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OPERETTE UND MYSTERIENSPIEL

Den Platz begrenzen schönbrunnergelbe Bürgerhäuser aus der Kaiser-Franz-Zeit. In der Mitte der Bau des Theaters, in noblem, blassem Steingrau. Die Fassade säulengeziert, dezente Andeutung eines hehren „Musentempels“. Die Herren Fellner und Hellmer, die das „Kaiser-Jubiläums-Stadttheater Baden“ bauten (Grundstein 1908, Eröffnung 1909), verstanden ihr Metier. (Aus ihrem Architektenbüro stammten die Entwürfe und Pläne für etwa dreißig Theater im ganzen deutschsprachigen Raum.) Im Bereich der Baukunst waren sie ungefähr das, was die Operettenlibrettisten im Bereich der Literatur waren: alles solid und geschickt gefügt, mit der kundigen Hand des gewiegten Praktikers, e i n Einfall und viele Variationen.

Das freundliche Baden darf sich mit Recht eine alte Theaterstadt nennen. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts spielten hier Komödianten die Posse „Der Furchtsame“, verfaßt von dem

Nestroy-Vorläufer Philipp Hafner, der in unseren Tagen auf der Wiener „Pawlatschen“ zu verdienten neuen Ehren kam. 1811 errichtete Josef Kornhäusel ein hübsches kleines Theater, das von Aristokraten, Wiener Patriziern und illustren ausländischen Badegästen gern besucht wurde. Nicht selten erschien, im schlichten Bürgerrock, Kaiser Franz in seiner Loge. Ferdinand Raimund trat in Baden in den beliebten Dutzendpossen Bäuerles und Meisls auf, in späteren Jahrzehnten versuchte sich ein einheimisches Talent auf den Brettern, nämlich: „Fräulein Schratt“, und die Größen des Burgtheaters machten durch ihre Gastspiele die Badener Bühne zum „Hoftheater an der Schwechat“.

Das große Interesse der vornehmen Kurgäste und Sommerfrischler aus nah und fern rechtfertigte die Errichtung eines hölzernen Sommertheaters, das, nach den zeitgenössischen Abbildungen zu schließen, wie ein Mittelding zwischen einem Gartenhaus und einer neogotischen Ritterburg ausgesehen haben muß. 1906 wurde der Holzbau abgetragen, und die Stadt errichtete im Kurpark, direkt über der berühmten Römerquelle, die neue „Arena“ im Stil eines leicht sezessionistischen Kurhotels. Die Arena erregte zu ihrer Zeit bei Theaterarchitekten und Technikern großes Aufsehen, hatte man doch ein verschiebbares Glasdach eingebaut. An warmen Sommerabenden saß das Publikum unter freiem Himmel, bei Platzregen aber trat rasch die Maschinerie in Aktion, und das Dach schloß sich rasselnd in wenigen Augenblicken.

Im Stadttheater selbst ließ ein besonders ambitionierter Direktor vor dem ersten Weltkrieg sogar die „Meistersinger“ aufführen, erntete aber wenig Erfolg. In späteren Jahren gab es häufigen Wechsel der künstlerischen Leitung und finanzielle Krisen. Zeitweise war das Theater überhaupt gesperrt, 1938 avancierte es zur „Gaubühne Niederdonau“.

Erörterungen über Fortführung oder Stillegung des Theaterbetriebes beschäftigten die Geldgeber, nämlich Stadtgemeinde Baden, Land Niederösterreich (mit einer namhaften Subvention beteiligt) und Bund auch in den vergangenen Jahren. Auf der Badener Bühne machte man Provinztheater alter Schule. Schwere personenreiche Klassiker wurden angesetzt, im Hui inszeniert und „einmal hintereinander“ gespielt, wie man beim Bau sagt. Das Geld war verpulvert, der Aufwand vergebens, der Effekt gleich Null. Im Operettenfach fehlte es an einem wirklich guten Ersten Tenor. In den Theaterwerkstätten machte man „Ausstattung“ aus goldbronziertem Holz und Papiermache, v.ie zu Betty Fischers Zeiten, und ignorierte Musical, Film und Fernsehen, die großen, unerbittlichen, allgemein erreichbaren Vergleichsmöglichkeiten.

Für die Spielzeit 1961/62 übernahm Regierungsrat Karl Lustig-Prean die Direktion. Der versierte, kultivierte Theatermann, der im In- und Ausland Bühnen geleitet hatte und längs Jahre als Direkor des Konservatoriums der Stadt Wien wirkte, brachte neue Ambitionen und reiche Erfahrungen mit und war in kluger, einsichtsvoller Weise bestrebt, so etwas wie eine eigene Badnerische Note zu formen. Statt eines Striese, der sich alles zutraut, trat hier ein Großstädter auf den Plan, der seine Mittel gut einzusetzen verstand. Lustig-Prean engagierte neue Kräfte, er brachte Gäste ins Haus, und er brachte nicht zuletzt die Wiener Presse nach Baden, die die schwungvolle, gute Regie und

Darstellung in Inszenierungen des Stadttheaters sehr wohlwollend rezensierte. Der neue Direktor schuf dem Unternehmen das, was man mit einem modernen Ausdruck „Goodwill“ nennt oder zu deutsch: guten Ruf.

