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Wagemut, Prominenz und Nachhaltigkeit

Gleich vier Jahresregenten bestimmen das musikalische Profil dieses Jahres: Purcell, Händel, Haydn und Mendelssohn. Offen bleibt, ob man diese Komponisten danach besser kennen und einordnen können wird.

Gedenkjahre haben Tradition. Irgendwann hat man damit begonnen Geburts- und Todestage zum Anlass für Feste und Festivals zu nehmen. Längst ist daraus eine Gewohnheit geworden, auf die offenbar niemand verzichten will. Nicht Veranstalter und schon gar nicht die Kulturindustrie. Die einen, weil sie, wenn sie wollen, ohne viel nachzudenken auf vorgegebene Schwerpunkte setzen können. Die anderen, weil sie ihre zahlreichen früheren Einspielungen, die sogenannten Backkataloge, nochmals auf den Markt werfen können. Man braucht nur die Probe aufs Exempel zu machen und sich in einschlägigen Läden umsehen. Plötzlich trifft man auf Editionen, die längst vergriffen waren und nun, in aktuellem Outfit, offeriert werden als das Beste von gestern, das heute nach wie vor aktuell ist. Etwa die nun mit höchster Euphorie angepriesene Einspielung sämtlicher Haydn-Symphonien durch die längst aufgelöste Philharmonia Hungarica unter Antal Doráti aus den 1960er Jahren.

Erfahrung, wie Gedenkjahre zum kommerziellen Erfolg werden, hat man zur Genüge. Man braucht nur an das Mozart-Jahr 2006 denken. Was wurde da alles im Vorfeld geunkt: Einen solchen Schwerpunkt hält niemand aus, weder die Konsumenten noch das Publikum. Mozart werde nach diesem Jahr der meistgehasste Komponist sein. Seine Musik werde man danach weder hören wollen noch können, sagten die einen. Man werde ihn und sein Werk besser kennen und tiefer verstehen, meinten die anderen. Recht hatten die Optimisten. Nie zuvor wurden die Salzburger Festspiele, die alles auf den Genius loci gesetzt hatten, so gestürmt wie in diesem Sommer 2006. Auch der Medienmarkt konnte sich nicht beklagen. So viel Mozart gab es noch nie. Und noch nie war er so begehrt. Egal ob in Buch-, CD- oder DVD-Form.

Dieses Jahr setzt man auf gleich vier Komponisten. Anlass - wie sollte es auch anders sein - sind prägnante Geburts- und Sterbedaten. Das ist nicht die einzige Gemeinsamkeit. Ebenso ist es das Auseinanderklaffen von grundsätzlicher Bekanntheit und tieferer Personen- und Werkkenntnis. Dass alle vier einen besonderen Bezug zu England haben, weil sie entweder dort geboren, heimisch geworden oder auf Reisen enthusiastisch gefeiert worden sind, ist Zufall und war für ihre Wahl zu Jahresregenten gewiss nicht ausschlaggebend. Wäre es so gewesen, hätte man 2009 zum Jahr der britischen Musik ausrufen müssen. Das ist nicht geschehen, daran hat wohl niemand gedacht. Warum auch? Zahlen haften besser im Gedächtnis als auf den ersten Blick nicht zu erkennende Zusammenhänge.

Erfolg mit Händel-Opern

Dabei lässt sich gerade damit oft etwas erreichen. Es geschieht nicht selten, dass so bisher nicht Bekanntes plötzlich ins Blickfeld rückt, damit das eine oder andere Vorurteil kontrapunktiert werden kann. Etwa dass sich in unseren Breiten nur mit Oratorien, nicht aber mit Opern des vor 250 Jahren verstorbenen Georg Friedrich Händel Wirkung erzielen lässt. Die Zürcher Oper bewies das Gegenteil. Sie setzte, mit dem "Alte Musik"-Spezialisten William Christie am Pult, die bis dahin nur einem kleinen Kreis bekannte Oper "Semele" aufs Programm, fand einen Regisseur, der die Handlung in das heutige englische Königshaus transferierte - und die zu einem aktuellen Thema gewordene Produktion wurde ein Erfolg, ebenso die DVD. Auch weil man bei der Besetzung auf höchste Qualität setzte, Cecilia Bartoli inklusive.

