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Unverlierbares Erbe

Während der vergangenen Wochen und Monate wurden an dieser Stelle zahlreiche Werke der neuen und neuesten Musik besprochen, und neben den Kompositionen der einheimis.chen Tondichter nahmen die der ausländischen einen' breiten Raum ein. Ausländische , Dirigenten, Solisten und Ensembles vermittelten uns das Schaffen ihrer Landsleute in authentischen Aufführungen, und es war für uns notwendig — und häufig auch erfreulich —.alles jene Neue kennenzulernen, das während der letzten Jahre außerhalb unserer Grenzen entstanden war und das man uns bisher vorenthalten hatte.

Immer aber war unsere Aufmerksamkeit auch auf jene Veranstaltungen gerichtet, in denen das große Erbe unserer musikalischen Vergangenheit, insbesondere das der letzten beiden Jahrhunderte, gepflegt wurde; jenes Erbe, das wir nur dann zu unserem labendigen Besitz rechnen dürfen, wenn wir ihm durch vollkommene Wiedergabe die schuldige Achtung zollen. Immer aufs neue hat sich jede Zeit, jede Künstlergeneration an ihm zu bewähren, und Veranstaltungen, in deren Mittelpunkt ein großes klassisches Werk steht, sind geadelt und sollten festlich-feierliches Gepräge tragen. Wir meinen nicht den äußeren Rahmen, auf den wir — hier wie auf anderen Lebensgebieten — verzichten gelernt haben. Sondern ich meine jene Ergriffenheit, jenen edlen Enthusiasmus für das Schöne, der Darbietende und Zuhörer zur festlichen Gemeinde vereint.

Solch ein Fest besonderer Art ist wohl für jeden Musikfreund eine Aufführung der IX. Symphonie von Beethoven. Wir hörten sie von den Wiener Symphonikern unter Rudolf Moral t. Ein tüchtig musizierendes Orchester, ein talentierter Dirigent, der Staatsopernchor und ein vorzügliches Solistenensemble (E. Schwarzkopf, E. Höngen, A. Dermota und H. Alsen) — und ein so schwacher Gesamteindruck! Stimmung und Spannung waren ungefähr die einer Generalprobe. Die Interpretation der Neunten aber verlangt von den Ausführenden jenes Letzte an Hingabe und vom Dirigenten jenes Höchste an Intuition, Format und Persönlichkeit, welche der Dirigent dieser Aufführung noch nicht besitzt, der zwar die einzelnen Teile fest in der Hand hatte, es „fehlt, leider! nur das geistige Band!“.

Ganz anderer Art sind die Ansprüche, die Beethovens IV. Symphonie an die Interpreten stellt. Sie erfordert eine sehr leichte Hand, viel Zartheit und Sensibilität — Eigenschaften, die Felix von Prohaska zweifellos besitzt, welche aber die Wiener Symphoniker manchmal noch vermissen lassen. Schumanns Klavierkonzert, dieses hochpoetische und feinsinnige Werk, verlangt wieder andere Qualitäten. Der von Dohnanyi gespielte Klavierpart geriet etwas kühl und klassizistisch, und die Zwiesprache des Klaviers mit dem Orchester glitt manchmal in den Konversationston ab. Ungleich stärker war der Gesamteindruck von Franz Schmidts IV. Symphonie, dieser erschütternden Totenklage, die das persönlichste und einheitlichste Werk des Wiener Meisters ist.

Zu unserem unverlierbaren Erbe zählen wir auch Mahlers „Lied von der E r d e“. Auch dieses Werk, wie die Schmidt-Symphonie, ein Abschied vom Leben, ein Scheidegruß an Freud und Leid dieser Erde: „Mir war auf dieser Welt das Glück nicht hold... Ich suche Ruhe für mein einsam Herz. Ich wandle nach der Heimat! Meiner Stätte!“ ... Die zehn Jahre, die uns von der letzten Aufführung des „Liedes von der Erde“ in Wien trennen, mögen an uns — und vielleicht auch an dem Werk — nicht spurlos vorübergegangen sein. Aber daß der Eindruck so wenig nachhaltig war und die Wirkung mehr vom Text und vom Gehalt ausging, lag vor allem wohl an der Interpretation. (Die Wiener Symphoniker spielten unter Hans Swarowsky, Julius Patzak und Rosette Anday waren die Solisten.)