Das Ensemble wird prinzipiell nur für eine Spielzeit engagiert. In der vergangenen Wintersaison gab es im Badener Stadttheater 44 Künstler im fixen Engagement (Solisten für Schauspiel und Operette, Regisseure, Chor und Ballett), dazu kam das Orchester, bestehend aus 22 Musikern, überdies traten etwa 15 Gäste auf.

Die gute alte Operette der goldenen und silbernen Epoche ist beim Publikum von Baden und Umgebung nach wie vor am meisten gefragt, und da erwuchs dem Stadttheater der Kurstadt eine besondere Aufgabe, die über den rein lokalen Rahmen hinausgeht: als eine Art „Vorbühne“ Wiens gerade dieses Genre zu pflegen, geschmackvoll und unprovinziell. Daneben kommt selbstverständlich auch das Sprechstück zu seinem Recht. Das Repertoire der Winterspielzeit 1961/62 umfaßte neun Komödien und Schauspiele und fünf Operetten.

Im Zeitraum vom 18. November 1961 bis Saisonschluß am 15. April 1962 wurden insgesamt 98 Vorstellungen gegeben, also rund 20 Vorstellungen pro Monat. Da sind freilich die auswärtigen Aufführungen eingerechnet, denn die Badener Bühne bespielt auch — mit entsprechend vereinfachten Dekorationen — die Städte des südlichen Niederösterreich (Mödling, Berndorf, Wiener Neustadt, Bruck an der Leitha) und macht Abstecher in kleinere Orte, wobei sich die Zusammenarbeit mit dem „Niederösterreichischen Bildungs- und Heimatwerk“ sehr günstig auswirkte, um Interessenten zu gewinnen.

Für den Badener „Operettensommer 1962“ in der Arena werden neue Verträge ausgestellt. Diese Sommerspielzeit, seit 1957 wieder auf dem Programm des Stadttheaters, findet bei Einheimischen und fremden Kurgästen großen Anklang, auch die Presse kam gern. Fünf Werke werden einstudiert, und zwischen dem 21. Juni und dem 9. September sollen 5 5 Aufführungen stattfinden.

Als Theaterreferent fungierte übrigens bis vor kurzem SPÖ-Stadtrat Gerhard Freund, im Hauptberuf Direktor des Österreichischen Fernsehens. Er begann seine Laufbahn als Schauspieler auf der Badener Bühne.

A uf dem Direktionsstuhl des Stadttheaters St. Pölten, einem intimen, kleinen Haus in unaufdringlich barocki-sierendem Gründerzeitstil, sitzt seit vierzehn Jahren ein alter Praktiker, ein harter Theaterveteran: der Kapellmeister Hans Knappl. Der heute Zweiundsechzigjährige. der vor dem Krieg das Theater an der Wien und das Wiener Bürgertheater leitete, hält mit fester Hand den Thespiskarren der Traisenstadt in Gang. Er hat, wie er selbst betont, das Haus noch tief in der Russenzeit vollkommen devastiert und unbespielbar übernommen und mit Energie die technische Neueinrichtung forciert. Knappl, ein „alter Has“' von deftigem Wesen, erfreut sich der besonderen Förderung durch das Kulturamt der Niederösterreichischen Landesregierung. Seine Spielzeit dauert vom 1. September bis 1. Mai, er arbeitet mit durchschnittlich 22 Solisten für Schauspiel und Operette, etwa 22 Personen im Chor und Ballett und einem 24-Mann-Orchester. Im vergangenen Winter brachte er acht Sprechstücke und zehn Operetten auf die Bühne. Mit einer Bilanz von insgesamt 111 Aufführungen (bei jeweils vierzehntägiger Probenzeit) schloß St. Pölten die Saison. Wie zu erwarten war, hatten die traditions- und sentimentreichen Operetten großen Erfolg, doch auch der Versuch, ein Werk des „großen“ zeitgenössischen Theaters zu bringen, nämlich Hochwälders Drama „Die Herberge“, fand günstige Aufnahme. Weniger positiv wurden die außei tourlichen Operninszenierungen beurteilt („Der Fliegende Holländer“. „Fidelio“ „Der Wildschütz“ und „Die Entführung aus dem Serail“). Da hat sich Knappl etwas übernommen, um Wagner und Beethoven zu hören, sollte man sich lieber doch die Mühe machen und nach Wien fahren. Klassikervorstellungen, speziell für Schüler („Maria Stuart“, „Emilia Galotti“) durften als Ergänzung des Deutschunterrichts gewertet werden.

Mit der gleichen Verve, die ihm auch in anderen Belangen eignet, baute der Direktor eine große Besucherorganisation auf. Abonnenten aus St. Pölten und den kleineren und größeren Gemeinden der weiteren Umgebung sind der Grundstock seines Publikums.

