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Die Bewährung

Wer wfilhrend der letzten zwanzig, dreißig Jahre am Weg der neuen Musik gestanden hat und sie vorüberziehen sah, die jüngeren oder filteren Komponisten mit ihren Werken, den abseitig-esoterischen und den reißerisch- effektvollen, mag sich oft gefragt haben: Wer von ihnen wird ans Ziel kommen, was wird die Zeit überdauern? Und mit kaum geringerer Aufmerksamkeit und Anteilnahme wird mancher Musikfreund auf das Bcho gehört haben, das dies oder jenes Werk bei der Fachkritik, in der Presse und beim Publikum ausgelöst hat. Auch hier tauchte die Frage auf, was davon vor dem Urteil künftiger Zeiten bestehen oder als Kuriosität und Fehldiagnose belächelt würde. Und oft war unsere Sorge um den Ruf der nachhinkenden Wissenschaft und der durch ästhetische Komplexe fixierten Kritik größer als um das Kunstwerk, das — wenn es etwas taugte — sich 6(hon durchsetzen würde.

Alban Bergs .Woizeck , am 14. Dezember 1925 an der Berliner Staatsoper unter Brich Kleiber uraufgeführt, 6teht mit dem einmütigen Publikumserfolg und der uneingeschränkten Anerkennung durch die maßgeblichen Facht leute seit den Premieren in 29 europäischen Städten in fünf Sprachen und seit den Wiederaufführungen, die nach 1945 stattgefunden haben, nicht mehr zur Diskussion. Diese letzten Darbietungen ln Düsseldorf, Wiesbaden, im Teatro San Carlo Napoli, an der Scala Milano, der Covent Garden Opera, bei den Salzburger Festspielen sowie die konzertanten Aufführungen durch die B. B. C. London, die Radiodiffusion Franęaise und die Philharmonie Society New York haben erwiesen, daß sich das Werk fünfundzwanzig Jahre nach seiner Premiere und dreißig Jahre nach Vollendung der Partitur durchgesetzt hat und aller Voraussicht nach — wenn auch nie als Repertoirereißer, so doch als adeliger Spröß- ldng aus dem Geschlecht des .Tristan und von .Pellėas et Mėlisande — weiterleben wird

Immer haben einzelne die Gabe gehabt, das wertvolle Neue auch in seiner kühnsten Form und merkwürdigsten Verkleidung zu erkennen, zu erspüren. Wir gestehen den Zeitgenossen jener denkwürdigen Berliner Premiere von 1925 zu, daß es ihnen besonders schwer gemacht wurde. Trotzdem haben etwa ein Dutzend Musikkritiker — und es sind bekannte und unbekannte Namen darunter! — die Bedeutung des Werkes und das Geniale seines Schöpfers erkannt und furchtlos verkündet. — Andere waren seiner Wirkung unzugänglich oder sträubten 6ich dagegen, durch Vorurteile verhetzt und verhärtet. Diese offensichtlichen Fehlurteile sind deshalb interessant, weil in ihnen immer wieder jene Schlagworte wiederholt werden, mit denen man auch heute zuweilen noch alles Neue, Kühne und Ungewohnte abzutun geneigt ist.

Ein gewisser Dr. L. S. (.Berliner Tageblatt und .Neue Freie Presse ) behauptet: .Es liegt nun einmal im We6en der Kunst, daß sie nur durch Schönheit der Form in irgendeinem Sinne etwas ausziudrücken vermag. Man kann ihr da6 Schöne nicht nehmen, ohne ihr zugleich den Ausdruck zu rauben .., Alban Berg vermeidet krampfhaft jede natürliche (das heißt gewohnte I) Ausdrucksweise, das Abstruse i6t seine ausschließliche Domäne. Die Atonaldtät ist ihm kein gelegentlich motiviertes Mittel, sondern Selbstzweck… Ob einer falsch singt oder spielt, ist bei einem 60 unsauberen Darstellungsstil (gemeint ist der Sprechton mancher Partien) gleichgültig. Besonders charakteristisch ist die widerwillige Feststellung des Publikumserfolges: .Schüchterne Versuche des Widerspruches kamen dagegen nicht auf ; Schuld an dem Erfolg trugen die .eingeladenen Premierenbesucher und aus Wien herbeigeeilte Freunde.

