teilnahmen, noch immer in bildhafter Erinnerung. Dieser Weltfron-ieichnam am Vorabend des großen Krieges aber ist ein Ereignis gewesen, das in der Geschichte des alten Donaureiches den großen Schlußakkord in Dur darstellt, dem nur noch der erhabene Mollklang des Kaiserbegräbnisses vom November 1918 folgen sollte.

Wie sah die Welt aus, die den Hintergrund dieses Kongresses bildete? Man kann sie beim besten Willen nicht „idyllisch“ im Sinn einer guten alten Zeit heißen. Der schwere, stundenlange Regen am Tage der großen khlußprozession, der die Verlegung des beim Burgtor geplanten Gottesdienstes in den Stephansdom erzwang, gewinnt im nachhinein düsteren Symbolcharakter. Man braucht nur die Chronik der Kongreßwochen im September durchzublättern: der drohende, unmittelbar darnach auch eingetretene Balkankrieg, die in alarmierenden Telegrammen gemeldete * Besetzung Marokkos durch Frankreich, der im Endstadium befindliche Krieg Italiens mit der Türkei um Tripolis. Dazu die innerpolitische Gärung in der Monarchie selbst. Kaum einen Tag nach dem Bericht von der großen Prozession, bei der die ungarischen Magnaten in Gala einherschritten, bringen die Blätter wörtliche Protokolle einer Parlamentssitzung aus Budapest, bei der die nämlichen Hocharistokraten gegeneinander tätlich wurden und sich gegenseitig mit Beschimpfungen traktierten.

Blättert man in den vergilbten Jahrgängen der Zeitungen von damals, dann wird einem sehr drastisch vor Augen geführt, wie allein die bewußten Katholiken in dieser „verklärten“ Vergangenheit standen. Gewiß: Sie hatten den Kaiser und das Herrscherhaus für sich. Ganz bewußt und fast demonstrativ stellte sich Franz Josef zusammen mit dem Thronfolger Franz Ferdinand an die Spitze der Prozession. Sein persönlicher Befehl, den er gegen das Anraten der für die Gesundheit des fast Dreiundachtzigjährigen fürchtenden Ärzte erließ, führte zu deren Abhaltung trotz strömenden Regens. Die Verbindung des Hause: Habsburg mit der katholischen Kirche die in den vergangenen beiden Jahrhunderten schweren Belastungsprober ausgesetzt gewesen war, trat jetzt, an unbewußt empfundenen „Abend de: Reiches“, da die Differenzen der jose-phinischen und frühen liberalen Ar fast schon gegenstandslos gewordei waren, als ein ausgesprochenes Politi-kum in Erscheinung. Aber es ist un verkennbar, daß damit ein Über wuchern rein weltlichen Gepränge: einherging, das mit der unproble matisch schlichten Gläubigkeit de: „letzten Monarchen der alten Schule' nur wenig gemein hatte. Mit der trau> rigen Klugheit des Lesers „im nach' hinein“ überliest man heute die spaltenlangen Berichte der Hofempfänge und Galaauffahrten, die Garderobenschilderungen und Namensaufzählungen kleiner und kleinster „Irgend-wers“. Der lautlose Zusammenbruch alles dessen — kaum fünf Jahre später — war nicht nur ein Ergebnis des Untergangs der äußeren Macht Österreich-Ungarns.

Die offene Feindschaft, in der sich damals nationaler und „gelber“ Freisinn, Radaunationalismus und Sozialdemokratie einig waren, berührt den, der sich vom Heute her in jene Tage zu versetzen sucht, nicht einmal so beängstigend. Man sprach aus, was man dachte und wollte, offener, plumper, aber auch erfrischend-klarer als heute, da sich die Blätter fast aller Richtungen (mit Ausnahme der Kommunisten) in schmalziger Sentimentalität übertreffen. (Tod und Begräbnis Pius' XII. gaben in ihrer „Publizität“ einen Vorgeschmack dessen, was uns in wenigen Wochen beim Zusammentritt des Konzils blühen wird.) Damals nahm man die Kirche ernster als heute. Sozialisten und Linksliberale schlössen sich zusammen und verlegten eine Broschüre, „Josefsblätter“, in der die liberale Tradition Josephs II. gegen die „klerikale“ Veranstaltung beschworen wurde. Universitätsprofessoren und Arbeiter verteilten das Pamphlet in den Straßen Wiens und nahmen Faustkämpfe mit katholischen Aktivisten in Kauf. Die „Neue Freie Presse“ bemängelte die Bezeichnung „Kongreß“ für die an sich gönnerhaft beurteilte katholische Veranstaltung. „Dieses Wort möge doch wissenschaftlichen Veranstaltungen vorbehalten bleiben“, schrieb sie. („Zum Beispiel dem Zio-nistenkongreß“, gab die „Reichspost“ im damaligen Zeitumgangston zurück.) Den Vogel schoß das Organ der „Deutschradikalen“ ab. Es beklagte die armen, vom Regen zerweichten Prozessionsteilnehmer, unter denen es „zahllose Erkrankungen und viele Todesfälle“ geben werde, und registrierte fast neidisch die Riesenzahl von Räuschen:

