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Heute wie vor 50 Jahren

Am 26. JuM begannen die Salzburger Festspiele mit Aufführungen von „Jedermann“ und „Fidelio“. 50 Jahre Salzburger Festspiele und die 200. Wiederkehr von Beethovens Geburtsjahr. Jubiläum um Jubiläum. Nun ist es immerhin ein Zeichen von Lebenskraft, wenn Festspiele ein halbes Jahrhundert überdauern. Ausgenommen im Jahre 1944, als sie aus kriegstechnischen Gründen nicht stattfanden, blieb die Kontinuität der Salzburger Festspiele bewahrt. Auch behaupten sie, wenn man von den völlig anders gearteten Bayreuther Festspielen absieht, den Spitzenplatz in dem von Jahr zu Jahr wachsenden Angebot an Festspielen in fast allen Winkeln unseres Kontinents. Der Beginn der Salzburger Festspiele wird mit dem Jahr 1920 angesetzt, als Max Reinhardt den Hof-mannsthalschen „Jedermann“ am Domplatz zum erstenmal inszenierte. Diese Aufführung war eine theatralische Sensation. Selten noch gab es eine Inszenierung, in der die Harmonie von Spiel, Landschaft und Stimmung in solcher Vollendung erreicht wurde. Der Aufführung ging ein Briefwechsel Reinhardts mit dem Salzburger Erzbischof voran, in dem der Regisseur die kirchliche Bewilligung für seine Inszenierung vor dem Dom erbat und dabei auf die religiöse Bedeutung des Spiels. hinwies. Doch gerade diese Verquickung von Religion und Theater war es, die Karl Kraus zu einem heftigen und beleidigenden Angriff gegen Reinhardt veranlaßte. Den Konvertiten Kraus störte und ärgerte diese bequeme Absolution des Reichtums, wie sie im Spiel vom „Jedermann“ offenbar wird.

Kraus war damals so ziemlich der einzige, der an Reinhardts Jeder-mann-Inszenierung Kritik übte. Nach dem zweiten Weltkrieg aber wurde die Kritik an ihr zur Mode, und seit dem vergangenen Jahr versucht es Leopold Lindtberg mit einer zeitnahen Inszenierung. Das Echo auf sie ist verschieden. Die Kritiker sagen mehrheitlich ja, allein schon deshalb, weil sie gegen die alte Inszenierung wetterten, die Mehrzahl der Salzburger allerdings trauert der alten Inszenierung nach. Damit stehen wir aber schon mitten in der Auseinandersetzung um das geistige Image der Salzburger Festspiele. Irgendwie scheint es doch ein österreichischer Wesenszug zu sein, daß im Grunde nicht einmal über den Wert und Unwert des Stückes, sondern hauptsächlich über den Inszenierungsstil diskutiert wird. Das ist in jedem Jahr so gewesen _ das wird in den folgenden Jahren nicht anders sein. Hat es deshalb einen Sinn, sich über neue Konzepte zu unterhalten, wenn unsere Kulturgesellschaft nicht einmal imstande ist, den „Jedermann“ durch ein anderes Stück zu ersetzen? Schlagt uns ein Stück vor, das so viel Geld einbringt wie der Jedermann, sagen die Veranstalter. Wer aber könnte einen solchen Vorschlag machen?

Erst 1922 kam zum Schauspiel auch de Oper hinzu, wobei Mozart als Genius loci auch zum geistigen Schutzpatron der Salzburger Festspiele erwählt wurde. Nach der Eröffnung des Festspielhauses im Jahre 1925 genügten Mozart-Opern nicht mehr, und Gluck, Weber und Richard Strauss kamen als Opernkomponisten hinzu. Damit schien zunächst die Grenze abgesteckt zu sein. Als aber im Jänner 1933 Hitler in Deutschland die Macht übernahm, brach Arturo Toscanini seine Beziehungen mit Bayreuth ab und schlug seine Sommerresidenz in Salzburg auf. Da er aber Richard Wagner liebte, dirigierte er nun in Salzburg die „Meistersinger“. Weil aber Toscanini eine Wagner-Oper dirigierte, wollte auch Bruno Walter nicht nachstehen und dirigierte nun seinerseits „Tristan“. Salzburg trat als eine Art Konkurrenz zu Bayreuth auf. Man sprach auch vom künstlerischen Weltgewissen, das sich gegen die nationalsozialistische Wagnerdeutung richtete.

Welche Opern und welche Sprechstücke in Salzburg gespielt werden sollen — darüber wird gleichfalls seit Jahrzehnten diskutiert. Eine Zeitlang war man bestrebt, Salzburg zu einer Stätte von Opernuraufführungen zu gestalten, doch gab man dieses Vorhaben auf, einerseits, weil es zuwenig moderne Neuschöpfungen im Bereich der Oper gab, anderseits, weil das Publikum den Aufführungen fernblieb, und deshalb das Defizit ins Gigantische wuchs. Schließlich ging die Entwicklung über alle Diskussionen hinweg. Salzburg baute ein Festspielhaus, dessen Breitwandbühne die große Oper verlangt und damit auch den Spielplan bestimmt. Salzburg baute weiters das Kleine Festspielhaus um, und zwar derart, daß man noch schlechter hört und sieht als vorher und daß auch das Minimum an Atmosphäre verlorenging. So besitzt der Genius loci, W. A. Mozart, keine Stätte, in der sein Werk ähnlich wie das Wagners in Bayreuth vorbildlich und stilbildend aufgeführt werden kann. Nach 50 Jahren Salzburger Festspiele ist deshalb zu sagen, daß diese ins Gigantische angewachsen sind. Niemals gab es eine solche Fülle von Veranstaltungen. Was Geld vermag, wurde realisiert: Ein neues großes Festspielhaus, ein umgebautes Kleines Festspielhaus und eine völlig neu gestaltete Felsenreitschule. Jedes Jahr werden die besten Dirigenten, Sänger und Orchester sowie namhafte Regisseure und Schauspieler engagiert. Es ist eine künstlerische Zurschaustellung und eine Zurschaustellung, des Publikums. Ein Jahrmarkt der Eitelkeiten, an dem alles teilnimmt, was da Rang und Namen hat: Das Volk aber spielt den Zaungast. Das war so vor 50 Jahren und das ist heute nicht anders. In Salzburg hat sich anscheinend nichts geändert. Die Welt ist stehengeblieben. Wer fragt da noch nach dem Sinn des Ganzen? Die Salzburger Festspiele als Ware sind von ausgezeichneter Qualität. Wer allerdings geistige Auseinandersetzung sucht, der geht am besten nicht hin. Ja, Salzburg täuscht sogar den Zustand vor, als gäbe es überhaupt keine geistige Auseinandersetzung, als wäre die Welt, in der wir leben,. eine heile Welt, und die Kunst nicht nur eine schöne, sondern auch eine bequeme Angelegenheit. So bequem, wie die Gnade Gottes zu erreichen ist, wenn wir dem Spiel vom reichen Jedermann glauben könnten.

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