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Theater und Musik in Salzburg

Jedem Erlebnis aus einer Kunst lieg) die tiefe Einsicht des Künstlers in sein Material zugrunde. Es kommt bis zu einem unaussprechlichen Grade darauf an, daß der Bildhauer wisse, was das tiefste Wesen des Marmors ist. Und es kommt bis zu einem gewisser, unaussprechlichen Grade darauf an, daß ein Schauspieler sich für einen Schauspieler halte und für nichts anderes und daß er wisse, über alle Begriffe deutlich und stark wisse, was ein Schauspieler ist. Denn er selber isjt ja sein Material, in dem er arbeitet. Dieses Wissen um sich selbst und sein Material ist die einzige Tugend, die in einefh Künstler sein kann. Aber sie muß in einem sein, sonst kann er uns nichts erleben machen. Und für ihn wiederum ist dieses Wissen um sich selbst das einzige Erlebnis; wahrhaftig ist es ein Erlebnis, denn es ist ein Wissen in allen Gliedern, ein inneres Wissen, und, wie jedes tiefe Wissen um sich selbst, den Worten und Begriffen völlig, völlig entzogen. Aus h o r i s. Die Prosa desjungen Hugo von Hofmannsthal

Man hatte nach Beendigung der Festspiele das beruhigende Gefühl, daß Salzburg in diesem Winter kein Absinken seiner theatralischen Sendung erleben würde. Der neue Intendant hat bei seinem Amtsantritt einen Spielplan vorgelegt, der jedem Kunstliebhaber die Gewißheit gab, daß er fast alle seine Wünsche — nach dem klassischen Drama ebenso wie nach dem Zeitstück, nach den Opern unserer großen Meister und der langentbehrten Musik der Modernen — erfüllt sehen würde. Nach einem vielversprechenden Auftakt mit dem Zaubermärchen „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“ von Ferdinand Raimund wurde die Saison eröffnet, jedoch enttäuschte ein uninteressanter Spielplan, der durch die Wahl der Sprechstücke und Opernaufführungen den Mut und die Entschlossenheit zu Neuem vermissen ließ und audi bei Altbewährtem eine Unklarheit, ein Suchen und Tasten zeigte. Die 950-Jahr-Feier Österreichs hätte dem neuen Intendanten Alfred Bernau Gelegenheit gegeben, aus der Fülle der österreichischen Dichtung das Beste auszuwählen, um diese festlichen Wochen mit einem Blütenkranz erlesener Werke zu schmücken.

Das Zauberstück Raimunds „D e r Alpenkönig und der Menschenfeind“ ist ein tiefes weltanschauliches Bekenntnis: das Ich, das einst auszog, um in Haß die Menschenwelt zu veraditen, ja zu vernichten, dieses Ich kehrt nach seiner Selbsterkenntnis und Seelenspiegelung im eigenen Doppelgänger ' in die mensdiliche Gemeinschaft zurück und gelobt, nur mehr für sie zu leben. Erwin Faber führte eine eigenwillige aber wohldurchdachte und von bestem Willen und feinem Verstehen für das Wesentliche an Raimund beseelte Inszenierung durdi, in der ihm allerdings der Bühnenbildner nidit folgte. Raimunds Zaubertheater ist sehr auf szenisjdie Kontraste gestellt. Es fehlten in der Inszenierung am Landestheater die anheimelnde Biedermeierstimmung wie die Fülle barocker Visionen der Zauberwelt. Jedenfalls hatte der Rappelkopf Erwin Fabers durch sein dramatisch bewegtes Temperament und sein leidenschaftliches Durchdringen der Figur den Beifall des Hauses.

Die Neuinszenierung von Schönherrs „W e i b s t e u f e 1“ brachte wieder einmal den Beweis, daß Stücke, die vor einem Menschenalter die Wogen der Erregung hochgehen ließen, heute kaum mehr Interesse zu wecken vermögen, und wir müssen fragin, ob es denn überhaupt noch notwendig ist, gerade dieses Drama Schönherrs auf die Bühne zu bringen. Man hätte dem österreichischen Dramatiker durch die Aufführung eines anderen seiner Stücke eine bessere Würdigung angedeihen lassen können.

