#Erinnern

Von Spuren getragen

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Wirtschaft

Plädoyer für das Erinnern

1945 1960 1980 2000 2020

Verstellt die Beschäftigung mit Fragen der Vergangenheit den Blick auf die Zukunft?

1945 1960 1980 2000 2020

Verstellt die Beschäftigung mit Fragen der Vergangenheit den Blick auf die Zukunft?

Etwas mehr Gegenwart, bitte", forderte Michael Naumann kürzlich in der Zeit. Der Autor, Mitherausgeber des Blattes und als früherer Kulturstaatsminister unter Kanzler Schröder auch auf dem Feld der Politik erfahren, monierte, dass "allzu viele Energien in unsere Aufarbeitung der Nationalgeschichte" flössen - zu Lasten der zukunftsrelevanten Fragen etwa der Biotechnologie oder des globalen Terrorismus.

Wie denn? Ein (verhaltenes) Plädoyer für das Vergessen gar, von unverdächtiger Seite? "Vergangenheitsbewältigung" und "Erinnerungskultur" nennt Naumann "seltsame Begriffe", die die Sprache quälten. Er kritisiert die Instrumentalisierung der Geschichte zur Rechten wie zur Linken, unmittelbarer Anlassfall sind ihm freilich zwei "rechte" Themen: zum einen die Diskussion um die Grass-Novelle über den Untergang der "Wilhelm Gustloff" - ein "Rückgriff auf die deutsche Leidensgeschichte der furchtbaren Kriegs- und Nachkriegsjahre" (Naumann), zum anderen die Debatte, ob ein mit Berlin vereinigtes Brandenburg sich "Preußen" nennen dürfe. Pikanterweise wurde keine der beiden Auseinandersetzungen von der rechten Ecke aus angestoßen: Im Falle der "Gustloff" hat ja irritiert, dass ausgerechnet Günter Grass dergleichen zum Gegenstand seiner Literatur macht; der Preußen-Vorschlag kam vom brandenburgischen SPD-Sozialminister Alwin Ziel.

Vor einiger Zeit hatte der Wiener Philosoph Rudolf Burger - er gilt vielen mittlerweile nicht mehr als "unverdächtig" - mit einem "Plädoyer für das Vergessen" für erhebliche Verstörung gesorgt. Burger hatte sich im Unterschied zu Naumann sehr deutlich auf die NS-Zeit bezogen und erinnerte in vielem an Martin Walsers Paulskirchen-Rede, die von der "Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken" gesprochen hatte (1998). Es war nur eine Frage der Zeit, bis in der gegenwärtigen Kontroverse um die BenesÇ-Dekrete jemand auf Burger zurückgreifen würde: "... und Rudolf Burger hat doch Recht", meinte Heinz Kienzl, Ex-Generaldirektor der Nationalbank, im Standard und beklagte, dass nun die Vertreibung der Deutschen aus Osteuropa auf der tagespolitischen Agenda steht.

Etwas mehr Gegenwart, bitte", forderte Michael Naumann kürzlich in der Zeit. Der Autor, Mitherausgeber des Blattes und als früherer Kulturstaatsminister unter Kanzler Schröder auch auf dem Feld der Politik erfahren, monierte, dass "allzu viele Energien in unsere Aufarbeitung der Nationalgeschichte" flössen - zu Lasten der zukunftsrelevanten Fragen etwa der Biotechnologie oder des globalen Terrorismus.

Wie denn? Ein (verhaltenes) Plädoyer für das Vergessen gar, von unverdächtiger Seite? "Vergangenheitsbewältigung" und "Erinnerungskultur" nennt Naumann "seltsame Begriffe", die die Sprache quälten. Er kritisiert die Instrumentalisierung der Geschichte zur Rechten wie zur Linken, unmittelbarer Anlassfall sind ihm freilich zwei "rechte" Themen: zum einen die Diskussion um die Grass-Novelle über den Untergang der "Wilhelm Gustloff" - ein "Rückgriff auf die deutsche Leidensgeschichte der furchtbaren Kriegs- und Nachkriegsjahre" (Naumann), zum anderen die Debatte, ob ein mit Berlin vereinigtes Brandenburg sich "Preußen" nennen dürfe. Pikanterweise wurde keine der beiden Auseinandersetzungen von der rechten Ecke aus angestoßen: Im Falle der "Gustloff" hat ja irritiert, dass ausgerechnet Günter Grass dergleichen zum Gegenstand seiner Literatur macht; der Preußen-Vorschlag kam vom brandenburgischen SPD-Sozialminister Alwin Ziel.

