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Abschied von den Sommerspielen

Die Problematik des Grazer Festivals mit seinem viel zu kleinen Wirkungsradius, seinen bunten, manchmal krampfhalten Programni-zusamimenstellungen wurde an dieser Stelle des öfteren schon behandelt. Nun hat man sich entschlossen, den immer lauter werdenden Stimmen Gehör zu schenken, die für eine Kombination der Spiele mit der „Steirischen Akademie“ im Herbst eintraten. Jedoch nur teilweise. Wie so vieles hierzulande, so endete auch diese Diskussion in einem Kompromiß — zumindest verläufig: Im nächsten Jahr wird es sowohl Sommerspiele als auch Herbstspiele geben.

Heuer also wurde noch in der üblichen Weise sommergespielt. Der Höhepunkt des Programms stand gleich am Anfang und wurde zu einem kaum erwarteten Erfolg. Zum erstenmal konnte man auf einer österreichischen Bühne Hector Ber-lioz' „Fausts Verdammung“ sehen. Abgesehen davon, daß die Musik dieses Halboratoriums bis auf wenige Ausnahmen auch außerhalb der allgemein bekannten Partien von interessanter und reizvoller Schönheit ist, so bedeutete doch die Erkenntnis einige Überraschung, daß diese Folge von Bildern aus dem Fauststoff in so wirkungsvoller Weise auf einer Bühne zu realisieren ist. Allerdings bedurfte es dazu eines inszenatorischen Genies mit der Erfindungsgabe eines Adolf Rott. Der grandiosen szenischen Lösung entsprach der beachtlich hohe Stand der musikalischen Interpretation (Berislav Klobuöar am Pult, Jaque-line van Quaille als Margarethe, Rudolf Conistontin als Mephisto und Jose M. Perez als Faust). Von nicht ganz so hoher Qualität war die lebendige, temperamentvolle „Carmen“ unter Gustav Czerny. Die als Neuinszenierung angekündigte „Arabella“ im Opernhaus entpuppte sich alsbald als die aufgefrischte alte Inszenierung Andre Diehls von fast einem Jahrzehnt zuvor. Immerhin war der musikalische Anteil recht attraktiv.

Das Konzertprogiramm der drei Wochen war glücklicherweise nicht überladen wie in früheren Jahren manchmal. Der Schwerpunkt liegt hier bekanntlich bei den Schloßkonzerten im Rittersaal von Eggenberg. Das Wiener Ensemble „Die Reihe“ brachte uniter Friedrich Cerhas Leitung Schömbergs interessant besetzte Serenade op. 24; sie steht an der Wende zur konsequenten Dodeka-phonie und bietet interessante Ausblicke zu späteren Werken des Meisters. Die zyklische Wiedergabe der Flötensonaten J. B. Bachs an zwei Abenden bedeutete einen Höhepunkt des heurigen Konzertprogramms, vor allem durch deren makellose Wiedergabe durch den Flötisten Gottfried Hechtl. Einen Kunstgenuß besonderer Art bereitete dann im letzten Eggenberger Konzert der „Elizabethan Consort of Viols“ aus London mit Musik aus der Shakespeare-Zeit,

Hingerissen und begeistert war das Publikum von dem phänomenalen musikalischen Gedächtnis des Dirigenten Lorin Maazel und der imponierenden Exaktheit des Radio-Symphonieorchesters Berlin. Selbst der konservativste Zuhörer konnte bei solch packender Interpretation sich der Wirkung von Sehönbergs Variationen, für Orchester nicht verschließen, von Ravels „La Valse“ und Brahms' „Erster“ gar nicht zu reden. Eine von Carl Melles geleitete Aufführung von Karl Schiskes Oratorium „Denk es, o Seele“ wurde das Opfer einer Fehldisposition der Veranstalter: am gleichen Tag war auch das Gastspiel des Old Vic angesetzt, und. das ist für das Aufnahmevermögen des Grazer Publikums doch zuviel.

Mit solch hohem Niveau konnten die Darbietungen des Schauspiels nicht immer Schritt halten. Auf der Probebühne gab es die deutschsprachige Erstaufführung eines weder sonderlich starken noch originellen Stückes von Jeannine Worms: „Die Dynastie“. Manche Ähnlichkeiten in der .Thematik finden sich, in O'Neills „Fast ein Poet“, das als Festivalbeitrag im Schauspielhaus unter der Regie von Helmuth Ebbs herauskam. Trotz der geschickten Hand des erfahrenen Praktikers Ebbs konnte die Grazer Aufführung natürlich nicht annähernd die einsame Höhe ,v°n Schuhs , Salzburger und Wiener Inszenierung vor Jahren erreichen. ' •'

Zur Grazer Sommerspieltradition gehört es auch, im prächtigen Rittersaal des Schlosses Eggenberg außer musikalischen Darbietungen alle paar Jahre auch- eine szenische Veranstaltung zu offerieren. Diesmal war Marivaux an der Reihe. Obwohl iie zarte Leichtgewichtigkeit der inmutigen Konversation nicht ganz aum schweren mythologischen Pomp les Eggenberger Barocks passen sollte, glich die Aufführung der ,Unbeständigkeit auf beiden Seiten“ jiner der grazilen „fetes costumees“ /on der Hand des Meisters Watteau. Es ist der Eleganz der Übertragung ron Peter Gilbert zu danken, daß der Regie Rolf Hasselbrinks eine so ätilgetreue Aufführung gelang.

Zwei Gastspiele ausländischer Ensembles ergänzten das Programm les Schauspiels: über das eine zu :eden erübrigt sich, weil sowohl die Qualität des Stückes, mehr aber noch las Niveau der Wiedergabe nicht rinmai bescheidenen Ansprüchen genügen konnte („Schwester George muß sterben“ von F. Marcus in einer Aufführung der „Kleinen Freiheit“, München). Das zweite Ensemble— das Bristol Old Vic — ist in Wien und auch in Graz bereite bekannt. Diesmal brachten die englischen Schauspieler eine Inszenierung Tyrone Guthries von „Maß für Maß“, die alles, was aus den Rüpelszenen herauszuholen feit, aufbot, um einen blutvollen, .vitalen Theater-: abend zu garantieren. — Die Erwartungen, die man in den „Hamlet“ des Bristol Old Vic gesetzt hatte, wurden. ziemlich enttäuscht Die Transposition der Handlung . ins frühe 19. Jahrhundert hätte originell wirken sollen, stimmte aber dann an allen Ecken und Enden nicht mehr. Richard Pasco war ein guter, etwas zu sehr deklamierender, aber viel zuwenig interessanter Hamlet, die Inszenierung Val Mays überraschend brav, bieder, ja beinahe provinziell.

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