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Melles, Bohm, Delacote

Am vergangenen Samstag trat Carl Melles zum erstenmal ans Pult der Wiener Staatsoper, und bei der musikalischen Betreuung von Mozarts „Zauber#ö'te“-Partitur konnte man sich wieder einmal davon überzeugen, was für ein feiner, sensibler und gewissenhafter Musiker Melles ist. Das Werk wird in einer fast schon musealen, liebenswürdigantiquierten Ausstattung von Günther Schneider-Siemssen dargeboten, die vor zehn Jahren fürs Theater an der Wien geschaffen und dann, etwa 1965, adaptiert und ins Große Haus übernommen wurde.

Sie hat Stil und ist sehr harmonisch in ihren gedämpften Farben, denen auch die Kostüme Charlotte Flemings angepaßt sind. Diesem Stil entsprach eine adäquate, das heißt weniger brillante als solide Besetzung sämtlicher Hauptpartien. An erster Stelle kann Edith Mathis als Pamina genannt werden; aber auch Editha Gruberova kam als Königin der Nacht gut über ihre gefährlichen Runden. Sympathisch auch Horst Laubenthal als Tamino und Olivera Miljakovic als Papagena. Die meisten Sänger haben sich in ihren Zauberflöte-Partien wiederholt bewährt: Walter Kreppet — Sarastro, Erich Kunz — Papageno, Heinz Zednik — Monostatos, ferner die drei Damen Gerda Scheyrer, Hilde Rössel-Majdan und (neu) Rohangiz Yachmi. Die Inszenierung stammt noch von Rudolf Hartmann. Man wird dieses Museumstück wohl bald durch eine neue Kreation ersetzen müssen. Hoffentlich kommt etwas Besseres nach ...

Auf dem Programm des Nicolai-Konzerts der Wiener Philharmoniker stand Beethovens „Neunte“. — Das Vollkommene ist schwer zu beschreiben, sondern nur zu preisen. Wollte man ein besonderes Charakteristikum, eine spezielle Qualität dieser Aufführung hervorheben, so wäre es das vollkommene Gleichgewicht von Geistigem und Klanglichem. Dieses resultiert nicht nur aus der „Altersweisheit“ des großen Dirigenten, sondern bezeugt auch seine umfassende Kenntnis, sein wissendes Verhältnis, seine Wesenverwandtschaft mit der Welt der Klassik und Romantik. Nie setzt die Kontrolle durch das empfindliche Ohr aus, nie wird also dem Ausdruck auch nur einen Takt lang die Schönheit des Klanges geopfert. Den Freudenhymnus im letzten Satz (der inzwischen zur Europa-Hymne deklariert wurde) stimmte der Singverein an, der vor kurzem seine 100jährige Zusammenarbeit mit den Wiener Philharmonikern feiern konnte. Das Solistenquartett Helen Donath, Ger-trude Jahn, Rene Kollo und Walter Berry bot mancherlei Überraschungen. (Ein bewährter älterer Sänger hatte gewisse Schwierigkeiten zu überwinden und ein Neuling in dieser Partie bei uns entsprach vollkommen, ebenso die beiden Frauenstimmen.) — Sehr lebhafte Begrüßung Böhms, noch größerer Beifall am Schluß für alle Beteiligten. *

Er hat in Nancy, Paris und Wien studiert, der heute 30jährige Jacques Delacote, dem man das vierte Konzert im Zyklus „Die große Symphonie“ mit den Wiener Symphonikern anvertraut hatte. Er stand auch schon am Pult der New Yorker Philharmoniker und an dem der Wiener Staatsoper, wo er demnächst eine „Carmen“-Aufführung leiten wird.

Zwischen den „Pinien von Rom“, wie sie Ottorino Respighi 1924 geschildert hat, tummelte er sich recht munter, in den beiden mittleren Sätzen produzierte er feine impressionistische Farben, und bei den „Pinien der Via Appia“ entfaltete er ein so gewaltiges Pauken-, Posaunen- und Orgelgedröhn, daß ihm dabei das magische Staberl aus der Hand fiel. — Den Orchesterpart von Alban Bergs 1935, in seinem Todesjahr, komponierten Violinkonzert betreute Delacote ebenso sorgsam wie den Solisten. Die Transparenz ließ kaum zu wünschen übrig, der elegische Ausdruck schien bis zur Lebensmüdigkeit gedämpft und die großen Steigerungen waren zurückgenommen. — Der 47jährige Leonid Kogan, in Dnjepropetrowsk geboren, in Moskau geboren und unterrichtend, Träger zahlreicher internationaler Preise und in der ganzen Welt konzertierend, spielte auf seinem kostbaren Instrument, einer Guar-neri del Gesü, den in jeder Hinsicht anspruchsvollen und schwierigen Solopart mit noblem Ausdruck und spürbarem Verständnis. (Man sagt, daß Bergs Konzert ein Liebilings-werk Kogans ist.) — Um so munterer ging es in Richard Strauss' „Also sprach Zarathustra“ zu. — Eine halbe Stunde lang verstand es der Dirigent, Orchester und Publikum bei bester Laune zu halten. Daß von Nietzsches Abgründen in seiner Interpretation nichts zu spüren war — dafür kann der junge Franzose wirklich nichts. Denn die hatte der Komponist bereits 1896 mit seinem gefällig-bunten Klangteppich zugedeckt. — Das Orchester der Symphoniker zeigte sich in Bestform. Entsprechend war auch der Applaus.

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