#Erinnern

Von Spuren getragen

Leitartikel

Denkmäler stürzen? Steine des Anstoßes

1945 1960 1980 2000 2020

Der gewaltsame Tod von George Floyd hat weltweit neben Anti-Rassismus-Protesten auch Denkmalstürze ausgelöst. Über abgründige Monumente und politisches Gedächtnis.

1945 1960 1980 2000 2020

Der gewaltsame Tod von George Floyd hat weltweit neben Anti-Rassismus-Protesten auch Denkmalstürze ausgelöst. Über abgründige Monumente und politisches Gedächtnis.

Seit Jahren gab es in Bristol schon Debatten. Doch nach jenem Video, das aller Welt in acht Minuten und 46 Sekunden den Tod des Afro-Amerikaners George Floyd unter dem Knie eines weißen Polizisten vor Augen führte, schuf man Fakten: Aktivistinnen und Aktivisten der „Black Lives Matter“-Bewegung kippten am 7. Juni die Statue Edward Colstons ins Hafenwasser. Der Mann war Sklavenhändler, tausendfacher Mörder und Philantrop gewesen – kein Widerspruch im England des 17. Jahrhunderts.

Es war nicht der einzige Denkmalsturz in Folge der globalen Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus: In Boston köpften Protestierende die Statue von Christoph Columbus, in Belgien übergoss man Statuen des grausamen Konolonialherrschers Leopold II. mit roter Farbe – und in Wien wurde das (bereits mit einer Zusatztafel versehene) Denkmal des langjährigen Bürgermeisters und Antisemiten Karl Lueger mit pinker Farbe beschmiert. Selbst gegen Churchill richtete sich der Zorn. „Churchill was a racist“, hatten Protestierende auf sein Londoner Standbild gesprüht, schließlich sei er nicht nur ein Bollwerk gegen die Nazis gewesen, sondern auch ein Kolonialist. Um Beschädigungen zu verhindern, wurde in der Hafenstadt Poole schon vorsorglich eine Statue von Robert Baden-Powell verräumt: Der Gründer der Pfadfinderbewegung, dem Rassismus, Homophobie sowie Nazi-Verbindungen vorgeworfen werden, sollte nicht wie Colstons Abbild im Meer verschwinden.

Überfällig oder kriminell?

Die Aktionen sorgten für heftige Kontroversen: Sind sie überfällig, weil es heute nicht nur für people of color unerträglich ist, im Schatten von Männern wie Colston leben zu müssen, die mit Menschenfleisch handelten? Oder sind sie „kriminelle Akte“, wie Großbritanniens Premier Boris Johnson erklärte – und Ausfluss einer tendenziell totalitären Political Correctness, die selbst die Geschichte umschreiben will?