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Tyrann — Hofnarr — Mensch

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Von Rudolf Weishappel, Jahrgang 1921, wurden außer einem Ballett bereits zwei Opern aufgeführt: 1967 „Elga“ nach Gerhart Hauptmann in Linz und 1970 „Die Lederköpfe“ nach Georg Kaiser in Graz. Seither wissen wir, daß Rudolf Weishappel die Hand und den Zugriff des Musikdramatikers, des Opernkomponisten hat und daß er auf literarisches Niveau Wert legt.

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Von Rudolf Weishappel, Jahrgang 1921, wurden außer einem Ballett bereits zwei Opern aufgeführt: 1967 „Elga“ nach Gerhart Hauptmann in Linz und 1970 „Die Lederköpfe“ nach Georg Kaiser in Graz. Seither wissen wir, daß Rudolf Weishappel die Hand und den Zugriff des Musikdramatikers, des Opernkomponisten hat und daß er auf literarisches Niveau Wert legt.

„König Nicolo“, 1901 entstanden und im Jahr darauf in München uraufgeführt, bezeichnete Frank Wedekind später als „ein larmoyantes Schmerzenskind ohne individuelle Qualitäten“. Ein allzu strenges Urteil vielleicht, aber kein ganz abwegiges. Dieses märchenhafte, parabolische Spiel, das ursprünglich „So ist das Leben“ hieß und aus drei Aufzügen und neun Bildern bestand, hat der im Vorjahr verstorbene Grazer Musikologe Dr. Harald Kaufmann für seinen Freund und Landsmann Weishappel als Libretto eingerichtet, auf sechs Bilder zusammengezogen und um drei „Visionen“ erweitert (Rückblendungen in bessere Zeiten), deren Notwendigkeit bei der Premiere in der Volksoper keineswegs erwiesen wurde. Sie retardieren nämlich ebenso wie einige umfangreiche Zwischenspiele mit Chor und Solostimme allzusehr die Handlung, welche ohnedies schon ein halbes Menschenleben umfaßt: Das Schicksal eines Tyrannen, den es übrigens um 1500 in Umbrien gegeben haben soll, der gestürzt wird, sein Königtum aber innerlich nie aufgibt, auch als Schneider und Schauspieler nicht, der sich immer mehr zum „Menschen“ entwickelt, aber an der Zumutung, Hofnarr des Usurpators, eines ehemaligen Schlächtermeisters, zu werden, zerbricht. Seine schöne, rührend treue Tochter Alma, die seinen Weg begleitet, trägt romantische Züge, sie soll später den Sohn des neuen Königs heiraten, wodurch alles irgendwie in bürgerliche Ordnung kommt...

Doch nun zum Wichtigsten, zur Musik. In den letzten 10 bis 15 Jahren wurden überall in der Welt, gelegentlich auch in Wien, sogenannte Antiopern geschrieben und aufgeführt, halbszenische Produkts, oft auch nur halbfertige. Mit diesen Experimenten hat Rudolf Weishappel nichts zu schaffen. Er schreibt richtige, bis ins letzte ausgeführte Partituren für großes Orchester, aparte Chorsätze und gut exekutierbare, wenn zuweilen auch recht schwere Solostimmen. Trotzdem ist noch manches während der letzten Wochen in Zusammenarbeit mit dem Regisseur und dem Dirigenten der Uraufführung geändert worden. Unter anderem wurden alle Dialogpartien auskomponiert, es gibt kein einziges gesprochenes Wort in dieser Oper, und ein neues großes Zwischenspiel für Sopran und Orchester vor dem vorletzten Bild wurde im letzten Moment dazukomponiert.

Die gesamte Musik zu „König Nicolo“ ist in Nummern gegliedert, die meist einfache, durchhörbare Formen aufweisen. Weishappels Palette, deren Grundlage die erweiterte Tonalität ist, erscheint reicher als in den früher aufgeführten Werken. Es gibt von durchsichtigem Lineament gebildete Klangflächen und pompöse Teile, die etwa an die Pinien der Via Appia von Respighi erinnern. Es gibt zahlreiche echt dramatische Szenen, mit Kennerschaft geschriebene Gesangspartien und Arien von großer lyrischer Schönheit. Aber oft ist das Orchester zu geschäftig und sein Klang zu dick, manchmal auch einfach zu laut, so daß die Solisten übertönt werden — ein unüberhörbarer Nachteil besonders bei einem anspruchsvollen literarischen Text. — Der Grundton dieser Musik ist eher düster, elegisch oder pathetisch. Im Klanglichen neigt Weishappel in „König Nicolo“ zu einer gewissen Üppigkeit, etwa in der Art Schrekers, und zur Kennzeichnung der Italianitä befleißigt er sich nicht einer konsequenten romanischen Klarheit der Linien und Farben, sondern zieht ein hinter der Bühne musizierendes aus etwa 20 Spielern bestehendes Mandolinen-orchester heran — was seinerzeit auch Franz Schreker getan haben könnte. — Vielleicht werden die folgenden Aufführungen eine bessere Balance zwischen Stimmen und Orchester herstellen.

Komponist, Dirigent, Regisseur und Bühnenbildner haben sich vor der Aufführung als Team deklariert, das für die Oper, wie sie jetzt gezeigt wird, voll verantwortlich ist. Ernst Märzendorfer, der das große Ensemble mit absolut sicherer Hand geleitet hat, kam hiebei eine wichtige Aufgabe zu. Das gleiche gilt auch von dem aus München stammenden Regisseur Wolfgang Weber, der schon mehrere neue Werke inszeniert hat. Die Bühnenbilder des Breslauers Peter Heyduck waren sehr verschieden, von passabel bis unschön — und fast immer schlecht ausgeleuchtet. Im übrigen war er sein eigener Feind, denn vor der fast überirdischen Schönheit des Hintergrundes (nach Mantegna — oder war's Benozzo Gozzolo?) konnte nichts an Dekoration oder Kostüm bestehen.

Wohleinstudiert, präzise und mit Eifer am Werk waren Orchester und Chor der Wiener Volksoper. — Fast zwei Stunden lang stand Ernst Gutstein als König Nicolo auf der Bühne und blieb den Anforderungen dieser schwierigen Partie nichts schuldig. Anmut und Schönheit zeigte Arleen Auger als Prinzessin Alma sowohl in der Erscheinung wie auch stimmlich. Helge Böhmches war ein glaubwürdiger Usurpator, Wolfgang Witte setzte seinen hellen Tenor als dessen Sohn Filippo Folchi ein. Von den übrigen zahlreichen Rollenträgern seien wenigstens noch Marilyn Zschau und Murray Dickie genannt. Kurt Ruzicka und Herbert Prikopa bewältigten als Theaterdirektoren zwei besonders schwierige buffo-neske Partien in einer echt Wede-kindschen Szene: Auf der „Elendkirchweih“, wo sich Artisten und Schauspieler versammeln, engagieren sie als Theaterdirektoren den ehemaligen König Nicolo als Charakterkomiker und Tanzmeister.

Das Premierenpublikum hat den Komponisten und alle Mitwirkenden am Ende der Aufführung lebhaft gefeiert.

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