Vor einiger Zeit hatte der Wiener Philosoph Rudolf Burger - er gilt vielen mittlerweile nicht mehr als "unverdächtig" - mit einem "Plädoyer für das Vergessen" für erhebliche Verstörung gesorgt. Burger hatte sich im Unterschied zu Naumann sehr deutlich auf die NS-Zeit bezogen und erinnerte in vielem an Martin Walsers Paulskirchen-Rede, die von der "Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken" gesprochen hatte (1998). Es war nur eine Frage der Zeit, bis in der gegenwärtigen Kontroverse um die BenesÇ-Dekrete jemand auf Burger zurückgreifen würde: "... und Rudolf Burger hat doch Recht", meinte Heinz Kienzl, Ex-Generaldirektor der Nationalbank, im Standard und beklagte, dass nun die Vertreibung der Deutschen aus Osteuropa auf der tagespolitischen Agenda steht.

Geschichte wie Religion sind ambivalent, gewiss. Doch sie lassen den Menschen nicht los.

Indes - so sehr Burgers brillanter Polemik wider moralisierende Geschichtspolitik in vielem zuzustimmen war, so sehr musste man ihm im harten, philosophischen Kern seiner Argumentation widersprechen. Denn es ist nicht so, dass das Vergessen den Blick für die Zukunft frei machte, vielmehr setzt Zukunftsfähigkeit auch Geschichtsfähigkeit voraus. Eben das wäre auch Naumann entgegenzuhalten: Es geht nicht um ein Abwägen von Geschichte und Zukunft: Das Thema BenesÇ-Dekrete lässt sich nicht gegen die Bioethik aufrechnen, der Holocaust nicht gegen die Terrorbekämpfung, der Ständestaat nicht gegen die Globalisierung.

Das solchen Überlegungen zu Grunde liegende Wissen ist gut aufgehoben in der jüdisch-christlichen Tradition, wonach Erinnerung auch mit Erlösung zu tun hat. Eine umfassende Erinnerung, die kein Entweder-Oder, kein Gegeneinander-Ausspielen kennt: ein Erinnern der Leidens- und Opfer- wie der Tätergeschichte - jeweils der eigenen wie der fremden. Dass im Rückgriff auf Geschichte, als Ausfluss historischer Traumata, unsägliche Gräuel verübt wurden, ist ebensowenig ein Argument für das Vergessen, wie die Verbrechen im Namen Gottes für den Atheismus. Geschichte wie Religion sind ambivalent, gewiss. Doch sie lassen den Menschen nicht los. Im Falle Gottes freilich tut sich die säkulare Gesellschaft relativ leicht, inwieweit religiöse Fragen den einzelnen immer wieder einholen, sei dahingestellt.

Es ist schon so, dass die im Fluss der Historie treibenden Leichen nicht selten gerade dann an die Oberfläche kommen, wenn es den politischen Pragmatikern am allerwenigsten ins Konzept passt.

Anders verhält es sich jedenfalls bei der Geschichte. Es ist schon so, dass die im Fluss der Historie treibenden Leichen nicht selten gerade dann an die Oberfläche kommen, wenn es den politischen Pragmatikern am allerwenigsten ins Konzept passt. In diesem Sinne äußerte sich jüngst Berthold Kohler, Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen, in Paul Lendvais Europastudio. Die dem Tagesgeschäft verpflichteten politischen Eliten neigten dazu, so Kohler, über die alten Wunden weiße Salbe zu schmieren. Doch das taugt nicht.

Wir sollten weniger danach fragen, "wer wir waren und wer wir sind" und statt dessen die Antwort darauf suchen, "wer wir in Zukunft sein sollten", postuliert Naumann. Wie aber ließe sich das eine vom anderen trennen? Fragen der Geschichte sind immer auch solche der Identität.

Verständlich: Ein aufgeklärtes Bewusstsein sträubt sich gegen zuviel Geschichte, Kultur, Religion; diese lassen die Herzen heiß werden. Mit intellektueller Überheblichkeit ist den heißen Herzen freilich nicht beizukommen, was nach oben gekommen ist, lässt sich nicht wieder hinunter tauchen. Die Vernunft hat nur dann eine Chance, wenn es ihr gelingt, diese Fragen abzukühlen und in den Köpfen zu verankern.