Das Werk eines Chinesen aus Wien nennt P. Z. in der „Deutschen Zeitung“ den .Wozzeck . .Denn mit europäischer Musik und Musikentwicklung haben diese Massenanfälle und -krämpfe nichts mehr zu tun … Ich halte Berg für einen musikalischen Hochstapler und gemeingefährlichen Tonsetzer.“ Der Kritiker setzt 6eine letzte Hoffnung auf das Publikum, .das 6ich in seiner überwiegenden Mehrheit nicht bereit finden läßt, in diesem Augiasstall Bergscher Kunst Platz zu nehmen.“ Und nach einer Wiederholung des Werkes am 8. Jänner 1926 droht die gleiche Zeitung: .Sollte das Werk nun nochmals angesetzt werden, so dürften weitere Skandalszenen nicht ausblei- ben.. . Die heftigste Ablehnung erfuhr .Wozzeck“ durch zwei Kritiker, deren Namen wegen ihres Symbolwertes festgehalten sei:

ein Herr Kühn bezeidinete Alban Berg al6 .Geräuschfabrikanten und Brunnenvergifter der deutschen Musik“, und ein gewisser Krebs tröstete 6ich damit: .Das kommt und geht wie die Grippe“.

Halten wir dagegen noch einige Stimmen über dde letzten Aufführungen von .Wozzeck . Nach der konzertanten Darbietung durch die Philharmonic-Symphony Society of Neiw York (1951) bezeichnete Olin Downes die Qper als .das Werk eines eigenartigen und einzigartigen Genies und als das hervorragendste Werk der Nach-,Elektra’- Periode, das die Zeit überdauern wird.“ Der bekannte Kritiker Virgil Thomson nannte den .Wozzedc ein .gewaltiges Stück Theater, das noch nie verfehlte, die Zuhörer zu bewegen und das bestimmt dem Repertoire einverleibt werden sollte Die englische Premiere in der Covent Garden wurde, wie „Daily Express“ schreibt, für die Besucher zum „erschütternden Erlebnis … Wahrscheinlich haben wir Londons größtes Opernereignis von 1952 gesehen … Musikbegeisterte werden sich bei dieser Oper nicht .unterhalten’. Aber sie werden 6ie nie vergessen“. Und im „Daily Mirror lesen wir: .Die Musik ist wahrhaft edel und wird im letzten Akt zum erschütternden Bekenntnis eines Genies.

Es hat lange Zeit und einen Umweg gebraucht, bis .Wozzedc wieder an die Wiener Staat6oper gekommen i6t, wo wir ihn zuletzt vor rund zwanzig Jahren sahen. — Wir haben im Rahmen unseres Mu6ikreferats im Laufe der letzten Jahre so oft auf das Werk von Alban Berg hingewiesen und die Neueinstudierung der Oper .Wozzeck betont, daß wir uns jetzt, da es soweit ist, gern den Panegyrikus schenken möchten. WiT wünschen dem Werk möglichst viele Aufführungen und einen guten Besuch. Denn die Darbietung der Staatsoper ist in jeder Hinsicht hörens- und sehenswert. Der aus Düsseldorf kommende Heinrich Hollreiser meistert mit dem Orchester eine Partitur von kaum vorstellbarer Kompliziertheit. Die Sänger, die sich in diesem harmonisch - rhythmischen Labyrinth zu behaupten haben, vollbringen musikalische Leistungen, die mit dem allerhöchsten Lob für jeden einzelnen bedacht werden müßten. Man vergebe un6, wenn wir als Vertreter des Ensembles nur den ergreifenden Darsteller der Titelpartie, Josef Hermann, Christi Goltz als Marie sowie Peter Klein und Karl Donch nennen. — Kostüme und Bühnenbilder zeigen jenen .phantastischen Realismus , den Caspar Nehir liebt und dessen Meister er ist. Manchen Bildern wünscht man etwas mehr Hintergründigkeit! dafür spürt man — trotzdem die Handlung in Hessen spielt — in deh nüchternen die geistige Umwelt von märkischem Sand und Kiefernwald, von Dienstreglement und Bibelfrömmigkeit. Die Regie O. F. Schuhs — au6 dem Geist der Dichtung und der Musik inspiriert — ist im Ganzen und im Detail 60 .richtig“, daß man 6ich kaum eine Szene anders vorstellen kann. — Diese Oper fordert von allen, die hinter, vor und auf der Bühne beschäftigt sind, nicht nur Talent, sondern auch allerschärfste Konzentration und Anspannung. Der Dank an die Künstler und die Ergriffenheit durch das Werk kamen bei der Premiere in ungewöhnlich lebhaftem und anhaltendem Beifall zum Ausdruck.

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