„Alle haben ein Idol,

Frömmigkeit mit Alkohol,

Das fromme Atemholen

Hundert Jahre ist es jetzt her, seit die römischen Behörden der Kirche die allgemeine Verehrung der heiligen Notburga gestatteten. Au der Wende zum 14. Jahrhundert war die tirolische Dienst-magd bereits verschieden. Fast unmittelbar nach ihrem heiligmäßigen Tod hatte schon der volkstümliche Kult eingesetzt, der weit über die Grenzen der heimatlichen Landschaft, über die Gegenden von Eben, Schwaz und Ratteuberg, hinausging. Die Chronisten begannen die VV'underheilungen zu verzeichnen, besonders nachdem ihre aufgefundenen Gebeine im IS. Jahrhundert auf den Altar zu Eben übertragen worden waren.

Aber es hatte kein formeller Heiligsprechungsprozeß stattgefunden, der auch jetzt — nach so vielen Jahrhunderten — nicht mehr nachzutragen war. Die strengen Dekrete der Kirche aber erlauben für den ..casus exceptus“ eine eigene Regelung. Wer durch die Jahrhunderte .hindurch vom Volke ohne Unterbrechung ah heiig verehrt wurde, dem kann die Ehre det Altäre zugesprochen werden. In mehrere* österreichischen Diözesen. wird de. Heiligen am Kreuzerhöhungstag in einet eigenen Messe gedacht.

Über dem Land Tirol und über ganz Österreich steht ihr schlichtes Bild mit der Sichel über dem Haupt. Diese Legende ist wohl von allen die tiefsinnigste geblieben. (In seinem schönen Buch über die „Heilige aus Tirol“ erzählt sie Wolfgang Pfaundler aus alten Quellen nach.) Die Stunde des Feierabends, des Angelusläutens, die durch hartes Weiterarbeiten verdrängt werden sollte und die die Dienstmagd errang, indem sie die in die Luft geworfene Sichel zum Zeichen Gottes werden ließ.

Dieses Innehalten und Innewerden mitten in der noch so notwendigen harten Erwerbsarbeit ist ein Mahnzeichen über ganz Österreich geblieben. Eine Dienstmagd hat es gesetzt, die zugleich eine große Freie war. Eine, die ihr schweres, dienendes Leben Gott gelobt hatte und von Ihm jenen Lohn erhielt, den keine eigensüchtige Arbeit zu erzwingen vermag: sie durfte Ate\n holen und anderen zum Zeichen für das Atemholen werden. Wo immer heute noch über unserm Land eine Feierabendglocke lauter tönt als alle Betriebsamkeit, ist sie von Notburgas Sichel geweiht.denn gesoffen haben sie Wein und Bier und Schnaps wie nie. Wo man Frumbe angetroffen, War die Bude leergesoffen ...“

Unheimlicher als diese rauhen Töne wirkt das Schweigen des „gebildeten“ Wien von damals. Richard Kralik spricht in einem großen Festartikel der „Reichspost“ sehr offen davon:

„Selbst für die guten Katholiken, die in der Welt leben, ist es oft schwer, diesem Anprall der unkirchlichen Kultur standzuhalten.“

Die Wiener Theater kümmern sich um den Weltkongreß der Katholiken nur wenig. Da und dort räumt eine Bühne einem „Calderon-Ensemble“ aus Berlin einen Nachmittagstermin ein. “Der Abend gehört dem „Frauenfresser“ oder einem neuen Werk von Halbe. Die große theatralische Manifestation sollte die Aufführung von Vollmöllers heute zu Recht vergessenem bombastischem religiösem Super -theater „Das Mirakel“ in der „Rotunde“ sein. Der Theaterkritiker der „Reichspost“ notiert am 19. September nachdenklich:

„Reinhardt hat die Erwartungen, die man nach .Ödipus und Jedermann in das .Mirakel' setzte, nicht erfüllt. Seine erprobten Mittel reichten plötzlich nicht mehr aus. Wunder über Wunder rollte er auf.Aber selbst der dichtbesäte Sternenhimmel, der plötzlich in der Rotunde aufflammte und eigentlich prächtig war, ließ verhältnismäßig kalt...“

Nur das eben etablierte „Kino“ war ganz zur Stelle. Es lud die Besucher ein, sich die Prozession noch einmal im Lichtbild anzusehen, wenn man nicht doch einen Film, „Emilisa, das Kopf auf Kopf zusammengewachsene Geschwisterpaar“, vorzog ;T.'

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