Der Kanon der Konzertsäle

Warum sich das Repertoire seit Jahrzehnten kaum geändert hat und die Programme weltweit immer einheitlicher werden.

Wer sich die Mühe macht, im bis ins Jahr 1913 zurückreichenden Online-Archiv der Wiener Konzerthausgesellschaft zu recherchieren, wie oft in den erfassten 94 Jahren Beethovens Neunte Symphonie gespielt wurde, kommt auf die stattliche Zahl von 204 Aufführungen, wohlgemerkt nur im Wiener Konzerthaus. Kein Wunder, ist doch Beethoven der unumstrittene König des Konzertrepertoires, und das schon sehr lange. Nachdem Ende des 18. Jahrhunderts die Verbürgerlichung des Konzertlebens einsetzte, begannen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die immer professioneller spielenden Orchester sich ein Repertoire zu erarbeiten, das im Wesentlichen aus Zeitgenössischem bestand. "Man wartete also darauf, was der Beethoven Neues schreibt", illustriert der an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien lehrende Musiksoziologe Desmond Mark die damalige Situation.

Er hat bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts zurückgeforscht, welche Komponisten und Werke die Programme in den Konzertsälen beherrschten und beherrschen, und fand heraus, dass klassische "Hits" eine Lebensdauer von durchschnittlich 200 Jahren haben. Sein Befund: "Unsere Konzertsäle sind Klangmuseen." Beethovens "ungerade" Symphonien, die letzten drei Symphonien von Mozart, die "Unvollendete" und die "Große C-Dur" von Schubert oder die erste und die vierte Symphonie von Brahms zählen unverändert zu den "Dauerbrennern" in den Konzertsälen der Welt.

Globalisiertes Repertoire

Früher wiesen die Konzertprogramme stärkere Unterschiede auf, das Werk der jeweiligen Nationalkomponisten erfuhr länderintern eine intensivere Pflege, als das heute zu beobachten ist. Die Repertoires der internationalen Spitzenorchester haben sich jedoch im Lauf der Zeit immer stärker aneinander angeglichen, was auch darauf zurückzuführen ist, dass die Anzahl der Spitzenausbildungsstätten überschaubar ist und deren Absolventen ihr erworbenes Repertoire in alle Welt tragen. Der immer gedrängtere Terminkalender der großen Orchester bringt es auch mit sich, dass für immer mehr Konzerte immer weniger Probenzeit vorhanden ist. An der Wende zum 20. Jahrhundert wurden zum Beispiel in Wien rund 50 große Symphoniekonzerte veranstaltet, heute sind es zehnmal so viele. Eine Erweiterung des Repertoires hat das aus oben genannten Gründen aber nicht zur Folge.

Auf der anderen Seite ist es gerade die Globalisierung des Musikbetriebs, der es mit sich gebracht hat, dass musikalische Nationalheilige wie Englands Benjamin Britten mit tatkräftiger Unterstützung weltweit bekannter Dirigentenpersönlichkeiten wie Simon Rattle durch Ländergrenzen diffundieren und ins Repertoire eingehen. Doch gewisse Eigenheiten bleiben: Bruckner schätzt man zum Beispiel jenseits des Atlantiks weit weniger als im deutschen Sprachraum, auch wird dort Schubert als Symphoniker nicht wahrgenommen. Dafür hört man in den USA Richard Wagner weit häufiger in konzertanten Aufführungen als bei uns.

Eine besondere Engführung ist im Bereich der Oper zu beobachten: Im Lauf der Musikgeschichte wurden rund 50.000 musikdramatische Werke komponiert, pro Saison kommen davon etwa 50 zur Aufführung, ein Großteil davon zählt zum unveränderten Kernbestand. Dieser Umstand verwundert nicht, denn die Einstudierung und Aufführung einer Oper ist die teuerste Unternehmung im Musikbetrieb und muss sich nicht nur ein paar Mal, sondern dutzende Male rechnen.

Verglühte Fixsterne

Es gibt neben den symphonischen Evergreens aber auch Komponisten, deren Stern bereits wieder unterging. Einstmals beliebte und oft gespielte Meister wie der Franzose Étienne-Nicolas Méhul sind heute nur noch Gegenstand musikwissenschaftlicher Lexikonartikel, aus dem Repertoire sind sie verschwunden. Auch dem symphonischen Werk von Franz Liszt blieb solch ein Schicksal nicht erspart. Sein bekanntestes Orchesterwerk "Les Preludes" wurde im Wiener Konzerthaus seit 1913 rund hundertmal gespielt, davon nur zehnmal nach dem Jahr 1945, was wohl auch damit zusammenhängt, dass das heldische Blechbläsermotiv des Stücks von den Nazis als Kennmelodie für Siegesmeldungen in den Wochenschauen missbraucht wurde. Liszt ist seit dem Zweiten Weltkrieg eigentlich nur noch als Klavierkomponist präsent.

