Von Richard Tauber, Karl Farkas und Leo Askin über das "Theater des Führers" zu einem Hort neuer Theaterästhetik: Das Landestheater Linz feiert seinen 200. Geburtstag.

Gratuliere, altes Haus!" Unter diesem schulterklopfenden Titel stellte die Linzer Theaterleitung im Juni ihren Jubiläumsspielplan für 2003/04 vor. Und in der Tat gilt es, dem am 4. Oktober 1803 mit Kotzebues Octavia neu eröffneten "landständischen Theater" an der Promenade zu gratulieren. Begünstigt durch eine weit zurückreichende Theater- und vor allem Musiktheaterbegeisterung der Linzer, konnte es die diversen Fährnisse und künstlerischen Tiefen immer wieder überwinden. 1803 hatte Linz etwa 16.000 Einwohner. Heute spricht die Statistik von 185.000 Hauptwohnsitzen, und dem Publikum stehen mit dem Großen Haus, den Kammerspielen, der Kinder- und Jugendbühne im Ursulinenhof (u\hof, seit 1998) und dem "Eisenhand", einem adaptierten Kino, vier Spielstätten des Landestheaters zur Verfügung.

Zwischen 1824 und 1833, als das Publikum mit künstlerisch niveauvollen Erstaufführungen (u.a. Shakespeare, Grillparzer, Raimund; Bellini, Rossini, Auber) verwöhnt wurde, erspielte sich das Theater einen hervorragenden Ruf. Eine zweite Blütezeit mit zahlreichen interessanten (Erst)Aufführungen erlebte die Landesbühne von 1884-1917/18.

Die von materieller Not und hoher Arbeitslosigkeit geprägte Zwischenkriegszeit stürzte neben anderen Bühnen auch das Landestheater in eine Krise. Trotzdem wurde schon 1919 wieder zwischendurch gespielt, auch auf der "Kleinen Bühne" im Redoutensaal. In der Ära Paul Wrede (1920-22) traten Größen wie der in Linz geborene Tenor Richard Tauber und Karl Farkas im Theater auf. In die erste der beiden Direktionszeiten des ebenso schillernden wie legendären Ignaz Brantner (1932-45 und 1948-53) fielen 1935 zwei besondere Theaterereignisse: Tauber dirigierte sein selbstkomponiertes Werk Der singende Traum und der später zu Hollywood-Ruhm gelangte Leon Askin war vorübergehend als Schauspieler und Regisseur tätig. Beklagte Brantner noch 1937 den zunehmenden Antisemitismus, der es ihm langsam unmöglich mache, jüdische Schauspieler zu beschäftigen, so bezeichnete er später den 12. März 1938 als einen "Tag der Befreiung jahrzehntelanger, gewaltsam unterdrückter deutscher Kunst".

Brantner, der seine Spielpläne vorzugsweise an den Wünschen des Publikums orientierte, weil er stets die Theaterkasse im Auge behielt, musste das Theater nach dem "Anschluss" 1938 zwar der Kulturpolitik des NS-Regimes gemäß umgestalten und das Ensemble "judenfrei" machen, verstand es aber, "sein" Haus zwischen den aberwitzigsten Vorschriften und Maßnahmen der Parteibonzen sowie den kriegsbedingt zunehmend reduzierten Spielmöglichkeiten und anderen Nöten hindurch zu manövrieren, zumal ihm dabei der Kultstatus der Landesbühne als "Theater des Führers" zustatten kam - hier hatte Hitler in seiner Jugend als Schlüsselerlebnis Schillers Wilhelm Tell gesehen.

So konnte Brantner 1945 das zwar in seiner Substanz geschädigte wie bombenbeschädigte Theater auf sicheren Grund setzen. Und ähnlich wie die gigantomanischen Um- und Neubaupläne für die Stadt Linz sollte auch "ein Kultur- und Vergnügungsviertel mit einem Opernhaus, einem Theater, einer Anton-Bruckner-Konzerthalle, einem Operettentheater, einem Kino, einer Kunstgalerie, einem Museum und einer Bibliothek" entstehen. Und zwar "am Nordende der Landstraße (Blumau)". Kaum zu glauben: Auch heute ist die Blumau als einer der möglichen Standorte für das neue Linzer Musiktheater angedacht! Über Brantner notiert Regina Thumser in der Festschrift des Theaters: "Die Person Ignaz Brantner und seine Einstellung während der NS-Zeit [...] wurden trotz intensiver Recherche nicht transparent." Und an anderer Stelle: "Über die künstlerische Qualität des Landestheaters während der NS-Zeit lässt sich heute kaum noch eine Aussage treffen; [...] die Ausstattungen standen in der Tradition' der damaligen Zeit. Das Fotomaterial der Inszenierungen [...] gibt höchstens Auskunft über den Geschmack' und Stil der Zeit. Theaterkritik war [...] verboten und beschränkte sich auf die so genannte Kunstbetrachtung' [...]".

