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Mozart mit 15, Atzmon und Karajan

Im Residenzhof, bei Schlechtwetter im Caraibinieri-Saal, wird dem Festspielpulblikum eine Ausgrabung von Bernhard Paumgartner präsentiert. Wüßte man nicht, daß der 15jährige Mozart die Serenata tea-trale „Ascanio in Alba“ zur Hochzeitsfeier von Maria Theresias drittem Sahn, Generalstatthalter der Lombardei, geschrieben hat, man müßte nach dem Anhören dieser Musik von Routine, beim Betrachten der Handlung von einem erfahrenen Opernpraktiker (natürlich im Geschmack der damaligen Zeit) sprechen. Dem Erlebnis dieser Aufführung ist ein Element des Unheimlichen beigemischt, das einem zwei Stunden lang nicht losläßt und die Gedanken auch nachher noch lange beschäftigt. Mag auch Vater Leopold seine Hand ein wenig mit im Spiel gehabt haben: diese Verbindung von Schäferspiel, Allegorie, Ballett und Serenadenform mit den Gesten und virtuosen Arien der großen Oper ist frappierend, und es wundert uns nicht, zu erfahren, daß Wolfgang Amade mit diesem Werk die tags vorher aufgeführte Heldenoper „Ruggiero“ des berühmten Altmeisters Johann Adolph Hasse geradezu „niedergeschlagen“ hat.

Die dramatische Mischform ist mit einer kostbaren, wenn auch unpersönlichen Musik angefüllt, und die Beherrschung alles Technischen grenzt ans Wunderbare. Jeder rationalen Erklärung entzieht sich aber die Kenntnis des Fünfzehnjährigen, was die Leistungsfähigkeit der einzelnen Stimmen sowie die des Ensembles betrifft. Wenn wir von .einigen Kpnzertarien und den Koloraturen der Königin der Nacht absehen, so kann gesaigt werden, daß Mozart nie Virtuoseres für Singstimmen geschrieben hat. Daher erfordert 'die Realisierung auch ein Ensemble von Virtuosen. Doch woher nehmen für sechs Aufführungen innerhalb von fünf Festspielwochen? Es bleibt, realistisch betrachtet, nur das „zweite Geleise“: die Aufführung durch junge Künstler, das Mozar-teumotrebester, einen Kammerchor und ein kleines Ballett, dessen Solisten Spitzenkräfte der Wiener Staatsoper waren (Erika Zlocha, Hedi Richter und Walter Kolmann).

Das einfache Bühnenbild und die nicht irrjmer ganz glücklichen Kostüme hatte Ekkehard Grübler beigesteuert, die gefällige, zuweilen in lebenden Bildern erstarrende Choreographie stammt von Wazlaw Orlikowsky, Leopold Hager leitete das sauber spielende Mozarteumorchester, und Hellmut Matiasek war der Regisseur. Seine Leistung Ast am schwersten zu 'beurteilen, denn nur genaue Kenner dieses speziellen Genres und der Opernpraxis um 1770 könnten ihn (und uns: das Publikum und die Kritiker) eines besseren belehren. — Die jungen Sänger waren vor Aufgaben gestellt, die ihre Fähigkeiten hörbar überforderten. Am wenigsten war dies bei Gertrude Jahn der Fall, die den Ascanio nicht nur anmutig darstellte, sondern die schwere Partie auch befriedigend sang. Simone Mangelsdorff war eine stattliche, ein wenig maskulin ausstaffierte und auftretende Venus, Edith Gabry als Nymphe Silvia und Werner Krenn als Priester mühten sich redlich und stellenweise auch mit gutem Erfolg um ihre schwierigen Partien, Richard van Vrooman agierte und sang einen temperamentvollen Hirten namens Fauno.

