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Festival der Reprisen

Von der Stadt und vom Land auffallend heftig gefördert, von beiden Koalitionspartnern gleichermaßen mit Wohlwollen überhäuft, fristeten die Grazer Sommerspiele 1964 vier Wochen hindurch ihr reichlich farbloses Dasein. Zwei Sätze Egon Hilberts sollten den Grazern zu denken geben: „Das Außerordentliche allein rechtfertigt Festspiele” und „Festspiele sollen mehr sein als die Summe der Konzerte und sonstigen Veranstaltungen: Festwochen müssen ein Profil haben!”

Es ist nicht zu leugnen, daß die Grazer Sommerspiele, die sich zwar nicht mehr „Festspiele” nennen, es letztlich aber doch gerne sein möchten, in vergangenen Jahren Ansätze zu einem eigenständigen Profil gezeigt haben. In jüngster Zeit jedoch waren sie nichts anderes als eben eine Summe künstlerischer Veranstaltungen. Zweifellos hatte man auch heuer nach einer Idee gesucht. Sie bot sich an in der Feier der „Jahresregenten” Strauss und Shakespeare. Für die Grazer Oper war es gewiß eine bedeutende Tat, sechs Werke von Richard Strauss (darunter die bereits besprochene „Liebe der Danae”) zum Programm beigesteuert zu haben. Sechs Strauss-Opern, von denen nur zwei Neuinszenierungen sind, genügen indes bei weitem nicht für vier Wochen. Während Strauss noch relativ gut wegkam, wurde Shakespeare recht stiefmütterlich behandelt: „Hamlet” und „Julius Caesar” standen ohnedies auf dem Programm der Vereinigten Bühnen; für den schönen Landhaushof inszenierte der junge Klaus Gmeiner die herrliche Komödie „Maß für Maß”, aber es wurde leider nur eine sehr durchschnittliche, die Idee des Werkes viel zuwenig herausarbeitende Aneinanderreihung der einzelnen Szenen daraus. Von Strauss waren zu sehen: die hübsche und geschmackvolle Inszenierung der „Ariadne” (mit Eva Maria Rogner als Zerbinetta) aus dem Repertoire, ferner die jahrelang laufenden Produktionen der „Elektra”, der „Frau ohne Schatten” und des „Rosenkavaliers”, von denen gerade die letzte nur sehr beiläufig aufgefrischt worden war. Als zweite Strauss-Premiere gab es die „Salome”, die musikalisch (Gustav Cerny) zwar schöne Momente aufwies, aber unter einem recht ungünstigen Bühnenbild litt. Interesse forderte diese Neuinszenierung Andre Diehls jedoch ab durch die gar nicht al zierliche Amerikanerin Fehcią Iweamen zeichnete die Salome als ein nur „dem Instinkt ! verfallenes, verwöhntes Kind, das mit egoistischer Grausamkeit sein Spielzeug fordert.

Was sonst noch aus dem Opern- und Schauspielrepertoire hervorzuholen war, wurde hervorgeholt, kurzerhand mit der Etikette „Sommerspiele” versehen und zu erhöhten Preisen verkauft: von drei Verdi- Opern hatte nur die Reprise der „Aida” festlichen Glanz, der vor allem dem strahlenden Tenor Jose Maria Perez, der gastierenden Margarita Lilowa (Amneris) und dem Dirigenten Cerny zu danken war. Der traditionelle „Fidelio” lag sogar noch etwas unter dem Durchschnitt des Vorjahres, wenn man von der immer noch großartigen Stimme Gertrude Grob- Prandls absieht.