Es gibt verschiedene Gründe, die man für die Mittelmäßigkeit dieser und einer ganzen Reihe anderer Orchesterkonzerte anführen könnte. Die Philharmoniker haben zwar viel von sich reden gemacht, haben sich aber in der ersten Hälfte dieser Konzertspielzeit selten hören lassen. Von welcher Seite man die Dinge auch betrachten mag: die Dirigentenfrage der Philharmoniker ist nicht' gelöst, und durch die Zurückhaltung dieses Orchesters erleidet unser Musikleben eine empfindliche Einbuße. Die Wiener Symphoniker haben große Fortschritte gemacht und sind vielleicht auf dem Wege, ein Meisterörchester zu werden. Aber das geschieht nicht von heute auf morgen. Sie müssen sich vorläufig noch selbst erhalten und sind daher überbelastet. Das bedeutet, daß für manche Veranstaltungen nicht jene Anzahl von Proben zur Verfügung steht, die wünschenswert wäre.

Der überwältigende Reiditum unseres großen musikalischen Erbes kam den Zuhörern an einem Abend „M u s i k in Österreich“ zum Bewußtsein, den die Kirchen- und Schulmusikabteilung der Staatsakademie veranstaltete. Die acht Jahrhunderte umspannende Folge reichte vom gregorianischen Choral über Minnesang und Volkslied bis zu Schubert und Brahms. Die Eigenart der österreichischen Musik prägt sich deutlich in gemeinsamen Zügen aus: in ihrer Volksverbundenheit, in der Freude am festlichen Klang und der Sehnsucht nach innerem Frohsein sowie in der * Aufgeschlossenheit gegenüber der Eigenart und den Werken anderer Völker. Immer wieder bewährt sich auch die Fähigkeit der österreichischen Kunst, besonders die der Musikstadt Wien, auswärtige Künstler anzuziehen und festzuhalten, und zwar nicht nur äußerlich, sondern indem sich der Auswärtige vollständig assimiliert. Das große Adagio, das in Österreich seine Geburtsstätte hat, und der österreichische Volkstanz, der als Menuett und Scherzo in der Symphonik zur hohen Kunstform gestaltet worden ist, verbinden unsere großen symphonischen Schöpfungen der letzten beiden Jahrhunderte und haben Weltgeltung erlangt. Seiner Wahlheimat aber wird der von auswärts kommende Künstler immer dankbar sein, und die „Liebesliederwalzer“ von Brahms sind eine jener reizenden und herzlichen Huldigungen, wie sie die österreichische Kunst so oft empfangen hat. dem Gesetz vom 3. März 1945 eine offizielle Repräsentation der französischen Familie in allen staatlichen Komitees und sonstigen offiziellen Stellen konstituiert •worden. Sie soll alle Familiensdautzbestre-bungen sammeln und setzt sich aus allgemeine speziellen und konfessionellen Familienverbänden zusammen. Die Delegierten werden nicht von den Vereinsleitungen oder den Landesverbänden ernannt, sondern durch Familienabstimmung gewählt, und zwar direkt durch die angeschlossenen Familien. Die Aufgaben dieser Körperschaft sind im wesentlichen: 1. Sie vereinigt und repräsentiert die Gesamtheit aller Familienvereinigungen und Familien-schutzorganisationen. 2. Sie ernennt Delegierte für Parlamente, Räte, Kommissionen des Staates usw. 3. Sie gibt den Regierungsstellen des Landes und der Departements ihre Gutachten ab über alle Familienfragen. 4. Sie übernimmt die Leitung öffentlicher Dienste und Hilfsinstitutionen, soweit man sie ihr anvertrauen will. Die eigentliche Familienhilfe soll in der Hand der einzelnen Organisationen bleiben, die aber unterstützt werden durda die nationale Union.

Die Schweiz ist in den letzten Jahren zu einem der bedeutsamsten Umschlagplätze der europäischen Literatur geworden. Die diesjährige Züricher Bücherschau, welche diesen Monat in der Züricher Zentralbibliothek stattfindet, vereinigt über 100 Schweizer Verleger, die mehr als 2000 Bücher ausstellen. ... ... ■••■

Wie das Londoner „Tablet“ verzeichnet, gehören von den 28.420 Mitgliedern des Jesuitenordens 6282 zu der nordamerikanischen „Assistenz“, der größten Zweigorganisation der Gesellsdaaft. Trotz der Verluste, die der Orden im spanischen Bürgerkrieg erlitten hat, nimmt die spanische Assistenz mit 4973 Mitgliedern den zweiten Platz ein, den dritten Großbritannien mit Belgien und Kanada mit 4566 Mitgliedern. Die Assistenz Deutschland und Holland umfaßt 3154, Frankreich 3100, Italien 2353, Latein-Amerika 2540 Mitglieder. In den slawischen Ländern zählt der Orden insgesamt 1356 Mitglieder. Die in 43 Provinzen aufgegliederte Gesellschaft stellt den größten religiösen Orden der katholischen Kirdie dar. •