Schon seit Jahren wird die Schaffung einer niederösterreichischen Landesbühne, und zwar in Form eines Wandertheaters, erwogen. In eingehenden Verhandlungen hat man in der Wiener Herrengasse einen organisatorischen Entwurf ausgearbeitet, der für diese Bühne den rechtlichen Status eines Vereines, einer „Spielgemeinschaft“ der einzelnen Städte vorsieht, die sich zur Abnahme einer bestimmten Zahl von Aufführungen zu einem vereinbarten Preis verpflichten müßten. Die niederösterreichische Landesregierung nannte optimistisch bereits den Herbst 1963 als voraussichtlichen Termin der Eröffnung.

Über den Sitz der neuen Landesbühne ist noch nicht entschieden. Baden kann seine Tradition und den Erfolg «einer Sommefoperewn nr?Mß^ Waagschale werfen. Knappt hingegen argumentiert mit BeT^Sratralen Lage St. Pöltens, der höheren Aufführungszahl und deren stärkerer Breitenwirkung. Wie die Wahl auch ausfallen mag, jedenfalls werden die Organisatoren vor der Aufgabe stehen, einen wohldurchdachten, den Gegebenheiten angepaßten und künstlerisch vertretbaren Spielplan zu gestalten. Nur keinen falschen Ehrgeiz! Das Fernsehen bringt

— zwar nicht immer, doch zuweilen — erstklassige Aufführungen bis ins fernste Dorf, drittklassiger Abklatsch auf der Bühne des Wirtshaussaales wäre von Übel. Man darf auf die Neuorientierung des niederösterreichischen Theaterwesens gespannt sein

— wenn's einmal wirklich soweit ist!

Unter Wiens künstlerischer Patronanz stehen die festlichen sommerlichen Veranstaltungen in einigen Orten Niederösterreichs. Die Hauptrollen besetzt man mit namhaften Wiener Darstellern, die gerade frei sind, Nachwuchs aus den Kleintheatern hat dabei Chancen, und „freischaffende“ Schauspieler, die von Rundfunkhonoraren, Werbefilmen, Tagesgagen bei Film und Fernsehen leben, hoffen auf Stückverträge für Chargen und Episodenrollen.

Seit 1958 ging jeweils im September vor der Stiftsbasilika Klosterneuburg Goethes „Urfaust“ mehrmals über die Bretter. Mit unterschiedlichem Erfolg. Man hatte berechtigte Bedenken in der Landesregierung und stellte fest: „Der Kloster-neuburger ,Urfaust' droht zu einer Art Jedermann' zu werden.“ Deshalb wählte man für heuer das Barockdrama „Cenodoxus“ von Jakob Bidermann und betraute Dr. Helmut Schwarz, den Leiter des Reinhardt-Seminars, mit der Regie. Außerdem wurden die Vorstellungen bereits für Mitte August angesetzt.

Allein, andernorts konnte man der schönen Versuchung einer Abwandlung und Transponierung von Reinhardts Konzept nicht widerstehen: Die Melker Sommerspiele, in diesem Jahr zum zweitenmal veranstaltet, bringen wieder Hofmannsthals „Salzburger Großes Welttheater“ im Kolomanihof des Stiftes. Eine herrliche Kirchenfassade und ein altertümelndes Mysterienspiel: Das ergibt schließlich auch einen „Jedermann“-Ersatz. Ein Wiener Kritiker antwortete auf die Frage, wie ihm die Aufführung des „Welttheaters“ gefallen habe, lakonisch: „Bravo, Prandt-auer!“ Vor dsm Gartenpavillon im Stiftspark, wo im vorigen Sommer der Herzog des Traumreichs Illyrien Hof hielt, wird heuer wieder die Bühne für Shakespeare aufgeschlagen werden, und das widerspenstige Kätchen wird sich zähmen lassen müssen, ob es will oder nicht. Dies alles hoffentlich einem verehrlichen Publico zu Lust und Ergötzen.

Anläßlich der Biedermeierausstellung wird während des Sommers im Hof des Schlosses Hoyos in Gutenstein auch fröhlich Biedermeiertheater gespielt. Dr. Helmut Schwarz und Erich Margo inszenieren Teile aus Raimunds Werken, überdies den „Talismann“ von Nestroy und des poduktiven Alt-Wiener Stückeschreibers Adolf Bäuerle neu aufpolierte Posse „Die falsche Primadonina“. Diese Aufführungen, es sind insgesamt sieben Termine für Juni und Juli vorgesehen, können gleichsam als szenische Illustrationen zur Gauermann-Ausstellung gelten.

Goldene und silberne Operette in alter Herrlichkeit, Drama, Weihespiel, Komödie und Comoedi — Bühne, Schaueerüst, Heckentheater und Pawlatschen — der niederösterreichische Theatersommer hebt bald an. Da darf man wohl einen guten Auftakt wünschen.

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