Unvermindertes Interesse beanspruchten mit Recht die Schloßkonzerte im Rittersaal des Schlosses Eggenberg, die sozusagen zum „plat de rėsistance” der Grazer Sommerspiele geworden sind. Die Stimmung, die der kerzenerleuchtete, festliche Raum und der weitläufige englische Park ringsum verbreiten, trägt dazu bei, die Darbietungen internationaler Reiseensembles zu besonderem Genuß werden zu lassen. Tibor Varga brillierte hier an der Spitze seines aus Musikstudenten bestehenden Kammerorchesters und bezauberte mit seinem schlanken, süßen Geigenton im A-Dur-Konzert von Mozart. An zwei Abenden brachte das Koechert-Quar- tett Werke aus verschiedenen Schaffensperioden Beethovens. Bei den vier Musikern, die alle von der ehemaligen Prager Deutschen Philharmonie kommen und jetzt in München ihr Domizil haben, paart sich mustergültiges Zusammenspiel mit dem schlichten Geist des Dienens am Werk —— es ist ein Musizieren, das allem äußerlichen Blendwerlj abhold ist. Beinahe esoterischen Charakter hat die Art, wie das Hamburger Gebel-Ensemble Bach spielt. Bei aller Qualität dieses Kammermusikkreises hätte man sich das „Musikalische Opfer” doch plastischer und weniger uniform interpretiert vorstellen können, als es in der Bearbeitung durch Ulrich Gebel der Fall war. Ausgesprochene Raritäten (wenn man von wenigen bekannteren Werken, wie der „Golden Sonata” Purcells, absieht) vermittelten die „Anglian Chamber Soloists” mit der Interpretation frühbarocker englischer Komponisten: ein hervorragendes Ensemble von Instrumentalisten, das im Verein mit einem stilsicheren Tenor ohne Spekulation mit vordergründigen Effekten den Geist guter Hausmusik pflegt.

Der lokale Beitrag zu den Konzerten bestand aus nur zwei Abenden: Im Eggenberger Schloß stellte sich das Grazer Akademiekammerorchester unter seinem Leiter Walter Klasine vor — kein schlechter Klangkörper, der neben den berühmten Ensembles recht ehrenvoll zu bestehen vermochte und vom Publikum beifällig aufgenommen wurde. Werke von Purcell, Gabrieli, Gluck und Vivaldi umrahmten hier Hindemiths bekannte Trauermusik für Bratsche und Orchester, die sich mit ihrem Schlußchoral gut dem übrigen Programm anpaßte. Ein weiteres Opus Hindemiths, die 1. Orgelsonate, war im Domkonzert, das bereits zum festen Bestandteil .der Sommerspiele gehört, zu hören. Obwohl ehęj ein weltlicljfs Werk, fügte es . sich aotjhį, giįt zu įwei BaeKSchen Choralvorspielėn und der Fantasia in G-Dur. Der Grazer Meisterorganist, Franz Illenberger, heute bereits weit über die Grenzen seiner Stadt hinaus bekannt, war der virtuose, vorbildlich profilierende Interpret der Orgelwerke, zwischen denen Walter Klasine Bachs außerordentlich schwierige Solopartita in h-Moll spielte.

Eine ganze Reihe schöner und erfreulicher Abende neben fast ebensovielen mehr oder weniger gut aufgefrischten Reprisen — das waren die Grazer Sommerspiele 1964. Das Unbehagen ist nicht geringer geworden. Für die Verantwortlichen ergibt sich wieder einmal die Frage: Wie soll es weitergehen? Wieder mit einem bunt zusammengewürfelten Programm? — Oder sollte sich doch noch eine, tragende Idee für das Grazer Festival findet? Rudolf E. Kellermayr schwierigen Rolle des lupiter wird Anton Duschek voll gerecht. Er verleiht der fragwürdig gezeichneten Gestalt immerhin einen Schein von Würde. Georg Matthes läßt es in einer profilierten Darstellung des Königmörders und Mörderkönigs glaubhaft erscheinen, daß er, in dem 15 Jahre dauernden Theater vor seinem Volk müde geworden, sich widerstandslos töten läßt. Elfriede Gollmann holt aus der dürftigen Rolle der Klytämnestra das Mögliche heraus. In größeren Rollen wirken noch mit die Damen Halovanic, Jenisch, Alsen, Buchegger, Stefan, Ziegler, Koch sowie die Herren Gegenbauer, Lürgen, Uray. Manfred Jaksch, der als „Idiot” nur dreimal „he” zu sagen hat, soll wegen seiner eindringlichen mimischen Charakterzeichnung genannt werden. Das Premierenpublikum des vollbesetzten Hauses • dankte für die künstlerischen Leistungen mit ehrlichem Beifall.