Da man auch künftig auf ähnliche Ausgrabungen und Wiederbelebungen weder verzichten wird noch soll (denn wo anders als in Salzburg könnten sie erfolgen!) und da ferner in der Praxis kaum andere Möglichkeiten bestehen, als solche Aufgaben jungen Künstlern anzuvertrauen, wird es sich lediglich empfehlen, dem Kind einen anderen Namen zu geben, das heißt diese Aufführungen nicht als gleichberechtigt neben Karajans „Carmen“ oder Schuhs „Zauberflöte“ zu reihen, sondern sie unter dem Etikett „Salz-burger Mozart-Studio mit jungen Künstlern“ oder ähnlich dem Fest-spielpublikum zu offerieren. Und zu bescheideneren Preisen als bisher. — Schließlich sei vermerkt, daß das Publikum auf die besprochene Aufführung weit weniger kritisch reagierte, als etwa die einheimische Presse...

Von den allabendlich und an mehreren Vormittagen stattfindenden' Konzerten seien wenigstens die zwölf großen (meist im Neuen Festspielhaus) gewürdigt, die von den Wiener Philharmonikern und zwei Gastorchestern absolviert wurden: der Tschechischen Philharmonie Prag und dem Cleveland Orchestra, die je drei Programme darboten. Trotz wiederholter Mahnungen und konkreter Verbesserungsvorschläge von seiten der Wiener und Saizburger Fachkritik 1 zeigten sie auch heuer wieder das schon seit Jahren beanstandete profillose Gesicht. Hier fehlte es nicht nur an Planung, sondern auch an Koordination, was durch viele Beispiele zu belegen wäre. Immerhin mag der gutwillige Absolvent ihrer Programme in diesem Sommer zwei Schwerpunkte erkannt haben: in jedem zweiten Konzert gab es je ein Werk von Mozart und je eines von Richard Strauss, und auch eine gewisse Massierung slawischer Orchesterwerke, von Smetana bis Janäcek, mag man als „geplant“ gelten lassen. Doch das ist auch schon alles — und nicht viel! Zeitgenössisches fehlte ganz. Die Grenze lag bei der Ravel-Hinde-mith-Prokofieff-Linie...

Je zwei dieser großen Orchesterkonzerte wurden von Szell, Böhm, Karajan und Abbado geleitet, je eines von Ancerl, Maazel, Mehta und Moshe Atzmon, einem jungen israelischen Dirigenten, der als Hornist bei der Army Band und als Kapellmeister des Unterhaltungsorchesters von Radio Tel Aviv begonnen hat und nun sein Saizburger

Debüt mit den Wiener Philharmonikern beigeben konnte. Sein Programm hieß: Haydn, Militärsymphonie op. 100, Beethoven, Klavierkonzert Bs-Dur op. 73 und „Also sprach Zarathustra“ von Richard Strauss. Moshe Atzmon ist ein sympathisch-bescheidener Dirigent und ein feiner Musiker, der weder den Löwenbändiger noch den Faszinateur mimt. Wenn man Haydn ais Maßstab ansieht (und er ist vielleicht der gültigste), so hat Atzmon seine Probe als Musiker schönstens bestanden. Bei Beethoven hatte er Alfred Brendel zum Partner, der das großartig-virtuose Klavierkonzert reif und kraftvoll interpretierte.

An seinem dritten Abend marschierte das Cleveland Orchestra mit etwa 130 Mann und mit Herbert von Karajan an der Spitze auf. Proko-fieffs 1944 geschriebene 5. Symphonie mit ihren großen Klangflächen, den donnernden ositinaten Rhythmen, ihrer athletischen Gebärde und ihren einfachen kuibistüschen Formen war so recht etwas für dieses hochperfektionierte Meisterorehester — und für das große Haus. Dagegen erwies sich das zu Beginn gespielte Konzert für drei Klaviere F-Dur, das sogenannte Lodronkonzert von Mozart, als Mißgriff — so gut diese Huldigung an Mozart auch gemeint sein mochte und so reizend es sich ausnahm, wie Karajan da, vom dritten Flügel aus dirigierend, mit den beiden jungen Pianisten Demus und Eschenbach in einer Reihe saß und spielte. Auch das Cleveland Orchestra, auf ein Kammerensemible reduziert, wußte Sich mit dieser kleinen Musik in dem großen Haus anscheinend nicht viel anzufangen. Um so effektvoller und legitimer brillierte es nach der Pause 'bei der Wiedergabe von Prokofleffs Fünfter.

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