Das gleiche gilt für Hugo von Hofmannsthal, dessen „E 1 e k t r a“ im Rahmen der 950-Jahr-Feier wieder auf die Bühne gebracht wurda. Bei der Tragödie „Elektra“ hat man das Empfinden, daß durch das Fortfallen der Straußschen Musik, die sich in die Nerven krallt und die man als pathologische Musik bezeichnen kann, das Grauenhafte, das Wühlen im Finstern gemildert wird. Es mag vielleicht auch an der Oarstellung der Titelrolle gelegen haben, daß die Elektra wie ein Wesen höherer Ordnung als Rächerin der Ehre erschien und im Übermaß der in ihrem Inneren aufgespeicherten Gefühle wie eine pathetische Sentimentale wirkte. Zum Lobe der Schauspielerin Beatrix von Degenschiidt sei auch gesagt, daß sie selbst im unergründlichen, todbringenden Haß noch verspüren ließ, wie sie um Menschenliebe kämpfte. Alfred Bernau bewies mit dieser Inszenierung, daß er als Regisseur das Format von einst beibehalten hat. Sowohl . in der großen Linie wie auch an kleinen Nuancen war seine Intention zu spüren, und der Stimmungsgehalt in „Elektra“ wie auch der des vorangegangenen Dramo-letts Hofmannsthals „Die Frau im Fenster“ kam durch seine einfühlende Regie klar zum Ausdruck.

Ein wenig glücklicher Einfall war es, als leichte Kost das Lustspiel „Flitterwochen“ von Paul Hellwig zu servieren. Solche Sparsamkeit an Humor und Witz (von Geist wagt man gar nicht zu sprechen) hat selten in einem Stück gewaltet. Dagegen ist es dem Welsch-Schweizer Alfred Gehri gelungen,

„B a j a z z o“ und „Tose a“ ragten nicht über das Mittelmaß hinaus; viel Provinzielles haftete ihneny an, da neben schönen, ausgeglichenen Stimmen auch Unterdurchschnittliches an erster Stelle stand. *

Im vergangenen Jahr bestand die berechtigte Hoffnung, daß sich Salzburg zu einem zweiten Zentrum des musikalischen Schaffens in Österreich entwickeln würde aber die diesjährige Saison brachte auch auf diesem Gebiet Enttäuschungen. Leere Konzertsäle zwingen zu vorsichtigem Planen; es gab wohl einige Glanzpunkte, im allgemeinen aber herrscht vorläufig zierrliches Dunkel im Musikleben der alten Mozart-Stadt.

Zu den stärksten Erlebnissen der heurigen Festspielzeit gehörte da beglückende Musizieren des Calvet-Quartetts, und verheißungsvoll war daher sein Wiederauftreten zu Beginn der Konzertsaison. Wieder war die Pflege des Klanglichen vollkommen. Mit dem G-dur-Quartett von Mozart huldigten die französischen Künstler dem Genius loci, im Es-dur-Quartett von Schubert gab es allerdings, besonders im Adagio, manche Wendungen, die ' dem österreichischen Empfinden etwas fremd waren. Ganz zu sich selbst fanden die Künstler in Ravels F-dur-Quartett und verliehen den vielfältigen Stimmungen des Werkes vollendeten Ausdruck. Eine Reihe von Klavierabenden ließ erkennen, daß viel Durchschnittliches heute noch das Konzertpodium bevölkert und daß nur selten technisches Können mit verinnerlich-tem Musizieren gepaart ist. Frederic O g o u s e bildete eine Ausnahme. Man kann sdion von einem S'alzburger Stammpublikum sprechen, daß ihn bei seinen Konzerten treu gefolgt ist. Der Chopin-Abend zeigte die technische Überlegenheit des Künstlers, seine Eleganz des Vortrages, die aber frei war von „salonhaftem Brillieren“. Bei Maurice Ravel' und Debussy war Ogouse in seinem Element, und es gelang ihm, Klangwirkungen zu erzielen, wie man sie selten erlebt. Bei der jungen temperamentvollen Pianistin Erika Frieser pariserisdies Leben in dem echten farbenfrohen Volksstück „Im sechsten Stock“ einzufangen. Was für Berlin das Hinterhaus, für Wien der alte Hof eines Vorstadthauses bedeutet, ist für Paris das letzte Stockwerk einer Zinskaserne, die Mansarde mit den kleinen Zimmern, deren Armseligkeit durch die Sonnenflut und den blauen Himmel vergoldet wird. Gehri läßt uns in seinem Stück einen Blick in eine Welt tun, die der Fremde in Paris nie erlebt, nicht in das von Romantik verklärte Bohemientum des Montmartre, sondern in den Alltag des Volkes. Durch Erwin Fabers differenzierte Regiearbeit war der Schauplatz von sprühendem Leben erfüllt.