Der in Paris lebende Amerikaner Christie kommt zwar nicht damit zu den Wiener Festwochen, nimmt hier aber eine Produktion wieder auf, die gleichfalls einem der Jahresregenten gilt: dem vor 350 Jahren geborenen Henry Purcell und dessen populärstem Werk, der Oper "Dido and Aeneas". Die hatte bei der Premiere 2006 nicht zuletzt deswegen solchen Erfolg, weil sich die Regie Deborah Warners auf das beschränkte, was man sich auch sonst wünscht: eine präzise Zeichnung der Charaktere, woraus sich die Handlung ganz selbstverständlich ergab.

Wagemut, Prominenz und Nachhaltigkeit lauten damit die Parameter, die sich die Verantwortlichen für ein solches Gedenkjahr zum Maßstab nehmen sollten. Nur was solchen Eindruck hinterlässt, dass man es wiedersehen will oder Freunden und Bekannten nachdrücklich empfehlen kann, bleibt in Erinnerung. Verbunden damit ist meist das Interesse, mehr zu erfahren. Nicht nur über die Interpreten, sondern auch über die Werke und deren Schöpfer. Genau das streben Gedenkjahre an: die Aufforderung zu einer intensiveren Auseinandersetzung. Und sei es nur mit den gängigen Klischees. Nicht selten, dass sich damit schon eine neue Sicht auftut.

Wer, präsentiert auf dem entsprechenden Niveau und im Stil der Zeit, Musik von Joseph Haydn hört, für den ist nicht nur das (übrigens nie aktuell gewesene) Bild des Papa Haydn bald kein Thema mehr. Er wird überrascht sein von der Modernität des vor 200 Jahren verstorbenen Komponisten und verstehen, weshalb dieser bis in die Gegenwart auch unter den größten Avantgardisten glühende Verehrer hat: weil er nicht nur im Streichquartett und in seinen Symphonien, sondern in allen Gattungen stets Wege abseits der üblichen Konvention beschreitet. Allein mit dieser Konsequenz stärkt er bis heute all jenen den Rücken, die das Experiment nicht nur suchen, sondern auch wagen. Die einzige Voraussetzung, die man hier selbst einbringen muss, ist Neugierde und ein bewusstes Sich-nicht-ablenken-Lassen von Vorurteilen.

"Parsifal"-Gralsmotiv von Mendelssohn

Purcell mag auch nach diesem Jahr ein Komponist für eine kleine Schar von Interessierten bleiben. Händel, das lässt sich schon jetzt prophezeien, wird man, gemessen am diesjährigen Angebot, nach diesem Gedenkjahr wohl nicht mehr auf einige Oratorien, Orgelkonzerte, Feuer- und Wassermusik reduzieren. Über Haydn wurde schon in den ersten Monaten dieses Jahres soviel geschrieben und diskutiert, dass alles andere als eine wenigstens schrittweise realistische Neubewertung seiner Persönlichkeit und seines Œuvres eine Überraschung wäre.

Am schwierigsten aus diesem Gedenkjahr "gestärkt" herauszugehen ist es wohl für den vor 200 Jahren geborenen Mendelssohn. Leicht hatte er es schon in der Vergangenheit nicht. Um 1840 von Richard Wagner mit "Mein lieber, lieber Mendelssohn" angesprochen, wurde er von Wagner in der drei Jahre nach seinem Tod publizierten Polemik "Das Judentum in der Musik" niedergemacht. Nietzsches Verdikt vom "schönen Zwischenfall der deutschen Musik" und das Verbot seiner Musik durch die Nazis gaben dem "Mozart des 19. Jahrhunderts" (Robert Schumann) den Rest. Bis heute ist der berühmteste Komponist seiner Zeit nur mit wenigen Werken präsent: ein, zwei Symphonien, dem e-Moll-Violinkonzert, dem Oktett, der "Sommernachtstraum"-Musik, einem der Klavierkonzerte, wenn gerade ein Shooting Star zur Verfügung steht, dem Oratorium "Elias" und - eine Ironie des Schicksal - wenn Wagners "Parsifal" erklingt. Denn das von Mendelssohn instrumentierte "Dresdner Amen" findet sich nicht nur in seiner Reformationssymphonie, sondern auch als Gralsmotiv in Wagners Oper. Mendelssohn ein "schöner Zwischenfall"? Alleine diese Beziehung und bewusste Verwendung hätte längst zum Weiterdenken anregen müssen. Ob es mit diesem Mendelssohn-Jahr gelingt?

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