Spätzünder

Desmond Mark hat festgestellt, dass nach 1945 nur noch wenig in den Kanon der Konzertsäle aufgenommen wurde. Nach Bartók und Strawinsky sei die Entwicklung fast zum Stillstand gekommen. Was Gustav Mahler anlangt, der in seiner Heimat zu Lebzeiten und noch Jahrzehnte später so gut wie nicht gespielt wurde, so war es Leonard Bernstein, der nach dem Zweiten Weltkrieg in den Vereinigten Staaten sämtliche Mahler-Symphonien einspielte und diese Musik sozusagen "fern der Heimat" einem breiten Publikum bekannt machte. Ähnlich verspätet auch der Einzug der Werke Dimitri Schostakowitschs, der erst in den letzten Jahrzehnten zu einem festen Mitglied in der Riege der vom Publikum Wohlgelittenen avancierte.

Wohl prominentester Wiedereinsteiger in die Klassik-Hitliste war Johann Sebastian Bach, der, obzwar seine handwerkliche Meisterschaft stets unbestritten blieb, jahrzehntelang so gut wie nicht mehr aufgeführt worden war, bis Felix Mendelssohn Bartholdy mit der Aufführung der Matthäuspassion im Jahr 1829 eine Wiedererweckung des Bachschen Œuvres in Gang setzte. Dieses punktuelle Ereignis ist aber nur Ausdruck eines Paradigmenwechsels, der im Zeitalter der Romantik einsetzte: immer stärker rückte damals Musik der Vergangenheit in den Blick und prägte die Spielpläne, - bis heute.

Ähnliches hat seit Mitte des 20. Jahrhunderts die Originalklang-Bewegung bewirkt, die seit den Tagen von Josef Mertin und seinem Schülerkreis, unter ihnen Nikolaus Harnoncourt, aber auch durch Musiker des britischen und romanischen Kulturkreises einem breiteren Publikum eine Begegnung mit in Vergessenheit geratenen Schätzen der Renaissance und des Barock ermöglicht.

Gelegenheit zur Wiederentdeckung bieten auch immer wieder musikalische Jahresregenten, deren runde Jubiläen den Anlass für ausgefallenere Konzertprogramme und -zyklen geben und die Tonträgerindustrie zu Gesamteditionen von bisweilen enzyklopädischer Vollständigkeit anspornen. Gerade im Rahmen solcher Kraftakte erweist es sich, dass auch Werke großer Meister zu Recht in Vergessenheit geraten sind.

Abstimmung an der Kasse

Der letztlich gewichtigste Entscheidungsfaktor für einen Konzertveranstalter, welches Werk er in ein Programm aufnimmt, ist seine Einschätzung, ob das Publikum dafür bereit sein wird, Karten zu kaufen. Kein Wunder, dass hierzulande die "drei Bs", Beethoven, Brahms und Bruckner als zuverlässige Garanten für Publikumsgunst die Pläne der Symphoniezyklen beherrschen. Wobei das besonders in Wien häufig anzutreffende System der Abonnementkonzerte den Veranstaltern ein wenig mehr gestalterischen Spielraum eröffnet, geht es doch letztlich darum, dass der Abonnent aufs Ganze gesehen zufrieden ist und im nächsten Jahr wieder kommt.

Das erlaubt einen etwas mutigeren Einsatz zeitgenössischer Werke, die jedoch von öffentlicher Hand subventioniert werden, was erst die um vieles zeitintensivere Probenarbeit und die Bezahlung der Tantiemen möglich macht. Festivals wie "Wien Modern" haben hier eine Nische geschaffen, in der die musikalische Moderne einem interessierten Publikum zu Gehör gebracht werden kann. Trauriges Schicksal der meisten in diesem Rahmen uraufgeführten Werke bleibt jedoch weiterhin, dass sie auf Nimmerwiederhören in den Archiven verschwinden. Mag sein, dass manchen von ihnen - siehe Johann Sebastian Bach - dereinst eine Wiederentdeckung beschieden ist.

Auch Publikumsmagneten wie die Dirigenten Pierre Boulez und Simon Rattle oder Instrumentalisten wie der Pianist Maurizio Pollini und der Geiger Gidon Kremer geben in ihren Konzerten der Neuen Musik immer wieder Raum, was zumindest dazu beiträgt, dass breitere Publikumsschichten mit Klängen jenseits des Dur-Moll-Systems Bekanntschaft machen und einige das "Fremdeln" sein lassen. Ins Repertoire gehen diese Werke deshalb aber noch lange nicht ein.

Der Autor ist Redakteur beim ORF-Radio Ö1.

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