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Tor zu einer neuen Welt

Die Epoche in der abendländischen Kunstgeschichte, da Kunsterleben und festliches Ereignis jenseits des Alltags noch ein und dasselbe waren, liegt weit zurück. Richard Wagner hat — wenn auch ursprünglich aus gleichsam kunstegoistischen Gründen — den voraussichtlich letzten Versuch auf dem Gebiete des Musiktheaters unternommen, sein Schaffen nach antikem Vorbild aus dem unfestlichen Reigen des unterdessen ungeheuer angewachsenen öffentlichen Kunstbetriebs herauszuheben: die Bayreuther Festspiele entstanden. Im Verein mit anderen Vorbildern — den frühzeitig einsetzenden englischen Musikfesten, denen dann um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Niederrheinischen Musikfeste folgten — hat der Gedanke fest-

Ucher Spiele außerhalb der „Saison“ in den Kunstzentren mit ihrem gewaltigen „Verbrauch“ an Kunst immer breiteren Umfang angenommen. Heute ist die Zahl der Festspiele Legion. Es ist so weit gekommen, daß es geradezu notwendig wird, den Gedanken des Festspiels wieder neu zu formulieren, damit er selbst nicht das gleiche Schicksal erleidet, dem das Kunstleben in den Städten notwendig erliegen mußte. Jeder übermäßige Verbrauch hat eine gewisse Nivellierung zur Folge. Sie spitzt sich in Zeiten der wirtschaftlichen Krise, mit der nicht zufällig eine echte Kulturkrise gewöhnlich Hand in Hand geht, gefährlich zu. An die Stelle der Kultur, als deren wesentlichstes Signum im Bereich der Kunst — der Musik und des Theaters vor allem — die zeit-

liehe Ubereinstimmung von Schaffen und Reproduktion gelten muß, tritt der zivilisatorische Massenverbrauch der Kunst, deren .Wert“ sich nach der Kaufkraft richtet. Im Zeitalter der Kunstzivilisation bestimmt nicht der schaffende Künstler als Mahner und Seher, der auch beauftragt ist, der Menschheit den Spiegel vorzuhalten, ein geistiges .Programm“, sondern das Publikum, auf dessen Geld man in den weitaus meisten Fällen angewiesen und auf das sich der Veranstalter jedenfalls beruft, reguliert den .Spielplan“.

Dieser wirtschaftliche Zwang, den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen, darf keine Geltung haben, wenn es sich darum handelt, ein Festspiel der Kunst im Zeichen echter Kultur aufzubauen. Es spricht für hohe Kulturverantwortung, wenn ein kleines Land wie Österreich sein wichtigstes und im engeren Sinne einziges Festspiel, die Salzburger Festspiele, frei von allen finanziellen Schwierigkeiten hält und die Möglichkeit schafft, einzig künstlerische Maßstäbe in der Programmgestaltung gelten zu lassen. Auch drückt sich darin zweifellos das Bekenntnis aus, daß Salzburg als eine Manifestation für das abendländische Kulturbewußtsein schlechthin angesehen werden soll, wie es auch seine Gründer, vor allem Hugo von Hofmannsthal, erdacht hatten.

Tatsächlich unterscheidet sich Salzburg, nach Bayreuth das älteste der heute bestehenden Festspiele Europas, mehrfach von allen übrigen Unternehmungen dieser Art. Die Maifestspiele von Florenz, so bedeutsam sie sind, haben keinen eigentlichen geistigen Mittelpunkt. Das noch junge Musikfest von Aix-en-Provence ist praktisch ein kultureller Vorort von Paris, für Frankreichs Kulturleben freilich eine nahezu revolutionäre Neuerung. Und Edinburg Ist eine gigantische Londoner „Season“, bleibt auch praktisch auf die angelsächsische Welt beschränkt. Die in all diesen Festspielen unternommenen Versuche, Mozarts Opera zum Mittelpunkt ihrer bühnenmusikalischen Darbietungen zu machen, beweisen nur, daß Salzburg und Mozart als eine echte kulturelle Einheit nicht nachzuahmen sind. Was freilich nicht hindert, daß auch in Schottland, Frankreich oder Italien hochstehende Mozart-Aufführungen zustande kommen können und auch schön, wenn auch nie ganz ohne Wiener „Hilfe“, erreicht wurden, vor allem von der englischen Glyne-bourne Opera, deren geistige Leitung allerdings meist deutschen Künstlern, wie Fritz Busch, Caspar Neher usw., anvertraut ist. Aber das Ereignis, das Wunder Mozart, stellt sich nur in Salzburg ein. Es ist unübertragbar.