In der Wahl der Opern beschritt man bisher gleichfalls den breiten ausgetretenen Pfad der publikumsbeliebten Repertoirestücke. Man wartet auf das Neue, lange nicht Gehörte, auf das von dem Kunstwillen unserer Tage getragene Opernwerk. Der neue Operndirigent Paul Walter konnte im Mozarteumorchester den bisher fühlbaren Mangel an Orchesterroutine beheben, und ihm ist es zu danken, daß sich das Orchester zu einem einheitlichen Klangkörper entwickelt hat. Er breitete den ganzen Zauber der romantischen Partitur des „Freischütz“ vor einem dankbaren Publikum aus und wurde von dem Opernregisseur Karl Dönch unterstützt, der, ohne die Romantik zu zerstören, das Textbuch von seiner Staubschicht befreite. Die Aufführungen von lag die Stärke in der Technik. Kurt Neumüller, ein junger Klavierkünstler, bestach als Interpret klassisdier Musik durch Weichheit des Anschlages und stilvolle Interpretation.

Unvergleichliches Künstlertum, jugendlicher Elan leuchteten in dem Spiel des französischen Meistergeigers Jacques T h i b a u d. Die Beethoven-Sonate in c-moll und das Mozart-Konzert waren ein Zelebrieren edelster Musik. War Beethovens Sonate von erhabener Monumentalität, so erklangen die Melodien Mozarts in visionärer Schönheit, die an den Grenzen des Irdischen schwebte Weniger befriedigt war der Violinabend von J a r o s 1 a v Suchy. Ohne Zweifel beherrscht der Geiger die Technik, aber mit Verstand und musikalischem Können allein bleibt jede Nachschöpfung kalt, wenn .die ' wärmende Sonne, die beflügelnde Phantasie, das Schwingen der Seele fehlen.

Von den Orchesterkonzerten muß die Bruckner-Feier hervorgehoben werden, die Paul Walter mit dem Mozarteumorchester zu einem festlichen Abend gestaltete. Bruckner, der zu den letzten großen Orgelmeistern zählt, hat fast nichts auf dem Papier hinterlassen; seine großen Inspirationen ließ er allein zu „Gottes Ehre“ verströmen. Eines von den wenigen Orgelwerken, die der Nachwelt erhalten geblieben sind, das C-dur-Prälu-dium, leitete die festliche Stunde ein. Die Ouvertüre in g-moll, gleichfalls ein Frühwerk, ist in der Romantik verankert, noch vom Geist der Klassik getragen, läßt aber schon das Ureigenste des Meisters ahnen. Die Dritte Symphonie in D-moll mit der Widmung an „Herrn Richard Wagner in Bayreuth“ spricht durch ihre Klarheit und Einfachheit zum Herzen des Hörers. Paul Walter hat sich selbstkritisch mit den zahlreichen Problemen der Symphonie auseinandergesetzt und wußte die einzelnen Teile in schöne Einheit zu binden.

Wenn es für den kritischen Betrachter auch erfreulich ist, Einzelleistungen wie leuchtende Sterne am bewölkten Firmament zu entdecken, so bleibt doch das bedrückende Gefühl, daß jenes strahlende Licht nicht entzündet ist, mit dem uns die Kunst die Nacht unseres irdischen Daseins erhellen könnte. Wir sind bescheiden geworden in unseren Lebensansprüchen, aber wir müssen anspruchsvoll bleiben in unseren Anforderungen an die Kunst, denn sie ist unser einziger Reichtum. Drei Jahre nach dem ersten Weltkrieg schrieb Max Pirker in einem heute zu den Dokumenten über das Werden der Salzburger Festspiele zählenden Buch: „Tatsächlich ist für das mißhandelte, verarmte Österreich Salzburg das Tor der Welt, soweit sie guten Willens ist . . . Hier haben sich geistige Kräfte Österreichs in der Stille schon seit längerer Zeit gesammelt. Von hier aus gehen starke Impulse in die europäische geistige Welt. Keine Fremdenstadt, kein versteinertes Museum, das man kalt staunend verläßt, sondern ein Mittelpunkt der Welt, gerade noch glücklich in Österreichs Grenzen gebannt. Uns erscheint dieses Salzburg als eine geheimnisvolle Umwandlung des Salzburgs der Barockzeit, das ebenfalls ein internationales Zentrum, eine Theaterstadt ersten Ranges war.“ Wird die gegenwärtige Generation stark genug sein, die Theaterstadt Salzburg zu neuer Blüte zu führen oder wird sie in Unentschlossenheit, Mißgunst und Parteilichkeit alle diese edlen Bestrebungen ersticken? E. Lorbek

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