Johannes Hollnsteiner

Karl Heinz Krahl machte uns mit seiner letzten Inszenierung von Verdis „Don Carlos” den Abschied schwer. Es muß ihm abermals bestätigt werden, daß er ein enragierter Verfechter des modernen Musiktheaters ist und als solcher auch diesmal gedankliche Konzentration, geistige Durchdringung und Verlebendigung der Partitur an die Spitze stellte. Man spürte, daß die Kraft des schöpferischen Ingeniums Verdi in erster Linie entscheidend war. Dazu kam noch, daß Leopold Hager, der sich von Linz mit dieser Aufführung verabschiedete, die nötige musikalische Besessenheit mitbrachte, die Garant war, eine exzellente Aufführung abzusichern. Paul Haferung hingegen lieferte allen Prunk, der bei dieser Oper nicht fehlen darf. Ein gutes Sängerensemble rundete das Gesamtbild. An der Spitze Gertrude Burgsthaler, eine Eboli von ganz großem Format, und nicht minder gut Richard Itzinger als Philipp, die Hauptfigur des dramatischen Geschehens. Alle übrigen: Susanne Corda (Königin), Hans Laettgen (Posa), Royce Reaves (Großinquisitor) und Renate Müller (Stimme vom Himmel) wie die Edelmänner: Malche, Kral, Steneck und Messony, glänzten durch dekoratives Spiel und bemerkenswerte Gesangsleistungen. Als Gast sprang im letzten Moment Georg Paskuda ein, der zwar für die Carlos- Rolle keine italienische Heldentenorstimme mitbrachte, aber über genügend Material verfügt, die Rolle noch interessant zu machen. Alles in allem ein großer Abend, der mit lang anhaltendem, rauschendem Beifall quittiert wurde.

Beweise sorgfältiger pädagogischer Ausbildung boten die Wochen des Linzer Bruckner-Konservatoriums, die heuer von Hofrat Dr. Wilhelm Jerger sogar um drei Bruckner-Abende erweitert wurden. Erklärlicherweise hatten bei der etwas zu angewachsenen Vielfalt die Konzerte mehr Studiocharakter als perfektionierte Leistungen. Als festlicher Auftakt erklang in St. Florian Bruckners „Requiem” und Haydns „Tedeum für die Kaiserin”. Großes Interesse hatte man auch für den Klavierabend von Nikolaus Wipplinger, der mit der Bewältigung der rhythmisch und melodisch impulsiven Siebenten Sonate von Prokofieff besonders aufhorchen ließ. Viel Freude bereitete die Studienaufführung der Schauspielklasse Brigitte Musils, die je einen Einakter von Curt Goetz und Anouilh bot. Besonderes Augenmerk wird in Linz, dem Erfolg einiger Geiger nach zu schließen, der Violinaus- bildung gewidmet. Sehr beachtlich die Tatsache, daß heuer die neue Musik in den Programmen vertreten war. Eine rühmenswerte Tat die Erstaufführung der amerikanischen Buffo-Oper „Der Held von Calaveras” von Lukas Foss. Diese Oper, eigentlich ein Opern-Sketch, hat vom Rhythmischen her Kontakt mit der neuen Musik, ist sehr suggestiv in den derbkomischen Szenen, gut instrumentiert, aber leider zu sehr auf amerikanische Wildwester-Atmosphäre eingestellt. Professor Zadejan (Regie), Dr. Leopold Mayer (Dirigent) und Bruno Galle (Bühnenbild) haben unermüdliche und gründliche Arbeit geleistet, dem Werk im Verein mit einem ansehnlichen Sängerensemble zum Erfolg zu verhelfen. Abschließend muß festgestellt werden, daß das Bruckner-Konservatorium sorgsam geplante Arbeit leistet und mit den erzielten Erfolgen zufrieden sein kann.

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