So ergibt sich für Salzburg eine Konstante, die im Verein mit wirtschaftlicher Unabhängigkeit eine wichtige Voraussetzung für die Programmgestaltung bildet; ihre Basis ist breit genug, um sich allmählich dem Kulturideal zu nähern, wo die Übereinstimmung von Werk und Wiedergabe anerkannt und tatsächlich durchgeführt wird. Es ist die eigentliche Kulturaufgabe Salzburgs, das Schaffen der Gegenwart so weit als möglich aufzunehmen, um auch auf diesem Gebiet zu erreichen, was Salzburg für die Mozart-Pflege der Welt bedeutet: Beispiele dafür zu geben, in welchem Geiste die Kunstwerke unserer Zeit wiedergegeben werden müssen, um vor der Tradition bestehen zu können. Jede Einengung des neuen Kulturweges, den Salzburg vor allem seit 1947 gegangen ist, bedeutet einen Schritt zurück. Die Arbeit vieler Jahre wäre vergeblich gewesen. Salzburg gehört zu Europa. Nationale oder gar lokale Gesichtspunkte dürfen nicht ausschlaggebend sein.

Einen großen Fortschritt bedeutet die Schaffung einer neuen Rechtsgrundlage der Salaburger Festspiele. Damit sind sie als Institution gesichert, eine Programmplanung auf weite Sicht ist möglich geworden. Was auf dem Gebiet des Musiktheaters in den letzten Jahren erreicht wurde, hat die bewundernde Anerkennung der Welt gefunden. Es wird notwendig sein, den gleichen Gedanken der kulturellen Verantwortung vor dem Schaffen unserer Gegenwart auch mehr als bisher in den Konzertprogrammen zu verwirklichen. Hier ist ein gewisses Dilemma nicht zu übersehen. Im Konzert kann Mozart nicht in dem gleichen Maße den Schwerpunkt bilden wie auf der Bühne. Auch wäre zu empfehlen, alljährlich in den Konzertprogrammen eine tragende Idee zu verwirklichen. Einmal könnte dies ein Zyklus der wichtigsten Symphonien Bruckners sein. Es ist keine Frage, daß für ihn gerade Salzburg ein Tor zur Welt darstellen könnte. Auch das symphonische Schaffen Haydns könnte einmal das „Hauptthema“ abgeben. Oder die wichtigsten symphonischen Werke der Gegenwart, etwa in der Linie Roussel-Honegger - Strawinsky - Hindemith - Pro-kofieff - J. N. David usw.

Im Schauspiel ist das Problem National-International der Sprache wegen besonders schwer zu lösen. Hier ist daher der Wiedergabe eine besondere und schwere Aufgabe gestellt. Der Salzburger Schauspielfeststil ist, sehen wir einmal vom allerdings besonders charakteristischen Einzelfall des „Jedermann“ und des „Salzburger Großen Welttheaters“ ab, noch nicht geprägt worden. Der Gefahr, Werke, die allzu lokal gebunden sind, durch Verfälschung ihres Charakters zu „internationalisieren“, wurde nicht immer glücklich begegnet. Im Salzburger Festspiel fehlt das gleichsam natürliche Gegenstück zu Mozarts Stellung auf der Salzburger Opernbühne. Es ist zu fragen, in welchem Verhältnis das Salzburger Schauspiel zur Musik als dem eigentlichen Phänomen des Salzburger Kunstgeistes zu stehen hätte. Wahrscheinlich aber auch deshalb, weil das Publikum international ist, wird man die magische Kraft der Musik stärker als bisher auch auf der Schauspielbühne nutzen müssen. (Hilperts Vorkriegsinszenierung von Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“ mit Schubert-Musik in der Felsenreitschule war ein Schritt in dieser Richtung, nicht weniger Molieres „Bürger als Edelmann“ mit der Musik von Richard Strauß.)