In einer Londoner Pressekonferenz berichtete der Dekan des Oriel Colleges, Rev. L. John Collins, daß an der Oxforder Universität die Heimkehrer, Männer wie Frauen, bei der Rückkehr zu ihren Universitäts-stüdien sich bitter darüber beklagen, „daß die Kirche als solche nichts im öffentlichen Leben unternehme, was eine christliche Aktion anlange“. Er kündigte die Gründung einer „neuen Oxford-Bewegung“ an. Diese hielt am 5. Dezember in der Stadthalle von Oxford ihre erste Kundgebung ab mit dem Programm, „alle Kräfte zu mobilisieren zur Verteidigung des christlichen Standpunktes im nationalen und internationalen Leben“. Die Idee hatte in der Oxforder Jugend zündend gewirkt. Unter dem Vorsitze des Bischofs von Chichester, Dr. G. K. A. Bei 1, sprachen für die anglikanische Kirche Sir Richard Acland, für die Quäker Robert Wilson, für die römischen Katholiken Miß Barbara Ward, für die Juden Viktor Gollancz. — Die furchtbaren Erfahrungen des Krieges haben seelische Erschütterungen hinterlassen, welche die materielle Not übersteigen und einer Vertiefung des Lebensinhalts zustreben. Eine ähnliche Entwicklung ist auch in anderen Ländern zu beobachten. Man kann daher füglich von einer Weltbewegung der seelischen Umkehr sprechen, die dem flachen Materialismus unserer Zeit absagt. *

Der jüdische Historiker Salvatore A 11 a 1 wurde kürzlich in Rom durdi den amerikanischen Generalsuperior der Fran-ziskaner-Konventualen, P. Bede Hess, in die katholische Kirche aufgenommen. Der Großvater Attals war Pius Eugene Zoli, der Chef-Rabbi der Kultusgemeinde von Rom, der voriges Jahr in die Kirdie aufgenommen wurde *

Nach dem eben erschienenen neuen „Catholic Directory“ zählen die USA gegenwärtig 2 4,4 0 2.1 2 4 Katholiken und verzeichnen damit seit einem Jahre einen Zuwachs von 348.456 Personen. Die Anzahl der Übertritte zum Katholizismus betrug im vorigen Jahr 87.430 Personen.

Der ehemalige chinesische Gesandte in Bern, Lob Tsent-Tsiang, lebte schon seit Jahren als Mönch in einer belgischen Benedik-tinerabtei. Nunmehr kehrte er, 75 Jahre alt, als Titularabt aof Wunsch des chinesischen Kardinals Tien nach China zurück. In seinen „Souvenirs et pensees“, welche demnächst in der Schweiz in deutscher Ubersetzung erscheinen, gibt er nicht nur seine Konversionsgeschichte wieder, sondern auch seine geistige Begegnung als Schüler des Konfuzius mit dem Christentum, Er schreibt darin: „Ich bin Konfuzianist, denn die Moralphilosophie des Konfuzius', nach der ich erzogen wurde, durchdringt die menschliche Natur total, Sie bezeichnet genau die Haltung gegenüber dem Schöpfer, gegenüber den Eltern, gegenüber ihresgleichen: Individuen und Gemeinschaft. ... Die Zivilisation des Fernen Ostens ist diejenige eines viertausendjährigen Volkes, das die Hälfte der asiatischen Bevölkerung und ein Viertel der Menschheit ausmacht. China zählt 450 Millionen Frauen und Männer, die von der gleichen Rasse stammen und vom gleichen Geiste beseelt sind. Unter diesen entfallen auf 100 nicht ein Christ. Das gleiche gilt für die gesamte übrige Bevölkerung Asiens. Ich glaube, daß eine Anpassung die Voraussetzung für jede nachhaltige Missionsarbeit ist. Mangels Anpassung werden in 500 oder 1000 Jahren die Bemühungen der Missionäre kaum zu einem nennenswerten Erfolg führen. Denn eine zahlenmäßige Minderheit von Christen kann unmöglich im Schöße einer so großen Bevölkerung da und dort bestimmend durchbrechen.“

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