1953 wurde Ignaz Brantner als Direktor der Landesbühne von Oskar Walleck abgelöst, der nicht nur seinen Ruf als hervorragender Opernfachmann und Theaterleiter bestätigte, sondern auch im Bereich des Sprechtheaters mit einem zeitgemäßen Spielplan mit zwölf Ur- und österreichischen Erstaufführungen überraschte. Der Höhepunkt seiner ersten Saison war Samuel Becketts Warten auf Godot. Von nun an, endlich, noch dazu in meist überzeugender künstlerischer Qualität, konnte das Publikum kennen lernen, was ihm in der NS-Zeit an literarischen und musikalischen Bühnenwerken vorenthalten worden war. Am 31. August 1956 trat der allseits geschätzte Intendant Walleck völlig unerwartet zurück. Seine Nazi-Vergangenheit hatte ihn eingeholt: Er war ein höchst prominentes Mitglied der NSDAP und der SS gewesen.

Von den auf Walleck folgenden Theaterleitern sei Fred Schroer erwähnt, in dessen Amtszeit 1957 die Eröffnung der Kammerspiele fiel. Vor allem aber sei der gebürtige Linzer und Vollblut-Theatermacher Alfred Stögmüller hervorgehoben, Intendant von 1969-86 und schon vorher dem Haus als Regisseur und Schauspieldirektor verpflichtet gewesen. In seiner Ära wurde 1973 der "Theaterkeller" im Landeskulturzentrum Ursulinenhof als dritte Bühne des Landestheaters ihrer Bestimmung als Aufführungsort von experimentellen und aktuellen Stücken übergeben. Nach Stögmüller übernahm Roman Zeilinger, Dirigent und promovierter Musikwissenschafter, die Theaterleitung.

Seit der Spielzeit 1998/99 waltet Michael Klügl als Intendant, auch er promovierter Musikwissenschafter, mit einem äußerst kompetenten Team. An den Zahlen der Auslastung gemessen war seine erste Spielzeit keine glückliche, was u.a. an der Stückwahl - mit einer Ausnahme gab es nur Ur- und Erstaufführungen - sowie an der Konfrontation mit einer für Teile des Publikums neuen oder gewöhnungsbedürftigen Theaterästhetik gelegen haben mag. Seither jedoch steigt die Erfolgskurve stetig bergan, auch wenn das Publikum naturgemäß nicht alles goutiert, aber doch das ambitionierte und künstlerisch hoch stehende Ensemble schätzen gelernt hat.

So kommt es, dass für die Saison 2002/03 inklusive des Sommergastspiels "Hair" eine vorläufige Zahl von 216.000 Besuchern errechnet wurde. Das bedeutet eine etwa dreiprozentige Steigerung gegenüber der Spielzeit 2001/02 und eine Gesamtsteigerung von rund 35 Prozent, verglichen mit der Saison 1998/99. So in ihrer Arbeit bestätigt, kann die Theaterleitung ermutigt die Jubiläumssaison 2003/04 beginnen. Geplant sind dafür, über die gesamte Spielzeit verteilt, zahlreiche Projekte und Kooperationen mit anderen Institutionen, Ausstellungen und Sonderveranstaltungen. Darüber hinaus vergibt das Landestheater erstmals das "Thomas-Bernhard-Stipendium" an einen Nachwuchsdramatiker.

Abschließend seien die ersten Highlights der Jubiläumssaison genannt: Den Auftakt bildet das Schauspiel mit Ein Sommernachtstraum am 27. September, aber am 4. Oktober, dem Jubiläumstag, findet die Festpremiere Die Zauberflöte mit Dennis Russell Davies am Pult und anschließend eine Nacht der Zauberflöte statt. An diesem Abend wird auch die Festschrift "200 Jahre Landestheater Linz" (hrsg. von Marie Therese Rudolph im Residenz Verlag) präsentiert. Der eigentliche Festakt mit einem Galakonzert ist für 14. November angesetzt.

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