In diesem Zusammenhang taucht auch die Frage auf: Wo bleiben die Zwischenformen: szenisches Oratorium und Ballett? Diese Frage, die gewöhnlich von der Ebene der Opernbühne her angeschnitten wird, könnte vielleicht zu Interessanten neuartigen Lösungen führen, wenn man sie vom Schauspiel, also vom Choreographischen, dem „Tanz-Spiel“ her, angehen würde. Aber auch das Ballett als musikalische Gattung ist bisher allzu stiefmütterlich behandelt worden. (Hier drohen von Edinburg und Florenz her wirkliche Gefahren für Salzburg, da das Ballett heute in der ganzen Welt eine hervorragende Rolle spielt und in anderen Festspielstätten Europas auch entsprechend berücksichtigt wird, von Aurel Milloß in - Florenz, von Sadlers Well und französischen Gruppen in Edinburg und Italien.) Es ist auf die Dauer unmöglich, daß das einst weltbekannte Wiener Ballett, das allerdings einer gewissen Erneuerung vom Geistigen her bedarf, in Salzburg nahezu ausschließlich „Zubringerdienste“ leistet; es muß vom Rande näher zum Mittelpunkt des Festspiels rücken. Auch in Salzburg könnte das Ballett als Träger moderner Musik eine bedeutende Rolle spielen. Als gleichsam „angewandte Kunst“ würde die Moderne im Ballett indirekt, aber um so unmittelbarer ihren Sinn enthüllen: nämlich das Verständnis für das Ursprüngliche, Elementare, das unserer Zeit fast ganz abhanden gekommen ist, wieder zu erwecken.

Der Probleme, die Salzburg auf seinem Weg zur Manifestation der Kultur lösen könnte, sind viele. Es kommt vielleicht — grundsätzlich — darauf an, mehr als bisher die Querverbindung der Künste von immer neuen Standorten aus anzugehen. In dem Augenblick, als Salzburg ernstlich begann, die Anrufe der Gegenwart zu seiner eigenen Aufgabe zu erheben, hat es bewiesen, daß es nicht allein der krönende Abschluß einer abendländischen Kulturepoche sein will, sondern gleichzeitig ein neuer Beginn, Tor zu einer neuen Welt, vor der wir doch ganz offenbar stehen. Es könnte eine weltbewegende Kulturtat werden, eine Bekräftigung eines fortwirkenden Salzburger Erneuerungsgeistes sein, wenn dieser neue Beginn durch ein neues „Salzburger Festspiel“ gekrönt werden würde, das die hervorragendsten Schöpfer aller Kunstgebiete vereint. Wie wäre es mit einem Auftrag für Salzburg, einem Auftrag, der von den Salzburger Gegebenheiten der Atmosphäre und des Geistes ausgeht und die thematischen Forderungen unseres heutigen Lebens einbezieht? Es müßte ein*Salzburger Gesamtkunstwerk werden, in dem ein Kunstelement dominiert, welches das Gleichnis, die Moral, das Beispiel versinnbildlicht, aber eben ein Beispiel dafür, wie wir der Ängste unserer Zeit Herr werden können. Denn sie müssen bewußt erlebt werden, um überwunden und vor allem in das Reich des positiven Glaubens an das ewig Gute und Schöne hinübergerettet werden zu können. Die Kunst muß endlich wieder einmal eine Lösung unserer Zeitprobleme aufzeigen, nicht diese allein nur wiedergeben. Die Lösung ruht zweifellos in uns selbst. In unserem Menschsein. Und gerade dieses ist ja in Frage gestellt.

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